Die Sehnsucht nach Normalität

Die Sehnsucht nach Normalität

Ja, es gibt – insbesondere aktuell – unendlich viel wichtigere Dinge, als Fußball. Ja, die Herrschaften Watzke, Seifert, Rummenigge etc. überhöhen die Rolle des Fußballs mit ihren jüngsten Aussagen auf absurde Art und Weise. Ja, die Vehemenz, mit der die DFL seit Wochen fordert, so bald wie möglich trotz nach wie vor geltender Abstandsregelungen Fußballspiele stattfinden zu lassen und Fußballer damit zu modernen Gladiatoren werden lässt, verschlägt jedem Normaldenkenden die Sprache. Und obwohl man sich aufgrund all dieser Absurditäten eigentlich immer weiter vom Fußball entfernen sollte, tut die Aussicht, wohl frühestens im nächsten Jahr wieder Spiele im Stadion verfolgen zu können, einfach nur weh.

Viel mehr, als 90 Minuten

Die Posse um Dietmar Hopp, WM-Vergaben nach Katar und Russland, Leugnung von Rassismus im Fußball, RB Leipzig: Die Reihe an Aufregern, mit denen man sich als Fußballfan seit Jahren herumschlagen muss, könnte endlos fortgesetzt werden. Doch gerade in diesen Zeiten wird klar, dass man, bei all der berechtigten Kritik an den beschriebenen Vorgängen, einfach nicht ohne den Fußball kann. Dabei geht es um viel mehr, als nur die 90 Minuten im Stadion. Es ist das Gruppenerlebnis, das diesen Sport zu etwas ganz besonderem macht. In Zeiten von Social Distancing wird man sich erst bewusst, wie besonders so ein normaler Spieltag ist. Ein jeder hat mindestens ein Hobby, in dem er komplett aufgeht. Aber wenn man dieses Hobby mit einer Gruppe von Freunden teilt, steigert dies das Glück ins Unermessliche.

Die Sehnsucht nach dem ganz normalen Samstag

(Photo by Matthias Kern/Bongarts/Getty Images)

All dies wird nun vorerst auf unbestimmte Zeit nicht mehr möglich sein. Und wie so oft wird man sich der Einzigartigkeit des vormals normalen Samstags erst bewusst, wenn man ihn nicht mehr genießen kann. Nun, da Treffen mit mehr als einer Person untersagt sind, lernt man erst zu schätzen, was für ein Privileg es ist, sich in der vollen Bahn voll schwitzender, stinkender, alter Männer mit seinen Leidensgenossen ein paar Bierchen hinter die Binde zu kippen, um das bevorstehende Trauerspiel unserer „Alten Dame“ irgendwie erträglich zu machen. Jetzt, wo Großveranstaltungen bis mindestens Ende Oktober untersagt sind, entfacht sich plötzlich absurderweise eine regelrechte Sehnsucht, dieser Trümmertruppe beim Versuch, Fußball zu spielen, zuzusehen. Sogar ein Spiel gegen Leipzig, Hoffenheim oder Wolfsburg scheint plötzlich ein reizvoller Gedanke, wenn man doch nur einmal wieder zu den Klängen von Frank Zanders Stimme den Schal in den Himmel recken und sich die Seele aus dem Leib singen kann. Und dann wären da natürlich noch die 90 Minuten, die durch das Miteinander im schlimmsten Fall erträglicher und im besten Fall schlichtweg einzigartig werden.

Geteiltes Glück ist doppeltes Glück

So gibt es unzählige Erlebnisse, die allein nicht annähernd die Bedeutung für mich hätten, die sie nun haben, da ich sie mit meinen Freunden teilen konnte. Wenn ich an das Freistoßtor von Ronny im Heimspiel gegen Union denke, denke ich nicht daran, wie sich der Ball hinter der Mauer senkt. Ich denke daran, wie mein Kumpel und ich uns in die Arme fallen und wie Kleinkinder, denen man ihr Spielzeug wegnimmt, hemmungslos zu weinen beginnen. Wenn ich auf den Sieg gegen Hoffenheim am letzten Spieltag der Saison 2011/2012 zurückschaue, der uns letztlich in die Relegation gerettet hat, ist es nicht Raffael, wie er auf das leere Tor zuläuft, der mir als erstes in den Kopf schießt. Es ist mein längster Freund seit Kindheitstagen, wie er in dem Moment, als unsere Nummer 10 den Ball vom letzten Hoffenheimer Mann erobert, Richtung Stadiongraben rennt, als würde er das Tor selbst machen wollen und wir, als der Ball die Linie überquert, synchron vor schierer Erleichterung zusammensacken.

Quelle: https://www.youtube.com/watch?v=q1zuqyBYxxk

Derselbe Freund machte mir die Schmach, nachdem wir rund anderthalb Wochen später in Düsseldorf den Gang in die zweite Liga besiegelten, um einiges erträglicher, weil ich in der Schule nicht der Einzige war, der sich den teils mitleidsvollen, teils hämischen Blicken der Mitschüler stellen musste.

Das Europa League-Spiel in Bilbao war nicht deshalb so besonders, weil man Hertha endlich mal wieder im Duell mit einem namenhaften europäischen Verein begutachten konnte. Sondern weil damit ein einzigartiges Wochenende mit tollen Menschen und viel zu viel Wein einherging.

Das Warten lohnt sich

Unabhängig von der aktuellen Debatte, ob die Bundesliga in Form von Geisterspielen zügig wieder den Spielbetrieb aufnehmen soll, oder nicht, machen diese Geschichten eines klar: Wie so ziemlich alle schönen Erlebnisse werden Momente erst dann einzigartig, wenn man sie mit Freunden teilen kann. Ob der Jubel über ein Tor, das man sich gemeinsam via Skype-Konferenz mit seiner Stadion-Truppe anschaut, derartige Hochgefühle auslöst, wie ein Last-Minute-Sieg im Stadion oder in der Kneipe, darf bezweifelt werden.

Bis es wieder zu solchen Momenten kommen kann, wird es noch eine ganze Weile dauern. Aber wenn ich mir heute vorstelle, wie breit mein Grinsen sein wird, wenn ich um 13:30 am Bahnsteig auf meine Freunde treffe, wir zusammen ins Stadion fahren und uns nach Abpfiff stundenlang abwechselnd über Herthas Unfähigkeit und den VAR aufregen, dann weiß ich, dass sich das Warten lohnt.

[Titelbild: Matthias Kern/Bongarts/Getty Images]

1. FC Union Berlin – Hertha BSC: Das etwas andere Derby

1. FC Union Berlin – Hertha BSC: Das etwas andere Derby

Nun heißt es erst einmal ganz tief durchatmen. Ein auf allen Ebenen derart intensives Spiel, wie das am Mittwochabend gegen Dynamo Dresden, hat man als Hertha-Fan lange nicht gesehen. Zum Runterkommen täte es da eigentlich ganz gut, wenn man sich am Wochenende einen schönen Waldspaziergang vornimmt oder in den Park geht und Enten füttert. Doch der Spielplan der DFL meint es in dieser englischen Woche nicht gut mit dem Seelenheil aller blau-weißen Anhänger. Denn schon am Samstag steht das Spiel an, auf das schon seit Wochen hingefiebert wird:

Mit dem Aufstieg Unions kommt es nun erstmals in der Bundesliga zum Stadt-Derby. (Photo by Stuart Franklin/Bongarts/Getty Images)

Am 27. Mai 2019 war die Überraschung perfekt. Ein 0:0 im Heimspiel gegen den VfB Stuttgart besiegelte den Aufstieg Unions in die Bundesliga. Nachdem man in den Vorjahren einige Male am Wunder schnupperte, ist der Traum von der ersten Liga nun Realität.

Damit steht auch fest, dass es in dieser Saison erstmalig zum Derby zwischen Union und der Alten Dame im Fußball-Oberhaus kommt. Anlässlich dieses Ereignisses haben wir uns etwas Besonderes einfallen lassen. Ganz im Sinne des 30-jährigen Jubiläums des Mauerfalls haben wir Unioner und Herthaner aus der Podcast/- Bloggerszene zu ihrer Gemütslage vor dem Spiel befragt. Wir wollen wissen, welche Bedeutung das Derby für beide Seiten hat, wie sich die Rivalität der zwei größten Berliner Vereine in den letzten Jahren entwickelt hat und mit welchen Gefühlen beide Fanlager in den Samstag gehen.

