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Ein Kommentar zu Herthas #takeaknee und den Medien

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Herthas Aktion #takeaknee vor dem Heimspiel gegen Schalke 04 hat nicht nur deutschlandweit hitzige Diskussion entfacht, sondern auch international für Aufregung gesorgt. In diesem Kommentar will Marcel seine persönliche Meinung zum Ausdruck bringen und für mehr Glauben an Solidarität sorgen.

Wenn der Vorwurf von Faulheit und Dummheit zur Eigenironie wird  

Bewusst habe ich noch einen weiteren Tag gewartet, bis der Sensationsjournalismus und die Wutmedien ihre Tastaturen zu Ende verprügelt haben. Mit Entsetzen habe ich den vorgestern veröffentlichten Kommentar von Julian Reichelt, Chefredakteur der BILD, gelesen. „All dies wissen die Hertha-Millionäre, die nie in ihrem Leben wirklich für etwas kämpfen mussten, vermutlich nicht. Eitel und selbstgerecht freuen sie sich über ein bisschen billigen Applaus. Die freie, vereinte Stadt, in der sie ihrem traumhaften Beruf nachgehen dürfen, gäbe es nicht ohne die Fahne, die sie mit ihrem lächerlichen Kniefall verhöhnen.“, so Reichelt im letzten Absatz seines Kommentares.

Woher nehmen Sie sich das Recht, Spieler zu verurteilen, die Sie nicht persönlich kennen und von deren Vita Sie mit großer Sicherheit nicht mehr wissen, als dass sie heute Profifußballer von Beruf sind? Menschen als faule Millionäre, die in ihrem Leben noch nie um etwas gekämpft haben zu verurteilen, die Sie einmal die Woche etwa fünf Minuten in der Sportschau sehen, ist in unseren Augen nicht viel besser als Fremdenfeindlichkeit und mit Sicherheit fern von Gleichberechtigung. Vermutlich hätten Sie diese Worte auch gewählt, hätte beispielsweise ein Vedad Ibisevic daran teilgenommen, ein Mensch, der im Kindesalter einen Bürgerkrieg erlebte und mit seiner Familie flüchten musste.

Ein Fußballverein ist mehr als nur Fußball

„Fußballvereine sind Fußballvereine und keine Parteien oder politischen Organisationen, weil sie Fußball besser können als Politik“. Nein! Sie können vielleicht besser Fußball spielen als Politik machen, aber sie können als Sprachrohr und Vorbildfunktion der Politik in unserem Land positiv helfen. Der Fußball genießt heutzutage solch eine enorme Aufmerksamkeit, dass sich Vereine und Spieler, welche in der Öffentlichkeit stehen, klar gegen Rassismus und Fremdenfeindlichkeit in jeder Art und auf der ganzen Welt positionieren müssen.

Jede EM und WM zeigt, wie der Sport ein ganze Nation polarisieren kann und welchen Einfluss es auf die Öffentlichkeit und die Politik in unserem Land hat. Da Bundesligavereine den deutschen Fußball vertreten, stehen sie sogar in der Pflicht, essentielle Werte für ein gutes Miteinander in Deutschland zu verdeutlichen und zu fördern.

Die Rolle von Hertha BSC

Zugegeben, Hertha BSC spielt als Verein sportlich mit Sicherheit keine große Rolle im deutschen oder europäischen Fußballgeschäft und besitzt darüber hinaus in Deutschland auch nicht den besten Ruf. Dennoch, ein Fußballverein repräsentiert seine Stadt, Hertha ist Berlin und Berlin ist eine der vielfältigsten und multi-kulturellsten Städte der Welt. Schaut man auf andere Vereine wie z.B. den 1.FC Köln, so sieht man wie gut und sympathisch ein Verein seine Stadt repräsentieren kann.

Hertha BSC ist nun eben der Hauptstadtverein, unabhängig von seinen sportlichen Leistungen und seinem generellen Ansehen in Deutschland. Gerade nach den Bundestagswahlen in Berlin hat Hertha BSC als Verein das Recht ein Zeichen gegen Rassismus und Gleichberechtigung und für mehr Kontinent- und länderübergreifende Solidarität zu setzen. Denn schon da, vor 3 Wochen, hat sich Hertha mit einer Videokampagne für Demokratie, Freiheit und Respekt klar positioniert.

