Start Allgemein Hertha BSC im Soll – Ein Zwischenfazit nach den englischen Wochen

Hertha BSC im Soll – Ein Zwischenfazit nach den englischen Wochen

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Die Saison 2017/18 ist rund zwei Monate alt und Hertha BSC hat bereits zehn Pflichtspiele absolviert. Während die ersten Spiele noch im gewohnten Rhythmus stattfanden, standen die Partien in den vergangenen drei Wochen im Zeichen der neuen Doppelbelastung, die der Verein aufgrund der Europa League bewältigen muss. Es ist also an der Zeit, die ersten Erkenntnisse aus dieser Phase herauszuziehen und sowohl positives, wie negatives anzusprechen.

Basis wurde geschafft

Um für die beschwerlichen Wochen vorzusorgen, musste sich Hertha einen gewissen Punktestand anfressen. Niemand wusste, wie die Mannschaft auf die Europa League und ihre vielen Herausforderungen reagieren würde, weshalb bereits die ersten Partien von immenser Bedeutung sein könnten. Die Begegnung im DFB-Pokal gegen Hansa Rostock war die allererste der neuen Spielzeit, die Hertha mehr als souverän für sich entschied. In einem Spiel, in welchem die Aktionen der Fans mehr Aufmerksamkeit auf sich zogen, als die der Akteure auf dem Feld, gewann die „alte Dame“ sicher mit 2:0.

(Photo by Matthias Kern/Bongarts/Getty Images)

In der Startelf gegen den Drittligisten standen mit Mathew Leckie und Karim Rekik bereits zwei von insgesamt fünf Neuzugängen. Zudem sicherte sich Hertha die Dienste von Davie Selke, Valentino Lazaro und Jonathan Klinsmann. Zumindest alle neuen Feldspieler sollten nicht nur die spielerische Qualität (vor allem das Tempo) Herthas steigern, sondern auch die Rotationsoptionen für Trainer Pal Dardai. Mit den Neuverpflichtungen und den vier Neu-Profis aus der eigenen Jugend war Herthas Kader nach dem Transfersommer weitaus breiter aufgestellt, als zuvor. Mit John Brooks, Allan und Sami Allagui verließen nämlich nur drei Spieler Berlin, die in der Vorsaison zu Einsätzen im Profi-Kader kamen.

Die bereits angesprochenen Rekik und Leckie schlugen bei Hertha voll ein, beide erlebten zu ihren letzten Jahren eine regelrechte Leistungsexplosion. Dafür wird es viele Faktoren geben, einer davon ist aber der Zeitpunkt ihrer Wechsel nach Berlin. Beide Einkäufe (besonders Leckies) wurden früh in der Transferperiode offiziell gemacht, wodurch sie die gesamte Sommervorbereitung bei ihrem neuen Verein absolvieren konnten. Somit waren beide zum Saisonstart schon voll in die Mannschaft integriert und ihre Leistungen lassen sie nicht mehr aus der Startelf wegdenken.

(Photo by Martin Rose/Bongarts/Getty Images)

Davie Selke und Valentino Lazaro sind Gegenbeispiele für diese positiven Entwicklungen von Neuverpflichtungen. Selke war der Überraschungstransfer, der alles bei Hertha überstrahlte. Satte acht Millionen Euro war Michael Preetz bereit, nach Leipzig zu überweisen. Der 22-jährige Stürmer sollte zum einen den Konkurrenzkampf für den sonst so erhabenen Vedad Ibisevic erhöhen und gleichzeitig die langfristige Lösung für den Sturm sein, wenn der 33-jährige Bosnier sein Niveau altersbedingt nicht mehr halten kann. Aber nach nur kurzer Zeit im Hertha-Training verletzte sich Selke schwer, sodass er seitdem noch keine einzige Minute für Hertha spielen konnte. Im bevorstehenden Bundesliga-Spiel gegen Schalke 04 soll er endlich sein Debüt geben, er fehlte somit knapp 70 Tage. Auch Lazaros bisheriger Werdegang bei Hertha war nicht frei von Problemen. Zunächst dauerten die Verhandlungen mit seinem ehemaligen Verein RB Salzburg deutlich länger, als es sich Michael Preetz wohl vorgestellt hatte und als diese kurz vor dem Abschluss standen, zog sich der Österreicher einen Außenbandanriss des Sprunggelenkes zu. Es mussten neue Konditionen aufgestellt werden, sodass der 21-Jährige erst einmal nur (mit Kaufpflicht) ausgeliehen wurde und die ersten Wochen bei Hertha nur in der Reha schuftete. Seit nun zwei Partien gehört Lazaro aber endlich zum Kader.

