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Pal Dardai – Mehr Hertha geht nicht

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Hertha BSC wurde am 25. Juli 125 Jahre alt, genau 20 davon wird die „alte Dame“ bereits von einem Menschen begleitet, der ihr als Spieler und Trainer schon so viel gegeben und wohl noch lange nicht genug hat. Pal Dardai ist sowohl Herz, als auch Gesicht dieses Vereins und soll anlässlich der Herthaner Jubiläumswoche geehrt werden.

Ich bin’s nur, der Pal! (Photo credit should read TOBIAS SCHWARZ/AFP/Getty Images)

 

Dabei wäre ihm das wohl gar nicht recht. Er mache doch nur seinen Job und einem Bauarbeiter würde ja auch nicht applaudiert werden – solche Antwort bekäme man wohl, nachdem er die folgende Huldigung gelesen hätte. Denn das ist Pal Dardai – bodenständig. Eitelkeit kennt er nicht.

 

Seine Anfänge

 

So war das bereits als Spieler. Neben all den extrovertierten Ballkünstlern Südamerikas im Team war er stets jemand, der sich zurückhielt und einfach seiner Arbeit nachging. Ohne großes Aufmucken in den Medien, ohne unbedingtes Ausschöpfen der Möglichkeiten, die eine Stadt wie Berlin zu bieten hat, egal wie unprofessionell sie für einen Fußballprofi vielleicht seien. Durchzechte Partynächte, verrückte Frisuren oder das Schwänzen von Trainingseinheiten hätte ihm nicht fremder sein können.

(Photo by Lutz Bongarts/Bongarts/Getty Images)

Dardai stand auf und neben dem Feld für Verlässlichkeit und unbedingte Disziplin. Er räumte für die Marcelinhos, Gilbertos und Bastürks auf, brachte den nötigen Kampf in die Partie und zeigte Attribute, die dieser Mannschaft voller Diven und Schönwetterfußballern sonst gefehlt hätten.

Und genau diese Eigenschaften ließen ihn all diese Spieler und verschiedene Phasen von Hertha BSC überleben. Diese Eigenschaften sind der Grund für die Rekordanzahl von 297 Spielen für die „alte Dame“. Dardai durchlebte Herthas glanzvolle Jahre in der Champions League, den stetigen Rutsch ins Mittelmaß, die Fast-Meisterschaft 2009 und den darauffolgenden Abstieg. Und immer war er ein essenzieller Teil der Mannschaft, des Vereins, der blau-weißen Geschichte. Eben weil er zeitlose Eigenschaften in sich vereint. Auf dem Feld zeichneten ihn selbstloser Einsatzwille, eine große Lauf- und Zweikampfstärke, aber auch ein herausragendes taktisches Verständnis für Räume und Laufwege aus. Dadurch kam nahezu kein Trainer an ihm vorbei, obwohl sein Stil so oft als „überholt“ galt.

(Photo by Matthias Kern/Bongarts/Getty Images)

So schien es eigentlich ausgeschlossen, dass Pal Dardai jemals aufhören könnte, doch irgendwann einmal trifft das unausweichliche Karriereende jeden Fußballer, auch den scheinbar ewigen. Bei dem Ungar war es der 15. Mai 2011. Nach 15 Jahren als Hertha-Spieler war die Zeit gekommen, die Fußballschuhe an den Nagel zu hängen.

Diese und die Zahl seiner Spiele für diesen Verein hätte wohl niemand für möglich gehalten, als er 1997 als unbekannter Jugendspieler nach Berlin kam. Auch er selbst nicht, so sagte er einmal in einem Spox-Interview: „Ich dachte mir, ich mache es wie viele andere Ausländer auch: Eine Weile bleiben, gutes Geld verdienen und dann wieder ab nach Hause. Mir war dabei nicht klar, dass Berlin nicht irgendeine Stadt in Deutschland ist. Ich habe schnell gesehen, dass mein Leben hier gut ist, der Verein ist gut, die Trainingsbedingungen sind gut. Wohin hätte ich denn gehen sollen? Alle vier, fünf Jahre wurde unser Kabinentrakt renoviert, das war für mich wie ein Vereinswechsel.“

Es sollte nicht seine letzte Kabinenrenovierung in Berlin bleiben. Es sollte nicht das Ende seiner blau-weißen Zeit sein.

