Start Allgemein Torunarigha, Mittelstädt und Co. – Herthas Jugend bleibt auf der Strecke

Torunarigha, Mittelstädt und Co. – Herthas Jugend bleibt auf der Strecke

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Zum ersten Mal seit acht Jahren ist Hertha BSC wieder europäisch vertreten. Damit tanzt die Alte Dame ungewohnter Weise auf drei Hochzeiten. Viele englische Wochen und Rotationen auf sämtlichen Positionen sind die Folge. Plötzlich rücken auch Spieler wie Fabian Lustenberger, denen im Vorfeld der Saison wenig Spielzeit zugetraut wurde, wieder vermehrt in den Fokus. Bislang geht das Konzept von Trainer Pal Dardai auf. In der Liga befindet man sich im Soll, das Weiterkommen im DFB-Pokal gelang auf souveräne Art und Weise und auch in der Europa League befindet sich das Team auf einem guten Weg, die Gruppenphase zu überstehen. Eine bestimmte Gruppe Spieler ist von Dardais Konzept und der Berliner Rotation bislang allerdings gänzlich ausgeschlossen. In der gesamten bisherigen Saison konnten Herthas Akteure aus der eigenen Jugendakademie summiert gerade einmal zwei Einsatzminuten verbuchen.

Außen vor trotz großer Auswahl

Dabei ist es keinesfalls so, als hätte Pal Dardai nicht genügend Spieler aus der Berliner Jugend zur Auswahl. In Jordan Torunarigha, Maximilian Mittelstädt, Arne Maier, Julius Kade, Florian Baak sowie Dardais Sprössling Palko hat Hertha immerhin sechs ehemalige Junioren mit einem Profivertrag ausgestattet. Aus diesem Pool ist es einzig Jordan Torunarigha, der in der aktuellen Spielzeit überhaupt schon einmal im Profi-Kader stand. Dieser sehr beschauliche Wert überrascht nicht nur angesichts der Tatsache, dass im Vorfeld der Saison erwartet wurde, dass die jungen Spieler im Zuge der Dreifachbelastung zwangsläufig auf ihre Einsätze kommen würden, sondern auch, weil insbesondere Mittelstädt und Torunarigha in der Vergangenheit schon gezeigt haben, dass sie dem Team weiterhelfen können.

Mittelstädt und Torunarigha beim Sieg gegen den FC Ingolstadt im Feburar 2017. (Photo by Stuart Franklin/Bongarts/Getty Images)
Vom Platz auf die Tribüne

Jahrelang sehnte man sich als Hertha-Fan nach den Zeiten, als mit den Boateng-Brüdern, Dejagah, Patrick Ebert, Ben-Hatira und Co. eine ganze Reihe von Eigengewächsen im Kader zu finden war. Danach dauerte es eine ganze Weile, bis ein Spieler aus dem eigenen Nachwuchs wieder eine gewichtige Rolle spielen sollte. In der jüngeren Vergangenheit waren es Nico Schulz und John Anthony Brooks, die es schafften, sich im Kreis der Stammspieler zu etablieren. Beide schnüren inzwischen allerdings für andere Vereine die Schuhe.

Die prädestinierten Nachfolger für diese beiden Akteure wären eigentlich Mittelstädt und Torunarigha. Mittelstädt kann, genau wie Nico Schulz, sowohl als linker Verteidiger als auch eine Position weiter vorn spielen und auch Torunarigha erinnert von seinem Spielstil her stark an den nach Wolfsburg abgewanderten Brooks. Dennoch scheinen beide in den gegenwärtigen Planungen von Dardai keine Rolle zu spielen. Während Torunarigha es immerhin auf zwei Minuten Spielzeit am ersten Spieltag gegen Stuttgart brachte, stand Mittelstädt nicht ein einziges Mal im Kader. Blickt man auf die Spielanteile der Beiden aus der vergangenen Saison, ist ihre fehlende Berücksichtigung durchaus überraschend.

Rekik und Plattenhardt als Problem für Torunarigha und Mittelstädt

Mittelstädt befand sich in der Saison 2016/2017 24-mal im 18-Mann-Aufgebot, stand dabei fünfmal in der Startelf und wurde siebenmal eingewechselt. Als erste und einzige Alternative zu Marvin Plattenhardt – Pekarik füllte diese Position in der Vergangenheit zwar ebenfalls aus, ist aber per se Rechtsverteidiger – war davon auszugehen, dass Mittelstädt seinen Platz im Kader dieses Jahr sicher haben würde. Gerade in den englischen Wochen, in denen auch Marvin Plattenhardt Pausen nicht schaden würden, wäre es eigentlich an Mittelstädt, den Nationalspieler zu vertreten. Bislang ist Plattenhardt jedoch einer der wenigen Spieler, die von Dardais Rotation ausgeschlossen sind und stand in jedem der acht Pflichtspiele über 90 Minuten auf dem Feld. Als einziger weiterer Außenverteidiger befand sich in diesen Partien Peter Pekarik im Kader, dem in der aktuellen Phase, in der Herthas Kader qualitativ deutlich besser besetzt ist als in den Vorjahren und dadurch die Kaderplätze rar werden, seine Vielseitigkeit, links und rechts verteidigen zu können, zugutekommt. Sogar Jordan Torunarigha soll laut den Aussagen von Hertha-Reporter Marcel Braune in unserem jüngsten Podcast auf dieser Position die Nase vorn haben. Zwar kann Maximilian Mittelstädt, wie bereits angesprochen, auch im linken Mittelfeld agieren, aber dort sind Stocker, Haraguchi und Esswein in der Hierarchie vor ihm.