Insgesamt lässt sich jedoch sagen, dass Michael Preetz und das Trainerteam sehr gute Arbeit leisteten, indem sie Mathew Leckie und Karim Rekik als direkte Verstärkungen holten und integrierten und mit Lazaro und Selke zweifelsfrei äußerst talentierte Spieler nach Berlin lockten, die den Konkurrenzkampf in den kommenden Wochen und Monaten drastisch erhöhen werden.

Brace yourself – Englische Wochen are coming 

Wie bereits betont, hatten die ersten drei Bundesliga-Partien eine hohe Bedeutung, da sie vor den englischen Wochen stattfanden und die Mannschaft somit ein wichtiges Punktepolster aufbauen konnte. Die Premiere gegen den VfB Stuttgart konnte vor heimischen Publikum mit 2:0 gewonnen werden, Neuzugang Mathew Leckie feierte mit beiden Treffern des Tages ein überragendes Debüt im blau-weißen Dress. In der darauffolgenden Partie musste sich Hertha trotz einer beachtlichen Leistung mit einem 2:0 gegen groß aufspielende Dortmunder geschlagen geben, ein Ergebnis, das in Hinblick auf die bisherige Saison des BVB noch positiver angesehen werden kann.

Bis hierhin konnten die Vereinsverantwortlichen und Fans sehr zufrieden sein; die „Pflichtaufgaben“ gegen Rostock im Pokal und den Aufsteiger Stuttgart wurden gelöst und in Dortmund „darf“ man als Hertha BSC verlieren, zumal sich das Team gut verkaufte. Erst gegen Werder Bremen, das letzte Spiel vor den viel besprochenen Wochen, gab es den ersten Dämpfer. Beim zweiten Heimspiel der noch jungen Saison kam die Mannschaft nicht über ein Unentschieden hinaus, das sowohl Fans, als auch Pal Dardai selbst verärgerte.

Nach vier Pflichtspielen standen somit das Weiterkommen im DFB-Pokal und vier Punkte in der Bundesliga zu Buche. Keine sehr gute, aber eine absolut zufriedenstellende Ausbeute. Ein frühes Pokal-Aus gegen einen Drittligisten und eine Niederlage gegen einen Aufsteiger wären im Rahmen des Möglichen gewesen, dem entging Hertha aber. Zusammenfassend lässt sich sagen, dass mit vier Punkten in der Liga eine vernünftige Grundlage geschaffen wurde, um nicht bereits am Anfang der Saison in Panik zu verfallen.

Hertha meistert straffen Terminkalender

Nach der Partie gegen Werder Bremen gingen die großen Wochen für Hertha los. Innerhalb von 22 Tagen musste die Mannschaft sieben Spiele (Bremen eingeschlossen) austragen, bevor die rettende Oase „Länderspielpause“ anstand.

Hertha gewann von diesen sieben Partien nur eine, spielte viermal Unentschieden und verlor zwei Begegnungen. Eine Bilanz, die sich zunächst sehr kritisch ließt, jedoch sind Zahlen meist trügerisch und geben nicht die Gründe und Faktoren solch einer Statistik an.

So waren die Punkteteilungen gegen Atletic Bilbao, TSG Hoffenheim und Bayern München allesamt mehr als ansehnliche Spiele von Hertha. Gegen die Basken und Kraichgauer hätte Pal Dardais Mannschaft Siege verdient gehabt und selbst der große Rekordmeister hätte sich nicht beschweren dürfen, wäre er ohne einen Punkt wieder nach München gefahren. Einzig die Niederlagen gegen Mainz 05 und Östersund, in denen die Berliner schlichtweg blutleer wirkten, waren sehr enttäuschend.