Kein Derby wie jedes andere

Das letzte Aufeinandertreffen liegt über sechseinhalb Jahre zurück. (Photo by Matthias Kern/Bongarts/Getty Images)

Hört man hierzulande das Wort „Derby“, denkt man zuallererst an Partien wie Dortmund – Schalke, Bayern – 1860 München, Stuttgart – Karlsruhe oder Nürnberg – Fürth. All diese Begegnungen eint eine tief gewachsene Rivalität zwischen den jeweiligen Teams. Der Ausgang des Derbys kann dabei schon mal über eine ansonsten komplett verkorkste Saison hinweghelfen oder den Schmerz zumindest erheblich lindern. So war es beispielsweise der Fall, als Dortmund in der Saison 2006/2007 Schalke am vorletzen Spieltag die Meisterschaft versaute, abgesehen davon jedoch eine enttäuschende Runde spielte und auf Rang 9 abschloss. Über 10 Jahre später bleibt aber vor allem dieses eine Spiel in Erinnerung.

Hertha und Union „fehlt“ diese gewachsene Rivalität. Bekanntermaßen bestand zu Zeiten der Teilung und auch noch danach (zumindest in Teilen) eine Freundschaft zwischen beiden Fanlagern. Zudem gab es in der gemeinsamen Geschichte lediglich zwei Spielzeiten, in denen man in derselben Liga spielte. Daher gab es kaum Gelegenheiten, für denkwürdige Spiele oder andere besondere Momente zu sorgen. Trotzdem hat sich in den letzten Jahren, zumindest beim aktiven Teil der Fanszenen, eine starke Antipathie füreinander entwickelt. So gibt es kaum noch ein Heimspiel der Alten Dame, bei dem es nicht „Scheiß Union“ durch das weite Rund schallt. Ein Spiel wie jedes andere ist es also keineswegs. Schon allein deswegen nicht, weil man sich nun weitaus eher auf Augenhöhe begegnet, als es noch zu Zweitligazeiten der Fall war.

Zwar ist Hertha auch jetzt der Favorit, doch waren die Machtverhältnisse im Unterhaus – in dem Hertha mit einem Kader antrat, der an Wettbewerbsverzerrung grenzte und das zu einer Zeit, als Union noch weit davon entfernt war, ernsthafte Aufstiegsambitionen zu haben – weitaus klarer verteilt. Und selbstverständlich darf man auch das Thema Prestige nicht außer Acht lassen. Ein Derbysieg schmeckt dann am Ende des Tages eben doch süßer als Siege gegen Wolfsburg, Hoffenheim und Konsorten.

Die sportliche Bedeutung

Neben der emotionalen Komponente geht es nüchtern betrachtet auch in dieser Partie zunächst einmal um drei Zähler. Diese würden beiden Mannschaften in der aktuellen Situation zupasskommen. Union befindet sich seit Saisonbeginn, wie es nicht anders zu erwarten war, im Abstiegskampf und rangiert punktgleich mit dem 17. auf Rang 15. Auch wenn der Start mit einem 0:4 gegen RB Leipzig gleich mal gehörig daneben ging, hat man seitdem bewiesen, dass man keineswegs chancenlos ist und konnte gerade bei den Siegen gegen Dortmund und Freiburg zeigen, insbesondere vor heimischer Kulisse für die eine oder andere Überraschung gut zu sein. Hertha sollte sich also nicht auf den Derby-Heimfluch (bisher konnte weder Hertha noch Union ein Derby im eigenen Stadion für sich entscheiden) verlassen.

Auch die Alte Dame kann einen Sieg im Derby, nicht nur aus atmosphärischen Gründen, dringend gebrauchen. Nach dem Zwischenhoch mit zehn Punkten aus vier Spielen sorgte die Niederlage gegen Hoffenheim wieder für einen kleinen Dämpfer. Will man den Anschluss an das obere Tabellendrittel nicht verlieren, ist ein Sieg in Köpenick Pflicht.

Um das Stimmungsbild aus beiden Fanlagern möglichst genau abzubilden, haben wir mit je drei Herthanern und drei Unionern aus der Podcast-/ Bloggerszene gesprochen. Genauer gesagt standen uns für Union Sebastian Fiebrig vom Textilvergehen, Daniel Roßbach – ebenfalls bekannt durch u.a. Textilvergehen und Spielverlagerung.de – sowie Benni von der Alten Podcasterei gesprochen.
Auf Herthaner Seite standen uns Steffen vom Damenwahl-Podcast
, Moritz von der Axel Kruse-Jugend sowie Steven, der den Blog sogenannterblogger betreibt, Rede und Antwort.

Wir bedanken uns vielmals bei unseren tollen Interview-Gästen und wünschen viel Spaß beim Lesen!

Hertha BASE: Nur noch ein paar Tage bis zum Derby: Wie sehr kribbelt es schon?

Steven (Hertha-Fan): Jetzt, nach dem wichtigen Pokalspiel, liegt der Fokus natürlich komplett auf dem Derby. Ja, es kribbelt!

Benjamin (Union-Fan): Als viele Unioner nach dem Relegationsrückspiel schon das Derby im Kopf hatten, war ich immens davon genervt. Immerhin waren wir für uns aufgestiegen. Das Abenteuer erste Liga ist eines, welches nicht nur aus zwei Derbys besteht. Nun nähert sich jedoch der Spieltag und ich muss gestehen: ja, ich bin heiß auf das Spiel!

Sebastian (Union-Fan): Bis jetzt noch gar nicht. Aber das hat eher was mit der gesamten Saison zu tun. Ich war so oft so aufgeregt in dieser Spielzeit, das kann ein Derby gar nicht toppen. Man steigt eben nur ein Mal das erste Mal in die Bundesliga auf. Das erste Spiel überhaupt, der erste Punkt, der erste Sieg und so weiter und so fort. Es gibt eine ganze Reihe Gegner, gegen die Union das erste Mal überhaupt in einer Liga spielt. Hertha gehört da nicht dazu, weil ihr uns zwei Mal entgegen gekommen seid. Und dann ist da noch der enge Spielplan. Auswärtsspiel beim FC Bayern, dann Pokal in Freiburg und dann gleich das Derby – viel Zeit für Vorfreude bleibt da nicht. Aber ich bin mir ganz sicher, dass es am Sonnabend Vormittag kribbeln wird.

Steffen (Hertha-Fan): Noch nicht so sehr, wie ich gedacht hätte. Das liegt vermutlich am Pokalspiel, welches der Derbyvorfreude noch so ein wenig im Weg steht. Außerdem habe ich für das Auswärtsspiel bei Union – mal wieder – kein Ticket. Ein TV-Derby und das Aufeinandertreffen direkt im Stadion sind dann nochmal was anderes. Mal schauen, ob das Kribbeln zum Wochenende hin noch zunimmt. Spoiler: Ja, wird es!

Daniel (Union-Fan): Es geht … uns gerade eher auf die Nerven. Wir beim Textilvergehen werden seit einer Weile ständig danach gefragt, wie bedeutend uns nun eigentlich dieses Derby sei, und wie das Verhältnis von Hertha und Union denn nun eigentlich sein sollte. Dabei ist mir Hertha die meiste Zeit über eher etwas egal – zumindest so, dass ich nicht wie offenbar manche Leute im Union-Block in München plötzlich auf die Idee käme, mich über Hoffenheim-Tore zu freuen, weil sie gegen Hertha fallen. Aber natürlich ist Hertha schon ein besonderer Gegner. Das Spiel am Samstag wird nicht eins der Top5 aufregendsten dieses nicht-ganz-uninteressanten Jahres bei Union sein – aber in der Liste auch nicht auf Platz 22 stehen.

