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Hertha BSC: Auf dem Feld und den Rängen europäisch, doch nicht für alle

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Um 21.05 Uhr wurde am Donnerstag nach 2760 Tagen Europa-Abstinenz von Hertha BSC das Spiel gegen Athletic angepfiffen, es sollte ein für die Europa League mehr als würdiger Abend werden. Doch leider erlebten nicht alle Fans, die sich ein Ticket gekauft hatte, den Spielbeginn. Ein Kommentar zu der Begegnung, ihren Rahmenbedingungen und wie man die Zuschauerzahl zu bewerten hat.

 

Eine grauenhafte Organisation

Es war aus privaten Gründen lange nicht klar, ob ich das Spiel gegen Athletic Bilbao besuchen kann, doch am Tag der Partie konnte ich mir doch endlich mein Ticket kaufen. Es ärgerte mich zwar, dass ich mir mein Ticket nicht einfach ausdrucken konnte und es hinterlegen lassen musste, aber das trübte meine Euphorie nicht. Endlich wieder Europa! Und ich bin dabei!

Ich plante für meine Stadionankunft natürlich ein paar Minuten mehr ein, schließlich kennt man ja die Schlange vor dem Ticket-Container, zumal ich mich vor dem Spiel mit Freunden und Redakteuren von Hertha BASE treffen wollte. Etwas, was fest zum Stadionerlebnis gehört. Ich sollte es nicht vollends genießen können. Um 19.35 Uhr kam ich am Osttor an, etwas geschockt von der Schlange, die sich bereits vor der Tickethinterlegung gebildet hatte. „Heilige …! Na ja, dann schreibe ich den Jungs, dass ich halt etwas später zum Treffpunkt komme“, dachte ich mir, nicht ahnend, dass das wohl die Untertreibung des Jahres ist.

Die Menschenmenge bewegte sich nämlich nicht, sie wurde nur größer. Es ging quasi nicht voran, alle zehn Minuten durfte man schätzungsweise zwei Meter nach vorne treten. Ich stand bereits eine Stunde in meiner Reihe und sah absolut kein Ende, währenddessen wurde es immer enger. Die Menschen um mich herum wurden immer ungeduldiger, immer wütender und ich konnte sie verstehen. Zwischendurch quetschte sich (welch geniales Wortspiel) der Berliner Humor in die sonst so deutlich negativ aufgeheizte Stimmung. „Bevor ick mein Ticket bekomme, macht der BER uff“, brüllte jemand, das lockerte für einen Augenblick die Atmosphäre auf. Die zwischenzeitlichen Durchsagen der Verantwortlichen ließen die Fans nur noch mehr aus der Haut fahren, die Leute wollten von technischen Problemen und irgendwelchen Ticket-Upgrades nichts hören, sie wollten einfach nur ins Stadion. Das Stadion, was nur wenige Meter entfernt stand und doch so unendlich weit weg erschien.

Nach eineinhalb Stunden kam auch ich endlich am Schalter an, Rechnungsdokument und Ausweis natürlich schon gezückt. Mir wurde dann gesagt, dass mein Ticket nicht hinterlegt wurde, ob ich denn ein anderes wolle. Ich verneinte, schließlich wollte ich mit meinen Freunden zusammensitzen. Ich erhielt dennoch eine andere Karte, mit einem Stempel bedruckt. Ich solle damit zu meinem eigentlich reservierten Platz gehen und dem Ordner vor dem Blockeingang die Situation erklären. Das tat ich, wurde aber erst einmal noch zwei bis drei weitere Minuten, die so sehr an meiner Geduld zogen, vom Ordner beäugt. „Hallo, ich weiß, auf dem Ticket steht ein anderer Platz. Es gibt technische Probleme bei der Ticketausgabe, weshalb ich das hier erhielt. Hier ist meine Rechnung, wo der Originalplatz draufsteht, sie sagten, das sei in Ordnung“, erklärte ich. „Mit dem Ticket müssen Sie aber in den Block O“, sagte mir der Ordner, als ob er mir überhaupt nicht zugehört hatte. Ich wiederholte mich und Kollege Schnürschuh ließ mich mit einer höchst suffisanten Art endlich rein.

