Es wurde um Hertha BSC in dieser Winterpause sehr viel geredet, sehr viel geschrieben und sehr viel spekuliert. Jetzt heißt es endlich wieder Bundesliga-Alltag. Am Sonntag um 15.30 Uhr ist im ersten Pflichtspiel des Jahres der FC Bayern München im Olympiastadion zu Gast. Keine Zeit also, sich gegen vermeintlich „schwächere“ Gegner warm zu schießen. Die „alte Dame“ muss sich direkt gegen den Rekordmeister beweisen. Kann Hertha dabei erneut für ein Wunder sorgen, und sich als Bayern-Angstgegner etablieren?

Für unseren ersten Vorbericht im Jahr 2020 haben wir uns wieder Unterstützung geholt. Dieses Mal teilt Celine (@Zeilenfieber auf Twitter) ihr Wissen mit uns. Sie ist nicht nur FC Bayern-Expertin, sondern schreibt auch für goal.com über nationalen und internationalen Fußball. Dank ihr bekamen wir einen besseren Eindruck über die aktuelle Lage bei unseren Gästen.

Mit Hansi Flick doch noch zur Meisterschaft?

Allzu viel müssen wir über die Hinrunde unseres Gegners nicht sagen: kein Verein ist in Deutschland mehr im Fokus als der FC Bayern. „Nur“ Platz drei nach 17 Spieltagen und ein spannendes Meisterschaftsrennen, dazu eine Trainerentlassung. Was für den FC Bayern nicht optimal lief, war für viele Fußballliebhaber in Deutschland eine positive Entwicklung. Durch die (zwischenzeitliche) Bayern-Krise ist es im Meisterschaftsrennen deutlich spannender, als in den Jahren zuvor.

Cheftrainer beim FC Bayern: “Hansi” Flick (Foto: Alexandra Beier/Bongarts/Getty Images)

Unter der Führung des neuen Trainers “Hansi” Flick gab es bislang nur zwei Niederlagen – gegen Bayer Leverkusen und Borussia Mönchengladbach. Ansonsten wurden alle Spiele gewonnen. Was für eine Rolle der neue Trainer dabei spielt, erklärt uns Celine: „Flick hat dem Team in erster Linie neues Leben eingehaucht und setzt insgesamt auf eine kompaktere Ausrichtung als Kovac. Die größte Veränderung ist aber das hohe Pressing, das den Gegner zu Fehlern zwingen soll. Dadurch verkürzen sich zudem auch die Wege zum gegnerischen Tor.“

Die – für Bayern-Verhältnisse – schwierige Hinrunde sorgte dafür, dass nicht die Münchener, sondern Red Bull Leipzig die Hinrunde auf Platz eins beendete. Doch für unsere Bayern-Expertin wird es trotzdem am Ende für eine erneute Titelverteidigung reichen: „Bayern ist diese Saison zwar nicht der Favorit, aber ich glaube, dass Gladbach die Leistungen aus der Hinrunde nicht bestätigen kann und dass Leipzig die fehlende Erfahrung im Kader zum Verhängnis wird.“

Viele Misserfolge darf es allerdings nicht geben, sodass auch der Rekordmeister am Sonntag alles daran setzen wird, die drei Punkte mitzunehmen. Laut Celine ist „Bayern für gewöhnlich auf den Punkt zur Stelle, wenn Ergebnisse gefordert sind.“

Lewandowski wieder fit – Kimmich gesperrt

Dabei werden die Gäste, die ihre Vorbereitung in Katar absolvierten, ohne Stars wie Kingsley Coman, Lucas Hernandez, Niklas Süle oder Javi Martinez auskommen müssen. Auch auf Joshua Kimmich müssen sie verzichten, der 24-Jährige ist gelb gesperrt.

Der beste Torschütze der Bundesliga Robert Lewandowski wird rechtzeitig wieder fit. (Foto: Sebastian Widmann/Bongarts/Getty Images)

Doch auch ohne die genannten Spieler ist der FC Bayern wesentlich besser aufgestellt als die Hauptstädter. Robert Lewandowski wird wohl bis Sonntag gerade so noch fit werden. In welcher Verfassung der aktuelle Topscorer der Bundesliga (19 Tore) sein wird, ist allerdings noch nicht klar. Doch Celine verrät uns: „Angesichts der angespannten Personalsituation bleibt Flick eigentlich keine andere Möglichkeit, als Lewandowski aufzustellen.“

Sollte dieser nicht fit genug für 90 Minuten sein, hat Bayern zwar keinen gleichwertigen Ersatz parat, jedoch mehrere Alternativen. „Vor dem Trainingslager wäre wohl die B-Lösung gewesen, Gnabry von außen in die Mitte zu versetzen. Nun ist Zirkzee die erste Alternative, der sich mit zwei Toren bereits vor der Winterpause gezeigt hat“, sagt unsere Bayern-Expertin.

Eines ist sicher: selbst angeschlagen und mit den genannten Problemen wird der FC Bayern am Sonntag eine Herkules-Aufgabe für die Blau-Weißen sein.

Große Sprüche, Transfergerüchte und abgelaufene Trainerlizenz

Doch gerade um diese Aufgabe zu bewältigen, haben die Berliner ihre Vorbereitung früher und intensiver begonnen, als ursprünglich geplant. Dabei wurde die Wintervorbereitung nicht nur für die Profis unter Jürgen Klinsmann anstrengend. Auch die Nerven der Hertha-Fans wurden auf die Probe gesetzt, da es rund um Hertha in den Medien viel Unruhe gab.

