Start National 1. Bundesliga 1. FC Köln – Hertha: VAR schön jewesen

1. FC Köln – Hertha: VAR schön jewesen

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(Foto: JOHN MACDOUGALL/AFP/Getty Images)

Erst konnten sie ihr Glück nicht fassen, nun haben sie gar keins mehr. Herthas kommender Gegner, der 1. FC Köln, feierte im Sommer noch den Einzug in die Europa League, hat seitdem aber kein Bundesligaspiel mehr gewonnen. Der „Effzeh“ hadert mit sich selbst, dem Videobeweis und so langsam auch mit dem Fußballgott. Kann Hertha bei der historisch schlechtesten Offensive der Liga endlich den ersten Auswärtssieg holen? Oder spielen die Berliner mal wieder den Aufbaugegner?

Die Mannschaft steht hinter dem Trainer

Wir erinnern uns: Am 23. Oktober verließ der in Köln gefeierte Manager Jörg Schmadtke zur Verwunderung von ganz Fußballdeutschland den Verein. Der 53-Jährige wollte „den Weg freimachen für einen neuen Impuls.“ Zwei Tage später gewann der 1. FC Köln zum ersten und bislang einzigen Mal in dieser Saison gegen einen Bundesligisten – 3:1 im DFB-Pokal bei Hertha BSC.

(Foto: Matthias Kern/Bongarts/Getty Images)

Nun steht das Duell erneut an und wieder ist es für die Kölner ein immens wichtiges Spiel. Nach dem – im Zustandekommen des Gegentores zwar mal wieder unglücklichen aber am Ende –  vollkommen verdienten 0:1 in Mainz, jagte in Köln eine Krisensitzung die nächste. Die Frage aller Fragen: Kann man nach zwölf Ligaspielen ohne Sieg und einer katatrophalen Leistung gegen Mainz mit dem Erfolgscoach der letzten Jahre, Peter Stöger, weitermachen? Das Resultat: Die Mannschaft steht hinter dem Trainer wie der Dom hinter dem Kölner Hauptbahnhof. Zwischen den Österreicher und die Profis passt kein Blatt Papier. Das 1:0 gegen Arsenal in der Europa League kann als Beweis dafür herhalten. Aber: Solange auf diesem Blatt bis zur Winterpause keine Bundesligapunkte auftauchen, wird auch das nicht helfen. Zumal der FC nach dem Heimspiel gegen Hertha unter anderem noch nach Gelsenkirchen und München muss. Hertha ist für uns noch schlagbar, das ist der Tenor in Köln.

Und die Statistik ist ja auch eindeutig: Die Mannschaft von Pal Dardai hat in der Bundesliga auswärts bislang genauso oft gewonnen, wie der FC insgesamt: Noch gar nicht. Aber so schlecht, wie das klingt, war die Berliner Performance nicht. Sowohl beim 3:3 in Wolfsburg (zumindest in der zweiten Halbzeit), als auch beim 1:1 in Freiburg und in Hoffenheim hatte Hertha Chancen für mehr – es hätte aber eben auch weniger sein können. Das klingt paradox, beschreibt das Problem der Berliner aber ziemlich gut: Konstanz ist nicht vorhanden. Ansehnliche Auftritte oder zumindest Spielphasen wechseln sich mit wirklich haarsträubenden Abschnitten ab wie Mitchell Weisers Outfits bei Instagram. Das 2:4 gegen Mönchengladbach in der vergangenen Woche und das 2:3 in Bilbao vom Donnerstag steht auch dafür exemplarisch.

Warum nicht immer so, Hertha?

Das Erfolgsrezept von Pal Dardai enthält momentan deutlich zu viel Salz. Die defensive Stabilität ist verloren gegangen. Hertha lässt viel zu viele Chancen zu oder schenkt dem Gegner durch Unachtsamkeiten Tormöglichkeiten. In der ersten Halbzeit in Wolfsburg hatte Hertha Glück, dass die (korrekten) Videobeweis-Entscheidungen immer wieder für Unterbrechungen sorgten. Sonst hätte der VfL sicher schon viel früher geführt und wohl noch mehr Tore erzielt – so wie es Gladbach in Berlin getan hat. Mut macht die Reaktion auf diese völlig vermurksten Spielphasen, wahlweise direkt in der anschließenden Halbzeit oder im ersten Spiel danach – wie in der ersten Halbzeit in Bilbao. Doch sie wirft genauso die Frage auf: Warum nicht immer so?