Nach 100 Minuten war ich endlich auf meinen Platz angekommen. Ich hatte den Schwatz vor dem Spiel, das Brüllen der Spielernamen, das Warmmachen mit der Ostkurve und die ersten zehn Minuten der Partie verpasst. Ich erfuhr später auf Twitter, dass es bis zur 35. Spielminute gedauert hatte, bis wirklich alle Fans ins Stadion durfte, diese hatten also quasi die Hälfte des Spiels verpasst. Und warum? Weil Hertha BSC es einmal mehr geschafft hat, sich solch einen tollen Rahmen selbst kaputtzumachen. Sicherlich ist ihnen nicht vorzuwerfen, dass sich die Fans ihre Tickets nicht selbst ausdruckten durften, das werden UEFA-Regularien sein, denn im normalen Liga-Betrieb geht es ja. Doch der Verein wusste somit ganz genau, was auf ihn zukommt und hat es dennoch verhauen. Wenn ich weiß, dass so viele Fans ihre Tickets hinterlegen lassen mussten, dann kann ich doch nicht nur einen Container dafür öffnen! Welche Logik soll dahinter stecken? An normalen Spieltagen stehen die Fans doch auch bereits 30 Minuten für ihre Tickets an, was hat man also erwartet? Was wäre gewesen, wenn 50-60.000 Zuschauer gekommen wären, hätte man dann auch so gehandelt?

Es kann doch nicht sein, dass sich Hertha über die geringe Zuschauerzahl beschwert und diese aber dann nicht einmal richtig händeln kann. Wie ich hörte, soll es am Einlass genauso Probleme gegeben haben. Das ist ein absolutes Unding! Mir und so vielen anderen wurden wertvolle Augenblicke des Abends genommen und die kriegen wir auch nicht mehr. Wenn man sich also Verein einer Weltstadt geben will, wenn man zeigen will, dass Hertha Europa kann, dann ist man an diesem Abend kläglich gescheitert.

 

Die Mannschaft kann Europa

Endlich an meinem Platz angelangt, hielt ich mich nicht ewig mit dem Aufregen auf. Ich wollte jetzt endlich das Spiel genießen, dafür war ich schließlich hergekommen.

(Photo by JOHN MACDOUGALL/AFP/Getty Images)

Im ersten Durchgang erlebte ich eine Mannschaft, die zunächst zwar recht viel Respekt vor dem Gegner zeigte, Bilbao etwas zu viel Platz ließ, aber mit jeder Minute sicherer und selbstbewusster wurde. Letztendlich kann man die erste Halbzeit als ausgeglichen bezeichnen, da Hertha deutlich stärker wurde, jedoch auf beiden Seiten die Highlights fehlten (bis auf den Schuss von Muniain). Man neutralisierte sich, was mir ein gutes Gefühl gab, denn so gestaltet Hertha auch in der Bundesliga nahezu jede erste Hälfte. Es war also ein Indiz dafür, dass sich die Mannschaft nach den anfänglichen Wacklern gefangen hatte und keinerlei Aufregung erkennen ließ.

Nach dem Pausentee sollten die Fans die beste Vorstellung ihrer Mannschaft seit Monaten sehen. Hertha dominierte Bilbao, eines der besten Teams dieses Wettbewerbs. Man spielte unfassbar mutig, direkt und schnell nach vorne, zeigte einen höchst ansehnlichen Fußball. Das Spiel ging nur noch in eine Richtung, es fehlte nur das Tor. Das verflixte Tor. Es sollte nicht mehr fallen, die Mannschaft durfte sich dennoch verdient feiern lassen. Neben der Europa-würdigen Leistung gab die Partie die Erkenntnis, dass Pal Dardai über einen breiten Kader verfügt. Er ließ Thomas Kraft, Peter Pekarik, Fabian Lustenberger und Ondrej Duda überraschend von Anfang an spielen – alle vier hatten zuvor nicht eine Minute in dieser Saison gespielt und alle vier zeigten sehr ansprechende Leistungen. Vor allem Duda zeigte endlich, welch Potenzial in ihm schlummert. Wie schnell und breit er das Spiel machte, wie stark er kombinierte, wie energisch er auch Bälle eroberte, war sehr beeindruckend. Er strahlte eine immense Präsenz und Kreativität aus.

(Photo by Matthias Kern/Bongarts/Getty Images)

Mein anderer Held der Partie ist Karim Rekik, für den mir mittlerweile die Superlative ausgehen. Als seine Mannschaft noch nach Sicherheit ringe, war er bereit voll da und klärte eine Szene nach der anderen. Der 22-Jährige wirkt unfassbar abgeklärt, leistet sich keine Fehler und stellt mittlerweile die Frage, ob er nicht sogar ein Upgrade zu John Anthony Brooks ist.

