Start National DFB Pokal Kopf hoch! – Ein Kommentar zum Spiel gegen den BVB

Kopf hoch! – Ein Kommentar zum Spiel gegen den BVB

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Keuchend riss ich die Zimmertür meines Mitbewohners auf, warf all meine Sachen in zufällige Ecken und pflanzte ich mich neben ihn, um das Pokalspiel zwischen meiner alten Dame und Borussia Dortmund zu sehen. Vorangegangen war eine Fernbusfahrt von Berlin nach Greifswald, der Stadt, in der ich studiere. Ich sollte um 19.20 Uhr in der Weltmetropole nahe der Ostsee ankommen, jedoch verlängerten Autobahn-Sperrungen und eine Pause des Busfahrers meine Fahrt um eineinhalb Stunden, wodurch klar war, dass ich den Anpfiff nicht erleben werde. Ich hätte gerne etwas im Bus kaputtgemacht, ich war sauer. In Greifswald angekommen, musste ich mit zwei Taschen bepackt zu meiner Wohnung „rennen“, alles für das eine Spiel. Insgesamt verpasste ich die ersten acht Minuten der Partie, erlebte eine nervenaufreibende Pokalschlacht und deren enttäuschendes Finale.

Nach einer Nacht, in der ich mich in meinem Bett zusammenrollte und unter Tränen James Blunt hörte, fühle ich mich nun in der Lage, wirklich aufmunternde Worte für das Pokal-Aus in Dortmund zu finden. So bitter es ist, durch ein Elfmeterschießen auszuscheiden, besonders gegen solch einen großen Verein wie den BVB, so stolzer bin ich auf diese Mannschaft.

Die Vorzeichen für diese Begegnung waren denkbar schlecht: Hertha startete nach der Winterpause (beinahe gewohnt) schwach, verlor zwei Spiele und konnte auch beim Sieg gegen den FC Ingolstadt nicht sonderlich überzeugen. Die Stimmung der Fans war dementsprechend schlecht und die Erwartungen für dieses Spiel am Siedepunkt. Auch auf unserer Seite konnte man Kommentare lesen, die eine deutliche Niederlage voraussagten.  Dortmund gewann hingegen zwei ihrer drei Spiele nach der Pause, inbesondere die Leistung gegen RB Leipzig war respekteinflössend. Es trafen, ungeachtet dessen, dass die Qualität auch ungleich ist, zwei Mannschaften mit grundverschiedenen Voraussetzungen aufeinander.

Was der geneigte Hertha-Fan jedoch in den gestrigen 120 bis 130 Minuten erlebte, spiegelt keinesfalls die Erwartungen wieder! Wir erlebten eine unglaublich leidenschaftliche, selbstbewusste und spielfreudige Mannschaft!

Diese 120 Minuten zeigten, dass Hertha nicht nach Dortmund fuhr, um nur die Wimpel auszutauschen und  zu hoffen, nicht allzu sehr blamiert zu werden. Diese 120 Minuten zeigten, dass Pal Dardai seiner Elf einen klaren Plan an die Hände gab, den sie konsequent umsetzte und dafür alles reinwarf, was die Beine hergaben.

(Photo by Maja Hitij/Bongarts/Getty Images )

 

Es wäre nicht zielführend, die Ereignisse der Partie noch einmal aufzuzählen, denn es geht um den gesamten Auftritt. Von Anfang an motiviert, erspielte man sich zunächst einige sehr gefährliche Chancen und erzielte einen nicht unverdienten Führungstreffer. Man spielte mit! Etwas, dass viele dem Team nicht zugetraut hatten. Danach wurde Dortmund immer stärker und schnürte die Mannschaft immer mehr in die eigene Hälfte, zeigte seine Klasse und glich völlig verdient aus.

So weit so gut.

Kommen wir zu meiner Lobeshymne: Ich bin unfassbar stolz auf diese Mannschaft! Ich bin stolz auf einen einmal mehr überragenden Rune Jarstein, der Aubameyang zur Verzweiflung brachte (nicht das erste Mal) und die Null solange hielt, wie es irgendwie möglich war. Ich bin stolz auf einen John Brooks, der während der Partie auf ein immer höheres Niveau stieg und endlich seine 100% abrief. Ich bin stolz auf unsere Doppelsechs aus Per Skjelbred und Niklas Stark (Vorlagengeber zum 1:0), die unvergleichlich selbstlos spielte, Löcher stopfte, den BVB-Spielern auf den Füßen stand und sich schlichtweg für diese Mannschaft opferte. Vor allen Dingen bin ich aber stolz auf Maxi Mittelstädt, der vor solche einer Kulisse die Brust rausstreckte, sich nicht versteckte und als absolut vollwertiges Mitglied der Berliner Abwehr anzusehen war. Ich könnte ewig weitermachen, jedoch war es letztendlich die gesamte Mannschaft, die diesen besonderen Abend ermöglichte.

