Ich prophezeie: die vergangene Woche wird nicht wegen des unwürdigen Abgangs von Jürgen Klinsmann in Erinnerung bleiben, sondern weil am Mittwoch Matheus Cunha endlich in Berlin landete und drei Tage später sofort in die Startelf gegen den SC Paderborn rückte. Der Brasilianer belebte sofort das Spiel der Herthaner und erzwang mit einem artistischen Hackenschuss den 2:1 Siegtreffer für die Berliner. Dazwischen sprintete er den Platz auf und ab, grätsche Gegner am eigenen Strafraum ab und sorgte mit einigen härteren Fouls für Aufregung. Endlich ist wieder Samba im Berliner Spiel.

Photo by Sandra Behne/Bongarts/Getty Images

Ich bin zu einer Zeit mit Hertha sozialisiert worden, als noch Alex Alves der Rekordtransfer für Hertha BSC war. Eine meiner frühesten bewussten Erinnerungen an ein Herthaspiel im Olympiastadion ist sein legendäres Anstoßtor gegen den 1. FC Köln im September 2000 (Oh Gott, ist das wirklich schon so lange her?). Der Brasilianer Alves war das Versprechen auf eine glorreiche Zukunft für Hertha (Geschichte wiederholt sich anscheinend doch) und er löste dieses Versprechen ein: 35 Tore und 19 Vorlagen in insgesamt 108 Spielen für die Blau-Weißen. Er sorgte dafür, dass dem Spiel von Hertha immer etwas verrücktes, etwas unberechenbares innewohnte – im guten wie im schlechten Sinne. Hertha BSC wurde wegen Alex Alves wahrgenommen. Mit ihm öffnete sich für Hertha BSC die Tür zur schillernden Fußballkultur Brasiliens.

Dann kam 2001 Marcelinho dazu. Mit ihm erhielt das Mittelfeld von Hertha einen brasilianischen Herzschlag – quasi Samba auf dem Platz. Sein Spiel war so vielseitig und kreativ wie die Farbe und Formen seiner Frisur. Man konnte bei jedem seiner Schritte, Pässe und Torschüsse seine Liebe zum Fußballspielen sehen und fühlen. Er machte Dinge mit dem Ball, die niemand anderes konnte oder sich traute. Marcelinho hob Hertha BSC auf ein höheres Niveau, mit ihm schlossen die Berliner die Spielzeiten zweimal auf Platz 4, einmal Platz 5 und einmal Platz 6 ab. Insgesamt erzielte er für Hertha BSC in 193 Spielen unglaubliche 79 Tore und 60 Torvorlagen.

Duda, Grujic und co. reichten nicht

Photo by Christian Fischer/Bongarts/Getty Images

Der nächste prägende Brasilianer in Berlin war dann Raffael (dazwischen gab es natürlich noch Gilberto und Mineiro – auch sie waren große Spieler). Raffael war die etwas seriösere, strategischere Version eines Brasilianers – gleichzeitig hatte er aber auch das spielerisch Leichte. Auch er dominierte das Offensivspiel der Herthaner über Jahre hinweg mit seinen 39 Toren und 31 Vorlagen in insgesamt 163 Spielen. Das Raffael mittlerweile noch bessere Zahlen im Trikot der Gladbacher (198 Spiele, 71 Tor und 35 Vorlagen) auflegt, bricht mir übrigens ein wenig das Herz. Der notwendige Verkauf von Raffael im Jahr 2012 war die eigentliche Tragödie des Abstiegs in der Saison 2011/12. Hätte er bei Hertha bleiben können, er wäre heute wahrscheinlich eine Berliner Legende und die Goldelse längst durch eine Statue von ihm ersetzt worden.

Selbst Ronny, Raffaels kleinerer und kräftigerer Bruder, hat für Zauber und Magie bei Hertha gesorgt. Er war der Lichtblick in der trostlosen Zweitliga-Saison 2012/13, in der er mit 18 Toren und 14 Vorlagen (darunter fünf direkt verwandelte Freistöße) quasi im Alleingang den sofortigen Wiederaufstieg und damit das Überleben von Hertha BSC sicherte. Auch Ronny war für mich die Garantie, dass jederzeit etwas magisches auf dem Platz passieren kann. Ein Pass, den nur Brasilianer aus dem Fußgelenk zaubern können. Ein Fernschuss aus scheinbar unmöglicher Position, der dann doch seinen Weg in das Tor fand. Ein ruhender Ball, der durch Ronny auch immer eine berechtigte Hoffnung auf ein Tor bedeutete.

Photo by Matthias Kern/Bongarts/Getty Images

Und dann kam eine lange Durststrecke. Dem Berliner Spiel fehlte über Jahre hinweg dieses gewisse “Etwas”, das spielerisch Besondere. Niemand außer uns Herthafans schaute gerne unsere Spiele. Zu grau, zu unkreativ, zu langweilig, zu eintönig im Offensivspiel. Am ehesten hatte man zuletzt dieses Besondere von Duda erwartet (der Name klang schonmal etwas brasilianisch). Doch Duda konnte diese Hoffnungen nicht erfüllen, weil er zu oft an sich und/oder dem Trainer Pal Dardai und dessen Spielidee scheiterte. Auch Grujic war auch so ein Versprechen. Der Serbe konnte lediglich eine dreviertel Saison lang beweisen, dass er potentiell “der beste Mittelfeldspieler” seit Marcelinho sein könnte.

Cunhas spektakuläres Debüt in Paderborn

Photo by Christof Koepsel/Bongarts/Getty Images

Jetzt aber Cunha – der bereits 16. Brasilianer in Blau-Weiß. Er war in seinem ersten Spiel für Hertha an fast allen gefährlichen Szenen gegen Paderborn beteiligt, überzeugte durch Technik und Spielwitz. Ich hatte sofort das Gefühl, dass das Spiel der Hertha wieder das besondere “Etwas” hatte. Sowohl im positiven als auch im negativen Sinne. Ganz vielleicht hat sich Hertha BSC im Winter 2020 ein kongeniales Stürmerduo zusammengekauft. Hier der seriöse Torjäger Krzysztof Piatek (dessen Vorbild Robert Lewandowski ist) und da der dynamische, verspielte Cunha, der Leidenschaft und etwas Verrücktes reinbringt. Wir erinnern uns daran, dass er in einer Szene lieber den lässigen Lupfer als den trockenen Torschuss versucht. Nur ein Brasilianer ist wohl physisch in der Lage mit der Hacke so einen Torschuss zu platzierten, der dann die 2:1 Führung für die Berliner bedeutete.

Ich bin jedenfalls begeistert. Cunha lässt mich an Alves, Marcelinho und Raffael zurückdenken und gibt mir Hoffnung für zukünftig mehr Kreativität im Berliner Offensivspiel. Endlich wieder Samba auf dem Feld. Das ist doch, in den aktuell so turbulenten Zeiten für Hertha, schonmal ein Anfang. Zwar gab es in Herthas Vergangenheit auch weniger erfolgreiche Transfers aus Brasilien wie etwa einen Andre Lima oder Kaka, aber Cunha hat bereits in 90 Minuten bewiesen, dass er wohl endlich wieder ein Positivbeispiel sein kann.