Start National 1. Bundesliga Hamburg war auch ein Endspiel für Hertha BSC

Hamburg war auch ein Endspiel für Hertha BSC

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(Foto: Oliver Hardt/Bongarts/Getty Images)

Am Samstag schien Hertha BSC nur der Nebendarsteller zu sein. Gegner HSV hatte sich einmal mehr von seinem Cheftrainer getrennt und die Partie gegen die Hauptstädter galt als Endspiel für den Bundesliga-Dino. Wenig Platz für die Probleme der Berliner, die zweifelsohne vorhanden sind und noch dem Sieg in Hamburg sich natürlich nicht in Luft aufgelöst haben. Es war dennoch ein sehr bedeutendes Spiel für Mannschaft und Trainer, meint unsere Kolumne zum Spiel.

„Ach, das war eh klar“, sagten wir uns zur Halbzeit. Es stellte keine große Überraschung dar, dass der HSV ausgerechnet gegen uns in Führung ging und Hertha einmal als Aufbaugegner für einen am Boden liegenden Verein herhalten durfte. Dieses Narrativ hatte die „alte Dame“ in den vergangenen Jahren zu oft bedient, als dass es im blau-weißen Fanlager noch für Verwunderung sorgen könnte. Im Gegenteil, die Meinungen vor dem Spiel schienen sich recht einig zu sein: Hertha wird in Hamburg verlieren und den immer unbeliebteren Verein von der Elbe wiederbeleben. Das lag sicherlich nicht nur am karitativen Image von Hertha BSC, sondern auch an den anderen sportlichen Vorzeichen der Partie. Seitens Hamburg war der Trainereffekt ein Faktor, der stets einberechnet werden muss. Interimslösung Christian Titz ist für die meisten ein unbeschriebenes Blatt, von seiner Person abgesehen, ist jedoch hinlänglich bekannt, dass das erste Spiel unter einem neuen Trainer meist ungeahnte Kräfte freisetzt und oft mit einem Sieg endet, besonders vor heimischer Kulisse. Bei Hertha hingegen standen die Vorzeichen auf Tristesse. Nur ein Sieg in der Rückrunde und über 400 torlose Minuten standen zu Buche. Der vorherige Auftritt gegen den SC Freiburg machte rund 30 Minuten Spaß, danach wirkte die Mannschaft einmal mehr lust- und ideenlos. Was sollte sich also gegen den HSV ändern?

Zug-Chaos, Wind und Douglas Santos

Die Anreise nach Hamburg sollte sich ähnlich wie der erste Durchgang der Begegnung gestalten: Schleppend und unangenehm. Als eine Gruppe von vier Leuten versammelten wir uns um 7.30 Uhr am Berliner Hauptbahnhof, um dann zu erfahren, dass unser Zug komplett ausfällt. Eineinhalb Stunden später als geplant fuhren wir los, begleitet von einem zwischen amüsant und unangenehm schwankenden Fanclub Herthas. Der von ihnen gratis angebotene Alkohol war sicherlich eine freundliche Geste, der Umgang mit den Frauen in unserem Abteil jedoch mehr als ausbaufähig. Nun ja, in der Hansestadt angekommen, empfing uns ein Wind sondergleichen. Durch ihn fühlte es sich nicht wie null, sondern wie -15 Grad an. Er sollte uns bis in die Abendstunden und auch bis in den nächsten Tag begleiten. Mit einem Zwischenstopp in unserer Unterkunft und einem zu empfehlenden Burger-Restaurant ging es für uns Richtung Volksparkstadion. Auf dem gesamten Weg zum Spiel fielen uns keinerlei Streitigkeiten oder negative Vorfälle auf, Hertha- und HSV-Fans gingen freundlich miteinander um, wenig war von der Anspannung der Hamburger zu spüren. Es begleitete sie vielmehr ein Galgenhumor, den die Herthaner Anhänger selbstverständlich gerne annahmen und so entwickelten sich friedliche Sticheleien zu Fuß und in der Bahn. Tatsächlich fühlte es sich nicht wie das Endspiel für den HSV an, sondern als ob bereits jegliche Hoffnung auf den Klassenerhalt erloschen wäre.

Dieses Gefühl änderte sich im Stadion. Hamburg hatte sich bereit gemacht, bereit für das alles entscheidende Spiel in dieser Saison. Ich war bereits einige Male in der Hamburger Arena und spürte förmlich, dass jeder HSV-Fan „Hamburg, meine Perle“ zwanzig Prozent lauter sang, jeden aufgerufenen Spieler mit dem Brüllen seines Nachnamens auf die Bedeutung dieser Partei einstimmen und von der ersten Sekunde an alles geben wollte. In diesem Spiel sollte es nur um den HSV gehen, Hertha BSC war nur Statist.

