Start Spieltag Hertha BSC – RB Leipzig: Zwischen Hungersnot und Zukunft

Hertha BSC – RB Leipzig: Zwischen Hungersnot und Zukunft

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Foto: Alex Grimm/Bongarts/Getty Images

Michael Preetz ist ja auch nur ein Mensch und deshalb muss an dieser Stelle vielleicht auch einfach mal festgestellt werden, dass er als Manager nach den Jahren im Fahrstuhl zwischen Erster und Zweiter Liga mittlerweile einen phantastischen Job macht. Denn es ist ja als Herthaner nach den Leistungen der Mannschaft in den letzten Wochen und Monaten viel leichter, mit einem Dauer-Facepalm durch die Gegend zu laufen, als zu gestalten und Entscheidungen zu treffen. Preetz trifft solche Entscheidungen und hat in dieser Woche mit Javairo Dilrosun und Lukas Klünter zwei in jedem Fall spannende Neuzugänge präsentiert.

Die schwerste Entscheidung der letzten Jahre wird er allerdings nachvollziehbarer Weise noch eine Weile hinausschieben. Denn sie geht mit einer großen Unsicherheit einher. Es ist die Frage, ob Pal Dardai der richtige Mann am richtigen Ort ist. Ob der Ungar die Profi-Mannschaft mit seiner Art des Fußballs in die Zukunft – die ja dem Klub-Claim zufolge Berlin gehören soll – führen kann. Die aktuelle Saison hat bei vielen Fans Zweifel daran genährt.

Wie nach einer Hungersnot

Denn als Hertha-Fan fühlt man sich in diesen Jahren so ein bisschen wie nach einer Hungersnot. Am Anfang war man noch damit zufrieden, einfach nur ein paar Kartoffeln und Reis zu bekommen. Zwischendurch fiel dann sogar mal ein bisschen Salz oder eine exotische Frucht vom Laster. Diese Häppchen weckten natürlich einen unbekannten Hunger, denn sie zeigten, dass da draußen noch mehr ist, als langweilige Kartoffeln und noch langweiligerer Reis. Nun könnte man versuchen, in neue Welten aufzubrechen, etwas Neues zu probieren, mutig zu sein. Doch die Erinnerung an und die Gefahr einer erneuten Hungersnot lähmen. Was, wenn wir in neue Welten aufbrechen und scheitern?

We try. We fail. We win. Dieser oft genug kritisierte Marketingspruch sollte die neue DNA von Hertha symbolisieren. Handeln wir ein Start-Up, das war die Devise. Wenn etwas nicht klappt, machen wir etwas anderes. Das Problem ist: Hertha tut aus wirtschaftlichen Gründen das genaue Gegenteil. Denn schaut man mal rein auf die Ergebnisse, dann zeigt der Trend unter Pal Dardai nach unten. 50 Punkte holte der Coach 2015/16, 49 waren es 2016/17, höchstens 46 sind es in der aktuellen Saison. Was man allerdings nicht vergessen darf: Pal Dardai sollte Stabilität in den Klub bringen. Die hat er geliefert. Mit Dardai, das hat er bewiesen, wird Hertha so schnell nicht mehr in Abstiegsgefahr geraten. Die Chemie im Verein stimmt, das zeigte auch die hohe Anwesenheit der Profis beim A-Jugend-Halbfinale (4:0) am eigentlich freien Vatertag. Nein, unter Dardai wird bei Hertha niemand hungern. Die Frage ist, ob das auf Dauer und für die Zukunft reicht. Ob man nicht mehr riskieren müsste, um mehr wirtschaftlichen Erfolg zu haben, um dann noch mehr riskieren zu können. Und eben ob Dardai dafür der Richtige ist.

Ahoi-Brause im Wasserglas

Womit wir bei RB Leipzig wären, dem letzten Gegner von Hertha in dieser Saison. Auch dort überlegt man ja gerade nach ein paar Niederlagen auf der Saisonzielgeraden, ob der aktuelle Trainer den im Vergleich zu Berlin viel höheren Ansprüchen genügt. Denn sollte Leipzig das Duell im Olympiastadion verlieren, könnte sich die Europapokal-Qualifikation für das Team von Ralph Hasenhüttl Auflösen wie Ahoi-Brause in einem Wasserglas. Gleichzeitig können die Rasenballer aber auch noch den Sprung in die Champions League schaffen. Ein Alles-oder-Nichts-Spiel also, von der Grundidee dürfte dem Hauptsponsor das gefallen.

