Start Allgemein Herthas Offensivproblem: Eine Ursachenforschung

Herthas Offensivproblem: Eine Ursachenforschung

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Neues Jahr, altes Leid. Wie schon in den Vorjahren grassiert über Berlin eine große schwarze Wolke, die den Namen “Rückrunde“ trägt. Neben der mageren Punkteausbeute bringt sie auch Offensivprobleme. In den drei Partien des neuen Jahres erzielte Hertha erst ein Tor. Wir zeigen, warum Hertha im Angriffsspiel derzeit zu selten das volle Potenzial abruft.

Dardais Pragmatismus

Pal Dardai ist Pragmatiker. Schon als Spieler war er niemand, der dafür bekannt war, Übersteiger und Tänzchen auf den Rasen zu legen. Für ihn standen immer das Gewinnbringende und der Erfolg der Mannschaft im Vordergrund. Fußball ist für den Ungarn vor allem Arbeit und nicht Ästhetik. Von Tag Eins an verfolgte er diese Philosophie auch als Cheftrainer bei Hertha und sollte damit Erfolg haben. Nachdem er seinen Verein dank Mauertaktik und einem in dieser Phase herausragenden Valentin Stocker zum Klassenerhalt führte, sagte er der Morgenpost: „In dieser Mannschaft fehlten Teamgeist, Kondition und Führungsspieler. Es war eigentlich keine Mannschaft. Wir mussten einfach diese paar Spiele überleben“. Soll heißen: Es war ihm egal, ob die Berliner mit ihrem Fußball einen Schönheitspreis gewinnen, solange am Ende der Nichtabstieg steht. Erfolg durch Arbeit statt Ästhetik. In Anbetracht der gravierenden Situation ein durchaus nachvollziehbarer Ansatz. Bei all der Erleichterung über den Verbleib in Liga Eins stellte sich dennoch so manchem die Frage, wie der langfristige Plan lauten solle. Denn dass man mit dieser Art Fußball weder Zuschauer lockt noch eine nachhaltige Identität schafft, worauf der Verein dieser Tage ja so viel Wert legt, dürfte jedem klar sein. Dennoch sprach Geschäftsführer Michael Preetz seinem ehemaligen Mitspieler Dardai das Vertrauen aus, Hertha auf den richtigen Weg zu führen. Preetz, der nach zwei Abstiegen und vielen fragwürdigen Trainer-Entscheidungen einen dritten Abstieg wohl nicht überlebt hätte, stand damals selbst gehörig unter Druck. Die Patrone Dardai war vielleicht Preetz‘ letzte. Und sie traf zu seinem Glück voll ins Ziel.

Dardai führte das Team aus der Abstiegszone in die Europa League. (Photo by Boris Streubel/Bongarts/Getty Images)
Herthas Spielweise eine „Offenbarung“

Im folgenden Sommer – wir sprechen von der Saison 2015/2016 – leistete das Gespann Dardai-Widmayer-Preetz herausragende Arbeit. Dem Trainerteam gelang es, die Mannschaft fit zu bekommen und sie wieder zu einer Einheit zu formen, die an die eigenen Stärken glaubt. Der Motivator Dardai war an dieser Stelle mit dem Taktikfuchs Widmayer, der schon unter Babbel bei Hertha als Co-Trainer arbeitete, genau der richtige Mann. Parallel dazu legte Preetz die vielleicht beste Transferphase seiner Managerkarriere hin. In Niklas Stark und Mitchell Weiser angelte sich “Der Lange“ zwei der talentiertesten deutschen Spieler, setzte sich gegen Konkurrenten wie Schalke und Leverkusen durch. In Vladimir Darida kam ein Mann für das zentrale Mittelfeld, der perfekt ins Anforderungsprofil von Dardai passt. Laufstark, mannschaftsdienlich und immer zu 110% zuverlässig. Was dem Team jedoch noch fehlte, war ein eiskalter Torjäger. Kurz vor Ende der Transferphase staunten viele nicht schlecht, als plötzlich Vedad Ibisevic mit der „Fahne Pur“ da stand. Alle Transfers sollten einschlagen und Hertha zu einer phänomenalen Hinrunde verhelfen, an deren Ende der dritte Platz stehen sollte. Dabei überraschte nicht nur der Erfolg, sondern auch die Art und Weise, wie er erreicht wurde. Hertha agierte ballsicher, selbstbewusst und mit Zug zum Tor. Zwar war man nach wie vor kein Team, das ein offensives Feuerwerk abbrannte. Tatsächlich war man damals schon eines der Teams, das die wenigsten Torschüsse für einen Treffer benötigte. Aber wenn sich Hertha ins Angriffsspiel einschaltete, war das Ergebnis in den meisten Fällen mehr als ansehnlich und erfolgreich. Im Oktober sprach eine ZDF-Kommentatorin im Sportstudio von Hertha als „spielerische Offenbarung“ – und das war ausdrücklich positiv gemeint, schließlich schlug man im besagten Spiel den HSV mit 3:0. Zur Winterpause schien es so, als könnte Hertha die ganz dicke Überraschung der Saison werden.