(Photo by JOHN MACDOUGALL/AFP/Getty Images)

Nicht einmal 72 Stunden nach dem Europa-League-Spiel gegen Athletic Bilbao musste Hertha BSC gegen die TSG Hoffenheim antreten. Am Donnerstagabend empfing Hertha BSC mit Athletic Bilbao seinen stärksten Gruppengegner in der Europa League. Vor dem Anpfiff der Partie gab es bereits einen ersten Aufschrei unter den Fans, denn Trainer Pal Dardai schickte eine völlig neu zusammengestellte Mannschaft auf das Feld. Mit Thomas Kraft, der fest in der Europa League gesetzt ist, Peter Pekarik, Fabian Lustenberger und Ondrej Duda spielten vier Spieler, die in der bisherigen Saison nicht eine einzige Einsatzminute verzeichnet hatten. Auch Salomon Kalou rückte neu in die Startelf, nachdem er gegen Werder Bremen nur als Joker eingesetzt wurde. Dardais Konzept sollte Erfolg haben, denn Hertha zeigte eine sehr starke Leistung gegen die Basken, dominierte die Begegnung zwischenzeitlich und hätte eigentlich verdient gewinnen müssen.

Bei dem Punktgewinn überzeugte vor allem Ondrej Duda, der das erste Mal von Anfang für Hertha spielte. „Duda hat endlich gezeigt, warum wir ihn geholt haben. Er hat stark gespielt, solch ein Spielertyp fehlte uns“, zeigte sich Pal Dardai sichtlich erfreut über die Leistung des 22-jährigen Slowaken. Auch Thomas Kraft, der von den Berliner Fans sehr kritisch gesehen wird, konnte seinen Einsatz rechtfertigen. „Thomas war sehr gut und sehr souverän. Er hat voll überzeugt, das ist nicht selbstverständlich nach so einer langen Pause“ analysierte sein Torwarttrainer Zsolt Petry gegenüber der B.Z. Mitchell Weiser lobte sämtliche Berliner Spieler, die neu ins Team gerutscht waren: „Die Jungs, die heute reingekommen sind, aber sonst nicht viel spielen, haben allesamt sehr gut gespielt. Dass jeder bei uns spielen kann, schweißt das Team noch enger zusammen. Nun hat der Trainer die Qual der Wahl.“

(Photo by Matthias Hangst/Bongarts/Getty Images)

Auch in den darauffolgenden Partien ging die Rotation von Pal Dardai voll auf. Gegen Hoffenheim erzielte Startelf-Neuling Alexander Esswein den Ausgleich und beim Heimerfolg über Bayer Leverkusen machte Salomon Kalou das 2:0, das von Vedad Ibisevic aufgelegt wurde, beide saßen in der vorherigen Begegnung noch auf der Bank. Die Sensation gegen den FC Bayern gelang nur, weil Startelf-Überraschung Genki Haraguchi den 2:1 Anschlusstreffer großartig vorbereitete und die gegen Östersund geschonten Salomon Kalou und Ondrej Duda die beiden Herthaner Treffer markierten. Der Trainer sagte der Berliner Morgenpost: „Gegen die Bayern hat man gesehen, dass uns die Frische und Konzentration von Salomon, Karim, Mathew und Rune [Jarstein] gut getan hat.“

Sicherlich sind die Niederlagen gegen den Östersunds FK und Mainz 05 kritisch zu betrachten, jedoch muss eine Mannschaft wie Hertha BSC der Doppelbelastung irgendwann einmal Tribut zollen, zumal in beiden Partien der Videoschiedsrichter seine Augen im Spiel hatte und zwar nicht gerade für Hertha.

Quelle: Berliner Morgenpost

 

Die Rotation geht auf

Kommen wir zum Fazit. Hertha BSC ist nach zehn Pflichtspielen absolut im Soll. In der Liga holte die Mannschaft in sieben Spielen sehr solide neun Punkte, und das, nachdem man mit Bayern, Dortmund und Hoffenheim schon gegen drei Top-Vereine spielte. im DFB-Pokal erreichte man souverän die nächste Runde und in der Europa League ist nach zwei Spielen und einem geholten Punkt noch nichts verloren.