 

Eine Ära prägen

 

„Eins ist sicher: Ich werde bis zum Tod dafür arbeiten, dass wir uns frühzeitig sichern, damit unsere Fans nicht zittern müssen. Ich werde alles dafür geben, die Dinge so schnell wie möglich zu stabilisieren“, so äußerste sich Pal Dardai bei seinem Amtsantritt am 5.2.2015. Hertha BSC hatte gerade Jos Luhukay entlassen, steckte tief im Abstiegskampf und stellte ihn überraschend als Lösung für diese große Aufgabe vor.

Zweieinhalb Jahre ist aus der Interims- eine Traumlösung geworden. Pal Dardai ist immer noch Trainer bei Hertha BSC und ja, er hat die Dinge stabilisiert – und wie!

(Photo by Alexander Scheuber/Bongarts/Getty Images)

Was seit seiner Amtsübernahme mit diesem Verein passiert ist, hätte sich wohl keiner ausmalen können. Hertha hielt in seiner ersten Saison die Klasse, um sich in den beiden Jahren darauf für den europäischen Wettbewerb zu qualifizieren.

Doch nicht nur das, Hertha besitzt wieder eine klare Philosophie, sei es der Spielstil, oder die Einkaufs- und Personalpolitik. Der Verein hat wieder Galionsfiguren, die Hertha verkörpern: Mitchell Weiser, Niklas Stark oder Marvin Plattenhardt – Spieler, die Dardai formte.

Hertha spielt einen klar wiedererkennbaren Fußball, fördert junge Spieler und vor allen Dingen die Eigengewächse, wie Torunarigha oder Mittelstädt. Der Kader und Taktik wird sukzessive verbessert, so auch die Trainings- und Methoden. Dardai bringt diesen Verein mit seinem Team in einer Weise voran, die es seit vielen Jahren nicht mehr gab.

Und all das in einer Bescheidenheit und Klarheit, die ihresgleichen sucht. Dardai brüstet sich nicht mit seinen Erfolgen, er sucht sie nur durchgängig. Dabei agiert er ehrlich, fair und direkt: Bringt ein Spieler keine Leistung oder Motivation, ist er raus. Zieht er mit und zeigt, dass er sich verbessern will, ist Dardai der letzte im Verein, der ihn hängen lassen wird. Dadurch verließen schon viele Spieler den Verein, doch die Folge war, dass er ein Team geformt hat, das diesen Namen verdient. Eine Mannschaft, die Teamgeist, Professionalität und Erfolgshunger versprüht und somit Mannschaften wie Wolfsburg, Mönchengladbach, Leverkusen oder Schalke in den letzten Jahren hinter sich ließ.

Dadurch ist auch noch lange kein Ende der Dardai-Ära zu sehen, die es höchstwahrscheinlich werden wird. Hertha verbessert sich dank eines klaren Konzeptes von Jahr zu Jahr, was ohne Dardai in dieser Weise kaum möglich wäre.

 

Dardai lebt Hertha aber nicht Berlin

 

Doch warum ist das Verhältnis von Hertha und Dardai so fruchtbar? Das lässt sich an seinen einzigartigen Charaktereigenschaften festmachen.

„Ich muss sagen, ich bin sehr wenig in der Stadt unterwegs, ich brauche den Trubel nicht. Mir ist die Stadt zu voll, zu viele Leute, zu viele Autos. Ich bin lieber in meinem Haus samt Garten. Da habe ich alles, was ich brauche: meine Familie, nette Nachbarn, meinen kleinen Weinkeller“, sagt er in einem Interview mit der Berliner Zeitung.

