Start Allgemein Ein misslungener Start in entscheidende Wochen

Ein misslungener Start in entscheidende Wochen

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Die 0:2-Niederlage gegen Schalke 04 läutet für Hertha BSC die kommenden drei englischen Wochen denkbar ungünstig ein und setzt die Mannschaft bereits früh unter Druck. Es muss nun eingeordnet werden, ob bei dem Spiel eklatante Schwächen erkennbar wurden, die es schleunigst auszumerzen gilt, oder ob es sich hierbei um einen einmaligen Ausrutscher handelt. 

Hertha verliert gegen sich selbst

Ein Platzverweis, ein verschuldeter Elfmeter und ein Patzer zum 0:2 – Hertha brauchte am Samstagnachmittag keinen Gegner, um geschlagen zu werden.

(Photo by Matthias Kern/Bongarts/Getty Images)

Der rabenschwarze Tag begann, wie viele Hertha-Spiele es tun. In den ersten 45 Minuten konzentrierte sich Pal Dardais Mannschaft vor allem darauf, die eigene Ordnung einzu- und den Gegner vom Tor wegzuhalten. Der Plan ging soweit auf, Schalke konnte sich kaum brauchbare Szenen herausspielen, Dardai wusste schließlich auch um das mangelhafte Gelsenkirchener Ballbesitzspiel. Einzig die eigene Offensive hakte, da keinerlei Tempo und Spielfluss entwickelt wurde. Zahlreiche Fehlpässe und eine gute Schalker Raumaufteilung/Staffelung machten es Hertha schwer, gezielten Spielaufbau aus der eigenen Hälfte zu betreiben. Wurde es einmal schnell und vertikal im Berliner Angriffsspiel, so zogen die Schalker immer wieder Fouls, um diese Vorstöße im Keim zu ersticken. So stand zum Halbzeitpfiff eine müde null bei den Berliner Torschüssen, aber auch die „Königsblauen“ konnten Keeper Jarstein nicht sonderlich prüfen. Die Begegnung stellt mit gerade einmal zwei Torschüssen in der ersten Hälfte einen neuen Negativrekord in der laufenden Saison dar, Hertha ist das erste Team, das zur Pause keinen einzigen Torschuss verzeichnen konnte.

Insgesamt wirkte es so, als wäre Hertha BSC die Auswärtsmannschaft, die dem Gegner den Ball aufzwingen wollte und auf eigene Kontermomente lauerte. Mit einem etwas biederen 0:0 zur Pause hätte wohl dennoch jeder Fan leben können, schließlich dreht die „alte Dame“ gewohnt nach dem Pausentee auf, sieben der bisher zehn Herthaner Pflichtspieltore fielen im zweiten Spieldurchgang. Bei dem neutralen Spielstand sollte es auch bleiben, jedoch mit einem mehr als faden Beigeschmack. In der 44. Minute sprang Genki Haraguchi mit gestrecktem Bein in Guido Burgstaller und sah die verdiente rote Karte, somit beendete Hertha die erste Halbzeit nur zu zehnt und konnte seinen Spielplan in den Mülleimer werfen. „Wir sind ohnehin nicht gut in die Partie gekommen und sowas macht es nicht leichter“, urteilte Niklas Stark nach der Begegnung. Auch Dardai zeigte sich nach dem Spiel deutlich genervt von Haraguchis Aktion: „So kennen wir Genki, ich habe es im schon hundertmal gesagt. Er ist ein übermotivierter Spieler, den man nur schwer bremsen kann“, sagte er sky.

(Photo by Matthias Kern/Bongarts/Getty Images)