Der Rückrundenfluch
Seit zwei Jahren bricht Hertha in der Rückrunde stets ein. (Photo by Stuart Franklin/Bongarts/Getty Images)

Das Ende ist bekannt. In der Rückrunde wirkte Hertha wie ausgewechselt. Man startete schwach ins neue Jahr und beendete es noch schwächer. Gerade einmal vier Siege sollten in der zweiten Saisonhälfte noch eingefahren werden. Von der Zielstrebigkeit der ersten 17 Spiele war nur noch äußerst selten etwas zu sehen, sodass Hertha vom dritten auf den siebten Rang abrutschte und schlussendlich das internationale Geschäft verpasste.
Die nächste Saison war ein Spiegelbild des Vorjahres. Einer punktemäßig fast genauso erfolgreicheren Hinrunde folgte erneut eine unterirdische Rückrunde. Hier kam der spielerische Einbruch schon am 11. Spieltag, konnte jedoch zunächst noch durch gute Ergebnisse kaschiert werden. Oftmals wurde die Verletzung Mitchell Weisers als Ursache des kreativen Defizits angeführt, doch auch nach dessen Rückkehr war keine Besserung in Sicht, sodass Hertha erneut Tabellenplätze einbüßte und sich am Ende glücklich schätzen konnte, dass das schlechter platzierte Frankfurt Herthas Startplatz nicht durch den DFB-Pokalsieg wegnahm.

Hertha fehlt ein Ronny
Davie Selke hat Kapitän Ibisevic mittlerweile auf die Bank verdrängt. (Photo by Boris Streubel/Bongarts/Getty Images )

Der gemeinsame Nenner in beiden Saisons war, dass Hertha niemanden hatte, der im Mittelfeldzentrum für die unerwarteten Momente zuständig war. War Herthas System einmal entschlüsselt, fiel es den Berlinern in der Vergangenheit schwer, Überraschungsmomente zu kreieren. Einzig Mitchell Weiser konnte diese Fähigkeit zugeschrieben werden und dieser ist auf seiner Position primär mit anderen Aufgaben bedacht. Ondrej Duda sollte die Lösung sein. Auf dem Spielmacher, der in der kompletten Vorsaison verletzungsbedingt keine Rolle spielte, ruhten die Hoffnungen. Er sollte das werden, was Ronny im Aufstiegsjahr war. Und tatsächlich waren die Ansätze vielversprechend, doch mangelnde Trainingsleistungen sowie Fitnessprobleme sollten den Slowaken schnell wieder ins vorzeitige Aus katapultieren. Dardai versuchte das Problem der Harmlosigkeit zu lösen, indem er zwischenzeitlich auf zwei Spitzen setzte. Gegen Gladbach funktionierte das nach vorne gut, allerdings fing man sich gleichzeitig vier Gegentore. Nachdem gegen Augsburg und Frankfurt trotz der Doppelspitze offensive Durchschlagskraft fehlte, löste Dardai das Experiment mit zwei Stürmern auf und setzte auf Davie Selke als alleinigen Stürmer.

Herthas Problem der Abhängigkeit
Ohne die Treffer von Selke und Kalou ist Hertha zu harmlos. (Photo by Boris Streubel/Bongarts/Getty Images )

Inzwischen hat Duda zwar wieder seinen Platz in die Startelf gefunden und Hertha damit wieder einen kreativen Zehner, mehr Tore gehen damit bislang aber noch nicht einher. Hertha ist, was das Toreschießen angeht, zu abhängig von wenigen Faktoren. In der Hinrunde war man das standardstärkste Team der Liga. 14 der insgesamt 26 Treffer aus der ersten Saisonhälfte fielen nach Standards. Wirft man zudem einen Blick auf die letzten Tore Herthas, wird noch eine andere Abhängigkeit deutlich. Treffen Davie Selke und Salomon Kalou nicht, wird es für Hertha trist. In den letzten sieben Partien traf in Jordan Torunarigha nur ein einziges Mal ein Spieler, der nicht die Rückennummer 8 oder 27 trägt. Gerade im Fall von Kalou, der sich immer schwerer ins Spiel einbinden lässt, ist diese Bilanz ein Problem.

