Start Allgemein Dardai ist in Herthas Scheinkrise nur ein kleiner Baustein

Dardai ist in Herthas Scheinkrise nur ein kleiner Baustein

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(Foto: Matthias Kern/Bongarts/Getty Images)

Wer die Abenteuer von Jim Knopf aus der Augsburger Puppenkiste kennt, wird auch mit der Geschichte des Scheinriesen vertraut sein. Ein Mann namens Herr Tur Tur, der aus weiter Ferne wie ein angsteinflößender Riese aussieht, jedoch bei näherer Betrachtung immer kleiner und friedlicher wird. Ähnlich verhält es sich mit der aktuellen sportlichen Situation von Hertha BSC, die zunächst äußerst kritisch anmutet, aber bei genauerem Hinsehen sehr gut erklärbar ist. 

Die Definition des deutschen Dudens sagt zum Wort „Krise“: „schwierige Lage, Situation, Zeit, die den Höhe- und Wendepunkt einer gefährlichen Entwicklung darstellt.“ Wendet man diese Bedeutung auf Herthas Lage an, so scheint das Wort recht extrem. Weder ist die Entwicklung „gefährlich“, noch stellt sie einen Höhepunkt dar. Vielmehr scheint sie wie eine erste größere Durststrecke zu sein, die jeder Verein in seiner Entwicklung kennenlernt, davor waren auch Teams wie Borussia Dortmund oder Mönchengladbach in den vergangenen Jahren nicht gefeit.

Im modernen Fußball ist es zur Normalität geworden, erste negative Serien und Stolpersteine in einer Entwicklung sofort als „Krise“ zu bezeichnen, ungeachtet der möglichen Gründe. Besonders in den letzten drei Spielen war zu sehen, dass die Mannschaft in Takt ist. Gegen Sorja Luhansk (2:0) sah man eine sehr runde Leistung, gefolgt von einem Arbeitssieg gegen den HSV (2:1) und dem glücklichen Punkt gegen den VfL Wolfsburg (3:3), der im zweiten Durchgang jedoch von einer kämpfenden und mutigen Mannschaft geholt wurde. Ohne die Partien genau unter die Lupe zu nehmen, lässt sich sagen, dass die Mannschaft weiterhin viele Probleme in ihrem Spiel hat, jedoch die Mentalität stimmt und sicherlich kein Bruch zwischen Spieler und Trainer zu spüren ist, den einige Fans bereits heraufbeschwören.

Eine Krise wäre es, wenn Herthas Spieler bereits völlig verunsichert auf das Feld kämen und zu keiner Sekunde wüssten, was sie zu tun haben. Eine Krise wäre es, wenn Spieler eher abwinken als weiterkämpfen würden. Eine Krise wäre es, wenn Mannschaft und Verantwortliche Ratlosigkeit und Wut ausstrahlen würden, anstatt ruhig weiterzuarbeiten.

All das ist nicht der Fall. Vielmehr zeigt das Team erste Unsicherheiten in einer großartigen Entwicklung der letzten Jahre, die normal sein sollten, jedoch von Fans und Medien in ein sehr negatives Licht gestellt werden. Vieles wird hinterfragt oder harsch kritisiert. Doch dazu ein Fakt: Gegen die gleichen Gegner der bisherigen Hinrunde (siehe Grafik, die wir noch erweitert haben) holte Hertha letzte Saison genau gleich viele Punkte (14 aus elf Spielen), es wurde also nicht schlechter.

Gründe für Herthas Lage

Herthas Scheinkrise wird beim Analysieren ihrer Ursachen zu einem nachvollziehbaren Zusammenspiel von vielen Problemen, die letzte Spielzeit nicht in dieser Form vorherrschten.