(Photo by TOBIAS SCHWARZ/AFP/Getty Images)

Das verrät viel über sein Wesen, das diesem Club so gut tut. Für Dardai gibt es in Berlin nur Hertha, dem widmet er seine volle Aufmerksamkeit und Leidenschaft. Dadurch ist er im Verein omnipräsent, kümmert sich um sein Profi-Team, erarbeitete aber mit Ante Covic ein einheitliches Konzept für die Jugendförderung und mit Michael Preetz eine klare Einkaufsstrategie, um den eingeschlagenen Spielstil immer weiter zu fördern und variantenreicher zu gestalten.

So herrscht gerade der feuchte Traum eines Fußballliebhabers: Mit Preetz, Herthas Rekordtorschützen und Dardai, der Rekordspieler leiten zwei absolute Vereinslegenden die erfolgreichste Phase der letzten Jahren ein.

Darüber hinaus brachte Dardai die Fans hinter sich und das nicht nur aufgrund seiner Spielerhistorie. Es ist seine bereits oft erwähnte Bodenständigkeit, die ihn so sympathisch macht. Der Vereinsanhänger weiß zu jeder Sekunde, dass Dardai alles für Hertha BSC gibt und wie kein anderer mit der „alten Dame“ verbunden ist. So waren seine Worte zum Amtsantritt keine Floskeln, sondern Aussagen, die seine Liebe zu Hertha ausdrückten und wie nahe er sich den Fans fühlt. Auch ihm tat es damals weh, Hertha in solch einer Situation zu sehen.

Zudem macht ihn seine so menschliche Art so greifbar. Wenn er vom „Bayern-Bonus“ spricht, nachdem dieser noch den Ausgleich gegen seine Mannschaft schoss, dann ist das vielleicht ungeschickt, spricht aber eben auch dafür, dass noch sehr viel Spieler und Fan in ihm steckt, dass vom mittlerweile so kalten und aalglatten Profi-Geschäft immer häufiger unterbunden wird. Wenn er einen Journalisten auf einer Pressekonferenz zusammenfaltet, weil er einen Spieler von ihm kritisiert hat, dann könnte man das zwar eleganter lösen, jedoch spricht es eben auch für seinen ausgeprägten Beschützerinstinkt, weil er sich zu jedem Zeitpunkt vor seine Mannschaft stellen will. Es sind schließlich „seine Jungs“ und viele von ihnen noch „Babys“ – eben Teil seiner großen Hertha-Familie, für die er alles gibt.

Und sollte seine hoffentlich immer währende Profi-Trainerkarriere bei Hertha BSC doch irgendwann ihr Ende finden, so geht er eben einen Schritt zurück und arbeitet wieder im Jugendbereich.

„Niemand glaubt mir das, aber genau so wird es sein! Ich kenne den Verein und diese Kabine seit gefühlt hundert Jahren. Wenn man mir bei Hertha sagt, es geht nicht mehr – ob das in sechs Wochen ist oder in sechs Jahren –, dann sage ich: Dankeschön, und alles ist gut. Ich gehe im Kabinentrakt einfach eine Etage höher. Mein Schreibtisch steht immer noch in der Nachwuchsabteilung.“

Pal Dardai – So wenig Berlin und doch geht mehr Hertha nicht!

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Marc ist Chefredakteur und 20 Jahre alt. Marc über sich selbst: "Ich kann zwar keine Kurvendiskussionen erklären, aber alle Winkelzüge eines 4-2-3-1-Systems. "Irgendwas mit Medien" habe ich mir zum Lebensinhalt gemacht, vielleicht auch, weil ich alles andere nicht kann, aber eben auch, weil ich den Fußball und vor allen Dingen meine alte Dame liebe. Diese Leidenschaft kann ich in meinem Herzensprojekt Hertha BASE 1892 vollends ausleben. Eigentlich ist diese Seite aber nur das Sprungbrett zur Moderation des Sport1-Doppelpass, aber das bleibt unter uns!"

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