Moritz (Hertha-Fan): Auf einer Skala von „Siehst Du, dass ich mich kratze?“ – „Nein.“ – „Weil es mich nicht juckt.“ bis Dschungelprüfung: irgendwo dazwischen. Das Pokalspiel zieht auch einiges an Aufmerksamkeit und es ist doch weniger von der Fanszene und Hertha her passiert, als ich gehofft habe (Kein Public Viewing, kein Begleiten des Busses …). Gefühlt geht es die ganze Zeit darum, wer noch wie von wo ein Ticket kriegt … (Nein, ich habe keins. Nein, ich kann meins auch nicht weitergeben, ich habe keins.)

Hertha BASE: Ist das Gefühl dieses Mal (auch wegen der höheren Spielklasse) ein anderes als noch bei den letzten Aufeinandertreffen?

Steven (Hertha-Fan): Würde ich schon so sehen, ja. In der zweiten Liga war halt immer im Hinterkopf, dass wir eigentlich niemals hätten absteigen dürfen. Die Derbys und viele andere Spiele gegen für uns neue Gegner waren natürlich spannend, aber es war klar, dass der Fokus auf dem Wiederaufstieg liegt. Ein Bundesliga-Derby in der eigenen Stadt ist schon was besonderes und wäre für mich persönlich nur noch zu toppen durch ein Pokal-Derby.

Benjamin (Union-Fan): Das Gefühl ist in der Tat anders als zuvor – aber nicht der Spielklasse wegen. So viele Pflichtspielderbys gegeneinander haben unsere Vereine noch nicht auf dem Buckel und dennoch ist das letzte eine Weile her. Und diese Jahre machen etwas mit dem Fußballgemüt. Ich sehe Hertha heute anders als damals. Das unterscheidet es für mich.

Foto: Matthias Kern/Bongarts/Getty Images

Sebastian (Union-Fan): Es ist sehr viel sehr gleich. Und doch ist manches ein bisschen anders. Die Grundvoraussetzung hat sich geändert und ich glaube, dass uns das allen gefällt: Niemand musste absteigen, damit das Derby stattfinden kann. Und wir befinden uns im natürlichen Habitat von Hertha, in der Bundesliga. Ob diese Liga auch mal ein natürlicher Lebensraum für Union wird, werden wir sehen. Und auch die Bedeutung von Union hat sich geändert. Obwohl Bedeutung vielleicht das falsche Wort ist. Durch den Bundesliga-Aufstieg bekennen sich mehr und mehr Menschen zum 1. FC Union. Auch durch Vereinsmitgliedschaft. Und das führt schon dazu, dass Union zwar noch der Underdog ist, aber der Abstand zu Hertha gefühlt geringer ist, auch wenn da noch sehr viel Weg zu gehen ist, damit Union in Bereichen wie in der Nachwuchsarbeit ansatzweise auf einem ähnlichen Stand ist.

Steffen (Hertha-Fan): Ein Derby ist was besonderes. Ob in der 1. oder 2. Liga ist für mich eher zweitrangig. Ich beschreibe das Derby-Gefühl gern mit “das Weiße in den Augen des Gegners sehen”. Wenn man ein normales Ligaspiel gewinnt oder verliert, dann freut oder ärgert man sich – und dann geht’s weiter. Bei einem Derby kann man nicht so einfach einen Haken dran machen. Da sieht man die Fans des Gegners noch Tage und Wochen später auf der Straße, auf der Arbeit, im Supermarkt. Da möchte man in jedem Fall derjenige sein, der grinst. Nicht der, der angegrinst wird. Bestimmt bekommt das erstklassige Derby deutschlandweit eine andere Aufmerksamkeit. In Berlin empfinde ich das Spiel nicht anders.

Daniel (Union-Fan): Damals waren Spiele von Union gegen Hertha auf jeden Fall noch eine viel asymmetrischere Angelegenheit. Natürlich gibt es jede Menge Aspekte, in denen Union viel toller ist als Hertha, aber sportlich war es eben sehr klar nur vorübergehend dieselbe Liga, und innerhalb der ein großer Unterschied. Das ist jetzt beides nicht mehr (weniger) der Fall.

Moritz (Hertha-Fan): In Liga zwei war ich noch nicht so in die Fanszene eingebunden, aber damals war es definitiv auch was Besonderes. Die Hektik scheint diesmal größer, auch wegen der Mauerfall-Jubiläums-Sache vielleicht. Über Liga eins wird auch mehr in der Presse berichtet… Also unterm Strich: Ja, es ist ein anderes Gefühl.

Hertha BASE: Welches ist deine prägnanteste Erinnerung an die zurückliegenden Derbys?

Steven (Hertha-Fan): Sicherlich der 2:1-Sieg in der Alten Försterei in der Saison 12/13. Ein absolut dreckiges Kampfspiel mit Typen wie Maik Franz, Peter Niemeyer oder eben auch Änis Ben-Hatira und Sandro Wagner. Dazu der Freistoß von Ronny, mit mehr Wucht als Verstand. Spielerisch sicherlich übel, aber es wurde um jeden Ball, um jeden Einwurf gefightet. Wenn die aktuelle Mannschaft es am Samstag schafft, so eine Einstellung auf den Platz zu bringen, mache ich mir angesichts der vorhandenen spielerischen Qualität keine Sorgen.

Benjamin (Union-Fan): Selbstverständlich war das 2:1 im Olympiastadion ein historischer Moment für den 1. FC Union Berlin. Und meine Erinnerung daran bleibt, egal wie irgendein zukünftiges Derby enden sollte.

Sebastian (Union-Fan): Michael Parensens unzählige Verletzungen. Ich erinnere mich, wie ich beim Derby an der Alten Försterei noch in den Krankenwagen schaute, bevor der mit ihm losgefahren ist. Und dann natürlich der Sieg im Olympiastadion. Ich hätte eigentlich in der Sport-Redaktion des Kuriers arbeiten müssen, durfte aber ins Stadion, weil ich eine Familie aufgetan hatte, in der der Vater Unioner und der Sohn Herthaner ist und beide bis zum Stadion begleitete, wo sich beim Einlass deren Wege trennten. Ich bin meinem damaligen Chef Andreas Lorenz immer noch dankbar, dass er mich das hat machen lassen.

Foto: Boris Streubel/Bongarts/Getty Images

Steffen (Hertha-Fan): Im Vorfeld des ersten Pflichtspiel-Derbys gegen Union war ich eigentlich ganz entspannt. Hertha und Union waren traditionell keine großen Rivalen, der „echte“ Derby-Gegner war TeBe. Mit Union verband ich eher die Geschichten der „Alten“. Etwa von gegenseitiger Unterstützung zu Mauerzeiten, wenn Unioner zu Auswärtsspielen von Hertha im Europapokal gegen Gegner aus dem Ostblock anreisten oder Herthaner nach Ost-Berlin fuhren, um Union an der Alten Försterei anzufeuern. Geschichten von Blau-Weißen und Rot-Weißen, die sich in den Monaten nach dem Mauerfall bei dem einen oder anderen Spiel glücklich im selben Stadion wieder fanden. Nicht als Gegner, sondern als Menschen in einer plötzlich wiedervereinigten Stadt. Tja, dann zogen die Jahre ins Land und das Verhältnis zwischen Fans und Vereinen kühlte mehr und mehr ab. 2010 war von den alten freundschaftlichen Banden kaum noch etwas zu spüren. Dann entschied sich Union im Vorfeld des ersten Derbys auf einmal die Ost-West-Karte zu spielen und das Spiel als ein Ost-Berlin gegen West-Berlin zu stilisieren. Ich habe das als ehemaliger Ost-Berliner als ziemlich schlimm empfunden. Vielleicht bin ich da auch zu empfindlich, aber für mich war das Derby eine Geschichte des zusammenwachsenden, wiedervereinigten Berlins. Und auf einmal versuchte da jemand, eine neue Spaltung, wenn auch nur sportlich, zu beschwören. Das schwebt bei mir seitdem bei jedem Aufeinandertreffen im Hinterkopf.

Daniel (Union-Fan): Ich bin ja noch gar nicht so lange Unioner, und eh Zugezogener. Das 2-2 im Februar 2013 in Charlottenburg mit dem späten Freistoß von Ronny war tatsächlich eins meiner ersten Union-Spiele in einem Stadion. Die Auswahl ist also nicht so furchtbar groß – aber ich fand den Auswärtsblock (ich war im Union-lastigen neutralen/heim Sektor daneben) damals sehr beeindruckend – vor allem die geschwenkte, schön rote Pyro im Oberrang.