Das Verletzungspech

(Foto: Martin Rose/Bongarts/Getty Images)

Eine der Schwierigkeiten begann bereits in der Sommervorbereitung. Mit Davie Selke und Valentino Lazaro verpflichtete Hertha BSC zwei Spieler, die der Mannschaft sofort weiterhelfen sollten, es aber nicht konnten. Sowohl Selke, als auch Lazaro verpassten die gesamte Vorbereitung aufgrund von Verletzungen, wodurch Pal Dardai zwei eingeplante Kräfte fehlten. Selke fehlte Hertha drei Monate, Lazaro konnte rund zwei Monate lang nicht eingreifen. Aufgrund ihrer Verletzungspausen verpassten sie die elementare Saisonvorbereitung, die in Sachen Fitness und Taktik den Grundstein legt und mussten mit Trainingsrückstand in die bereits laufende Spielzeit einsteigen, weshalb sie nur zaghaft an die Mannschaft herangeführt werden konnten. In den letzten Wochen traf das Verletzungspech Vladimir Darida, Sebastian Langkamp und Mathew Leckie, allesamt Grundpfeiler (traf bereits auf Leckie zu) des Teams, die nicht ohne weiteres ersetzt werden konnten.

Formtiefs einiger Leistungsträger

Auch Niklas Stark musste eine längere Zeit aussetzen (nun erneut). Der Defensivspieler plagte sich nach der U21-EM mit einem Rippenbruch herum und meldete sich erst im laufenden Betrieb wieder fit, spielte erstmals am 2. Spieltag gegen Borussia Dortmund. Er und Mitchell Weiser gewannen im Sommer die U21-Europameisterschaft, mussten dafür aber einen Preis zahlen und fielen erstmals in ihrer Berliner Zeit in tiefes Formloch. Weiser wirkt längst nicht wie der spielentscheidende Spieler, der er vergangene Saison war, sein Zweikampfverhalten und Spielwitz lassen deutlich zu wünschen übrig. Auch Stark zeigt sich ungewohnt inkonstant. Als Sebastian Langkamp verletzt ausfiel, sollte dies die große Chance für den 22-Jährigen werden, sich endlich einmal festzuspielen. Stark aber scheiterte daran, Langkamps Rolle auszufüllen, Herthas Innenverteidigung war selten so unsicher wie zu Starks Arbeitszeiten.

(Foto: Matthias Kern/Bongarts/Getty Images)

Öffentlich weitaus öfter werden Salomon Kalou und Vedad Ibisevic an den Pranger gestellt. Die beiden Routiniers sollten die Mannschaft mit ihrer Erfahrung durch die ungewohnten Wochen der Doppelbelastung führen, haben aber viel mehr mit sich selbst zu tun. Ibisevic traf gegen den VfL Wolfsburg das erste Mal seit drei Monaten und lud seinen Frust während der Torflaute oftmals in Aktionen aus, die ihm zahlreiche Sperren einbrachten. Salomon Kalou hingegen zeigte eine noch akzeptable Quote vor dem Kasten, sein restliches Spiel erlahmte aber oftmals völlig, weshalb er nicht selten unsichtbar wurde und seinem Team kaum weiterhalf, offensiv wie defensiv. Es wird von Vorteil sein, dass beide (Ibisevic bereits offiziell) ihre Nationalmannschaftskarriere an den Nagel hängen werden und sie sich dadurch einzig auf Hertha konzentrieren können.

Die Mannschaft ist nicht in der Lage, solche massive Leistungseinbrüche von vier etablierten Stammkräften aufzufangen, besonders nicht, wenn sie sich aufgrund der englischen Wochen nicht einspielen kann.

Fehlende Automatismen

Die Mannschaft hat vor allem nicht die Möglichkeit, auf Verletzungspech und schwächelnde Leistungsträgern zu reagieren, wenn ihr die Automatismen fehlen.