(Foto: Oliver Hardt/Bongarts/Getty Images)

Ähnlich fühlte sich die erste Halbzeit streckenweise an. Nach den ersten Minuten war klar, dass man sich auf keinen fußballerischen Leckerbissen zu freuen hatte (ging man denn mit dieser Erwartungshaltung in das Spiel). Es würde derjenige diese Begegnung gewinnen, der es mehr will und im ersten Durchgang war dies eindeutig der HSV. Zwar hatte Hertha in Summe die größeren Chancen, darüber hinaus war es aber erneut ein besorgniserregender Auftritt. Es fehlte jegliches Feuer, jegliches Bestreben, etwas zu erreichen. Die Mannschaft schien ohne Glauben zu spielen, ohne Vision. Anstatt seinen Stiefel einfach herunterzuspielen, spielte man nur auf Sicherheit. Es war bezeichnend, wie oft der Ball nur zwischen Herthas Innenverteidigern Rekik und Stark herumgespielt oder zurück zu Keeper Jarstein gepasst wurde. „Bloß keine Fehler machen“ – mit dieser Denke gehen nun einmal Spielkultur und Leidenschaft verloren. In der 25. Minute ging der HSV durch Douglas Santos verdient in Führung, ein schneller und stark kombinierter Angriff endete zwischen den Beinen von Jarstein. Die 1:0-Führung war nicht wegen des hinreißenden Fußballs verdient, den die Hamburger spielten. Er war aufgrund der Körpersprache verdient, aufgrund des gewissen Risikos, den die Rothosen eingingen. Sie wollten es zu diesem Zeitpunkt mehr und manchmal braucht es in diesem Sport nicht mehr.

Mit der Hamburger Führung ging es in die Halbzeitpause. Wir und die gesamte Herthaner Kurve schien deutlich ernüchtert. Als Redakteur eines Blogs versucht man stets, Lösungen und Erklärungen für die aktuelle Form seiner Mannschaft zu finden. Dafür drückt man sich möglichst gewählt und differenziert aus. Zu diesem Zeitpunkt dachte ich mir aber nur: „Scheiße, es macht einfach keinen Spaß mehr, Hertha zu gucken.“ Nichts schien mir wirklichen Mut zu machen, zu nichtssagend waren die meisten Leistungen in der bisherigen Rückrunde. Man muss seinen Fans irgendetwas bieten, dann werden auch Fehler verziehen. Mit solch einer Spielweise sorgt man aber lediglich für Resignation bei seinen Anhängern. Gibt es kein Feuer auf dem Spielfeld, so erlischt mit der Zeit auch die Flamme auf den Rängen.

Auferstehung aus dem Nichts

„Wir haben den Gegner viel zu lange machen lassen und beim Gegentor geschlafen. Danach haben wir viel früher attackiert und ein richtiges Feuerwerk abgebrannt“, stellte Valentino Lazaro, der beste Herthaner an diesem Tag, gegenüber dem Tagesspiegel fest. Tatsächlich wirkte die Mannschaft nach dem Pausentee wie ausgewechselt. Wir stellten auf der Tribüne fest, dass sich nicht ein einziger Spieler während der Halbzeitpause auf dem Feld warmmachte, das gesamte Team blieb in der Kabine. „Ich habe meiner Mannschaft in der Pause gesagt, dass der HSV Angst hat, dass sie das 1:0 nur über die Zeit retten wollen“, so Pal Dardai. Der Ungar hatte Recht, nach der Führung zogen sich die Hamburger zurück und 15 Minuten Bedenkzeit sorgen eher für Zweifel, als für zusätzlichen Mut.

(Foto: Oliver Hardt/Bongarts/Getty Images)

So nahm Hertha BSC das Heft des Handelns in Hand und machte den Hamburger Spielern klar, dass dieses Spiel keinesfalls mit drei Punkten für sie enden wird. Das ständige Anlaufen, die bessere Passqualität und die nötige Giftigkeit in den Zweikämpfen war endlich in das Berliner Spiel eingekehrt und machte einen deutlichen Eindruck auf den Gastgeber. Besonders Arne Maier, Vladimir Darida, Valentino Lazaro und Vedad Ibisevic machten den Hamburger Spielaufbau durch starkes Pressing mürbe und mit der Zeit zunichte. Endlich gab es einen Funken im Spiel der Blau-Weißen, endlich glaubten sie an sich selbst. Ihre Überzeugung war das entscheidende Element für die beiden Tore zur 2:1-Führung und dem letztendlichen Sieg. Zwischen der 45. und 70. Minute ließ Hertha keinen Zweifel daran, wer dieses Spiel gewinnen wird. Aufgrund dessen kann auch von einem verdienten Sieg gesprochen werden.