Hat Hertha ein Taktik- oder ein Motivationsproblem?
Mit Maier, Lazaro und Duda hat Hertha so viel Kreativität, wie lange nicht mehr. (Photo by Matthias Hangst/Bongarts/Getty Images)

Nun ist es keineswegs so, als würde sich Hertha 90 Minuten lang hinten einigeln. Gegen den VfB war Hertha das eindeutig bessere Team und hatte Pech, dass Kalou frei vor dem Tor verzog und Lazaro nur den Pfosten traf. Auch gegen Bremen hat man in der Schlussphase, insbesondere in Person von Lazaro, der in diesen Tagen ein Lichtblick im Berliner Angriff ist, gesehen, dass die Mannschaft offensiv Potenzial hat. Allein blitzt es zu selten auf. Dardai hatte im Vorfeld des Spiels gegen Bremen gesagt, er erwarte ein „richtiges Kampfspiel“. Gemeint waren in seiner Aussage beide Teams, letzten Endes traf es aber nur auf seine Mannschaft zu. Denn während Werder ballsicher und mit dem Blick klar Richtung Thomas Kraft agierte, beschränkte sich Hertha bis auf ein paar Minuten in der Schlussphase auf die Defensivarbeit.
Dabei wäre mit diesem Kader so viel mehr möglich. Mit Lazaro, Duda und Arne Maier hat Hertha eigentlich kreatives Material im Überfluss. Dazu mit Davie Selke einen Stürmer, der, wenn er entsprechend gefüttert wird, das Potenzial für mindestens 15 Tore pro Saison hat. Doch stattdessen scheut sich Hertha in vielen Spielen, sein Heil in der Offensive zu suchen. Dabei kann es die Mannschaft, was unter anderem die Leistung gegen Dortmund zeigte. Doch solche Spiele zeigt Hertha auch meist nur dann, wenn der Gegner ein entsprechendes Niveau hat. Gegen Leverkusen, Bayern, Dortmund und Leipzig zeigte Hertha seine besten Leistungen, holte aus den vier Spielen beeindruckende acht Zähler und erzielte addiert acht Tore. Doch sobald Hertha auf Gegner trifft, die das gleiche Niveau haben oder die man vom Selbstverständnis her schlagen müsste, wirkt es so, als wäre Hertha nicht gewillt, das Spiel zu gestalten. Schlimmer noch: Wenn sich Hertha dann doch wie gegen Hannover und Frankfurt aufrafft, von Beginn an Druck auf das gegnerische Gehäuse zu machen, stellt Dardais Team nach der Führung das Fußballspielen urplötzlich ein und lässt den Gegner kommen. Sicherlich spielt dabei auch die Tatsache, dass es sich hierbei noch um eine sehr junge Mannschaft handelt, keine ganz unwichtige Rolle.

Es kommen also eine ganze Menge Faktoren zusammen, an denen Hertha in den nächsten Wochen arbeiten muss. Immerhin hat Dardai das Problem erkannt.  So bezeichnete er seine Mannschaft als „blockiert“ und „verkrampft“ und monierte zudem die Inkonstanz des Teams. Schafft es Herthas Cheftrainer in den nächsten Wochen, diese Probleme nicht nur zu erkennen, sondern auch zu beheben, ist mit diesem Kader viel mehr möglich, als es die aktuelle Tabelle ausweist. Denn die Qualität ist allemal vorhanden.

*Titelbild: (Photo by Stuart Franklin/Bongarts/Getty Images)

 

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Alexander ist Redakteur und 22 Jahre alt. Alexander über sich selbst: "Schon im Alter von fünf Jahren prophezeite mir mein damaliger Coach eine große Karriere - aber nicht als Fußballer. Mit der Torgefahr Arthur Wichniareks zu Berliner Zeiten und der Ausstrahlung von Gabor Kiralys Jogginghose war früh klar, dass ich mich lieber aufs Schreiben denn aufs Kicken fokussieren sollte. Das tu ich, am liebsten über Hertha, der ich seit 2004 treu ergeben bin und mir dafür ebenso lange Hohn und Spott meiner Freunde anhören darf. Aber wenn wir erst Champions League- Sieger sind, bin ich der, der lacht!"

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