„Unter einem Automatismus wird in Bezug auf den Fußball die Fähigkeit verstanden, bestimmte Lauf- und Passwege der Mitspieler situationsbedingt und intuitiv zu erahnen bzw. vorherzusehen. Im Defensivverhalten führen funktionierende Automatismen dazu, dass die Räume effektiver zugestellt und so ein Ballverlust des Gegners erzwungen wird.“ – Fussballtraining.de

Automatismen – eine der wichtigsten Vokabeln in Pal Dardais Trainerwortschatz. Durch sie hat er es geschafft, den Verein einst vor dem Abstiegs zu bewahren und an dieser Formel schraubte er jedes Jahr. Hertha ist eine Mannschaft, die von festen Abläufen lebt, eben weil Dardais Fußball durch eine sehr kompakte Defensive und gewissen Offensivschemata funktioniert, sowohl mit als auch gegen den Ball.

Durch die neuartige Doppelbelastung kommt das Trainerteam nicht mehr dazu, diese Zahnräder der Mannschaft regelmäßig zu ölen. Ein typisches Szenario der vergangenen Wochen sah wie folgt aus: Hertha spielt am Donnerstag in der Europa League, fliegt am Freitag zurück und kann an dem Tag nur noch auslaufen. Die erste richtige Trainingseinheit ist das Abschlusstraining am Samstag für das Bundesliga-Spiel am Sonntag. Am Montag wird die erste lockere Einheit vollzogen, gefolgt von einem wirklichen Trainingstag am Dienstag, woraufhin am Mittwoch das Abschlusstraining für die Partie im europäischen Wettbewerb ansteht. Effekt bleibt dem Trainerteam also mit dem Dienstag eine einzige Trainingseinheit, in der Abläufe trainiert werden können, da in den Abschlusstrainings spielspezifische Dinge einstudiert werden.

(Foto: Alex Grimm/Bongarts/Getty Images)

Dadurch und durch die Belastungssteuerung bedingte Rotation in der Startelf kann die Mannschaft ihre Automatismen kaum noch trainieren – ein eklatantes Problem.

Seit der Begegnung in Östersund gab es keine einzige, in der Hertha nicht gut angefangen hatte. Sowohl in der Bundesliga (Schalke, Freiburg, HSV, Wolfsburg), im DFB-Pokal (Köln), als auch der Europa League (Östersund, 2x Luhansk) wusste Hertha ganz genau, was in den ersten 20 Minuten zu tun war. Oftmals belohnte sich die Mannschaft in diesen Phasen nicht mit der Führung, weshalb sie aufgrund der fehlenden Automatismen immer weiter verunsichert wurde und grobe Fehler im Spiel produzierte. Es handelt sich hierbei um einen Lernprozess – „Was mache ich, wenn Plan A nicht aufgeht?“ Das gilt für die Spieler und das Trainerteam gleichermaßen.

Rolle des Trainers

Eben das darf nicht vergessen werden. Mit Pal Dardai hat Hertha BSC einen Trainer, der noch nicht viel Erfahrung in seinem Beruf hat. Der Ungar hat solch eine Doppelbelastung noch nie moderieren müssen, sprach oft genug an, dass er auch dazulernen muss. Dinge wie Belastungssteuerung, Rotation oder mangelnde Trainingseinheiten unterhalb der Woche sind Herausforderungen, die erst einmal bewältigt werden müssen.

Zudem wurde in diesem Artikel bereits aufgeführt, dass ein Trainer auch nicht für alles verantwortlich zu machen ist. Ein gutes Beispiel hierfür ist das Verletzungspech und seine Folgen. Es wäre sicherlich auch in Dardais Interesse gewesen, die formschwachen Kalou und Ibisevic durch eben Selke und Lazaro auszutauschen, jedoch konnte er das lange Zeit nicht tun. Aufgrund der Verletzung von Mathew Leckie musste auch ein Mitchell Weiser durchspielen, auch wenn er deutliche Anzeichen einer Überspieltheit gezeigt hatte.

