Start Allgemein Hertha und Union – aus Freunden wurden Nachbarn

Hertha und Union – aus Freunden wurden Nachbarn

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Wohl kaum ein Wort wird in der Fußball-Berichterstattung derart inflationär benutzt, wie die Bezeichnung „Derby“. Fällt den Journalisten keine spannende Aufmachung für das anstehende Spiel ein, wird eine Partie wie Frankfurt gegen Mainz mal eben kurzerhand zum Derby erklärt. Dass die Grundvoraussetzung im Fußball dafür eigentlich ist, dass es sich bei beiden Teams um Rivalen handeln muss und es nicht genügt, dass die Vereine zufällig in der gleichen Region gegründet wurden, wird dann schnell mal unter den Tisch gekehrt. Immerhin bedarf es für eine solche Rivalität auch einer gemeinsamen Geschichte. Ob es nun, wie im Fall Dortmund und Schalke, der jahrelange sportliche Wettkampf ist, der beide Fanlager immer mehr auseinanderdriften und schließlich zu “Feinden“ werden ließ, oder ob politische Ereignisse die Situation verschärfen. Will man der Rivalität zwischen Hertha und Union auf den Grund gehen, spielt die Politik eine besonders wichtige Rolle. Allerdings anders, als es vielleicht zu erwarten wäre.

Die Mauer trennt auch den Fußball

Die innerdeutsche Spaltung, mit dem Bau der Berliner Mauer als negativen Höhepunkt, hatte nicht nur gesellschaftlich und sozial eklatante Folgen. Auch der Fußball blieb von dieser Maßnahme nicht unberührt. Plötzlich waren sportliche Aufeinandertreffen zwischen Ost-und Westvereinen nicht mehr möglich. Mehr noch:  wer sich nach dem Mauerbau im russisch-besetzten Teil Berlins befand und Fan eines Westvereins war, der musste plötzlich darauf hoffen, dass sein Klub ein Gastspiel im Osten absolvierte. Andernfalls war ein Stadionbesuch außerhalb des Machbaren.

Die Mauer im Berliner Stadtteil Kreuzberg
Zwei Länder – zwei Ligen

Mit der Gründung der Bundesliga hatte Deutschland fortan zwei erstklassige Fußballligen. Zum einen die schon zuvor gegründete DDR-Oberliga und eben die Bundesliga. Aufeinandertreffen zwischen Ost und West waren nur noch im europäischen Wettbewerb möglich. Da jedoch sowohl Hertha als auch Union in ihren jeweiligen Ligen nur selten übermäßig erfolgreich waren, kam es nie zu einer solchen Begegnung der Berliner Klubs. Umso spektakulärer ist es, dass just in dieser Zeit eine Freundschaft zwischen den Anhängern Herthas und Unions entstand.

“Hertha und Union – eine Nation“

Ungeachtet der räumlichen Trennung verfolgten die ostdeutschen Fußballfans sehr intensiv die Bundesliga im Westen. Allein aus Interesse am Westen, der im Zuge der Mauer für den Großteil die unerreichbare Unbekannte blieb, aber auch aus Leidenschaft zum Fußball auf der anderen Seite. So kam es, dass viele Unioner, mindestens in der Sportschau, die Partien von Hertha geschaut haben. Mitte der 70er Jahre wurden dann erste persönliche Kontakte initiiert. Zu Herthas Auswärtsspielen in Ostblockstaaten im Rahmen des UEFA-Cups reisten auch Anhänger der Köpenicker mit. Die Herthaner indes unterstützen Union bei Ligaspielen wie beispielsweise im Jahr 1977, als über 100 Blau-Weiße mit nach Magdeburg reisten. So kam es auch zu gemeinsamen Fangesängen. Aufseiten der Unioner besonders beliebt war der Schlachtruf: „Ha Ho He – Es gibt nur zwei Mannschaften an der Spree, Union und Hertha BSC.“ Diese Parole war mutmaßlich vor allem aus der Abneigung gegenüber dem damaligen Klassenprimus und als “Stasiverein“ ungeliebten BFC Dynamo geboren. Im Olympiastadion hörte man dagegen Gesänge wie: „Wir halten zusammen, wie der Wind und das Meer. Die blau-weiße Hertha und der FC Union.“ Sogar während einer deutsch-deutschen Begegnung Ende der 70er Jahre zwischen Hertha und Dresden konnte man im Olympiastadion “Eisern Union“-Rufe über die Fernsehanstalten hören. Natürlich gingen derlei Vorfälle auch an der Staatssicherheit nicht vorbei. Ebenso wenig, wie die Schlachtrufe von Hertha-Fans am Bahnhof Friedrichstraße, die lautstark „die Mauer muss weg“ forderten. So viel im Übrigen zum weit verbreiteten Irrglauben, Politik habe im Sport nichts zu suchen.