Moritz (Hertha-Fan): Im Olympiastadion noch in der Schlussphase der Ausgleich durch das obligatorische Ronny-Freistoß-Tor… Fühlte sich trotzdem wie eine Niederlage an..

Hertha BASE: Wie hat sich die Rivalität in deinen Augen in den letzten Jahren entwickelt und wie nimmst du sie aktuell wahr?

Steven (Hertha-Fan): Es ist logisch, dass die Rivalität innerhalb einer Stadt größer wird, je öfter man sich sportlich über den Weg läuft. Historisch gesehen ist das sicher nicht vergleichbar mit den großen Rivalitäten wie Dortmund – Schalke, St. Pauli – HSV oder auch Karlsruhe – Stuttgart. Von daher sollte man da nicht die große gewachsene Feindschaft reinreden. Ebenso ist es aber sicher auch kein Freundschaftsderby. Die Kontakte, die es mal gab und die ich niemandem schlecht reden will, sind doch sehr abgekühlt und gerade von Unioner Seite nimmt man eine recht ablehnende Haltung wahr, wenn es um Hertha und die freundschaftlichen Kontakte der Vergangenheit geht.

Benjamin (Union-Fan): In meinem Umfeld bestand die Rivalität auch zu den Zweitligaderbys. Seit den 90ern ist hingegen viel passiert. Beide Vereine, Szenen, Fans driften in der Wahrnehmung auseinander. Das merke ich auch an mir selbst. Hätte ich mich in den letzten Derbys noch über ein gemeinsames „Eisern Berlin“ gefreut, so kann ich heute getrost darauf verzichten. Der Alleinstellungsanspruch, der mir nicht nur von den blau-weißen „Wir sind Berlin“-Plakaten an der Bushaltestelle ins Gesicht springt, trägt dazu sicher auch etwas bei. Ihr mögt ganz gerne „Eine Stadt – ein Verein – Hertha BSC“ singen. Aber auch ihr wisst hoffentlich, wie bunt die Fußballwelt in Berlin ist. „Eine Stadt – so viele Vereine!“

Foto: Matthias Kern/Bongarts/Getty Images

Sebastian (Union-Fan): Da ich bekennender Anhänger der Fußball-Ökumene Berlin bin, hat sich für mich wenig geändert. Wir hosten ja als Union-Blog und -Podcast auch den Hertha-Podcast Damenwahl. Ich mochte das Hertha-Echo mit Manne Sangel und ich finde, dass die Ostkurve zu den unterschätztesten Fanszenen in Fußball-Deutschland gehört. Was sich geändert hat? Uns trennt seit 30 Jahren keine Mauer mehr, sodass sich eine normale Rivalität entwickeln konnte, ohne in Hass umzuschlagen. Dazu gehört auch, dass man das Gegenüber als Konkurrenz empfindet. Und ich finde, dass das Hertha als Verein gut tut, um ein Profil jenseits dieser schlimmen Bezeichnungen wie „Hauptstadtklub“ zu entwickeln. Abgrenzung tut dem Verein (und hier meine ich explizit die Leute, die im Verein arbeiten und nicht die Fans) ganz gut. Man muss nicht allen gefallen wollen. Und für Union ist es auch ganz gut, sich in Konkurrenz zu befinden. Toll finden wir uns schon von alleine. Da tut kritische Betrachtung ganz gut. Am Ende profitieren beide Klubs davon, dass man sich plötzlich in Berlin bekennen muss: Union oder Hertha?

Steffen (Hertha-Fan): Seit Herthas letztem Aufstieg im Jahr 2013 hat sich für mich persönlich eigentlich nicht so viel verändert. Sicherlich haben sich für beide Klubs in massiver Weise Dinge geändert. Union durchlebt gerade eine ähnliche Wachstumsphase wie Hertha in der zweiten Hälfte der Neunziger. Hertha selbst konnte sich erst einmal aus der ewigen Schuldenfalle befreien. Zu welchem Preis werden wir wohl erst in der Rückschau in einigen Jahren bewerten können. Aber im Verhältnis zwischen Hertha und Union, zwischen Herthanern und Unionern, hat sich in den letzten Jahren nicht allzu viel getan. Man arbeitet professionell miteinander, die Fans betrachten sich argwöhnisch aus der Distanz. Die Unionern marschieren in der ihnen eigenen Art durchs Land und verkünden ihre moralische Überlegenheit, die Herthaner zucken genervt mit den Schultern. Das empfinde ich tatsächlich keinen Deut anders als 2010. Business as usual.

Daniel (Union-Fan): In den letzten Jahren hatten wir bei Union mit Hertha direkt natürlich nicht zu tun – höchstens mal über die Karlsruher Dependance (das finden wir eher merkwürdig). Wenn ich mich mit Herthanern unterhalte, dann nicht selten im Rahmen unserer Podcast-Ökumene mit Damenwahl. Da ist das alles grundsätzlich natürlich freundlich mit Aussicht auf kleine Sticheleien. Und so sehe ich eben auch Hertha insgesamt. Außerdem hat sich in den letzten Jahren ja auch die Bundesliga geändert, in der es nun viele Mannschaften gibt, die ich viel weniger mag als Hertha und/oder die mir (noch) weniger sagen. Und machen wir uns nichts vor, natürlich bietet die Nähe zueinander auch Reibungsfläche.

Moritz (Hertha-Fan): Zu Zweitliga-Zeiten waren die Bus-Beschädigungen ziemlich daneben, das hat mich damals geärgert. Den ständigen Sprüh-Battle an der Autobahn oder auf den Stromkästen wiederum finde ich lustig. Ich höre ständig Herthaner „Scheiß-Union“ rufen, egal, gegen wen wir spielen – das ist nicht so meins. Ich hoffe auf ein wirklich nettes und friedliches Spiel, ich kenne so viele Unioner und Herthaner, die sich genau das wünschen – ich finde, wir haben uns ein Freundschaftsderby verdient, es gibt genug Spaltung und Hass in der Gesellschaft, Berlin braucht L I E B E !

Hertha BASE: Viele Herthaner aus meinem Umfeld haben sich über den Aufstieg Unions gefreut. Wie sah das bei dir bzw. in deinem Umfeld aus?

Steven (Hertha-Fan): Die Vorfreude auf das Derby war natürlich sofort da, aber es war bei mir persönlich sicher nicht so, dass ich Union im Endspurt die Daumen gedrückt habe. Es gibt zwar durchaus einiges bei Union, was mir gefällt; Die klare Positionierung pro 50+1, den Fokus aufs Stadionerlebnis, das Verhältnis zwischen Fans und Verein oder die Tatsache, dass man nicht bei jeder Fackel einen Tobsuchtsanfall bekommt. Allerdings hat der sportliche Erfolg Unions in den letzten Jahren natürlich auch viele Leute angezogen, die sich von diesem Mythos um den alternativen Kultklub angezogen fühlen. Da reden dann plötzlich Leute von der „Union-Familie“, die vor ein paar Jahren noch ins Olympiastadion gegangen sind, um Bremen oder Dortmund die Daumen zu drücken. Leute, die eher dem Klischee des zugezogenen Prenzlauer Berg Hipsters entsprechen, als dem Arbeiter-Milieu. Dafür kann Union an sich nicht so viel. Wenn sich aber Herr Zingler dann hinstellt und in Bezug auf das Derby vom „Klassenkampf“ spricht, dann frage ich mich, ob er den Bezug zur Realität verloren hat. Eine Äußerung, die er noch dazu tätigt, nachdem man in Köpenick mit Adidas einen sehr lukrativen Ausrüstervertrag, sowie einen Hauptsponsorvertrag mit dem Immobilien-Unternehmen Aroundtown geschlossen hat. Ein Unternehmen, was sich nicht zwingend mit dem Image des kleinen, sich seiner sozialen Verantwortung bewussten Vereins in Einklang bringen lässt. Nun ist es sicherlich so, dass es gerade auch bei Hertha in dieser Richtung Entwicklungen gab, mit denen viele Fans nicht zwingend glücklich sind. Allerdings gerieren wir uns auch eher selten als letzte anti-kommerzielle Bastion des Profifußballs.