Sehr wahrscheinlich ist es der gesamten Mannschaftsleistung gegenüber unfair, diese beiden Spieler herauszuheben, jedoch erinnere ich mich nicht, wann Hertha zuletzt solche Qualität auf diesen beiden Positionen hatte.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass die Mannschaft gezeigt hat, dass sie absolut reif und bereit für Europa ist. Sowohl die Einstellung als auch die Qualität haben gestimmt, sodass man beinahe einen großen Gegner höchst verdient niedergerungen hätte. Vor dem Spiel hätten wohl sehr viele Fans ein Unentschieden unterschrieben, nach dem Abpfiff ärgerte man sich sogar leicht über den Punkt.

 

28.000 wie 60.000

Ich saß im Block 33.2, also rechts neben der Ostkurve und merkte von der ersten Minute an keinen wirklichen Unterschied zu der Stimmung in den Spielen, bei denen 50.000 Menschen auf den Rängen sitzen. Die Ostkurve peitschte jeden Fan an, so laut wie drei zu sein und das über 90 Minuten.

(Photo by JOHN MACDOUGALL/AFP/Getty Images)

Ich habe gesehen, was 28.000 Zuschauer für eine Stimmung entfachen können, wenn wirklich jeder einzelne seinen Teil dazu beiträgt. Ich bin unglaublich stolz, einer von ihnen gewesen zu sein und diese ganz besondere Atmosphäre miterlebt haben zu können.

Das lasse ich mir auch nicht kaputtmachen oder madig reden. Wie viele Berichte und wie viel Häme musste ich über die letzten Tage lesen, in denen es hieß, niemand in Berlin interessiere sich niemand für Europa?

Was erdreisten sich Menschen von außen, die Fans von Hertha zu kritisieren, ohne die wirklichen Gründe für den Status des Verein innerhalb der Stadt zu kennen? Ohne zu ergründen, warum so wenige im Stadion waren? In einem völlig unsachlichen ntv-Artikel heißt es: „Um sich für die Europaliga zu begeistern, muss man wohl Kölner sein. Oder eben echter Fan“, eine absolute Frechheit, so etwas zu schreiben.

Ich könnte nun noch einmal dezidiert erklären, wie es zu solch einer Zuschauerzahl kommen kann, aber das würde den Rahmen sprengen und ist auch nicht zielführend, denn ich erlebte einen wundervollen Abend im Olympiastadion. Ich erlebte eine Mannschaft, die alles gab und ihren Fans etwas bot. Ich erlebte Fans, die sich ihre Kehlen heiser schrien. Ich erlebte eine ganz besondere Stimmung im Berliner Flutlicht und das lasse ich mir nicht kleinreden.

Stattdessen ist dieser Kommentar ein weiterer Aufruf an alle Berliner, diese Spiele zu besuchen. Hertha wird an den Ticketproblemen arbeiten und dann steht einem wunderbaren Europa-Abend nichts mehr im Wege. Ich habe es trotz der elendigen Warterei auf gar keinen Fall bereut, hingegangen zu sein.

So ist die Überschrift „Hertha BSC: Auf dem Feld und den Rängen europäisch, doch nicht für alle“ nicht zufällig gewählt, denn zum einen verhinderten die Karten-Probleme, dass viele Zuschauer ihr volles Stadionerlebnis erfahren können und zum anderen scheint Hertha es in den Augen von manchen eh nicht verdient zu haben, europäisch zu spielen. Das verlangt schon fast nach einer Trotzreaktion.

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Marc ist Chefredakteur und 20 Jahre alt. Marc über sich selbst: "Ich kann zwar keine Kurvendiskussionen erklären, aber alle Winkelzüge eines 4-2-3-1-Systems. "Irgendwas mit Medien" habe ich mir zum Lebensinhalt gemacht, vielleicht auch, weil ich alles andere nicht kann, aber eben auch, weil ich den Fußball und vor allen Dingen meine alte Dame liebe. Diese Leidenschaft kann ich in meinem Herzensprojekt Hertha BASE 1892 vollends ausleben. Eigentlich ist diese Seite aber nur das Sprungbrett zur Moderation des Sport1-Doppelpass, aber das bleibt unter uns!"

1 KOMMENTAR

  1. Sehr schöner Artikel. Schade, dass Du und andere wegen den Problemen einen Teil des Spiels verpassen musstest. Ich war alleine im Stadion, weil meine Kumpels keine Zeit oder Lust hatten und habe es absolut nicht bereut. Alleine zu sehen, dass Duda doch kein Fehlkauf war, wie ich leise befürchtet habe, war einfach schön.
    Ich sehe nach diesem Spiel positiv in die Zukunft und unter Berücksichtigung der Spieler die wir noch in der Hinterhand haben (Selke, Lazaro und Tourounarigha) ist mir nicht bange vor der Dreifach-Belastung.
    Trotz torlosem Unterschieden einfach ein Abend, den ich nicht so bald vergessen werde.

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