Trainer Pal Dardai reagierte auf diesen Umstand und wechselte in der Pause zweimal: für den in der Luft schwebenden Salomon Kalou durfte Davie Selke sein Herthaner Debüt feiern, zudem tauschte er Ondrej Duda mit Mathew Leckie aus. Diese Umstellung auf ein 4-2-2-1 war keine schlechte Idee des Ungarn, da Hertha somit zwar keinen zentralen Spielmacher mehr hatte, aber viel Schnelligkeit über die Flügel entwickeln kann und mit dem bulligen Selke eine gute Anspielstation hat, die die hohen Bälle festmachen kann. Dardais Konzept ging jedoch nicht auf, mit einem Mann weniger liefen die Berliner noch mehr hinterher, als im ersten Durchgang und konnten kein eigenes Spiel entwickeln. Dazu kam die zweite unglückliche Szene des Tages, Vladimir Darida foulte Schalkes Amine Harit äußerst stümperhaft im eigenen Strafraum, sodass es einen klaren Elfmeter für die Gäste gab, den Leon Goretzka zur verdienten Führung verwandelte. Dadurch war auch der zweite Matchplan des Trainerteams zunichte gemacht worden. In der 78. Minute setzte Schalkes Torjäger Guido Burgstaller den 2:0-Schlusspunkt, der Österreicher wurde vom patzenden Karim Rekik herzlichst zum Treffer eingeladen. Es war die dritte Szene, die der Partie eine entscheidende Richtung gab und sie wurde erneut von einem Herthaner verursacht.

Somit verlor Hertha das erste Mal seit vier Jahren wieder zu Hause gegen Schalke 04, eigentlich verlor das Team aber gegen sich selbst. „Es gab ein paar entscheidende Momente, die das Spiel zu unseren Ungunsten gekippt haben. Die Rote Karte war sicher ein Knackpunkt, der Elfmeter natürlich der nächste. Es war einfach kein gutes Spiel von uns“, analysierte Per Skjelbred das Spiel. Pal Dardai zeigte sich deutlich enttäuscht: „Wir hatten keinen richtigen Ballbesitz, keine Konterchancen – uns fehlte die Dynamik und Frische. Das hat richtig schlecht ausgesehen, der Gegner hat uns aufgefressen.“

Negativtrend zeichnet sich ab

Das Spiel gegen Schalke wurde als Gradmesser für die kommenden Wochen bezeichnet, Pal Dardai nannte es sogar „Schlüsselspiel“. „Ich will nach dem Spiel auf der Terrasse sitzen und es genießen, dass wir das Publikum glücklich gemacht haben“, sagte der Ungar auf der Pressekonferenz vor der Partie. Daraus wurde leider nichts, stattdessen verlor Hertha sein drittes Spiel aus den letzten vier. Gegen Mainz 05 und Östersunds FK verlor Hertha überraschend, gegen den FC Bayern gab es jedoch die Sensation zum 2:2, aber ein Punkt gegen den Rekordmeister ist am Ende der Saison auch nur ein Punkt.

(Photo by Matthias Kern/Bongarts/Getty Images)

Nach dem guten Saisonstart ist eine leichte Tristesse bei der Mannschaft und den Fans eingekehrt. Während die ersten Partien noch eine gesunde Basis für die englischen Wochen vor der Länderspielpause bildeten und der offensive Spielstil der Mannschaft gelobt wurde, wurde in den vergangenen Begegnungen kaum noch Punkte geholt und nur gegen Bayern München spielerisch überzeugt. Einen Punkt holte Herthas aus den letzten drei Bundesligapartien, wodurch der Verein mit neun Zählern nach acht Spielen brenzlich nahe an die Abstiegsränge herangerückt ist, der Tabellensechszehnte ist mit sieben Punkten nicht mehr weit weg.

Gerade deshalb wäre ein Sieg gegen Schalke so wichtig gewesen. Er hätte zum einen für eine weiterhin breite Brust bei Heimspielen gesorgt (nun sind es zwei Siege, zwei Unentschieden und eine Niederlage zu Hause) und zum anderen Hertha von der gefährlichen Tabellenzone ferngehalten. Mit dieser Niederlage aber geht die Mannschaft mit keiner kleinen Hypothek in die bevorstehenden Partien, in denen dringlichst das Punktekonto gefüllt werden muss. Durch die Europa-League-Spiele gegen Luhansk und die DFB-Pokal-Runde gegen den 1.FC Köln stehen nun erneut drei englische Wochen an und während man der Mannschaft in der ersten Saisonphase Punktverluste aufgrund der neuartigen Situation noch verzeihen konnte, starteten nun die „Wochen der Wahrheit“.

