Gabor Kiraly war von 1997 bis 2006 Teil von Hertha BSC, 108-facher ungarischer Nationalspieler, hat knapp 700 Profi-Spiele absolviert und gab erst mit 43 Jahren sein Karriereende bekannt. Kurzum: Der ehemalige Torhüter ist eine echte Legende des Fußballs. Unser Text zum Mann mit der Schlabberhause.

Was war ich traurig, als er uns damals nach England verließ. Ich hatte all die Jahre gehofft, wenigstens einmal seinen selbst ersehnten Abwurf gegen die eigene Latte zu sehen. Er wollte den Ball so hart und platziert gegen die eigene Torlatte schleudern, dass es wie ein „normaler“ Abwurf gewesen wäre. Von 100 Versuchen im Training gelang ihm dies 99 Mal. Das Restrisiko schien trotzdem zu hoch. 

Wegen solcher Geschichten musste man ihn einfach lieben. Der Abwurf blieb auf das Training beschränkt. Er wurde vehement daran gehindert, in einem Spiel den Ball so ins Feld zu bringen. Wahrscheinlich wurde er auch privat von Jürgen Röber oder Falko Götz bedroht, sollte er das Kunststück einmal in einem Punktspiel vollführen.

Als Unbekannter gekommen, doch schnell eine Ikone

Der ungarische Rekordnationaltorhüter spielte von 1997 bis 2004 in Berlin. Er kam mit 21 als unbekannter Spieler zur Hertha. Den Zweikampf im Tor mit dem ziemlich genau ein Jahr älteren Christian Fiedler entschied er schnell für sich. Er wurde direkt in seiner ersten Saison 1998/1999 zum besten Keeper der Bundesliga gewählt.

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Gabor Király ist kein neumodischer Torhüter, der technisch beschlagen ist und mitspielt. Man hatte dennoch nie das Gefühl der Unsicherheit, wenn der letzte Mann am Ball war. Er strahlte große Ruhe am Ball aus und das schon in jungen Jahren. Hinzu kamen seine Verletzungen – er hatte keine. Während seiner gesamten Karriere fiel er ein Spiel aus. Wegen einer Wadenverhärtung. Mit 35 Jahren.   

National in den Fokus rückte er nicht durch seine überdurchschnittlichen Leistungen, sondern durch ein spezielles Kleidungsstück: Er trug bei Wind und Wetter, Sommer und Winter immer eine Graue Baumwolljogginghose. Egal, ob sie von Wasser, Schnee oder Matsch vollgesogen war, oder ob die Außentemperatur bei 36 Grad lag. Man sah Gabor Király immer mit der grauen Baumwoll-Jogginghose durch den Strafraum hechten.

Die Jogginghose

Die Jogginghose wurde schnell zur Kulthose. Eigenen Angaben zufolge trug er die Hose erstmals 1994 in Szombathely. Der Zeugwart hatte die schwarzen Hosen vergessen und nur noch graue lange Hosen für den Keeper. Mit den Hosen im Kasten startete der Verein eine Siegesserie von 9 Spielen in Folge. Seitdem trennte Király sich nicht mehr von Schlabberhosen. Mythen besagen, er transportierte die Jogginghose in einem eigenen Koffer. Oder er trug die Hose nur, weil man ihn schlechter tunneln konnte. So oder so. Diese Hose ist auf ewig mit dem Torhüter und dem Namen Gábor Király verbunden.

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Doch was machte die Hose und ihre Ausstrahlung so besonders? Wahrscheinlich, weil die Fans einen „normalen“ Menschen in Gábor sahen. Einen von ihnen. Einen, der kurz vor dem Spiel mit seiner Jogginghose von der Couch aufgestanden, aufs Klo und dann auf den Platz gegangen ist. Im Geschäft Fußball war und ist das nicht selbstverständlich.

Hertha-Ausstatter Nike jedenfalls erkannte das Potenzial um die graue Schlabberhose und nahm sie für jedermann käuflich in die Hertha-Kollektion auf. Király und seine Jogginghose waren auch über Berlin und Hertha hinaus Kult.

2004 zog der Publikumsliebling seine Trainingshose das letzte Mal für Hertha an. Unter Tränen verließ er den Verein Richtung England. Von all seinen Stationen als Torhüter war Hertha mit Abstand seine längste. Warum er Berlin damals verließ, hatte verschiedene Gründe. Seine Leistungen wurden durchwachsen. Er verlor zeitweise seinen Stammplatz und schien nicht mehr ganz frei im Kopf zu sein. Er litt an Depressionen wie es damals hinter vorgehaltener Hand hieß.