Moritz (Hertha-Fan): Die meisten haben sich zunächst total gefreut, allerdings ging ja damals schon vor der Relegation der Union-Hype los, plötzlich wurde uns wieder bewusst, WIE grau unsere graue Maus noch immer (angeblich) ist. Jetzt sind die meisten eher trotzig: schön dass Union mitmacht, es ist eine Bereicherung, aber wir sollten zeigen, was wir draufhaben. Hertha ist Kult seit dem 25. Juli 1892.

Hertha BASE: Welche Bedeutung hat der Ausgang des Derbys für den Rest der Saison? Erhoffst du dir bei einem Sieg einen besonderen Schub und befürchtest du umgekehrt im Falle der Niederlage einen Knick?

Steven (Hertha-Fan): Mit Blick auf die Tabelle wäre ein Sieg, auch ohne die besondere Bedeutung des Derbys, immens wichtig. Speziell aufgrund der Situation, dass sich in der Mannschaft einige Hierarchien geändert haben, Spieler wie Salomon Kalou eine neue Rolle akzeptieren müssen und man einen neuen, im Profibereich unerfahrenen Trainer hat, kann so ein Derbysieg sicherlich eine Wirkung haben, die über das Wochenende hinaus geht. Mit einer Niederlage befasse ich mich, wenn es soweit ist. Dauert also noch.

Benjamin (Union-Fan): Das Derby ist ein Fußballspiel mit besonderem emotionalen Wert. In diesem Sinne ist es ein (nicht DER) Höhepunkt der Saison. Dennoch geht es auch hier nur um drei Punkte – wichtige Punkte für Union, ja. Aber genau so wichtig wie gegen Freiburg, Schalke oder Köln. Mehr nicht.

Sebastian (Union-Fan): Weder noch. Ich hätte gerne die Punkte, weil es Punkte im Kampf um den Klassenerhalt sind. Zwar macht ein Sieg gegen Hertha besonders viel Spaß. Und umgekehrt sicher auch, denn sonst hätte nicht ewig vor Herthas Pressekonferenz-Raum ein Bild von Sandro Wagner nach seinem Tor gegen Union gehangen. Aber würde eine Fee vor mir stehen und fragen: Klassenerhalt oder Derbysieg? Dann würde ich mich sofort für den Klassenerhalt entscheiden. Die Aufmerksamkeit, die ein Jahr Bundesliga generiert, schafft man in zehn Jahren zweite Liga nicht. Und Union braucht das, um sich weiter irgendwie im Profibereich der 20 besten Mannschaften Deutschlands zu etablieren. Ihr wisst, wovon ich rede. Es ist wahnsinnig schwierig, sich in der Bundesliga zu etablieren, wenn nicht gerade von extern signifikant viel Geld dazugeschossen wird. Und ich glaube, dass der Abstand zwischen Bundesliga und zweiter Liga immer größer wird und entsprechend mit jedem Jahr das Fenster kleiner, sich überhaupt in der Ersten Liga etablieren zu können, wie das mal Mainz oder Freiburg gemacht haben.

Foto: Boris Streubel/Bongarts/Getty Images

Steffen (Hertha-Fan): Ein einziges Spiel kann schon mal bedeutend für den Verlauf einer ganzen Saison sein. Ich glaube aber nicht, dass dieses Derby-Hinspiel so ein entscheidendes Spiel ist. Hertha wird sich diese Saison im Niemandsland der Tabelle einpendeln. Wir sind aktuell, vor allem Defensiv, nicht stabil genug, um Ansprüche auf höhere Tabellenregionen anmelden zu dürfen. Dafür gibt es diese Saison zu viele stabil performende Mannschaften in der oberen Tabellenhälfte. Union hat an den ersten Spieltagen genug Punkte und Selbstvertrauen getankt, da würde unser Nachbar auch bei einer klaren Niederlage nicht hoffnungslos in den Abstiegskampf zurückfallen. Ich denke, am Samstag geht es einzig und allein darum, wer bis Weihnachten mit Dauergrinsen im Gesicht herumlaufen darf.

Daniel (Union-Fan): Das Momentum aus dem Spiel halte ich für weniger wichtig als die schlichten drei Punkte. Hertha fällt in die Klasse von Gegnern, die Union zuhause schlagen kann, und hin und wieder auch schlagen muss, um am Ende auf 35-40 Punkte zu kommen. Natürlich würde ein Sieg darüber hinaus auch noch etwas Selbstvertrauen und Schwung für die nächsten Wochen geben, in denen Union noch einige Spiele hat, in denen Urs Fischer wohl Punkte budgetiert hat (Union spielt noch gegen vier der fünf anderen Mannschaften im letzten Drittel der Tabelle).

Moritz (Hertha-Fan): Für das Verhältnis Trainer/Fans ist es wahrscheinlich am wichtigsten, da hängt schon etwas davon ab. Abgesehen davon sind es nur drei Punkte und wir sind noch früh in der Saison. Ich befürchte weder einen Knick noch verspreche ich mir einen Schub. Ich denke, die Fußballer von heute sind Profis und hören sich hinterher auf YouTube eine Seelenreise an, die Ihnen die traumatische Erfahrung der Niederlage zu überwinden hilft.

Wie lautet dein Tipp für das Spiel?

Steven (Hertha-Fan): Ich bin sehr optimistisch, dass Ante Covic es versteht, seine Mannschaft auf so ein Spiel einzustellen. Dazu haben wir genügend Spieler im Kader, die mit solchen Situationen umgehen können und sich durch nichts beeindrucken lassen. Ich tippe auf ein 3:1 für Hertha.

Benjamin (Union-Fan): Egal ob Derby oder nicht: wenige Tage vor einem Spiel flüstert der Kopf nur noch und das Herz schreit um so lauter: „Die hau’n wa weg!“. Die Punkte bleiben in Köpenick: 2:1 für die Guten, so wie damals im Leichtathletikstadion.

Sebastian (Union-Fan): 2:1 für Union. Es wird mal Zeit für einen Heimsieg im Derby.

Steffen (Hertha-Fan): Derbys werden gewonnen! Diese Saison, nächste Saison und darüber hinaus. (Hertha, ey, bitte gewinne dieses verdammte Spiel!)

Daniel (Union-Fan): <a
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target=“_blank“ rel=“noopener“>Union immer 3-0!</a>

Moritz (Hertha-Fan): Hertha gewinnt 2:1. Ich würde Selke ein Tor wünschen, aber vielleicht ist das zuviel, es ist ja noch nicht Weihnachten. Also Kalou und Ibi, wie immer.

*Titelbild: Boris Streubel/Bongarts/Getty Images

Valentino Lazaro – Herthas vielseitiger Schlüsselspieler

Valentino Lazaro – Herthas vielseitiger Schlüsselspieler

Der Transfersommer 2017 war aus Herthaner Sicht ein ganz besonderer. Durch den Abgang von John Anthony Brooks, der für rund 18 Millionen Euro den Weg in die Autostadt nahm, ermöglichten sich für Michael Preetz und sein Team ganz neue Möglichkeiten. Plötzlich konnte man Geld in die Hand nehmen – und genau das tat Hertha. Für insgesamt 14 Millionen sicherten sich die Berliner die Dienste von Davie Selke, Mathew Leckie, Karim Rekik und Valentino Lazaro. Letzterer war mit einer Leihgebühr von einer halben Millionen Euro noch ein echtes Schnäppchen. Die festgeschriebene Kaufvereinbarung von 6,5 Millionen Euro wird erst in diesem Sommer fällig. Eine hohe Summe für einen damals 21-jährigen, der bislang nur in der österreichischen Liga kickte. Dass dieser Vertrauensvorschuss nicht zu viel des Guten war, bewies der Nationalspieler aber gleich in seiner ersten Saison.

