Was ist von Mathew Leckie zu erwarten?

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Mathew Leckie unterschrieb gestern einen Vertrag bei seinem neuen Arbeitgeber Hertha BSC. Der Australier wird seitdem durchaus kritisch in den Herhaner Fankreisen beäugt und wird es sicherlich nicht leicht haben, diesen sofort für sich zu gewinnen. Doch was macht Leckie überhaupt aus und kann er der Mannschaft weiterhelfen?

Hier noch gegen, doch bald mit Pekarik im blau-weißen Trikot. (Photo by Micha Will/Bongarts/Getty Images)

 

Herthas Suche nach Tempo

„Wir brauchen mehr Schnelligkeit. Zusammen mit dem Manager sind wir daran, das zu ändern“, forderte Pal Dardai nach der Niederlage gegen Bayer Leverkusen. Nur wenige Tage später präsentierte der Verein seinen ersten Neuzugang für die kommende Saison: Mathew Leckie, ein 26-Jährige Australier vom Bundesliga-Absteiger FC Ingolstadt.

Durch sein irres Tempo weckte er das Interesse von Hertha BSC. Der 26-Jährige ist der fünftschnellste Profi der Liga und passt somit sehr gut ins Anforderungsprofil des Vereins. Besonders das Konterspiel fiel dem Hauptstadtverein in der Saison unheimlich schwer, nur ein einziges Tor nach einer Umschaltsituation gelang Dardais Mannschaft in der abgelaufenen Spielzeit (1:0 gegen Wolfsburg).

Dies soll sich mit Leckie ändern, der nicht nur durch seine Schnelligkeit dazu beitragen soll, sondern auch durch clevere Laufwege und Zweikampfführung.

 

Good Roots

Diese Werkzeuge hat er nämlich bei all seinen bisherigen Stationen in Deutschland gelehrt bekommen. Seine Trainer waren Benno Möhlmann, Lucien Favre, Ralph Hasenhüttl und zuletzt Maik Walpurgis – all diese Trainer verstehen es, ihren Mannschaften ein exzellentes Umschaltspiel beizubringen. Möhlmann hielt den FSV Frankfurt damit jahrelang in der zweiten Liga, Favre führte Borussia Mönchengladbach durch dieses Stilmittel in die Champions League und Hasenhüttl war nicht nur mit Ingolstadt dadurch erfolgreich, sondern perfektionierte das Kontern in Leipzig. Auch Maik Walpurgis bevorzugte diese Variante des Angriffsspiels und erreichte damit beinahe den Klassenerhalt. In Leckies fußballerischem Verständnis sind also fünf Jahre Umschaltspiel verankert.

Des Weiteren kennt sich der 39-fache Australische Nationalspieler sehr gut mit Pressingverhalten aus, auch das wurde ihm bei Mönchengladbach und Ingolstadt eingebläut. In Deutschland gibt es kaum feinere Pressing-Schulen als die von Ex-Hertha-Coach Favre und Vizemeister Hasenhüttl. Auch in diesem Bereich hat Hertha noch Verbesserungsbedarf, oftmals presst die Mannschaft von Pal Dardai etwas inkonsequent bzw. sie kann diese Intensität noch nicht lange halten. Dies könnte sich mit solch einem Produkt der deutschen Pressingmaschinen ändern.

Leckie verkörpert also Eigenschaften, die Herthas Spiel fehlen. Aufgrund dessen könnte es ein cleverer Transfer von Michael Preetz gewesen sein.

 

 

 

Der bessere Haraguchi?

Doch der 26-Jährige hat nicht nur die Aufgabe, dem Team neue Impulse zu geben, er wird auch einen Spieler ersetzen müssen. Genki Haraguchi steht kurz vor einem Wechsel nach England und selbst wenn der Japaner nicht wechseln sollte, wird er wohl keinen Platz in der Mannschaft bekommen. Nachdem er Herthas letztes Vertragsangebot abgelehnt hat, plant der Verein nicht mehr mit ihm. Somit ersetzt Leckie ihn eins zu eins.

Die Frage ist nun, ob er Haraguchi nur nominell ersetzt, oder eine klare Verbesserung darstellt. Sie lässt sich mit einigen Zahlen adäquat beantworten.

(Photo by Matthias Kern/Bongarts/Getty Images)

Zunächst sind die offensiven Werte zu nennen: Sowohl Haraguchi, als auch Leckie haben ihre Probleme mit dem Toreschießen. Der Japaner erzielte in 84 Bundesligaspielen gerade einmal vier Tore und legte sieben weitere auf, somit ist er in ca. jedem achten Spiel an einem Treffer direkt beteiligt. Bei Leckie sieht die Statistik nicht viel besser aus: Er sammelte in 71 Einsätzen drei Tore und drei Assists, also ist er fast jeder zehnten Begegnung in der Torstatistik aufgeführt. Sicherlich muss man Leckie aber zugute halten, dass er bei dem sehr defensiven Ingolstadt weitaus weniger Gelegenheit bekam, in Torszenen zu kommen, als bei anderen Bundesligisten.