Auch wenn sich der Verein Hertha BSC sportlich wie auch in der Öffentlichkeitsarbeit gelegentlich etwas ungeschickt anstellt, so sollte das keinerlei Einfluss auf das Symbol, welches Hertha mit dieser Aktion sendet, haben. Ja, der Verein ist schusselig und stellt sich oftmals ungeschickt an, aber genau dann ist Hertha doch schon wieder typisch Berlin. „Du bist reines Chaos, du bist pures Glück, du kannst uns richtig schlechte Laune machen, aber du hast ein gutes Herz“, so der Verein mit einer Video-Message an Berlin zum Tag der deutschen Einheit. Die Frage, ob es bei einem „Kult-Verein“ wie Köln oder St.Pauli auch solch einen Hass gegeben hätte, lasse ich jetzt einfach mal im Raum stehen.

Thema verfehlt

Wer glaubt, dass Hertha sich mit dieser Aktion in Amerikanische Politik einmischen will, oder das einzige Ziel die Selbstvermarktung war, der hat das Thema einfach komplett verfehlt und noch immer nicht verstanden. Mit dieser Aktion geht es darum, den aktuellen Rechtsruck in unterschiedlichsten Ländern von England, über Österreich, nach Frankreich, Deutschland und Amerika gemeinsam zu bekämpfen.

Der Gedanke von Hertha auf die Knie zu gehen, ist schlichtweg ein Symbol um gemeinsam gegen Rassismus vorzugehen und Solidarität zu zeigen, in Zeiten, in denen sich politisch immer mehr voneinander entfernen und abschotten. Viel eher sollte man die Möglichkeit nutzen und es als Anreiz zum Nachdenken nehmen und es nicht mit blindem Hass nur zu zerstören.

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Marcel ist 22 Jahre alt und Chefredakteur. Marcel über sich selbst: "Auch wenn ich mir mit Marcelinho vielleicht nur den Namen und die ständige Verspätung zu Mannschaftsbesprechungen teile und weniger die Genialität und Frisuren - ein Tor von der Mittellinie habe ich auch mal erzielt. In der F-Jugend. Als treuer Exil-Herthaner im Süden Deutschlands sollte ich mir die Antwort auf "Wie zum Teufel kann man nur Hertha Fan sein?!" eigentlich auf die Stirn tätowieren. Problem: So richtig wusste ich das lange selber auch nicht. Zum Glück hat es die Selbstironie dann meistens von alleine gelöst: Hertha ist für mich einfach ein bisschen wie ich zu Schülerzeiten: Irgendwie schusselig, jeder sagt mir ich habe mehr Potential als eine 5+, wenn es nicht läuft mach ich auch mal den Tafelschwamm für verantwortlich, aber wenn es dann mal läuft, plane ich schon meine Rede für die Entgegennahme des Friedensnobelpreises. Irgendwie Hertha."

