Start Allgemein Herthas Bruch mit dem Rückrundenfluch

Herthas Bruch mit dem Rückrundenfluch

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Im Leben und insbesondere im Fußball lässt sich nur wenig voraussagen. Wer hätte zum Beispiel damit gerechnet, dass eine Mannschaft, die sich letztes Jahr noch für Europa qualifiziert hat, plötzlich das schlechteste Team seit Tasmania Berlin wird? Wer konnte damit rechnen, dass ein Team wie Union Berlin auf Platz 4 stehend den nach Punkteschnitt erfolgreichsten Trainer der Vereinshistorie entlässt? Und wer hatte nach dieser über weite Strecken ernüchternden Hinrunde ernsthaft geglaubt, dass Hertha zu zehnt gegen den deutschen Vizemeister gewinnen würde? Allein die aktuelle Spielzeit zeigt also, wie verrückt es in diesem Sport, den wir alle so sehr lieben, zugeht. Überträgt man diese Eigenarten auf die Rückrunde heißt das für Hertha, dass die erneute Qualifikation für Europa durchaus im Bereich des Möglichen liegt. An guten Gründen dafür mangelt es jedenfalls nicht.

Aller schlechten Dinge sind drei?

Die oft bemühte und viel zitierte Bilanz Herthas, seit Pal Dardai das Amt von Jos Luhukay übernommen hat, ist beeindruckend. Im Jahr 1 den Klassenerhalt geschafft, in Jahr 2 auf Platz 7 eingelaufen und in der letzten Saison die langersehnte Qualifikation für den internationalen Wettbewerb erreicht. So schön sich diese Zahlen auch lesen, so sehr muss man darauf hinweisen, dass auch diese Medaille zwei Seiten hat. Denn die Erfolge der letzten beiden Jahre waren jeweils auf eine überaus erfolgreiche Hinrunde gemünzt, auf die eine sehr schlechte Rückrunde folgen sollte. 18 bzw 19 Punkte aus der Rückrunde standen 30 bzw 32 Punkte aus der Hinrunde gegenüber. Nachdem es in der aktuellen Spielzeit 24 Punkte nach 17 Spieltagen sind, würde man mit den Zahlen der letzten beiden Jahre am Saisonende vermutlich im unteren Tabellenmittelfeld einlaufen. Es spricht jedoch einiges dafür, dass Hertha in dieser verrückten Spielzeit eine antizyklische Rückrunde auf das Parkett zaubert.

Die letzten Rückrunden gaben bei Hertha wenig Grund zur Freude. (Photo by Oliver Hardt/Bongarts/Getty Images)
Voller Fokus auf die Liga

Das offensichtlichste Argument ist, dass Hertha sich nach dem Ausscheiden in Pokal und Europa League nun zu 100 Prozent auf die Bundesliga konzentrieren kann. Zwar verlor Hertha nach Begegnungen in der Europa League kein einziges Spiel (1 Sieg, 5 Remis), dennoch bleibt nun viel mehr Zeit, um an taktischen Dingen zu arbeiten, was in der Hinrunde aufgrund der vielen englischen Wochen kaum gegeben war. Dass Hertha in dieser Hinsicht zwischendurch Nachholbedarf gehabt hätte, zeigt ein Blick auf die Defensive. Zwischen dem 5. und 23. November kassierte die Berliner Defensive binnen drei Spielen stolze 10 Gegentore. Das einstige Prunkstück drohte zum Sorgenkind zu werden. Seitdem man sich wieder vollends auf den nationalen Wettbewerb konzentrieren kann, sieht die Bilanz zwar wieder deutlich besser aus. Dass man die 180 Minuten gegen Augsburg und Hannover mit lediglich zwei Gegentoren überstand, lag aber weniger an der eigenen Defensivarbeit als viel mehr im Abschlusspech des Gegners. Es ist also längst nicht alles Gold, was glänzt und dementsprechend viel Luft nach oben.

Turnaround zur rechten Zeit

Auch die generelle Form des Teams von Pal Dardai seit dem vorerst letzten internationalen Spiel zeigt deutlich nach oben. Sieben Punkte aus drei Spielen sprechen eine deutliche Sprache. Während der Punktgewinn in Augsburg noch mit einer gehörigen Portion Glück verbunden war, verdiente man sich die sechs Punkte gegen Hannover und Leipzig. Gegen die Niedersachsen reichte eine überragende erste Halbzeit, während das Spiel gegen RB auf allen Ebenen die wohl beste Saisonleistung war. Nach den eher enttäuschenden Auftritten zuvor gegen Frankfurt und den FCA zeigte man so die einzig richtige Reaktion und legte rechtzeitig vor Ende der Hinrunde eine mehr als solide Basis für die Rückrunde.

Auch die Rückkehr von Vladimir Darida lässt mit Zuversicht auf düe Rückrunde blicken. (Photo by Matthias Kern/Bongarts/Getty Images)
Eingespieltes Team als Erfolgsformel

Wirft man nochmal einen Blick auf die vergangenen Hinrunden, zeigt sich, dass der gemeinsame Nenner der herausragenden Punkteausbeuten stets ein eingespielter Kader war. Aufgrund von Verletzungspech (Niklas Stark und Vladimir Darida fielen beide längere Zeit aus) und vor allem wegen des Zwangs zur Rotation durch die Mehrbelastung war dies in den letzten Wochen nicht möglich. Nun, da Niklas Stark wieder fit ist, Darida zur Rückrunde auch wieder zur Verfügung stehen sollte und die Dreifachbelastung passé ist, spricht vieles dafür, dass sich Dardai wieder eine Achse schaffen wird, die das Grundgerüst für eine erfolgreiche Hinrunde bilden soll. Da Michael Preetz dem Ungarn im Sommer den vielleicht besten Kader der letzten zehn Jahre zusammengestellt hat, kann Dardai dabei aus dem Vollen schöpfen und sich über mangelnde Möglichkeiten nicht beklagen, zumal auch Julian Schieber sein Comeback fest im Blick hat.

Den Tag nicht vor dem Abend loben

In der Theorie klingt das alles so, als würde einer als Hinrunde getarnten Rückrunde nichts im Wege stehen. Allerdings gab es auch in den zurückliegenden zwei Jahren wenig Anlass, an einen derartigen Einbruch, wie Hertha ihn jeweils erlebte, zu glauben. Dennoch sind die Vorzeichen dank der angestiegenen Qualität im Kader und der Tatsache, dass auch Dardai hinzugelernt hat, durchaus positiv. Dennoch gilt: Im Leben und insbesondere im Fußball lässt sich nur wenig voraussagen.

Wie blickt ihr der Rückrunde entgegen? Kann Hertha endlich eine erfolgreiche zweite Saisonhälfte absolvieren oder setzt sich der Trend der letzten beiden Jahre fort?

 

*Titelbild: (Photo by Boris Streubel/Bongarts/Getty Images)

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Alexander ist Redakteur und 22 Jahre alt. Alexander über sich selbst: "Schon im Alter von fünf Jahren prophezeite mir mein damaliger Coach eine große Karriere - aber nicht als Fußballer. Mit der Torgefahr Arthur Wichniareks zu Berliner Zeiten und der Ausstrahlung von Gabor Kiralys Jogginghose war früh klar, dass ich mich lieber aufs Schreiben denn aufs Kicken fokussieren sollte. Das tu ich, am liebsten über Hertha, der ich seit 2004 treu ergeben bin und mir dafür ebenso lange Hohn und Spott meiner Freunde anhören darf. Aber wenn wir erst Champions League- Sieger sind, bin ich der, der lacht!"

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