Ob höchst kritische Bewertungen von Herthas Entwicklung unter dem Einfluss von Lars Windhorst, große Sprüche von „Performance Manager“ Arne Friedrich oder von Cheftrainer Jürgen Klinsmann oder verrückte Transfergerüchte: es gab für Journalisten viel zu schreiben. Nicht zuletzt auch über die kuriose Situation rund um Klinsmanns abgelaufene Trainer-Lizenz. Diese für Hertha-Verhältnisse unverhältnismäßig hohe mediale Aufmerksamkeit mag für Manager Michael Preetz ein „gutes Zeichen“ sein, für den einen oder anderen Hertha-Fan war es sicherlich eine anstrengende Zeit.

Umso glücklicher wird man also sein, dass es ab Sonntag in Berlin wieder um Fußball geht (zumindest für 90 Minuten). Dabei wurde die Mannschaft in der Vorbereitung auch personell verändert. Die Leihen von Eduard Löwen (zum FC Augsburg) und von Ondrej Duda (Norwich City) sowie die Ankunft von Neu-Herthaner Santiago Ascacíbar sind dabei die wohl wichtigsten Änderungen. Auch die Aussortierung von Salomon Kalou sorgte für Gesprächsstoff.

Wie kann Hertha erneut Bayern schlagen?

Umso wichtiger wäre es also am Sonntag für neue, positive Schlagzeilen zu sorgen. Wie man das gegen den amtierenden Meister anstellt, hat Hertha bereits in den letzten Jahren bewiesen. In der Liga ist man Zuhause seit 2016 gegen die Bayern ungeschlagen, in der letzten Partie im Olympiastadion im DFB-Pokal schafften es die Blau-Weißen bis in die Verlängerung und musste sich schließlich knapp mit 2:3 geschlagen geben.

Im letzten Bundesligaspiel gegen den FC Bayern im Olympiastadion gewann Hertha mit 2:0. (Foto: Odd Andersen/AFP/Getty Images)

Doch welche Schwächen müsste Hertha ausnutzen, um Bayern am Sonntag zu schlagen? Celine antwortet: „Ich würde sagen, die größte Schwäche liegt darin, dass Bayern noch zu wenig aus den Möglichkeiten macht. Außerdem müssen bei Kontern die Lücken geschlossen werden, die durch die rausschiebenden Außenverteidiger entstehen.“

Für Celine gibt es also vor allem einen Weg, um gegen die Münchener zu bestehen: „Auch bei der größten Überlegenheit der Bayern nicht aufgeben, sondern weiterspielen und an sich selbst glauben. Siehe die Spiele gegen Leverkusen und Gladbach in der Hinrunde.“ In den genannten Spielen war zwar die Elf aus München haushoch überlegen, verlor aber am Ende trotzdem.

„Keine großen Überraschungen“

Große Überraschungen wird es, wie von Cheftrainer Jürgen Klinsmann während der Vorbereitung angedeutet, nicht geben. Die Startelf scheint bereits fest zu stehen. Die Abwehr wird wohl genauso aussehen wie im letzten Spiel gegen Borussia Mönchengladbach, mit dem wiedergenesenen Marvin Plattenhardt und Lukas Klünter als Außenverteidiger.

Dedryck Boyata ist unumstrittener Stammspieler. (Foto: Matthias Kern/Bongarts/Getty Images)

In der Mitte sind Karim Rekik und Dedryck Boyata erstmal gesetzt. Insbesondere für Boyata gab es von Jürgen Klinsmann in der Pressekonferenz am Freitagnachmittag viel Lob. Der Cheftrainer sieht im Belgier „einen der besten Innenverteidiger Europas“. Für Niklas Stark und Jordan Torunarigha bedeutet diese Rangordnung also erneut nur einen Platz auf der Bank.

Gleiches gilt für Kapitän Vedad Ibisevic und Leihspieler Marius Wolf, denn auch im Sturm scheint alles klar zu sein. Davie Selke, Javairo Dilrosun und Dodi Lukebakio werden auch gegen den FC Bayern starten. Die einzige offene Frage ist, ob Neuzugang Santiago Ascacíbar sofort in die Startelf einrückt. Er könnte die einzige Änderung in der Startelf darstellen, und würde für Per Skjelbred reinrotieren. Neben ihm sind wohl Vladimir Darida und Marco Grujic zunächst einmal gesetzt. Arne Maier ist hingegen noch nicht bei 100 Prozent und wird erst in den nächsten Wochen wieder eine Rolle spielen.

Hoffnung auf das nächste Wunder

Unsere Bayern-Expertin wird wohl am Sonntag ungerne Dodi Lukebakio in der gegnerischen Startelf sehen: „Bayern scheint für Lukebakio inzwischen sowas wie ein Lieblingsgegner zu sein. Er hat damals beim 3:3 von Düsseldorf und dem 2:2 der Hertha in der Hinrunde bewiesen, dass er Bayern gefährlich werden kann.“ Trotzdem bleibt Celine optimistisch und tippt auf ein 2:1-Auswärtssieg für die Münchener. Dagegen hat man als Hertha-Fan natürlich noch frische Erinnerungen am 2:0-Erfolg in der letzten Saison. Eigentlich ein Wunder, auch wenn der Sieg aus Berliner Sicht verdient war.

Ob dieses Mal Dodi Lukebakio seinen Status als Bayern-Schreck bestätigt oder der FC Bayern in der letzten Minute einer siebenminütigen Nachspielzeit den Ausgleich erzielt: ein Punktgewinn wäre für die „alte Dame“ durchaus wichtig. Dabei würde man die im vergangenen Jahr gestartete Serie ohne Niederlage weiterführen und die mannigfaltige Berichterstattung wieder aufs Sportliche lenken – denn “wichtig ist auf’m Platz”.