Kommentar zu John Brooks: Eine Berliner Tragödie

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Mit dem Wechsel von John Brooks zum VfL Wolfsburg wird Hertha BSC einen neuen Rekordtransfer vollziehen. Trotz des Geldes hinterlässt das Eigengewächs einen geplatzten Traum und enttäuschte Fans. Wie HerthaBase-Redakteur Dominik Kaiser. Ein Kommentar.

Im Juli 2012 wurde ein Traum für mich wahr. Ich begann ein Praktikum bei meinem Klub, Hertha BSC – trotz Relegationschaos, trotz Abstieg. Abteilung Presse – und Öffentlichkeitsarbeit, hautnah am Team, jeden Tag, bei jedem Training, bei jedem Spiel.

Während ich meine ersten journalistischen Schritte im Business Profifußball machte, stieß ein junger Abwehrspieler zur ersten Mannschaft, der vom ersten Tag den gesamten Verein begeisterte: John Anthony Brooks, damals gerade 20 Jahre alt. Ich erlebte John als sehr höflichen und demütigen jungen Mann, der sich absolut auf das Sportliche konzentrierte. Einen Typen, der den Praktikanten genauso respektvoll und als vollwertiges Teammitglied behandelte, wie alle anderen im Verein. Ein echter Sympathieträger.

Sehr oft einen Schritt schneller als der Gegner: John Anthony Brooks im Zweikampf mit Mario Gomez. (Photo by Ronny Hartmann/Bongarts/Getty Images)

Intern waren sich alle sicher: Hertha hat seinen neuen Jerome Boateng. Die Fans, wir Mitarbeiter – alle verziehen ihm auch kleine Fehler, stellten sich vor Brooks, wenn der damalige Coach Jos Luhukay Fehler klar ansprach. Schließlich spielte endlich wieder ein Eigengewächs, ein echter Berliner für Hertha BSC! Als Brooks sogar WM-Spieler wurde und ein Tor erzielte, platzten alle Herthaner vor Stolz – auch ich.

Niemals hätte ich mir vorstellen können, dass er „seinen Verein“ für einen Klub wie den VfL Wolfsburg verlassen würde.

Ein Schlag für alle Fußball-Romantiker

Natürlich bin ich nicht naiv. Es ist legitim, dass der Arbeitgeber gewechselt wird, wenn woanders ein besseres Gehalt winkt. Es ist auch zu erwarten, dass sich der gut bestückte VfL-Kader nicht noch ein Horror-Jahr erlaubt. Aber Brooks geht zu einem Zeitpunkt, der fragwürdiger nicht sein könnte.

„Jeder weiß, dass Hertha mein Verein, Berlin mein Zuhause ist! Ich bin glücklich, in meiner Heimatstadt weiter Teil der tollen Entwicklung von Hertha BSC zu sein. Wir sind der Hauptstadtklub! Was hier entsteht, ist einzigartig“, sagte er nach seiner Verlängerung im Januar 2016.

Habe ich was verpasst? Statt also mit seinem Jugendklub nach fast einem Jahrzehnt wieder europäisch zu spielen, entscheidet er sich lieber für das schnelle Geld und gegen die Fans, die ihm auch in schwierigen Zeiten, und die gab es zuletzt öfter, den Rücken stärkten. Keine internationale Bühne, sondern Neuaufbau in Niedersachsen. Schwierig.

Brooks zertrümmert sein eigenes Denkmal

Geschäftsführer Michael Preetz brachte Brooks als potenziellen Kapitän ins Gespräch. Was für eine Vorstellung: Rekordspieler als Trainer, Eigengewächs als Kapitän. Selbst den missgelauntesten Hertha-Fans lief es bei dem Gedanken lauwarm den Oberschenkel runter. Die bittere Realität heißt aber: Wolfsburg.

(Photo by JOHN MACDOUGALL/AFP/Getty Images)

Ein Wechsel nach England, sein selbsternannter Traum, hätte diesen Berliner Helden-Status nicht angegriffen. Ausnahmslos alle hätten sich mit Brooks gefreut und gesagt: „Kiek ma, unser Johnny mischt jetzt die Insel uff!“ Der Stolz wäre größer als die Enttäuschung gewesen.

Statt von Anfield oder Wembley träumte Brooks wohl wirklich vom Ballungsraum Hannover und einer zweistündigen täglichen Zugfahrt zum Training.

Brooks geht – Die Enttäuschung bleibt

Mit seinem Abgang verlässt einer der letzten Spieler die Aufstiegsmannschaft von 2012/2013, der ich mich bis heute emotional verbunden fühle. John im Hertha-Trikot zu sehen, erinnerte mich an die beruflich schönste Zeit meiner Karriere. An Weihnachtsfeiern in Fan-Clubs, an Blödeleien vor dem Training, an holprige erste Interviews mit Hertha-TV. Nehme ich diesen Transfer persönlich? Definitiv.

Was hinterlässt Brooks in Berlin? Für mich ein Gefühl der Leere. Klar, mit dem Geld, es stehen ca. 20 Millionen Euro im Raum, kann und wird der Kader verstärkt werden. Doch die Freude, einen „von uns“ auf dem Rasen zu sehen, ist weg. Wieder ein Herthaner, der woanders groß aufspielen will. Wirtschaftlich ist dieser Wechsel legitim. Menschlich leider eine komplette Enttäuschung.

4 Comments

  1. Karim Rekik – Einer neuer Bulle in Berlin - Created by Marc Schwitzky - In category: Mannschaft, Spieler - Tagged with: Abwehr, Defensive, Einkauf, Jordan, Karim, Neuzugang, Rekik, Torunarigha, Transfer - Hertha BASE 1892 - Von Fans für Fans

    […] Rekik. Er soll im Verbund mit anderen Spielern die Lücke von dem nach Wolfsburg abgewanderten John Anthony Brooks schließen. Wir stellen seine Stärken wie Schwächen vor und spekulieren, welche Rolle er in der […]

  2. Detlef Kurth

    Dem ist nichts hinzuzufügen! Ein Kommentar der es ohne wenn und aber auf den Punkt bringt! Ein Wechsel zum FC Volkswagen ist höchst fragwürdig. Die schmeißen trotz des Dieselbetrugskandals immer noch mit Geld um sich.

  3. Rainer Biehl

    Wolfsburg immer wieder Wolfsburg, was hat dieser Verein schon für gute Spieler kaputt gemacht. Geld stinkt doch

  4. Oliver Köppen

    100% meine Meinung! Sehr gut geschrieben. Dem ist Nichts mehr hinzuzufügen.

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