Kindheitstraum England

Király selbst klärte in einem Pressegespräch auf: „Wir hatten mit Hertha eine schlechte Hinrunde gespielt. Am Morgen nach dem letzten Spiel gegen Köln, es war der 19. Dezember, wollte ich nicht mehr aufstehen. Ich hatte Angst. Ich wollte die Leute nicht enttäuschen. Von einer Depression sollte man nicht sprechen, es war eine sportliche Krise. Ich war nie bei einem Arzt, ich habe auch nie eine Tablette genommen.“ 

Zur Überwindung der Krise sagte er: „Ganz entscheidend war meine Frau. Sie hat mir damals gesagt, ich solle doch zum jährlichen Weihnachts-Treffen der ehemaligen Nationalspieler nach Budapest fahren. Das war am 21. Dezember. Dort habe ich zum richtigen Zeitpunkt die richtigen Leute getroffen, mich lange mit Sandor Grosics (Ungarns WM-Torwart von 1954) und Peter Disztl (Nationaltorwart 1986) unterhalten. Das hat mir sehr geholfen.“

Dann bekam Király ein Angebot von Crystal Palace aus der englischen Premier League. Ein Kindheitstraum! Also zog er mit 28 nach London. Sein sympathisches und offenes Wesen kam hervorragend bei den Briten an und so avancierte er auch in England innerhalb kürzester Zeit zum Publikumsliebling. Bereits nach einer Saison galt er als einer der besten Torhüter der Liga. Leider konnte er den Abstieg des Londoner Clubs nicht verhindern.

Ihm gefiel es in der Premier League so gut, dass er sich 2006 zu West Ham United verleihen ließ, 2007 dann zu Aston Villa und 2009 wurde er vom FC Burnley dann fest verpflichtet.

Die Rückkehr nach Deutschland

2012, im Alter von 32 Jahren kehrte er das Kind der Bundesliga zurück nach Deutschland. Genauer genommen verpflichtete ihn Bayer Leverkusen als Ersatztorwart für René Adler. Die Rückkehr von Király wurde zunächst belächelt. In der Folgesaison schwang er sich jedoch in Liga zwei bei 1860 München zum unumstrittenen Stammspieler auf. Bis 2014 sollte er noch das Tor der Löwen hüten, bevor er 2015 bei seinem Heimatverein Haladás Szombathely anheuerte und sich ein Kreis schloss.  

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Seine internationale Karriere hat Király mit 40 Jahren und nach 108 Länderspielen für Ungarn beendet. Bei der EM 2016 in Frankreich avancierte er zum ältesten Teilnehmer einer Europameisterschaft und löste Lothar Matthäus ab.

Schon vor Karriereende war Király Besitzer und Betreiber eines großen Sportzentrums. Es umfasst Hallen, Plätze, eine kleines Rehazentrum und natürlich eine Torwartschule. Insgesamt beschäftigt er 20 Trainer. Außerdem besitzt er einen eigenen Verein, den Kiraly Szabadidösport Egyesület, welcher in der 4. Liga spielt, der Regionalliga Ungarns.

Mittlerweile vermarktet der tüchtige Ungar auch seine Merchandising-Artikel selbst. Von T-Shirts über Pullover und Trikots gibt es natürlich auch Torwartzubehör wie Handschuhe, Trikots und – natürlich – seine graue Schabberhose. Das Label heißt „K1raly“ mit einer 1 als i.

Einer von uns

Kontakt nach Berlin hat Gábor Király auch noch. Er telefoniert oft mit Landsmann Pál Dárdai und Torwarttrainer Zsolt Petry. Auch mit Nello di Martino und seinem alten Torwarttrainer Enver Maric hält er Kontakt. Gabor selbst sagte über seine Zeit bei Hertha: „Ich bin mit 21 Jahren nach Berlin gekommen und mit 28 gegangen. Das war meine erste Station im Ausland, die ich nie vergessen werde. Ich habe viel gelernt bei Hertha und mit tollen Profis gespielt. Hertha war ganz wichtig für mich.“ Das ist Musik in den Ohren aller Berliner Fans.

Als Herthaner blickt man immernoch wehmütig auf unsere ehemalige Nummer 1 zurück. Nicht nur wegen seiner glanzvollen Leistungen. Er war eine Attraktion. Er war immer ehrlich. Auf und neben dem Feld. Er war einer von uns.