Mit der Einheit kam die Spaltung

Nach dem Fall der Mauer und der Wiedervereinigung von Ost und West folgte im Jahr 1990 auch der fußballerische Schulterschluss Berlins. Die zwei größten Vereine der Stadt – Hertha und Union – trafen sich vor 50.000 Leuten im Olympiastadion zum Wiedervereinigungsspiel. Die Begeisterung war groß und die Freundschaft konnte nun offener denn je zelebriert werden. Doch kaum war der Reiz des Verbotenen weg, bröselte die Freundschaft langsam. Zum Rückspiel in der Alten Försterei fanden sich nur noch knapp 4000 Zuschauer ein. Mit den Jahren war die Beziehung der beiden Lager zunehmend von Gleichgültigkeit geprägt. So richtig erklären kann den Bruch heute keiner. Eine mögliche Erklärung kann der Niedergang des BFC Dynamo und der damit verbundene Verlust eines gemeinsamen Feindes sein. Zudem war man fortan in denselben Ligen, wenngleich auch zumeist in unterschiedlichen Spielklassen, aktiv und buhlte nun fortan beim gleichen Metier um Aufmerksamkeit. Die Stadt aber, allen voran der langjährige Berliner Bürgermeister Klaus Wowereit, machte nie einen Hehl daraus, welchem Berliner Verein sie die Stange hielt und stundete Hertha unter anderem das eine oder andere Mal die Stadionmiete. Da darf es wenig verwundern, dass sich Teile der Unioner Seite benachteiligt fühlten. Spätestens, als mit dem Abstieg Herthas in die zweite Liga auch eine sportliche Rivalität entstand, wurde augenscheinlich, dass es nunmehr nicht nur Gleichgültigkeit, sondern mitunter Feindschaft war, die sich durch beide Fangruppen zog.
Dennoch gibt es heute, auch unter den jüngeren Anhängern, nach wie vor solche, die für beide Vereine Sympathien hegen. Man darf gespannt sein, ob es je wieder zu einer Freundschaft, wie in Zeiten der Teilung, kommen wird.

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Alexander ist Redakteur und 21 Jahre alt. Alexander über sich selbst: "Schon im Alter von fünf Jahren prophezeite mir mein damaliger Coach eine große Karriere - aber nicht als Fußballer. Mit der Torgefahr Arthur Wichniareks zu Berliner Zeiten und der Ausstrahlung von Gabor Kiralys Jogginghose war früh klar, dass ich mich lieber aufs Schreiben denn aufs Kicken fokussieren sollte. Das tu ich, am liebsten über Hertha, der ich seit 2004 treu ergeben bin und mir dafür ebenso lange Hohn und Spott meiner Freunde anhören darf. Aber wenn wir erst Champions League- Sieger sind, bin ich der, der lacht!"

5 KOMMENTARE

  1. Als Nicht-Herthaner stört mich das ewige Widerkäuen der Stadionmietenstundung. Hertha hat das immer im jahr danach zurückgezahlt. Zudem kommt mir die Zeit nach der Wende viel zu kurz. Eine Entfernung der beiden Klubs voneiander erschient mir eher ein Produkt dieses Jahrtausends. Also auch dem Aufkommen der Ultrabewegung geschuldet. Zur Entfremdung trug sicherlich auch bei, dass Herha in Gestalt von Dieter Hoeneß 2004 erst zum Jagen getragen werden musste und erst nach St. Pauli und Ulis Bayern bereit war für ein Benefizspiel. Was Feindbilder insgesamt angeht: Erst musste ja TeBe in den 90ern herhalten, dann Mainz. Erst nah 2004 gab es offenbar keine geeigneten Hassobjekt mehr. da begann dann die Abneigung zu Hertha stärker hervorzutreten,

  2. Guter Artikel. Feindschaft würde ich sagen gab es bei den richtigen Fans nie. Einzig bei einigen Prollos, die die Geschichte nicht kennen. Rivalität dagegen wie richtig geschrieben, ja. Sicher auch wegen der zeitweisen Bevorzugung durch die Landespolitik, aber auch durch die nach der Wende entstehenden Gegensätze: starke Kommerzialisierung bei Hertha, die Vereinnahmung des Namens Berlin und Hauptstadtclub sowie gelebter Größenwahn international spielen zu müssen und die dadurch resultierende immense Verschuldung. Mittlerweile werden die Gegensätze wieder kleiner und beide Seiten haben gegenseitig Respekt und freuen sich über die Erfolge des anderen. Ob es wieder zur offiziellen Freundschaft kommt, ist ungewiss. Positive Rivalität und gegenseitige Wertschätzung anstelle von Feindschaft sind im Vergleich zu anderen Derby Konstellationen aber schon sehr beachtlich. Und auch wenn nicht bei allen, bei Teilen der Fanszenen wird die alte Freundschaft weiter bestehen.

    In diesem Sinne, allet Jute Hertha zum 125.! Schade, dass es kein Freundschaftsspiel zu diesem Anlass gibt. Ein Aufeinandertreffen wird hoffentlich im Bundesligabetrieb nächstes Jahr nachgeholt!

    • Danke dir für diesen Kommentar, du sprichst viele sehr gute Punkte an, die sicherlich zu der heutigen Beziehung der beiden Vereine beigetragen haben. Wir haben uns auch schon für ein Stadtderby und den damit verbundenen Aufstieg Unions ausgesprochen, da es den beiden Vereinen und Berlin sehr gut zu Gesicht stehen würde. Man sieht auch an dem Kampf zwischen Schalke und Dortmund, welches zusätzliches Prestige eine solche Rivalität mit sich bringen kann.

  3. Ein sehr schöner Artikel. Vielen Dank dafür.
    Die zunehmende Abneigung auf Seiten der Fans des 1.FC Union mit einer vermeintlich einseitigen Unterstützung der Politik zugunsten von Hertha BSC festzumachen, halte ich aber für nicht vertretbar. Die gestundete Stadionmiete würde von Hertha stets nachgezahlt. Auch Union wird von der Berliner Politik finanziell unterstützt; zuletzt mit knapp acht Millionen für das Nachwuchszentrum.

    • Danke dir für deinen Einwurf, mit dem du sicherlich nicht Unrecht hast, wobei Hertha schon so ein wenig als Fußballliebling der Stadt galt, besonders unter Klaus Wowereit.

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