Lest im letzten Teil unserer Reihe über die kommenden Shooting-Stars, was in diesem Jahr von Lazaro erwartet werden darf:

Lazaro rechtfertigt das Vertrauen

Eine englische Woche sollte für den Österreicher der Durchbruch im blau-weißen Trikot sein. Der Neuzugang aus Salzburg deutete schon zuvor immer mal wieder an, wie viel Talent in ihm schmorte. Doch zumeist ging es über Ansätze nicht hinaus. Oft mangelte es ihm am Gefühl für die richtige Entscheidung, sodass seine unbestreitbaren Qualitäten am Ball in der Regel nicht mehr waren als brotlose Kunst. In einer Vorlage oder gar einem Tor mündeten seine Aktionen nur äußerst selten. Mit dem Spiel gegen Hannover 96 am 16. Spieltag der vergangenen Saison sollte sich genau das schlagartig ändern. Plötzlich war da ein anderer Valentino Lazaro, der endlich unter Beweis stellte, welch vielseitige Qualitäten in ihm schlummern. Auf einmal war da dieser unbedingte Zug zum Tor, das Bewusstsein für den richtigen Zeitpunkt des Abspiels und eine unnachahmliche Genauigkeit im Flankenspiel. So leitete Lazaro das 1:0 mit einem Flankenwechsel ein, wie man ihn sonst nur von Toni Kroos kennt: einmal quer über das gesamte Feld genau auf den Fuß von Pekarik. Diese Fähigkeit war es auch, die ihn im darauffolgenden Spiel bei RB Leipzig zum stillen Helden machen sollte. So bereitete er sowohl das Tor von Kalou nach Freistoß als auch das von Selke nach einem Eckball vor und war damit maßgeblich am Sensationssieg zum Hinrundenabschluss beteiligt. Pünktlich zur Rückrundenvorbereitung war Valentino Lazaro damit nach holprigem Start endgültig in der Hauptstadt angekommen.

Foto: Ottmar Winter/Bongarts/Getty Images

Herthas Lichtblick in einer enttäuschenden Rückrunde

Hertha beendete die Hinrunde damals mit 24 Punkten und gerade einmal vier Punkten Rückstand auf die Champions League-Plätze. Nicht wenige träumten aufgrund der wegfallenden Dreifachbelastung davon, dass die Alte Dame nun wieder oben angreifen könne. Der Ausgang ist bekannt: Einmal mehr enttäuschte Herthas Punkteausbeute in der Rückrunde auf ganzer Linie. Erschwerend hinzu kam noch, dass man mit ganz wenigen Ausnahmen auch noch erschreckend schlechten Fußball spielte. Einer der wenigen Hoffnungsschimmer in Herthas sonst so tristem Spiel war Lazaro. Gefühlt ging in diesem Zeitraum jede Offensivaktion über den quirligen Österreicher. Besonders herausstechend ist dabei die Vielseitigkeit Lazaros. Im Laufe der Rückrunde bekleidete er in der offensiven Dreierreihe jede Position und rochiert auch während des Spiels sehr oft. So wurde er zum Beispiel im Spiel gegen den 1. FC Köln nach einer unterirdischen Vorstellung von Mitchell Weiser zur zweiten Halbzeit nach rechts hinten gezogen. Prompt hatte das Spiel eine andere Dynamik. Diese Vielseitigkeit ist neben seinen Qualitäten mit und gegen den Ball ein wichtiger Grund dafür, warum Lazaro für Pal Dardai in diesem Jahr unverzichtbar sein wird. Denn egal, welches System der Ungar bevorzugen wird: An Valentino Lazaro kommt er nicht vorbei.

Ein Anführer auch neben dem Platz

Lazaro geht auf und neben dem Platz voran. (Foto: Boris Streubel/Bongarts/Getty Images)

Doch nicht nur auf dem Platz ist Lazaro eine Schlüsselfigur für Hertha. Trotz seines jungen Alters hat er sich schon des Öfteren als Lautsprecher hervorgetan: So sagte er, nachdem Hertha es zum wiederholten Male nicht schaffte, mit einem machbaren Sieg den Anschluss an die oberen Plätze herzustellen: „Ich habe das Gefühl, wir verkacken es richtig in den Spielen, in denen man sich Raum schaffen kann. Und dann wenn der Hut brennt, sind wir auf einmal da und gewinnen die Spiele. Das war schon drei vier Mal so. Jedes Mal wenn wir die Chance gegen einen kleineren Gegner haben, verkacken wir es.“ Diese Aussagen zeigen, wie gierig Lazaro nach Erfolg ist und dass er sich nicht scheut, Probleme zu benennen. Gerade in einer Mannschaft mit so vielen jungen Spielern braucht es solche Charaktere.

Komplette Vorbereitung als Schlüssel

Ein Grund dafür, wieso man in dieser Saison von Lazaro noch mehr erwarten darf als im Vorjahr, liegt darin, dass er jetzt eine ganze Vorbereitung mit dem Team hat. Nach seiner Ankunft im letzten Sommer verpasste er die ersten sieben Partien mit einem Außenbandanriss. Danach dauerte es seine Zeit, bis er mit dem Rest des Teams harmonisierte. Derartige Anlaufschwierigkeiten sind nun nicht zu erwarten. Bleibt er verletzungsfrei, ist er der Spieler, der den Unterschied in der kommenden Saison machen kann. Auch er selbst setzt sich hohe Ziele. So sagt er gegenüber dem Tagesspiegel: „Es wäre schön, wenn meine Scorer-Werte im zweistelligen Bereich liegen.“ Angesichts seiner starken Debüt-Saison kann man dieses Ziel fast schon unterambitioniert nennen.

*Titelbild: PATRIK STOLLARZ/AFP/Getty Images

Mitchell Weiser – Ein Abgang auf Raten?

Mitchell Weiser – Ein Abgang auf Raten?

Die Rückrunde von Hertha verläuft, wie man es als Fan gewohnt ist. Zwar hat die “Alte Dame“ endlich ihre Auswärtsschwäche im Griff, punktet dafür zu Hause umso weniger und konnte in der gesamten Rückrunde erst zwei Siege einfahren. Auch der Fußball, den Hertha in den letzten Monaten darbietet, reißt nicht gerade aus den Sitzen. Da man sich jedoch mit Platz 11 im Niemandsland der Tabelle befindet, ist das zumindest punktetechnisch alles nicht weiter schlimm. Während Hertha nach außen also mal wieder wenig Gesprächsstoff bietet, laufen intern schon die ersten Planungen für die kommende Saison. Der Vertrag mit Arne Maier wurde jüngst langfristig verlängert, auch Peter Pekarik bleibt dem Verein erhalten. Ein anderer Spieler, der maßgeblich am Erfolg der letzten Jahre beteiligt war, droht, den Verein zu verlassen. Nach übereinstimmenden Medienberichten steht Mitchell Weiser unmittelbar vor einem Wechsel zu Bayer 04 Leverkusen. Sowohl Leverkusens Sportdirektor als auch Mitchell Weiser selbst bestätigten das Treffen. Die Zeichen stehen also auf Abschied. Das haben wir zum Anlass genommen, ein Fazit von Weisers Zeit in Berlin zu ziehen und zu zeigen, welche Auswirkungen sein Abgang hätte.

Die Ankunft von Mitchell Weiser: „Der ist nächstes Jahr wieder weg.“

Der ablösefreie Wechsel von Mitchell Weiser sorgte für Aufsehen. (Photo by Alexander Hassenstein/Bongarts/Getty Images)

Es war der 2. Spieltag der Saison 2015/2016. Hertha spielte im heimischen Olympiastadion gegen Werder Bremen. Das Spiel war ausgeglichen, als in der 75. Minute beim Stand von 1:1 ein gewisser Mitchell Weiser das Spielfeld betrat und mit einer seiner ersten Ballaktionen im Trikot von Hertha BSC gleich mal elegant zwei Gegenspieler aussteigen ließ. Das Stadion raunte, mein Kumpel, mit dem ich in der Ostkurve stand, guckte mich an und sagte: „Der ist nächstes Jahr wieder weg.“ Aktionen wie diese hatten und haben bei Hertha Seltenheitswert. Mitchell Weiser zeigte damit schon nach wenigen Minuten, dass er das sonst so statische Spiel um eine überraschende Komponente erweitern und damit die Person sein könnte, die Hertha nach Ronnys furioser Zweitliga-Saison so sehr fehlte.