Jedoch sind Tore und Vorlagen zwar äußerst wichtige Kriterien, aber längst nicht alle, an denen man die Qualität eines Flügelspielers festmachen kann.

Zum einen ist Leckie weitaus ballsicherer als Haraguchi, der Australier verliert nur wenige Dribblings. Haraguchi hingegen rennt sich oftmals beim Gegner fest und lässt somit einige Angriffe versacken. Besonders auffällig ist, dass Leckie weitaus öfter auf das gegnerische Tor schießt, als es der Japaner tut, um genau zu sein, doppelt so oft. Eventuell fehlt Leckie also schlichtweg das Fortune, in der zweiten Liga war er noch in jedem zweiten Spiel direkt an einem Treffer von FSV Frankfurt beteiligt (63 Spiele, 32 Torbeteiligungen). Es ist stets ein klarer Kritikpunkt gewesen, dass Haraguchi keine Torgefahr ausstrahlt, Leckie probiert es immerhin. Es ist also zu hoffen, dass der Knoten nur einmal platzen muss. Immerhin gehen 36,7% seiner Abschlüsse auch wirklich aufs Tor, Haraguchi kommt auf klägliche 7%.

Zwar legte Herthas Neuzugang in der abgelaufenen Spielzeit nur drei Treffer auf, spielte aber einige sogenannte „Schlüsselpässe“, also Pässe, die entscheidend für den Erfolg eines Angriffes waren. Solche spielte er in der vergangenen Saison 1,25 mal pro Partie, Haraguchi nur 0,8 mal.

Auch im Defensivverhalten scheint Leckie leicht die Nase vorn zu haben. Er gewinnt in der Abwehr 3,3 Bälle pro Spiel, Haraguchi „nur“ drei. Das sind jeweils wirklich gute Werte, schließlich ist es auch einer der Haupstärken Haraguchis. Der 26-Jährige strahlt nahezu keine Torgefahr aus, hat Hertha aber immer eine gewisse Stabilität verliehen und sich defensiv tatkräftig beteiligt. Dies scheint jedoch auch bei Leckie der Fall zu sein. Leckie ist des Weiteren einer der fleißigsten Zweikämpfer der Liga, mit 777 Duellen auch hier in der Top-Fünf der Liga.

Letztendlich ist es schwierig vorauszusagen, ob Leckie der bessere von beiden ist, jedoch sprechen die Werte eine recht klare Sprache und geben Aufschluss darüber, was man zu erwarten hat.

 

Nicht die Antwort

Der Transfer Leckies muss aus zwei Perspektiven beurteilt werden.

Zum einen ist er anscheinend ganz klar als Ergänzung des Kaders verpflichtet worden. Mit Haraguchi stand bereits seit einiger Zeit ein Abgang fest, sodass dort nachgerüstet werden musste. Allein aus diesem Grund ist sein Transfer nachvollziehbar. Sollte Hertha in der kommenden Saison tatsächlich international spielen, wird es einen breiteren Kader benötigen, als es aktuell der Fall ist. Mit Leckie ist ein Bundesliga-erfahrener Spieler gekommen, der zum einen unglaublich flexibel ist (kann sogar im Sturmzentrum oder als Rechtsverteidiger eingesetzt werden) und zum anderen Stärken besitzt, die dem Kader bisher fehlten. Sicherlich sind drei Millionen Euro kein geringer Preis, jedoch bekommt für dieses Geld nicht viel besseres auf dem momentanen Markt, sehr gute Flügelspieler sind äußerst teuer. Somit hat man für einen durchaus vernünftigen Preis einen grundsoliden Spieler bekommen, der Esswein weitaus mehr Druck machen kann, als es der unmotivierte Haraguchi getan hat.

Zum anderen kann Leckie nicht die endgültige Antwort auf die Flügelprobleme Herthas sein. Der Australier kann sicherlich eine gute Rolle im Kader spielen, besonders, wenn bei ihm der Knoten vorm Tor platzen sollte, jedoch nicht mehr, dafür ist er mit seinen 26 Jahren auch zu „fertig“.

Seit bereits zwei Jahren plagt sich der Kader mit den schwachen Außenspielern herum. Haraguchi reichte fußballerisch nicht, sodass Esswein geholt wurde, doch auch der ehemalige Augsburger konnte diese Rolle nicht zufriedenstellend ausfüllen. Zudem fehlt Salomon Kalou mittlerweile schlichtweg das Tempo, um ein reiner Außenspieler zu sein, zudem wird 32 Jahre alt, wodurch es zu Konditionsschwächen und einer immer größer werdenden Inkonstanz kommen wird. Mit dem Ivorer, Esswein und Leckie wird es keinesfalls reichen, um personell gut aufgestellt in die nächste Spielzeit zu gehen. Die Europa League potenziert diese Problematik nur weiter.

Das Fazit lautet also: Leckie reicht als Haraguchi-Ersatz, als Ergänzung vollkommen aus, aber er kann nicht DIE Antwort auf unsere Flügelprobleme sein. Es wäre fahrlässig, einzig mit den aktuellen Außenbahnspielern in die Saison 2017/18 zu gehen.

In : Spieler

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