Start National 1. Bundesliga War das Spiel gegen Freiburg der Wendepunkt für Hertha?

War das Spiel gegen Freiburg der Wendepunkt für Hertha?

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(Photo by Matthias Hangst/Bongarts/Getty Images)

1:1 hieß das Endergebnis vom Sonntag in Freiburg. Hertha BSC konnte wieder nicht auswärts gewinnen und ließ mit der gezeigten Leistung erneut viele Fragen offen. Dennoch können positive Erkenntnisse aus diesem Spiel gezogen werden, weshalb sich die Frage stellt, ob die Mannschaft nach dem Debakel von Lemberg eine Reaktion zeigte.

Sechs sieglose Spiele am Stück und die jüngste Darbietung bei der 1:2-Niederlage gegen Sorja Luhansk forderten von der Mannschaft eine Reaktion. Eine Reaktion darauf, ob sie sich der prekären Lage bewusst ist und das Ruder herumreißen kann. Das Spiel in Freiburg war nicht das einfachste Pflaster, um die Antwort darauf zu geben. Hertha konnte in dieser Saison noch kein einziges Mal auswärts gewinnen, in Freiburg zuletzt vor über sieben Jahren. Zudem war der SC gewillt, seine Heimserie von vier Spielen ohne Niederlage auszubauen und 16. Tabellenrang zu verlassen. Zwar sahen die Breisgauer auf dem Papier schlagbar aus, jedoch zeigt ein Blick auf den Spielplan, dass sie es bisher nicht allzu einfach hatten: Freiburg musste bereits gegen Leipzig, Dortmund, Hoffenheim und München spielen, weshalb es beachtlich ist, dass der Club nach acht Spielen sieben Punkte auf dem Konto hatte.

Eine Halbzeit wie in Lviw

Die erste Halbzeit der Partie fühlte sich stark wie die in der Ukraine an. Hertha erwischte die besseren ersten zehn Minuten und hätte nach einer Doppelchance von Vedad Ibisevic und Salomon Kalou in Führung gehen können. Auch der Schuss von Marvin Plattenhardt signalisierte, dass das Team heiß auf das Spiel war. Danach wurde es jedoch zu Freiburgs Spiel, die Mannschaft von Trainer Christian Streich übernahm das Heft des Handelns.

(Foto: Matthias Hangst/Bongarts/Getty Images)

In der 11. Minute schloss Marco Terrazino mit einem Schuss aus der Drehung ab und leitete somit die Schwarzwälder Sturm-und-Drang-Phase ein. Hertha wirkte, als ob man den elf Spielern den Stecker gezogen hätte. Okay, das ist falsch, zehn, denn Torhüter Rune Jarstein verhinderte, dass sein Team im ersten Durchgang in Rückstand geriet. Seine Parade gegen Stenzel (45.) und die Rettungstat von Karim Rekik (34.) gegen Janik Haberer hielten Berlin im Spiel, das bis dahin zwar kein Augenschmaus war, aber deutliche Feld- und Chancenüberlegenheit Freiburgs zeigte.

Nach den ersten zehn Minuten vergaß die Mannschaft in blau-weiß, wie sie dieses Spiel angehen sollte und schien einfachste Dinge, wie das defensive Stellungsspiel oder einen soliden Spielaufbau verlernt zu haben. Ein Spiel nach vorne war nicht existent.

Die Reaktion

In der Halbzeitpause wechselte Pal Dardai seinen Kapitän Vedad Ibisevic aus und brachte den Torschützen gegen Luhansk in die Partie, Davie Selke. Diese Personalentscheidung zeigte sogleich Wirkung, Hertha spielte wieder etwas Fußball. Das fand ein jähes Ende, weil der weiterhin exorbitant formschwache Niklas Stark Freiburgs Günter ungeschickt im Berliner Strafraum zu Fall brachte und einen klaren Elfmeter verschuldete. Janik Haberer nahm sich der Aufgabe an und verwandelte den Strafstoß zur verdienten Führung. Die Situation ähnelte dem Spiel gegen Schalke 04, als Hertha auch gut aus der Kabine kam und durch einen, Entschuldigung, dämlichen Elfmeter wieder aus dem Spiel genommen wurde.

(Foto: Matthias Hangst/Bongarts/Getty Images)

In der 57. Minute tauschte Dardai den wirkungslosen Ondrej Duda für Valentino Lazaro aus. So langsam konnte Hertha BSC wieder Druck aufbauen, auch wenn die ersten Vorstoßversuche kläglich scheiterten (u.a. die Standards von Plattenhardt). Wieder muss Rune Jarstein sein Können beweisen, als er in der 68. Minute erst Niederlechners und dann Stenzels Schuss abwehrt. Dardai reagiert ein letztes Mal und bringt Arne Maier für den so phlegmatisch wirkenden Fabian Lustenberger ins Spiel.