Mit Entsetzen mussten wir auf unserer Facebook-Seite feststellen, dass die Erwartungshaltung einiger Hertha-Fans nicht ansatzweise realistisch ist, sogar das Wort Entlassung fiel. Wer gedacht hat, dass Hertha keinerlei Leistungsschwankungen in den vielen englischen Wochen zeigen wird, muss seine Erwartungshaltung deutlich überdenken. Mit weitaus mehr Spielen in den Beinen kann es durchaus vorkommen, einen schlagbaren Gegner wie Mainz nicht besiegen zu können. Hertha war unter Dardai stehts ein Team, das Spiele meist sehr knapp für sich entschied. Durch die Europa League fehlen manchmal die letzten Prozente, um einen Punktgewinn einzufahren, das muss man der Mannschaft zugestehen. Zudem ist Pal Dardai ein junger Trainer, der solch eine Phase noch nie betreuen musste, auch ihm muss man Fehler verzeihen können.

Mit Ausnahme von ein paar Spielen zeigt Hertha einen weitaus ansehnlicheren Fußball, als in der Vor-Saison, man könnte sogar davon sprechen, dass die Mannschaft durch die Rotation beflügelt wird. Aufgrund der vielen Einsatzchancen sind sämtliche Spieler im Kader hoch motiviert, wodurch der Konkurrenzkampf massiv erhöht wurde. Spieler wie Lustenberger, Duda, Pekarik oder neuerdings Haraguchi wirken wie ausgewechselt, eben weil ihnen durch Dardais Rotation das Gefühl gegeben wird, dass sie zu 100% gebraucht werden.

(Foto: ODD ANDERSEN/AFP/Getty Images)

Die oben verlinkte Grafik der Berliner Morgenpost zeigt, dass Pal Dardai sehr konsequent rotiert und bereits 20 verschiedene Spieler in zehn Spielen eingesetzt hat. In der gesamten letzten Saison waren es 27 verschiedene Profis, wobei Dardai Selke, Mittelstädt, Kurt und die Neu-Profis aus eigenem Anbau noch gar nicht einsetzte.

Mit dem kommenden Spiel gegen Schalke 04 wird die nächste Dosis der Doppelbelastung eingeläutet, erneut warten sieben Spiele in drei Wochen auf Hertha. Aufgrund der ersten Saisonphase kann man selbstbewusst sagen, dass die Mannschaft auch diese meistern wird. Dardai wird auf einen zu 100% fitten Lazaro und einen wiedergenesenen Davie Selke setzen können und eventuell schafft es Genki Haraguchi, seine Leistung gegen den FC Bayern zu konservieren. Damit hätte die Mannschaft drei zusätzliche Spieler, um die bevorstehenden Aufgaben bewältigen zu können. Übrigens: In der vergangenen Saison tat sich Hertha sehr schwer mit englischen Wochen, verlor entweder das Spiel in der Woche oder das darauffolgende – somit ist bereits eine Entwicklung zu erkennen.

Klar ist aber auch, dass Hertha aus den kommenden Spielen sehr viele Punkte holen muss. Um das Weiterkommen in der Europa League realistisch zu halten, müssen beide Spiele gegen Luhansk gewonnen werden. Zudem sind Schalke, Freiburg, Köln, der HSV und Wolfsburg allesamt schlagbare Gegner, hier gilt es möglichst viele Punkte zu holen, um einen Abstand zu den Abstiegsrängen zu schaffen.

Sollte dies nicht gelingen, sind Kritik und Fragen erlaubt. Jedoch gilt dies nicht für die vergangenen zehn Partien, die auch zur Gewöhnung an die neue sportliche Situation dienten und insgesamt gut bewältigt wurden.

 

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Marc ist Chefredakteur und 20 Jahre alt. Marc über sich selbst: "Ich kann zwar keine Kurvendiskussionen erklären, aber alle Winkelzüge eines 4-2-3-1-Systems. "Irgendwas mit Medien" habe ich mir zum Lebensinhalt gemacht, vielleicht auch, weil ich alles andere nicht kann, aber eben auch, weil ich den Fußball und vor allen Dingen meine alte Dame liebe. Diese Leidenschaft kann ich in meinem Herzensprojekt Hertha BASE 1892 vollends ausleben. Eigentlich ist diese Seite aber nur das Sprungbrett zur Moderation des Sport1-Doppelpass, aber das bleibt unter uns!"

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