(Foto: Alex Grimm/Bongarts/Getty Images)

Zugegeben: Solche Probleme hätten sie in Köln gerne. Vier Bundesligatore stehen auf dem Konto. In der 54-jährigen Geschichte der Bundesliga war kein Team nach zwölf Spieltagen schlechter. Nicht mal Tasmania Berlin, das ja sonst gerne herangezogen wird, wenn es um Negativrekorde geht. Und jetzt gehen den Kölnern auch noch die Stürmer aus: Simon Zoller verletzte sich bei der Niederlage in Mainz. Andererseits: Auch der steht in der Liga bei 0 – in Worten null – Toren.

Nun, dachte sich Peter Stöger vermutlich, wenn die Null vorne schon so penetrant auftaucht, soll sie nun wenigstens auch hinten stehen. Gegen Mainz versuchte Stöger es mit einer defensiveren Ausrichtung, was dazu führte, dass seiner Mannschaft jegliche offensive Gefahr verloren ging. Das ist solange erstmal kein Problem, wie der Gegner auch nicht trifft. Doch in Mainz fielen zwei für den Spielausgang nicht gänzlich unwichtige Menschen auf eine Schwalbe von Mainz-Giftzwerg Pablo de Blasis rein: Schiedsrichter Felix Brych und der Video-Assistent gaben den Elfmeter, der zum 0:1-Endstand führte. Als Nicht-Kölner kann man es ja sagen: Es entbehrt nicht einer gewissen Ironie, dass das Zentrum des Unheils aus Sicht des „Effzeh“ ausgerechnet in Köln sitzt.

Der FC und der Video-Assistent werden keine Freunde

Tatsächlich hat der VAR den Kölnern bislang dreimal ordentlich in die Suppe gespuckt. Neben dem Spiel in Mainz war es in Stuttgart besonders bitter, als der Schiedsrichter in der 88. Minute erst einen Elfmeter für die Gäste gab, der Video-Schiedsrichter diesen dann durchaus diskussionswürdig wieder zurücknahm und die Stuttgarter quasi im direkten Gegenzug das 2:1 erzielten. Auch im Heimspiel gegen Frankfurt gab es Schiedsrichter- und VAR-Entscheidungen, die die Kölner zurecht zur Verzweiflung brachten. Ansonsten waren die Situationen mit dem VAR zwar oft unglücklich, aber selten wirklich spielentscheidend. Die Frustration ist in Köln aber mittlerweile so groß, dass ein FC-Fan den Video-Assistenten vom Mainz-Spiel bei der Kölner Staatsanwaltschaft wegen Betrugs verklagt hat. Das kann man als Folklore abtun, zeigt aber wie sehr die Nerven in Köln blank liegen.

(Foto: Boris Streubel/Bongarts/Getty Images)

Genau hier könnte Hertha ansetzen und den Finger tief in die Wunde drücken. Selbst defensiv komplett abriegeln und vorne mal wieder so eiskalt sein wie die gefühlte Temperatur im Olympiastadion an einem Europa-League-Abend im November. In einem Auswärtsspiel könnte Hertha sich das erlauben, die Kölner müssen schließlich liefern. 1:0 und ab nach Hause, das Wie ist egal, „VAR schön jewesen“, mehr muss man von Hertha am Sonntag in Köln eigentlich nicht hören.

Es spricht eigentlich vieles für den Berliner Sport-Club. Aber genau das ist die Gefahr. Gemachte Betten sind nicht die, in die sich die alte Dame gerne legt. Im Gegenteil: Oft macht sie sich dann selbst das Leben schwer. Die Gefahr, mal wieder als Aufbaugegner eines am Boden liegenden Bundesliga-Konkurrenten zu dienen, ist real.

Selbstvertrauensspritze in der Europa League

Zumal sich der FC am Donnerstag beim 1:0 gegen Arsenal in der Europa League die größtmögliche Selbstvertrauensspritze gab und nach dem Spiel endlich mal wieder mit den Fans feiern konnte, wohingegen Hertha nach dem 2:3 in Bilbao aus dem Wettbewerb ausschied und mit gesenkten Köpfen vom Platz schlich. Am Sonntag darf es dann gerne umgekehrt sein.

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