Zumal Hertha nach dem endgültig feststehenden Klassenerhalt (der – was man natürlich erst jetzt weiß – schon nach dem 2:1 in Hamburg am 27. Spieltag erreicht war) nicht mehr den Eindruck macht, als hätte die Mannschaft noch Interesse an dieser Saison. Das Spiel in Hannover hatte – wie schon das gegen Augsburg – nichts mehr mit Bundesligafußball zu tun, sondern war ein Auslaufen ohne jegliche Ambition. So etwas liegt allerdings nie nur an der Einstellung, denn natürlich geht niemand auf den Platz, um zu verlieren, sondern auch an den Plänen, die eine Mannschaft mit auf den Platz bekommt und daran wie sie darauf reagiert, wenn einer dieser Pläne nicht funktioniert. In dieser Saison war es häufig so, dass Hertha bei jeglicher Art von Gegenwehr und Abweichung von Plan A sofort in Schockstarre oder Panik ausgebrochen ist. Das Resultat sind mickrige vier Siege in der Rückrunde – zwei weniger als in der Hinrunde, als die Belastung aus der Europa League noch so einen starken Einfluss hatte…

Hertha failed sich durch die letzten Zuckungen

Was auch nicht gerade Mut macht: Seit dem Aufstieg 2013 hat Hertha am letzten Spieltag keines seiner Spiele am letzten Spieltag gewonnen. Im vergangenen Jahr setzte es zu Hause eine 2:6-Klatsche gegen Leverkusen. Zwei Jahre zuvor verlor Hertha im Olympiastadion mit 0:4 gegen den BVB. Dazwischen sicherte Pal Dardai mit einer 1:2-Niederlage in Hoffenheim den Klassenerhalt. Hertha failed sich also eher durch die letzten Zuckungen einer Saison. Dafür, dass sich das am Samstag in einem sehr gut gefüllten Olympiastadion (Mitte der Woche waren bereits 55.000 Karten weg) ändert, spricht eher wenig. Zwar stecken die Leipziger in einer Formkrise, die auch das 4:1 gegen Wolfsburg nicht wirklich kaschieren konnte. Sollten sie aber nur einen Bruchteil des Schwungs aus diesem Spiel mit ins Olympiastadion retten können, sollte das gegen eine in allen Belangen müde Hertha reichen.

Foto: Boris Streubel/Bongarts/Getty Images

Viele Fans freuen sich am Samstag aber ohnehin vor allem auf den Abschied von Julian Schieber, der vom Verein keinerlei Signale bekam, bleiben zu sollen und sich deshalb selbst entschied, sich einen anderen Klub zu suchen. Schieber ist einer dieser Spieler, der es vor allem im direkten Vergleich zu Mitchell Weiser geschafft hat, allein durch seine Art Fußball zu arbeiten, bullig, immer unterwegs, manchmal ein bisschen übermütig, zum Publikumsliebling zu werden, obwohl er nur sehr wenig auf dem Platz stand. Weiser hat immerhin zwei Jahre die rechte Seite von Hertha geprägt, doch das letzte war leistungstechnisch so sehr unter seinem Niveau, dass es schwer fällt, Weiser auch nur eine Träne nachzuweinen. Schieber wäre es dagegen zu wünschen, dass Pal Dardai ihm einen gebührenden Abschied gönnt – und es hat vom Trainer ja auch schon entsprechende Signale gegeben.

Der Coach selbst wird sich nach diesem Spiel hoffentlich einer intensiven Selbstanalyse unterziehen. Natürlich glaubt er daran, dass er Hertha in die Zukunft führen kann, das ist sein Naturell. Und dem Verein hat er intern einen Spirit verliehen, den kein Digitalchef jemals herbeikeutern könnte. Außerdem passt es ja auch wunderbar zu Dardai und seiner Vita, dass die Leute schon wieder anfangen, an ihm zu zweifeln. So war es als Spieler ständig und trotzdem hat er sie bei Hertha alle überlebt. Die Frage wird sein, ob der Trainer Dardai es genauso schafft, wie der Spieler, sich und damit dann auch die Mannschaft weiterzuentwickeln. Die Zukunft gehört Berlin. Ob sie auch Dardai gehört, wird die kommende Saison zeigen.


Zum Schluss noch eine Frage, die mir schon seit Tagen auf der Seele brennt: WTF???

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