Mit dem SC Freiburg, HSV und VfL Wolfsburg stehen drei schlagbare Gegner und direkte Konkurrenten auf dem Papier, bei denen keinerlei Entschuldigungen und Einschränkungen mehr Gehör finden können. Bis hierhin spielte Hertha eine absolut solide Saison, als Fan konnte man sich glücklich schätzen, dass es dem Verein nicht wie dem 1. FC Köln ergeht. Es ist nun der Zeitpunkt gekommen, dafür sorgen, dass bei dieser sorgenfreien Situation bleibt und die Mannschaft nicht in die bedrohliche Abstiegszone abrutscht. Meist ist der Abstiegskampf für die Teams besonders schwer, der lange gar nicht wussten, dass sie mitten drin sind.

An die eigenen Stärken glauben

Der letzte Absatz sollte auf keinen Fall Panik verbreiten, sondern vielmehr Aufmerksamkeit schaffen. Aufmerksamkeit dafür, dass Hertha noch alle Mittel hat, um das Ruder wieder Richtung „Insel Sorgenfrei“ herumzureißen.

Wir bleiben bei unserer These, dass Hertha nach der Länderspielpause absolut im Soll war. Der Fußball und die Punkteausbeute der ersten Wochen war zufriedenstellend, Dardai schaffte es, durch seine Rotation für einen gesunden Konkurrenzkampf und genügend Kraft für die Doppelbelastung zu sorgen. Es war zu erwarten, dass das Team die neue Herausforderung nicht problemlos annehmen wird, sodass es zu unglücklichen Ergebnissen (Mainz & Östersund) kommen kann.

(Photo by ODD ANDERSEN/AFP/Getty Images)

Hertha hat es selbst in der Hand, aus den ersten Wochen der Doppelbelastung zu lernen. Hertha hat es selbst in der Hand, aus dem kleinen Loch wieder herauszukommen und die kommenden sechs Spiele in knapp 20 Tagen positiv zu gestalten.

„Es gibt solche Spiele, und erst wenn sie sich häufen, bin ich bereit, daraus eine Tendenz abzuleiten. Ich bin jedes Wochenende mit unserer Oberliga-Mannschaft in Niedersachsen unterwegs. Es git Tage, da spielen wir die Teams an Position 1-4 der Tabelle an die Wand und gewinnen. Neulich erst ein 0:2 beim Tabellenführer noch auf 2:2 aufgeholt. Eine Woche später bei einem Aufsteiger, und nicht ein Schuss geht aufs Tor und es gibt ein 0:1. Um es präzise zu sagen: Da haben meine Jungs in der Oberliga gespielt wie heute meine Jungs in der Bundesliga. Passiert, kann kein Trainer erklären. Deshalb sind jetzt die Trainer nicht schuld, die Transfers nicht falsch, die Aufstellung nicht konfus. Es war halt so ein Tag. Normalerweise ein niveauarmes Unentschieden“ Andreas Kurth auf unserer Facebook-Seite.

Die Bewertungen der bisherigen Saison sind äußert wankelmütig. Die Fans, die die Mannschaft gegen Bayern noch in den Himmel lobten, rammten das Team für die Leistung am vergangen Samstag unangespitzt in den Boden.

Die Partie gegen Schalke war ein denkbar ungünstiger Start in entscheidende Wochen, das heißt aber noch lange nicht, dass das Ziel damit nicht mehr erreichbar wäre. Gewinnt Hertha die Mehrzahl seiner nächsten Spiele, ist der Himmel wieder blau-weiß und dann war Schalke „halt so ein Tag“. Daher sollte man davon absehen, ein endgültiges Fazit für die Hinrunde zu ziehen, es gibt noch genug Möglichkeiten sie positiv zu gestalten.

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Marc ist Chefredakteur und 20 Jahre alt. Marc über sich selbst: "Ich kann zwar keine Kurvendiskussionen erklären, aber alle Winkelzüge eines 4-2-3-1-Systems. "Irgendwas mit Medien" habe ich mir zum Lebensinhalt gemacht, vielleicht auch, weil ich alles andere nicht kann, aber eben auch, weil ich den Fußball und vor allen Dingen meine alte Dame liebe. Diese Leidenschaft kann ich in meinem Herzensprojekt Hertha BASE 1892 vollends ausleben. Eigentlich ist diese Seite aber nur das Sprungbrett zur Moderation des Sport1-Doppelpass, aber das bleibt unter uns!"

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