Vom Rekordmeister zum Abstiegskandidaten

Dass sich ein Spieler mit dem Potenzial von Mitchell Weiser überhaupt der „Alten Dame“, die im Vorjahr nur knapp dem Abstieg entgangen war, anschloss, war schon verwunderlich genug. Dem allgemeinen Vernehmen nach waren auch Leverkusen und Schalke 04 im Rennen um den hochveranlagten Deutschen, der auf der rechten Seite sowohl in der Viererkette als auch eine Position weiter vorn eingesetzt werden kann. Weiser jedoch entschied sich für Hertha BSC und damit vor allem für die Garantie auf Spielzeit. Nachdem er sich bei Bayern mit seinen jungen 21 Jahren nicht durchsetzen konnte und selbst zugab, dass es ihm zeitweise an der richtigen Einstellung mangelte („Ich habe mich hinterfragt, ob ich immer 100 Prozent gegeben habe. Wenn man den Vergleich zieht, sieht man, dass es nicht immer 100 Prozent waren.“), sah der gebürtige Troisdorfer in Hertha eine „sehr spannende Herausforderung„. Es war wohl der richtige Schritt zur richtigen Zeit. In einem Alter, in dem sich ein Spieler auf der Schwelle vom Talent zum vollwertigen Profi befindet, wie es bei Weiser der Fall war, muss dieser regelmäßig spielen. Der Wechsel in eine Mannschaft, in der er zu diesem Zeitpunkt der wohl mit weitem Abstand talentierteste Spieler war, machte vor diesem Hintergrund fraglos sehr viel Sinn.

Weiser hebt Hertha auf ein neues Niveau

Von Beginn an wusste Weiser bei Hertha zu überzeugen. (Photo by Juergen Engler/Bongarts/Getty Images)

Heute weiß man, dass dieser Plan voll aufging. Mitchell Weiser entwickelte sich auf Anhieb zum Stammspieler und etablierte sich schnell als absoluter Leistungsträger des Vereins. Ab dem 4. Spieltag seiner Debütsaison stand Weiser in jedem Spiel, sofern er nicht gesperrt oder verletzt war, in der Startformation und steuerte in Liga und Pokal addiert zwei Tore und zehn Assists bei. Diese Zahl ist durchaus beeindruckend, wenn man bedenkt, dass er in 21 von 33 Partien als Rechtsverteidiger auflief. Daraus lässt sich schon ablesen, was Weiser von Herthas anderen Außenverteidigern abhebt. Er hat die Qualität, sich nach vorn einzuschalten, ohne dabei seine defensiven Aufgaben zu vernachlässigen und interpretiert die Rolle komplett anders, als beispielsweise Peter Pekarik.
Zwar schaltet sich auch der Slovake nicht selten nach vorn ein, bei ihm beschränkt es sich jedoch in der Regel darauf, die rechte Linie entlang zu laufen und aus dem Halbfeld in den Strafraum zu flanken. Weiser hingegen besitzt die gesamte Klaviatur eines defensiven Außenspielers. Er weiß, wann er seinen Partner hinterlaufen muss, geht bis zur Grundlinie durch und kann mit seiner Beidfüßigkeit problemlos ins Dribbling gehen und ins Zentrum ziehen, um von dort das Spiel zu gestalten. Diese Eigenschaft ist es, die sein Trainer Pal Dardai besonders schätzt. So bezeichnete der Ungar seinen Spieler in der Berliner Morgenpost als „Spielmacher von außen“.

Mit Weiser in die Europa League

Trotz dieser starken Zahlen ist es keineswegs so, als hätte es Weiser in Berlin bislang jeden Tag einfach gehabt. Nachdem Hertha im Zuge einer schwachen Rückrunde 2015/2016, von der auch Weiser nicht verschont blieb, die direkte Europa League-Qualifikation verpasste, musste Hertha in die Qualifikation gegen Brondby. Das Ende ist bekannt. Hertha verlor das Rückspiel in Dänemark mit 1:3 und beendete das Abenteuer Europa damit schon, bevor es überhaupt begonnen hatte. Als einer der Sündenböcke wurde Mitchell Weiser ausgemacht, den Pal Dardai damals zum Einzeltraining verdonnerte. Kurze Zeit später verlängerte Mitchell Weiser seinen Vertrag. Dieses Verhalten zeigt, wie reif der Spieler, der es in München wegen mangelnder Einstellung nicht packte und zwischenzeitlich nach Kaiserslautern verliehen wurde, inzwischen geworden ist. Dass er in dieser Situation den Kampf annimmt und nicht davon läuft, ist in seinem jungen Alter keineswegs selbstverständlich. Auch auf dem Platz zeigte Mitchell Weiser die einzig richtige Antwort. Gegen Regensburg erzielte er in der 1. Pokalrunde kurz vor Ende der regulären Spielzeit den Ausgleichstreffer und rettete Hertha so ins Elfmeterschießen, das die Berliner für sich entscheiden konnten. Auch der Saisonstart verlief herausragend. Weiser hob sein Spiel nochmal auf eine höhere Stufe als im Vorjahr, überzeugte nun auch im rechten Mittelfeld, was in der Spielzeit davor nicht der Fall war und legte erneut eine tolle Hinrunde aufs Parkett. Bis zum 10. Spieltag war er im Schnitt in jedem zweiten Spiel an einem Treffer beteiligt. Hertha war zu diesem Zeitpunkt auf Platz 4 der Tabelle. Diese Phase war die bislang beste von Mitchell Weiser im blau-weißen Trikot. Unter den Fans waren sich viele einig, dass nicht Marvin Plattenhardt, sondern Mitchell Weiser der erste deutsche Nationalspieler seit Arne Friedrich werden würde. Es kam bekanntlich anders.

Weiser verletzte sich und bestritt bis zum Saisonende nur noch acht Spiele, davon lediglich eins über 90 Minuten. Diesen Ausfall konnte Hertha weder punktetechnisch und erst recht nicht spielerisch auffangen. Am Ende lief Hertha zwar noch auf Platz Sechs und damit in der Europa League ein, bot den Fans aber fußballerische Schwerkost. Viele sahen Weisers Verletzung als Hauptgrund dafür.

Ein unwürdiger Abschied?

Seit seiner Verletzung in der Hinrunde 2016/17 konnte Weiser nicht mehr an seine Form anknüpfen. (Photo by Boris Streubel/Bongarts/Getty Images )

Auch in der aktuellen Saison kommt Mitchell Weiser nicht annähernd an seine Form aus der vorherigen Hinrunde heran. In bis dato 28 Spielen stehen vier Torbeteiligungen auf der Habenseite – sein mit Abstand schwächster Wert. Zwar lässt sich das mit der U21-EM, bei der Weiser mit seinem Siegtor im Finale zum Held wurde und der fehlenden Vorbereitung sowie der Dreifachbelastung in der Hinrunde erklären. Schließlich ereilte auch Niklas Stark dasselbe Schicksal. Doch im Gegensatz zu Herthas Innenverteidiger schaffte es Weiser nicht, die Formkurve in der Rückrunde wieder nach oben zu reißen. Das Thema Nationalmannschaft ist aktuell, obwohl man auf der Position mit Ausnahme von Joshua Kimmich nicht gerade Talent im Überfluss besitzt, in weite Ferne gerückt. Auch Herthas defensiv ausgelegter Fußball kommt Weiser nicht gerade entgegen, wenn es darum geht, sich für Joachim Löw zu empfehlen. Dementsprechend verwundert es nicht, dass in den letzten Wochen vermehrt Gerüchte um einen Wechsel aufkamen. Dass es an Interessenten nicht mangelt, ist angesichts des Potenzials von Weiser auch nur allzu logisch. Bayer Leverkusen scheint wohl in der Pole Position zu sein. Dass dieser Wechsel sportlich und finanziell Sinn macht, steht keineswegs zur Debatte.