(Photo by Maja Hitij/Bongarts/Getty Images )

Bitte glaubt nicht, dass ich vergesse, dass wir diese Partie so lange überlebten, weil Dortmund seine Chancen nicht nutze. Es ist mir bewusst, jedoch brauchst du an solch einem Tag nun einmal einen herausragenden Torhüter, eine geschlossene Mannschaftsleistung, die nötige Effizienz und einen Top-Gegner, der nicht sein komplettes Potenzial abruft. Hertha hätte ohne diese Faktoren, wenn es nur um die Kader-Qualität ginge, keine Chance gegen eine Weltklasse-Mannschaft wie Dortmund. Doch Qualität kann zu einem gewissen Maß durch Kampf ausgeglichen werden und den lieferten die Spieler in blau-weiß allemal! Wir spielten dreckig, leidenschaftlich, selbstlos und bewegten uns stets an der Grenze des Erlaubten und genau so muss es sein. Die vielen gelben Karten sind ein Ausdruck von Hilflosigkeit gegen die pfeilschnellen und technisch blitzsauberen Dembele, Reus, Aubameyang, Pulisic und co., aber eben auch der Ausdruck davon, dass Hertha von Minute eins an präsent war, nichts verloren gab und nichts unversucht ließ, um das Ziel zu erreichen. Stark, Skjelbred und all die anderen Kämpfer haben vielleicht nicht die Klasse Dortmunds, jedoch haben sie den Gegenspieler eindeutig Respekt eingeflößt und gezeigt, dass sie an diesem Tag keinen Spaß haben werden. Wir waren eklig und haben Dortmund imponierend die Stirn geboten.

(Photo by SASCHA SCHUERMANN/AFP/Getty Images)

 

Wenn ich sehe, wie einem Sami Allagui, der wahrlich keine leichte Zeit hat, bei jedem gewonnen Zweikampf und jeder verpassten Chance Dortmunds Steine in einer Kilogrammanzahl Ronnys runterfallen, dann geht mir das Herz auf! An diesem Tag kämpfte die Mannschaft auf dem Rasen und von der Bank aus. Julian Schieber erlebte einen bitteren Moment, als er ein- und später wieder ausgewechselt wurde. Doch man hörte kein Gemecker von ihm, er akzeptierte Dardai Entscheidung für das große Ganze.

Hertha BSC hat sich gestern sehr teuer verkauft, den Zuschauen auf ARD und Sky bewiesen, dass man an einem Top-Tag Mannschaften wie Dortmund alles abverlangen kann. Man lief, biss, kämpfte und schoss sich auf ein unfassbares Level, das viele nicht für möglich hielten.

 

 

 

 

„Schmerz ist vergänglich, was bleibt, ist der Stolz“

 

Ich weiß, dass dieser Text vor Emotionen und Pathos trieft, genau wie der gestrige Auftritt der Mannschaft. Ich schreibe sonst die objektiven Einzelkritiken, in denen ich kühl die Leistungen anhand von Spieleindrücken und Zahlen bewerte, doch in diesen Zeilen möchte ich einfach nur meinen Gefühlen freien Lauf lassen.

(Photo by SASCHA SCHUERMANN/AFP/Getty Images)

Ich habe gestern gestrahlt, gezittert und saß am Ende mit großer Leere vor dem Fernseher – Danke dafür, Jungs! Die Spiele nach der Winterpause liefen denkbar schlecht, enttäuschten teilweise auf ganzer Linie und ließen mich immer wieder mit großer Ratlosigkeit zurück. Doch nicht das Spiel vom 8.2.2017!

Ja, diese Niederlage tut weh, man war unglaublich nahe an der Sensation dran und belohnte sich nicht für 120 Minuten herzhaften Kampf.

Dennoch kann man viel aus diesem Spiel mitnehmen. Man zeigte, was für eine unzerreißbare Einheit man ist und was man ermöglichen kann, wenn man alles aus sich herausholt. Diesen Biss hatte man gegen Leverkusen, Freiburg und Ingolstadt vermissen lassen – er ist noch da!

Kopf hoch, Jungs! Das war ganz groß!

 

 

 

 

Titelbild-Quelle (Photo by Maja Hitij/Bongarts/Getty Images)

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Marc ist Chefredakteur und 20 Jahre alt. Marc über sich selbst: "Ich kann zwar keine Kurvendiskussionen erklären, aber alle Winkelzüge eines 4-2-3-1-Systems. "Irgendwas mit Medien" habe ich mir zum Lebensinhalt gemacht, vielleicht auch, weil ich alles andere nicht kann, aber eben auch, weil ich den Fußball und vor allen Dingen meine alte Dame liebe. Diese Leidenschaft kann ich in meinem Herzensprojekt Hertha BASE 1892 vollends ausleben. Eigentlich ist diese Seite aber nur das Sprungbrett zur Moderation des Sport1-Doppelpass, aber das bleibt unter uns!"

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