Endlich ist der Glaube zurück

Der Dreier gegen den HSV hat zwei Auswirkungen. Zum einen eine tabellarische, denn Hertha konnte zwar keinen Tabellenplatz aufsteigen, jedoch durch die Niederlagen von Mainz 05 und dem VfL Wolfsburg zehn Punkte zwischen sich und den Relegationsplatz bringen. „Jeder hat gewusst: Wenn du nicht gewinnst, musst du eher nach hinten blicken. Man hat die Anspannung gespürt. Mit dem Abstieg hat man nun wirklich nichts mehr zu tun“, resümierte Pal Dardai in der Berliner Morgenpost. Mit nun 35 Zählern ist man fünf von seinem Minimalziel für die laufende Saison entfernt, bei noch sieben ausstehenden Partien. Der Blick muss nun nicht mehr nach ganz unten gerichtet werden, aber wohl auch nicht nach oben, denn es trennen Hertha aktuell vier Punkte vom Tabellensiebten und für Europa ist die Mannschaft aktuell nicht reif und konstant genug. Der Sieg in Hamburg bedeutet, dass man von nun an befreit aufspielen kann, da keine wirklichen Konsequenzen mehr drohen. „Wir können jetzt in Ruhe arbeiten, ohne negative Schlagzeilen. Das ist ein Schutz für uns. Denn junge Spieler dürfen nicht unsicher sein“, so Dardai. Hamburg war somit Herthas Endspiel um den Klassenerhalt.

Der Triumph in Hamburg könnte jedoch vor allem eine psychologische Wirkung auf Mannschaft, Trainer und Fans haben. Diese Einheit schien nämlich nach den bisherigen Leistungen in der Rückrunde zu leiden, allmählich auseinanderzufallen. Ein Zeichen dafür waren die Pfiffe der Fans nach dem 0:0 gegen den SC Freiburg. Die Mannschaft wirkte in den vergangenen Monaten leblos und eingerostet – als hätte sie kein Ziel, keine Aufgabe und keinen Glauben an sich selbst. Diese Eigenschaften könnten mit dem Sieg gegen Hamburg verloren gegangenen sein. Die Spieler haben bewiesen, was in ihnen steckt, der zuletzt unter Kritik stehende Pal Dardai hat mit seinem Matchplan (Einwechslungen von Kalou) und seiner Halbzeitansprache wieder an Souveränität gewonnen und die Fans sind durch die zwei Treffer und den Auswärtssieg wieder motiviert, ihren Verein nach vorne zu brüllen. Hamburg war ein psychologisches Endspiel für Hertha BSC, denn hätte man diese Partie verloren, so wäre die Krise perfekt gewesen. Pal Dardai hätte wenig Argumente auf seiner Seite gehabt, die Spieler wären wohl weiterhin mit gesenkten Schultern in die Spiele gegangen und die Resignation der Anhänger hätte sich allmählich in Frustration und Wut umgewandelt.

Der Artikel könnte bereits nach dem Spiel gegen den VfL Wolfsburg für die Katz sein, denn Fußball ist ein schnelllebiges Geschäft. Doch wie der Herthaner Blogger Marxelinho einen Sieg richtig beschrieb: „Er legt die Grundlage für Hoffnungen.“ Diese Hoffnungen blühen nun wieder auf. Ich persönlich traue der Mannschaft nach diesem Spiel zu, endlich ihr volles Potenzial abzurufen. Hamburg könnte die Kehrtwende für Hertha BSC gewesen sein.

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Marc ist Chefredakteur und 20 Jahre alt. Marc über sich selbst: "Ich kann zwar keine Kurvendiskussionen erklären, aber alle Winkelzüge eines 4-2-3-1-Systems. "Irgendwas mit Medien" habe ich mir zum Lebensinhalt gemacht, vielleicht auch, weil ich alles andere nicht kann, aber eben auch, weil ich den Fußball und vor allen Dingen meine alte Dame liebe. Diese Leidenschaft kann ich in meinem Herzensprojekt Hertha BASE 1892 vollends ausleben. Eigentlich ist diese Seite aber nur das Sprungbrett zur Moderation des Sport1-Doppelpass, aber das bleibt unter uns!"

1 KOMMENTAR

  1. Rechne mal das hoch wenn 20.000 Zuschauer mehr kommen, wie Herr Bremer im letzten Abschnitt sagt. Hertha vernachlässigt oder vergisst den harten Kern, die Leute die immer da sind. Ja der harte Kern ist unbequem, dazu zähle ich mich auch. Ich sehe viele Dinge kritisch an, schreibe sie nur oft nicht hier rein, da ich ein sehr emotionaler Mensch bin. Man muss aber diesen Kern, mitnehmen. Das gilt für alle Vereine! Frag mal die ausländischen Fans, wieso diese jedes Wochenende nach Deutschland pilgern. Man hört oft den Grund: Die Stimmung in deutschen Stadien. Fußball ist Fußball, aber bitte mit emotionalen leidenschaftlichen Fans und das ist meistens der harte Kern, der das ausmacht. Ich will bei Hertha kein Hannover 2.0 aber befürchte es bald, wenn sich nichts ändert. @Exil Welche gleichen Werte die Fans von Hertha in sich haben, das ist schwierig zu beantworten. Für mich ist Hertha BSC nicht nur ein Hobby, sondern eine Leidenschaft. Ansonsten was wohl alle Herthaner in sich tragen ist: Jeder Neu-Herthaner ist willkommen, egal wie alt, wie man aussieht, welche Hautfarbe, woher man kommt. Zusammenhalt! Gemeinschaftsgefühl! Emotionen! Leidenschaft! Leidensfähig! ich denke das sind alles Werte, was jeder Herthaner in sich trägt @Tojan Gutes Argument!

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