4 KOMMENTARE

  1. Lieber Marcel,

    Der BILD-Zeitungskommentare von Herrn Reichelt ist ein Witz: er erzählt ihn, vergisst die Pointe, ihm fällt keine neue ein, er nutzt die Unzufriedenheit derjenigen Berliners, die in ihrem Ärger einfach zu ködern sind und hoffen andere gleich Unzufriedene zu finden.
    Wovon spreche ich? Hertha hat ein Spiel verloren, kaum Chancen entwickelt – ein tête-á-tête von Salomon Kalou, ein Fast-kopfball von Rekik-kikikikeriki – eigentlich kräht einem solchen Spiel kein Hahn mehr nach außer der Empörungswillige, der vielleicht Eintritt gezahlt hat, Fernsehgebühren berappt hat, sich persönlich gekränkt fühlt darüber, dass Fußballer so viel Geld scheinbar nur von ihnen persönlich bekommen, und trotzdem ’nur‘ blutleere Spiele, glattgestriegelte Interviews und banale Modetrends zurückgeben.
    Ich gebe zu, ich habe gesündigt: Muss ich zugeben, dass ich nur ein paar öfters zitierte Ausschnitte aus dem Reichelt-Verriss gelesen habe? Ich hasse die BILD-Zeitung wegen Ihrer Arroganz, verachte ihre Geschichtsknitterung, möchte meine Eingeweide nach außen wenden, wenn ich höre, dass ausgerechnet diese nachgewiesenen Lügner vom Axel Springer-Verlag Hertha „geschichtsvergessen“ nennen. Lest bitte Bukowski, wenn ihr wissen wollt, wie sich jemand selbst überschätzt, lest Böll, wenn ihr die Angst der Nachkriegsdeutschen vor Unhöflichkeiten lesen wollt, lest, leidet, schwitzt, blutet dabei – aber nicht mit solchen Leuten, die einfach anderen nach dem Munde schreiben. Sie machen das nur, weil sie Euch zustimmen, ablehnen, letztlich ausplündern wollen.
    In welchem Stadion kann Rassismus besser erinnert werden als im Olympiastadion? Die Olympischen Spiele 1936 schlossen sehr viele Athleten aus – auch gebürtige Deutsche, auch gebürtige Deutsche, deren Eltern und Großeltern und Urgroßeltern, deren Vorfahren im Bereich des späteren Deutschlands geboren waren. Selbst erfolgreiche Professionelle Sportler schloss man aus, z.B. wegen ihres angeblich unsteten Lebenswandels. Rassismus ist roh und dumm, diese Gesten der Versöhnung (take a knee oder Schweigeminuten) sind im Grund auch roh, weil sie unter unseren Interpretationen und Meinungen in die eine oder andere Richtung biegen, dahinschmelzen, aber zumindest sind sie friedlich. Dafür danke ich Hertha und den Erfindern des Hinkniens.
    Hinzu kommt, dass sich take-a-knee eine gegen den inneramerikanischen, polizeiichen Rassismus wendet. Auch in Deutschland gibt es racial profiling mancher Polizeiwachen oder selbst ernannter Empörter, die alles „Ausländische“ vorgeben zu hassen. Kapernick & Reid wiesen und weisen nur auf das Offensichtliche hin, nämlich: „Es gibt Rassismus unter uns – noch immer.“ Natürlich hätte sich auch ihr Protest mit der Zeit abgenutzt, wenn er nicht zur Mehrheitsmeinung geworden wäre. Was ist also geschichtsvergessen daran, dass man einer ohnehin dem aktuellen Zeitgeschehen gewidmete Geste nachmacht, damit sie auch in Deutschland von der stillen, trägen Mehrheit verinnerlicht werde?

    Was mich auf dem Spielfeld aufregte: Natürlich – Genki ist ein Held. kein Held im ironischen Sinne. Vorher hatte ich auf der Berliner Zeitung online ein Interview gelesen, das mehr an mir nagte. Rune Jarstein aus der Sicht von Zsolt Petry, der Tormann und die Angst vor dem angestrengten Nichts. Rune Jarstein ist in meinem Herzen zu einem Herrn Turtur gewachsen, je näher ich mich einlas. Auch ein Bild von Rune und seiner Großmutter, neulich von Hertha selbst gepostet, tat das Seinige dazu, mich anzurühren wie ein Pfund Kristallzucker in glühender Lava.
    Jetzt sah ich im Fernsehen Genki in den meine Hoffnungen liegen, weil er sich immer scheinbar wortleer einbringt, die Versuche Schalke auf nem Bierdeckel zu vernaschen, ein paar Doppelpässe mit Weiser, der auf links gewechselt war, zu spielen, damit ich mich an Änis Ben-Hatira nach seinen wichtigsten Toren erinnert fühle. Genki ist nicht geschichtsvergessen, wenn er Kontakt mit mir über den Fußball sucht. Ballverliebt ist nicht richtig zu sagen, schlecht motiviert wäre auch unfein. Was Pál Dárdai seit Monaten sagt, dass Genki „übermotiviert“ sei und es schwer sei, ihn in seinem guten Willen zu bremsen. Das kann man eigentlich nur mit so besonderen Spielen, in denen es noch um etwas zu gehen scheint, lösen, oder? Wenn nämlich alle Hertha-Spieler immer (!) so stark motiviert wären wie er, dann fiele Genki nicht weiter auf – sein Versuch aus verzweifelter Müdigkeit einen Doppelpass mit Mitchell Weiser das Gala-Balett des Hin-und-Her-und-Her-und-Hin-Passens zu eröffnen. Dass er dann vom Trainer lauter angeschrien wird als das gesamte Stadion zu dem Zeitpunkt war, noch nicht tragisch, aber nur wenige Sekunden später noch keine paar Meter von dort weggelaufen dem Burgstaller so eine Hechtangriffgrätschenspritze in den Knöchel zu setzen: Das ist tragisch. Zumal das überhaupt nicht schmerzhaft aussah, mehr zwangsläufig: Japaner bekommt Ball, spielt den Ball verspätet ab, gibt Ball her, überlegt sich, Moment: „Mein Ball“, springt hereingeflogen, trifft Österreicher, der sich windet wie ein Aal. Schiri Brandt lässt dann nichts anbrennen, schickt den Japaner, den mustergültigen, der noch nie vom Platz gestellt war, in die Nichtigkeit des draußen ‚Rumsitzens, wo ihn gierige Kommentatoren mit ihren medienprofi-abgewichsten Kommentaren martern, wo ihn die Kameraleute ins jugendliche Gesicht starren statt dem Spiel mit dem Ball selbst etwas mehr abzugewinnen.
    Genki, Du bist mein Held, ein tragischer zwar, weil Du sicher mit Änis Dribbelkünsten mithalten kannst, aber gegen die Bayern hast Du gezeigt, dass ein Assist ebensoviel wert ist wie ein Tor und daher hoffe ich, dass Du noch lange bei Hertha erfolgreich spielst und mit den Deinen gesund und froh lebst! Du und Rune, ach und Darida und all das Völkchen in der Mannschaft: Ihr habt es mir angetan, mehr noch als Pantelic, Marcelinho, Ronaldo, Messi, Miura, Nakata oder Kagawa, et cetera blabla: einfach-kompliziert Genki. Ich mag solche Leute, die dem Spiel neue Dimensionen abgewinnen, auch wenn es tragische sein mögen: Morgen bist Du wieder einer * der wahren Helden! #感謝.感謝感謝, 幸運幸運, 原口元気‏!