Die Verpflichtung von Karim Rekik erschwert Torunarighas Chancen auf Einsätze. (Photo by Karina Hessland/Bongarts/Getty Images)

Sucht man nach dem Grund für die ausbleibende Berücksichtigung von Jordan Torunarigha, lässt sich das Problem auf einen Namen reduzieren. Mit der Verpflichtung von Karim Rekik holte sich Hertha auf Anhieb einen unumstrittenen Stammspieler, der John Anthony Brooks von Sekunde Eins an vergessen machte. Für Torunarigha ist das insofern ärgerlich, als dass er sich nach der Schlussphase der letzten Saison durchaus Chancen ausrechnen durfte, in die engere Auswahl der Stammspieler aufzusteigen. In den letzten vier Partien der zurückliegenden Spielzeit stand Torunarigha – auch wegen der Verletzungsmisere in der Innenverteidigung – jeweils in der Startelf und machte seine Sache dabei sehr souverän, insbesondere unter Berücksichtigung seines sehr jungen Alters. Durch den Transfer Rekiks ist das Eigengewächs jedoch plötzlich hinter dem Niederländer, Sebastian Langkamp und Niklas Stark nur noch Innenverteidiger Nummer Vier und muss sich aktuell damit begnügen, nur die Nummer 19 bis 20 in der Kaderrangfolge zu sein.

Fehlende Form und Verletzungspech

Was beide Akteure eint und neben der gestiegenen Kaderqualität ein Faktor sein wird, warum sie aktuell nicht spielen, ist die Tatsache, dass sich sowohl Mittelstädt als auch Torunarigha in einem Formtief befinden, wie Marcel Braune sagte. Sind sie nicht im Profikader, spielen sie zurzeit für Herthas U23 in der Regionalliga Nordost. Mittelstädt sah dort vor eineinhalb Wochen eine gelb-rote Karte, die zwar umstritten war, aber dennoch nicht gerade für ihn spricht und sein temporäres Ungeschick, dass er auch schon in den Juniorennationalmannschaften und auch in der Bundesliga  des Öfteren zeigte, unterstreicht. Torunarigha kam indes eine Verletzung in der Vorbereitung in die Quere. Während des Trainingslagers in Bad Saarow zog sich der gebürtige Chemnitzer eine Außenbandverletzung zu und war somit in einer sehr wichtigen Phase, in der sich das Team auf die neue Saison einspielte, zum Zuschauen verdammt. Bis dahin zeigte er sich in außerordentlich guter Form, was die Verletzung umso bitterer macht.

Die Geschichte Regäsels Zeit, was passiert, wenn man zu schnell zu viel will. (Photo by Oliver Hardt/Bongarts/Getty Images)
Regäsel als warnendes Beispiel

Wie geht es nun für beide weiter? Dass Pal Dardai, im Gegensatz zu manchem seiner Vorgänger, kein Trainer ist, der die Jugend verprellt, ist hinlänglich bekannt. Die hohe Anzahl der Junioren, die seit Dardais Amtsantritt mit Profiverträgen ausgestattet wurde, zeigt das. Zudem weiß jeder, wie schnelllebig das Fußballgeschäft ist und wie die Verletzung eines Spielers, die natürlich ausdrücklich niemandem zu wünschen ist, Torunarigha und Mittelstädt plötzlich wieder in den Mittelpunkt rücken lassen kann. Gleiches gilt auch für Arne Maier und Co., auch wenn diese aufgrund mangelnder Praxis in der höchsten Spielklasse noch ein Stück hinter Mittelstädt und Torunarigha stehen. Es liegt nun an ihnen, sich über gute Leistungen im Training für die erste Mannschaft zu empfehlen. Da die Saison noch lang und es zu hoffen ist, dass Hertha auch über die Winterpause hinaus weiterhin einige englische Wochen vor sich hat, stehen die Chancen alles andere als schlecht. Wichtig ist nur, dass sich Torunarigha und die anderen Eigengewächse bewusst machen, dass es an ihnen liegt, wie viel Spielzeit sie bekommen und sich nicht unter Druck setzen lassen. Schließlich spricht man hier von maximal 20-jährigen, die noch lange nicht den Anspruch haben müssen, Stammspieler in der Bundesliga zu sein. Der Fall Yanni Regäsel, der sich nach einigen Spielen in Herthas erster Elf plötzlich zu höherem berufen fühlte und als Konsequenz dessen nun schon seit über einem Jahr keine einzige Minute in der Bundesliga mehr absolvierte, sollte hier als warnendes Beispiel genügen.

Und wer weiß. Vielleicht sieht man ja einen der angesprochenen Spieler bereits am Donnerstag im Europa League-Spiel gegen Östersunds in der Startelf.

*Quelle Titelbild: (Photo by Annegret Hilse/Bongarts/Getty Images)

 

 

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Alexander ist Redakteur und 21 Jahre alt. Alexander über sich selbst: "Schon im Alter von fünf Jahren prophezeite mir mein damaliger Coach eine große Karriere - aber nicht als Fußballer. Mit der Torgefahr Arthur Wichniareks zu Berliner Zeiten und der Ausstrahlung von Gabor Kiralys Jogginghose war früh klar, dass ich mich lieber aufs Schreiben denn aufs Kicken fokussieren sollte. Das tu ich, am liebsten über Hertha, der ich seit 2004 treu ergeben bin und mir dafür ebenso lange Hohn und Spott meiner Freunde anhören darf. Aber wenn wir erst Champions League- Sieger sind, bin ich der, der lacht!"

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