Des Weiteren kann Dardai es auch nicht jeder Fan-Meinung recht machen. Gegen Sorja Luhansk ließ er viele Talente oder auch Spieler wie Stocker auflaufen, was sehr zweigeteilte Reaktionen hervorbrachte. Die eine Hälfte der Berliner Anhänger lobt ihn für seinen Mut, auch „mal die Jugend ranzulassen“, während die andere ihn für das scheinbar Abschenken des Wettbewerbs tadelte.

(Foto: Selim Sudheimer/Bongarts/Getty Images )

Sowie das Herbeireden einer Krise zum modernen Fußballgeschäft gehört, ist es zum natürlichen Reflex geworden, negative Aspekte einer Saison allein am Trainer festzumachen. Und auch hier lassen sich viele Kritikpunkte durch einfache Ursachenforschung lösen.

Pal Dardai wiederholte es auf vielen Pressekonferenzen: „Ich spüre keine Krise!“ Er muss es wissen, er übernahm diese Mannschaft einst in solch einer Situation.

Die letzten Spiele zeigen, dass der 41-Jährige in solchen Phasen aufblüht, er wird zum Auge eines Sturms der medialen Hysterie, in dem völlige Windstille herrscht. Er vertraut seinem Kader, das zeigt der vermehrte Einsatz von jungen Talenten wie Maier oder Lazaro und auch das Bauen auf formschwache Spieler wie Ibisevic oder Kalou. Dadurch spürt der Kader eine Form der Ruhe, die ihm sonst fehlt. Zudem weiß Dardai, wie er seine Mannschaft anzupacken hat. Nicht grundlos wurden die ersten Phasen der vorangegangenen Partien äußert motiviert und mit einem klaren Plan angegangen und nicht grundlos zeigte beispielsweise ein Mitchell Weiser nach einer grausigen ersten Hälfte gegen Wolfsburg, im zweiten Durchgang, was er kann. Auch die Schlussphasen zeigen, dass Dardai seinen Spielern den Glauben an sich selbst vermitteln kann, so kam Hertha gegen Wolfsburg und Freiburg noch einmal zurück, um sich den Punkt zu sichern. Kurzum: Die Mannschaft zeigt immer wieder Moral, was auch ein Verdienst des Trainerteams sein muss.

Ein versöhnliches Fazit

Der Artikel soll nicht in Abrede stellen, dass Hertha bisher keine berauschende Saison spielt. Es gibt einige Kritikpunkte, die absolute Berechtigung haben und die werden wir in unseren Einzelkritiken und anderen Artikeln weiter aufzeigen, dennoch zeigt sich bei genauerem Hinsehen, dass eben viele negative Aspekte der laufenden Spielzeit erklärbar und somit verständlich sind.

Durch Verletzungspech, einige Formtiefs, der Doppelbelastung und einem unerfahrenen Trainer ergibt sich ein Cocktail, der  bitter schmeckt, aber nicht das einzige Getränk der Saison sein sollte.

Das Fazit soll daher lauten: In der aktuellen Situation heißt es Ruhe bewahren und rationale Ursachenforschung betreiben, um viele Dinge nüchterner zu sein. Die vielen unansehnlichen Partien der vergangenen Wochen sind eine unglückliche Phase, aber eben nur eine Phase.

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Marc ist Chefredakteur und 20 Jahre alt. Marc über sich selbst: "Ich kann zwar keine Kurvendiskussionen erklären, aber alle Winkelzüge eines 4-2-3-1-Systems. "Irgendwas mit Medien" habe ich mir zum Lebensinhalt gemacht, vielleicht auch, weil ich alles andere nicht kann, aber eben auch, weil ich den Fußball und vor allen Dingen meine alte Dame liebe. Diese Leidenschaft kann ich in meinem Herzensprojekt Hertha BASE 1892 vollends ausleben. Eigentlich ist diese Seite aber nur das Sprungbrett zur Moderation des Sport1-Doppelpass, aber das bleibt unter uns!"

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