    Danke, liebes herthabase-team, für Eure Geduld mit mir und mit der Hertha.

    • Hallo Markus,

      zwei Dinge zuvor: Erstmal sorry für die extrem späte Antwort und zweitens Glückwunsch für den definitiv längsten Kommentar der Gesichte unserer Homepage!

      Vielen Dank für deinen Kommentar und deine Meinung, es freut uns wirklich außerordentlich wenn sich jemand so mit einem Artikel und einem Thema von uns auseinandersetzt, dann wissen wir die Arbeit hat sich gelohnt und der Zweck hat sich erfüllt.

      Wir hoffen in Zukunft noch viel mehr von dir zu lesen.

      Blau-weiße Grüße,
      Marcel

  2. Vielen Dank für diesen Kommentar, Marcel. Du sprichst mir aus der Seele!
    Gerade die Frage, was wäre passiert, wenn ein anderer Verein diese Aktion gemacht hätte, treibt mich um.
    Zudem denke ich, dass das Symbol des hinkniens viel zu schnell als politisches Symbol abgestempelt wurde. Für mich ist es ein gesellschaftliches Symbol, denn Rassismus kommt eben in der Gesellschaft häufiger vor, als in der Politik. Und gerade Vereine sind, zumindest in Deutschland, der gesellschaftliche Kit. In Vereinen treffen sich Leute um ein gemeinsames Hobby oder Interessen zu verfolgen – und das unabhängig von Herkunft, Hautfarbe oder Religion. Und wenn da ein Verein nicht auf das Thema Rassismus aufmerksam machen darf ohne dafür von den Medien eins auf den Deckel zu bekommen, ist es einfach nur ein trauriges Zeichen dafür, wie unsere Gesellschaft mit Rassismus umgeht.

    • Hallo Jan, freue mich sehr über den ausführlichen Kommentar. Die Frage wie das gesamte Thema bei einem anderen Verein behandelt werden würde wäre wirklich sehr interessant, Ich habe da bei vielen Vereinen zwar eine klare Tendenz hinsichtlich mehr Akzeptanz der Öffentlichkeit. Vielleicht erleben wir ja eine ähnliche Situation und können es vergleichen in der Zukunft. Alles in allem muss ich aber doch sagen, dass wenn man sich die Rückmeldung auf Julian Reichelts Kommentar auf Twitter z.B anschaut und ich auch die Kommentare auf meinen Artikel sehe dann bin ich doch auch sehr zufrieden wie es aufgenommen wurde.

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