Endlich wurde es Herthas Spiel, endlich zeigte die Mannschaft die gewünschte Reaktion. Gerade einmal zwei Minuten auf dem Platz, holt Arne Maier den (ersten) Elfmeter für Hertha heraus, bei diesem Pfiff gab es keine zwei Meinungen. Salomon Kalou trat an und als ob er Herthas Zustand in einer Aktion manifestieren wolle, schoss er den Ball über das Gehäuse Schwolows. Zwei Minuten später erhielt der Ivorer erneut die Chance, denn das Einsteigen von Niclas Höfler gegen den sehr aktiven Davie Selke wurde zurecht als Strafstoß-würdiges Vergehen geahndet. Kalou „zeigte Eier“ (O-Ton Dardai) und verlud dieses Mal den Keeper Freiburgs zum 1:1-Ausgleich.

Danach wirkte Hertha wie befreit, drückte sogar auf den Siegtreffer (und erzielte ihn beinahe durch Lazaro), musste sich aber erneut bei seinem großartig aufgelegten Torhüter bedanken. Jarstein lenkte in der 90. Minute einen direkten Freistoß von Julian Schuster an die Latte und rettete seinem Team somit den Auswärtspunkt.

Mehr Tiefs als im Wetterbericht

Zieht man die Leistung der letzten 20 Minuten ab, so bleibt erneut ein sehr biederer Auftritt hängen. Die Mannschaft zeigte viele Symptome einer waschechten Krise, besonders bei den so wichtigen Stützen der vergangenen Saison erkennt man sie.

Herthas U21-Europameister Niklas Stark und Mitchell Weiser befinden sich nach dem Tunier in Polen in einem absoluten Loch.

(Foto: Matthias Hangst/Bongarts/Getty Images)

Niemand bei Hertha BSC verzeichnete bisher so viele Einsatzminuten wie Mitchell Weiser, 1137 sind es. In diesen gelang dem 23-Jährigen jedoch kaum etwas, er schoss nur einen Treffer und legte keinen weiteren auf. In der Vorsaison sammelte der Flügelspieler noch zehn Scorerpunkte (vier Tore, sechs Vorlagen) in 21 Spielen. Weiser wirkt überspielt, gewinnt im Vergleich zum Vorjahr sieben Prozent weniger an Zweikämpfen. Auch gegen Freiburg wollte ihm kaum etwas gelingen, er versuchte es stets mit dem Kopf durch die Wand. Zudem fällt auf, wie oft er aktuell auf Schwalben setzt, um Zweikämpfe noch für sich zu entscheiden, ein Zeichen von Hilflosigkeit (und mangelndem Sportgeist, aber das Fass wollen wir nicht aufmachen).

Auch Innenverteidiger Niklas Stark kann bislang nicht überzeugen. Er verpasste einen Großteil der Vorbereitung aufgrund eines Rippenbruches und wurde von Trainer Pal Dardai erst behutsam aufgebaut. Seit einigen Wochen fehlt Stamm-Innenverteidiger Sebastian Langkamp, weshalb Stark ihn ersetzt. Der 22-Jährige leistete sich in den Partien gegen Werder Bremen (1:1) und Bayern München (2:2) haarsträubende Fehler und wirkte auch in den Europa-League-Spielen gegen Östersunds FK (0:1) und Sorja Luhansk (1:2) äußerst unsicher. Nun verschuldete er mit seinem ungeschickten Zweikampfverhalten sogar einen Strafstoß. Sebastian Langkamp, der sonst so unter dem Rader läuft, wird sich sehnlichst zurückgewünscht.

Neben den jungen Akteuren fallen besonders die Leistungen von Salomon Kalou und Vedad Ibisevic auf.

(Foto: Matthias Kern/Bongarts/Getty Images)

Im Spiel gegen Luhansk wechselte Herthas Trainer Pal Dardai seine erfahrenen Spieler zur 60. Minute ein, wodurch ein deutlicher Bruch im Spiel der „alten Dame“ erkennbar war. Gegen Freiburg ließ Dardai sie von Anfang und spielen und die Partie wurde erst besser, als Davie Selke Ibisevic ersetzte.

Sowohl Kalou, als auch Vedad Ibisevic wirken komplett außer Form und wenn man es nicht besser wüsste, sogar überaltert. Sie brachten gegen den SC keinerlei Tempo oder Torgefahr aufs Feld, sie fanden schlichtweg nicht statt. Vedad Ibisevic scheint mehr mit sich selbst beschäftigt zu sein, als mit allem anderen und Kalou wirkt einigermaßen teilnahmslos. Es scheint, als hätten die alten Kaliber ausgedient, auch wenn man mit solchen Prognosen stets vorsichtig sein sollte. Fakt ist, dass beide dem Spiel ihrer Mannschaft aktuell sehr wenig geben können.

