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Hertha hat den Kopf für Europa

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Hertha zeigte eine äußerst überzeugende Leistung gegen den SV Darmstadt und steht mit einem Bein in Europa. Die Mannschaft muss in dem bevorstehenden Heimspiel gegen Bayer Leverkusen den Deckel nur noch drauf machen und der Traum ist erreicht. In unserem Kommentar blicken wir noch einmal auf den letzten Sieg zurück und warum er Mut für das finale Saisonspiel machen kann.

 

Hertha gewann völlig verdient in Darmstadt und muss diese drei Punkte am Samstag vergolden. (Photo by Alexander Scheuber/Bongarts/Getty Images)

 

Eins vorweg: in diesem Kommentar wird nicht die Frage beantwortet werden, ob der europäische Wettbewerb gut für Hertha BSC ist, oder ob der Verein möglicherweise wie Freiburg, Augsburgs, Mainz und co. enden könnte. Viel eher wird Europa in diesem Artikel als angegebenes Ziel des Clubs betrachtet. In den kommenden Wochen werden wir uns auch mit diesem Punkt auseinandersetzen, jedoch ist noch vieles (Tabellenplatz, Kader usw.) unklar, sodass es aktuell noch keinen Sinn ergäbe, darüber zu debattieren.

 

Vorbereitung ist alles

Die Begegnung am vergangenen Wochenende war Balsam für das Herthaner Herz. Mit denkbar schlechten Vorzeichen reiste die „alte Dame“ nach Darmstadt an, denn nicht nur, dass man die letzten neun Auswärtspartien in Folge verloren hatte, mit Brooks, Langkamp und Skjelbred fiel zudem die Defensivachse aus.

Doch Dardai überraschte mit seiner Aufstellung: Niklas Stark kehrte unerwartet früh in die Startelf zurück, zudem stand auch Marvin Plattenhardt wieder von Anfang an auf dem Feld. Interessant war außerdem, dass er auf ein 4-4-2 umstellte, also Kalou und Ibisevic als Doppelspitze positionierte und auf einen echten „Zehner“ verzichtete. Valentin Stocker rotierte aus dem Kader heraus und der oft kritisierte Haraguchi kehrte in Startaufgebot zurück. Mit Allan und Darida hatte der Ungar ein spielstarke Doppelsechs aufgestellt. All diese Entscheidungen sollten Früchte tragen.

Mit einer neuen Taktik und einigen neuen Personalien spürte man die Frische, die Hertha über 90 Minuten ausstrahlte, nicht nur Frische, es waren Einsatzwille und Spielfreude zu sehen.

(Photo by Alexander Scheuber/Bongarts/Getty Images)

Es war imponierend, wie jeder Spieler wieder 100% aus sich herausholte. Dies war in den vergangen Wochen eben nicht der Fall, als jedes Spiel eher das Gefühl von „och. müssen wir denn schon wieder spielen?!“ überlieferte. Als die Spieler gehemmt und desorientiert wirkten.

Man kann diese neu gewonnene Lust an Dingen vor und nach dem Spiel festmachen.

Dardai und sein Trainerteam führten unter Woche sehr viele Einzelgespräche, was ungewöhnlich für ihn ist. Er ging mit dem formschwachen und scheinbar abgelenkten Genki Haraguchi Kaffee trinken, machte Niklas Stark bewusst, wie sehr das Team ihn brauchte und Zsolt Petry machte einen langen Spaziergang mit dem zuletzt zweimal patzenden Rune Jarstein. Auch diese Aktionen haben ihren Anteil am Sieg gegen die „Lilien“.

Zudem trafen die Verantwortlichen ungewohnte Aussagen auf der Pressekonferenz vor dem Spiel. Dardai nahm viel Druck heraus und sprach davon, dass ein Punkt in Darmstadt auch in Ordnung wäre. Die Mannschaft müsse nur das spielen, was sie kann und dann schaue man, wie es läuft. Des Weiteren sprach er weitaus mehr über den Gegner, als man es gewohnt ist. Aus dem sonst gewohnten „ich beschäftige mich nicht mit dem Gegner, stellen Sie bitte Fragen zu unserer Mannschaft“ wurde dieses Mal eine Lobeshymne an die Arbeit von Darmstadts Coach Torsten Frings. Damit lenkte er das Licht ganz geschickt auf den Kontrahenten und weg von der eigenen Auswärtsschwäche. Somit nahm er eine große Last von den Schultern der Spieler.

 

Ein Spiel für die Seele

Diese angepasste Vorbereitung auf das Spiel wird sicherlich ihren Anteil an der wiedererstarkten Mannschaft haben. Diese spielte nämlich entfesselt auf, vergleicht man diesen Auftritt mit den vergangenen in der Fremde.