Somit ist bereits ein Faktor für die anhaltende Krise des Teams geklärt. Die Mannschaft kann es nicht auffangen, wenn ihre eigentlichen Leistungsträger nicht funktionieren und befindet sich eventuell sogar in einem Umbruch. Das wurde gegen Freiburg mehr als deutlich.

Jugend spielt sich in den Vordergrund

Doch wenn die etablierten Stammkräfte schwächeln, können sich andere Spieler in den Vordergrund spielen. Davie Selke und Arne Maier zeigten in Freiburg beeindruckende Leistungen und waren massiv am Punktgewinn beteiligt.

Selke zeigte in seinem dritten Pflichtspieleinsatz in Folge, inwieweit er Herthas Mannschaft besser machen kann. Während er gegen Luhansk traf (damit genauso oft wie Ibisevic in dieser Saison), glänzte er gegen Schalke 04 und den SC Freiburg vor allem durch seine körperliche Präsenz und seinen unbedingten Willen. Am Sonntag wollte er sein verunsichertes Team mit jeder Aktion mitreißen, wirkte unheimlich aktiv und agil. Es war ein Offenbarungseid an Vedad Ibisevic, wie die Mannschaft mit Selke plötzlich wieder Mut zum Fußballspielen fand. Selke holte zudem den entscheidenden zweiten Elfmeter für Hertha heraus.

(Foto: Matthias Hangst/Bongarts/Getty Images)

Ebenso spielentscheidend war das Wirken von Arne Maier. Das Berliner Eigengewächs durfte gegen Luhansk von Beginn an spielen und präsentierte sein großes Potenzial schon in Lemberg. Gegen Freiburg reichte es nur für eine Einwechslung in der 74. Minute, aber auch diese Zeit wusste er zu nutzen. Er agierte als der Impulsgeber, der Herthas Spiel so fehlte. Er war kombinationsstark, stets offensiv denkend und traute sich sogar in den gegnerischen Strafraum. Für Skjelbred und Lustenberger scheint der 16er ein Zone wie der verbotene Wald in Harry Potter zu sein – Zutritt untersagt! Daraus entstand der erste Elfmeter des Tages für Hertha, denn Maier hakte gut gegen Schuster nach und wurde dafür belohnt. Der 18-Jährige ist ein Spielertyp, den Berlin in dieser Form nicht im Kader hat, weshalb er noch sehr wichtig werden kann. Sicherlich ist es nicht ratsam, solch einem jungen Spieler so viel Verantwortung zu geben, seine Unbekümmertheit und Spielfreude tut der Mannschaft aber sichtlich gut.

Der Wendepunkt?

Wir haben die Frage gestellt, ob die Mannschaft gegen Freiburg die gewünschte Reaktion zeigte und auf dem richtigen Weg ist – die Antwort darauf fällt vorsichtig aus. Die erste Halbzeit war alles andere als gut und knüpfte nahtlos an die Auftritte gegen Schalke und Luhansk an, jedoch war es imponierend zu sehen, wie sich die Mannschaft im zweiten Durchgang von selbst wieder aufrichtete.

Das Spiel an sich kann nicht als Wendepunkt angesehen werden, die letzten 20 Minuten des Spiels weisen aber auf eine klare Verbesserung hin. Plötzlich glaubte die Mannschaft wieder an sich und zeigte die Einstellung, die man seit einigen Partien vermisst hatte. Natürlich ist ein 1:1 gegen Freiburg nicht der gewünschte Befreiungsschlag, aber einen Tabellennachbarn auf Distanz zu halten und zumindest wieder einen Punkt zu holen, darf nicht zu schlecht gemacht werden.

Unterm Strich muss man sagen: Abwarten. Die Mannschaft muss ihre Lehren aus diesem Spiel ziehen, positiv wie negativ und darauf aufbauen. Die nächsten drei Partien lauten Köln, Hamburg und Luhansk – allesamt Heimspiele gegen direkte Konkurrenten oder schlagbare Gegner. Sollte Hertha diese Begegnungen für sich entscheiden, kann man in der Retrospektive sagen, dass der Punkt in Freiburg den Grundstein dafür gelegt hat.

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Marc ist Chefredakteur und 20 Jahre alt. Marc über sich selbst: "Ich kann zwar keine Kurvendiskussionen erklären, aber alle Winkelzüge eines 4-2-3-1-Systems. "Irgendwas mit Medien" habe ich mir zum Lebensinhalt gemacht, vielleicht auch, weil ich alles andere nicht kann, aber eben auch, weil ich den Fußball und vor allen Dingen meine alte Dame liebe. Diese Leidenschaft kann ich in meinem Herzensprojekt Hertha BASE 1892 vollends ausleben. Eigentlich ist diese Seite aber nur das Sprungbrett zur Moderation des Sport1-Doppelpass, aber das bleibt unter uns!"

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