(Photo credit should read DANIEL ROLAND/AFP/Getty Images)

Die Leistungssteigerung begann bereits in der Viererkette. Die Wiederkehrer Niklas Stark und Marvin Plattenhardt waren sich ihrer Aufgabe vollkommen bewusst, der Defensive ihre gewohnte Sicherheit zurückzugeben, die in den letzten Spielen vermisst wurde. Niklas Starks Einsatz ist dabei nicht hoch genug einzuschätzen, schließlich setzte er sich mit diesem Spiel einem großen Risiko aus. Er fehlte beinahe vier Wochen und gab nach nur zwei Trainingseinheiten mit der Mannschaft sein Okay für die Startelf – das hätte schnell in einer erneuten Verletzung enden können. Plattenhardt ließ seine komplette Qualität aufblitzen und auch wenn ihn Torunarigha und Mittelstädt anständig ersetzt hatten, war klar: Der Chef ist zurück. Und der Chef bereitete das 2:0 mustergültig vor.

Diesen Treffer erzielte Jordan Torunarigha, ein 19-jähriger Jungspund, der jede Bundesligaminute mit 100% Einsatz annimmt. In jedem Zweikampf, in jeder Aktion zeigt er, welch ein Geschenk die Bundesliga für ihn ist und dass er alles gibt, weiterhin in diesem Wettbewerb spielen zu dürfen.

Dasselbe gilt für einen Allan, der sich immer besser macht und genauso wie Torunarigha viel befreiter aufspielt, als so manch etablierter Spieler von Hertha. Das ließ sich beispielsweise an seinem Schuss aus 60 Metern erkennen, ein Symbol für die jugendliche Unbekümmertheit, die die Bundesliga schlichtweg als Chance wahrnimmt und keinen so schweren Rucksack, gefüllt mit den Negativerlebnissen vergangener Tage, trägt.

(Photo by DANIEL ROLAND/AFP/Getty Images)

Auch die oft kritisierten Salomon Kalou und Genki Haraguchi zeigten ein komplett neues Gesicht. Beide wirkten weitaus spielfreudiger und fokussierter, als in den vergangenen Wochen. Kalou erzielte das 1:0 in perfekter Stürmermanier und war noch für einen atemberaubenden Fallrückzieher aufgelegt.

Haraguchi zog einen Sprint nach dem anderen und war für den Gegner kaum einzufangen. Auch wenn ihm erneut kein Tor gelang, war seine Darbietung imponierend.

Es sind Schüsse aus 60 Metern, Fallrückzieher, oder auch die Dribblings von Mitchell Weiser, die zeigen, dass der Spaß zurück ist und Hertha den Kopf für Europa hat. Es ist der Einsatz von Niklas Stark und die Zweikampfführung von Jordan Torunarigha, die zeigen, dass der Wille für Europa vollends da ist.

Das Spiel gegen den SV Darmstadt 98 hat überzeugend gezeigt, dass die Mannschaft nun endlich verstanden hat, worum es geht. Kalou und Haraguchi sind aus ihren Formlöchern gekrochen, Plattenhardt und Stark aus dem Lazarett – alle für das gemeinsame Ziel.

Gegen Leverkusen gilt es nun, die gleichen Werte auf den Rasen zu bekommen. Es gilt den gleichen Hunger zu entwickeln, im eigenen Stadion gegen eine Mannschaft, für die es an diesem Spieltag um nichts mehr geht. Hertha BSC muss noch einmal beweisen, dass es dieser Drucksituation standhalten kann und den Kopf für Europa hat. Es ist die Chance, erneut zu zeigen, welch ein Privileg es ist, in solchen Tabellenregionen stattfinden zu dürfen und dass die paradoxe Tristesse im und um den Verein endgültig verschwunden ist.

 

 

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Marc ist Chefredakteur und 20 Jahre alt. Marc über sich selbst: "Ich kann zwar keine Kurvendiskussionen erklären, aber alle Winkelzüge eines 4-2-3-1-Systems. "Irgendwas mit Medien" habe ich mir zum Lebensinhalt gemacht, vielleicht auch, weil ich alles andere nicht kann, aber eben auch, weil ich den Fußball und vor allen Dingen meine alte Dame liebe. Diese Leidenschaft kann ich in meinem Herzensprojekt Hertha BASE 1892 vollends ausleben. Eigentlich ist diese Seite aber nur das Sprungbrett zur Moderation des Sport1-Doppelpass, aber das bleibt unter uns!"

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