Ärgerlich ist aus Berliner Sicht lediglich der Zeitpunkt. Hertha befindet sich gerade im Umbruch. Zahlreiche ältere Spieler verlassen den Verein (Langkamp) oder werden durch Jüngere ersetzt (Skjelbred). Weiser hätte eine zentrale Stütze in diesem Veränderungsprozess werden können. Jedoch darf es niemanden verwundern, dass ein Spieler seines Formats Hertha nur als Durchgangsstation wahrnimmt. Man wäre als Fan zudem falsch beraten, ihm das negativ auszulegen. Weiser betonte mehrfach, dass es sein langfristiges Ziel sei, in der Champions League zu spielen. Diese Perspektive kann Hertha ihm nicht bieten. Dass ein Abgang angesichts des Potenzials Weisers ärgerlich wäre, ist dennoch nicht von der Hand zu weisen. Zur ganzen Wahrheit gehört aber auch, dass er dieses Potenzial seit nunmehr fast eineinhalb Jahren nicht mehr abruft. In der aktuellen Verfassung würde sein Fehlen daher keinen sportlichen Verlust darstellen. Ebenso ist es gut möglich, dass Weiser sich gedanklich schon von Berlin verabschiedet hat und seine Leistung deswegen so überschaubar ist. Aber das sind alles nur Spekulationen.

Ebenso spekulativ ist die kolportierte Ablösesumme. Angeblich besitzt Weiser bis zum Sommer eine Ausstiegsklausel in Höhe von rund 12 Millionen Euro. In Zeiten, in denen selbst Vereine wie Köln 17 Millionen Euro für einen Jhon Cordoba zahlen, wäre diese Summe aus Berliner Sicht sehr bescheiden. Doch selbst, wenn es so kommt, stünde unter dem Strich ein Spieler, der ablösefrei nach Berlin kam und in einer Vielzahl seiner Spiele herausragend war und Hertha zwischenzeitlich auf ein anderes Niveau hob. Weiser hatte zudem einen Bärenanteil daran, dass sich die “Alte Dame“ von einem Fahrstuhlverein zu einem Europa League-Aspiranten entwickelte. All das sollte man nicht vergessen. Auch ist es Michael Preetz nach den Transfers, die er in den letzten Jahren getätigt hat, absolut zuzutrauen, dass er einen adäquaten Ersatz für Mitchell Weiser verpflichtet. Immerhin gelang es ihm, John Anthony Brooks, der Hertha für rund 17 Millionen Euro im Sommer den Rücken kehrte, mit Karim Rekik für 2,5 Millionen Euro mindestens gleichwertig zu ersetzen. Es gibt also keinen Grund, sollte der Wechsel über den Tisch gehen, in Verzweiflung auszuarten. Vielmehr sollte man sich freuen, dass man Weiser zwei Jahre länger als gedacht in Berlin halten konnte.

Wie blickt ihr auf Weisers bisherige Zeit in Berlin zurück? Haltet ihr einen Wechsel für wahrscheinlich und welche Auswirkungen hätte das auf die Mannschaft? Wir freuen uns auf eure Kommentare!

Endlich wieder Europa – Ein Kommentar

Ich war zarte neun Jahre alt, als ich das erste Mal die Schattenseiten des Fandaseins zu spüren bekam. Die Saison 2004/2005 war die erste, in der ich meine Mutter überreden konnte, regelmäßig mit mir ins Stadion zu gehen.  Es war der Höhepunkt der Schaffenszeit des einzigartigen Marcelinho. Der wohl beste Spieler, der je in blau-weiß aufgelaufen ist, spielte in diesem Jahr phasenweise die Sterne vom Himmel. Noch immer allgegenwärtig ist sein Tor gegen den SC Freiburg, als er den späteren Torwarttrainer Richard Golz von der Mittellinie überlupfte. Auch Auftritte wie das 4:1 gegen Schalke oder das 6:0 gegen Gladbach prägten meine erste komplette Saison als Stadionbesucher.
Am letzten Spieltag jener Saison hatte Hertha die Chance, dem Ganzen die Krone aufzusetzen. Das Team von Falko Götz ging als Tabellenvierter in den letzten Spieltag, mit einem Zähler Rückstand auf den Drittplatzierten VfB Stuttgart. Da dieser jedoch gegen den Meister aus München antreten musste, war davon auszugehen, dass ein Sieg beim Heimspiel gegen Hannover genügen würde, um sich an den Schwaben vorbeizuschieben und damit für die Champions League-Qualifikation zugelassen zu werden. Das Ende vom Lied ist wohl jedem bekannt. Die Bayern erledigten ihre Hausaufgaben, Hertha jedoch mitnichten. Bastürk, Gilberto und Co. wirkten durch die riesige Chance, etwas Großes zu erreichen, schlichtweg gehemmt und vermochten es nicht, die Kugel über die Linie zu drücken. Für mich brach damals eine Welt zusammen. Nach Abpfiff weinte ich mich in den Schoß meiner Mutter, während parallel dazu mein großes Idol Marcelinho – ebenfalls mit tränenüberflutetem Gesicht – von Dieter Hoeneß getröstet werden musste.

Beim letzten europäischen Auftritt Herthas war noch Lucien Favre Trainer der Alten Dame. (Photo by Joern Pollex/Bongarts/Getty Images)

Hertha und die Europa-Allergie

Nun ja. Zugegeben hört sich das alles arg überdramatisiert an, führt man sich vor Augen, was in den darauffolgenden Jahren mit zwei Abstiegen binnen dreier Saisons noch folgen sollte. Aber für einen damals 9-jähirgen war dieses Ereignis eines der Prägendsten in der Zeit als Hertha-Fan. Auch, weil die darauffolgende Saison in Europa – schließlich war Hertha mit dem vierten Platz für den UEFA Cup qualifiziert – fußballerisch eher Magerkost bot. Hertha brachte damals das Kunstwerk fertig, sich mit einem geschossenen Tor in sechs Spielen für das Sechszehntelfinale zu qualifizieren, in dem man dann jedoch in der Summe mit 0:3 Rapid Bukarest unterlag.

Auch die nächste europäische Saison stand unter keinem guten Stern. Erneut ging Hertha zum Saisonende hin die Puste aus. Im Frühling 2009 schnupperte Hertha unter Lucien Favre bis kurz vor Schluss an der Meisterschaft, um dann in der Endtabelle abermals auf Rang 4 einzufahren. Was danach passierte, wirkt heute wie ein längst zu Ende geträumter Albtraum. Während die „Alte Dame“ erneut auf europäischem Parkett überwinterte, stürzte man in der Liga krachend ab und musste am Ende den Gang in die zweite Liga antreten.

Es kam eine Zeit, die man sich heute immer wieder in Erinnerung rufen sollte, wenn man gerade wieder im Inbegriff ist, den aktuellen Trainer und/oder Teile der Mannschaft zu verfluchen. Nach drei Saisons, in denen man jeweils auf-bzw abstieg, folgten zwei trostlose Jahre in der ersten Liga. Im letzten der Beiden landete Hertha nur wegen der besseren Tordifferenz nicht in der Relegation.

Die Väter des Erfolgs: Trainer Dardai und Manager Preetz (Photo by Alexander Hassenstein/Bongarts/Getty Images)

Dardai und Preetz führen Hertha ins internationale Geschäft

In jener Phase lief Hertha Gefahr, eine Mannschaft zu werden, deren Ambition maximal das gesicherte Mittelfeld sein darf. Einstige Leistungsträger wie Raffael oder Ramos vermisste man schmerzlich. Exemplarisch für diese triste Zeit ist, dass in der Rückrunde der Saison 14/15 das Offensivspiel einzig und allein an Valentin Stocker hing. Es machte sich die Befürchtung breit, dass die Alte Dame eine graue Maus werden würde. Diese Aussicht zerstörte das Trainerteam um Pal Dardai und Rainer Widmaier eindrucksvoll. Hertha präsentierte sich zur Saison 2015/2016 wie ausgewechselt. Neben dem Trainerteam, das Hertha endlich wieder Selbstbewusstsein und eine Spielidee einflößte, war dies vor allem der hervorragenden Arbeit von Michael Preetz zu verdanken, der mit den Transfers von Niklas Stark, Mitchell Weiser und Vedad Ibisevic den Grundstein für den Erfolg Herthas legte. Dass Hertha es am Ende wieder einmal verpasste, einer guten Saison den krönenden Abschluss zu verleihen und schlussendlich wegen einer Niederlage in Brondby das internationale Geschäft nicht erreichte, ist heute nur noch eine Randnotiz. Denn anders als in den Vorjahren bewahrte man diesmal die Ruhe und belohnte sich für die kontinuierliche und gute Arbeit der letzten Jahre. Das Ergebnis ist nun, dass Hertha erstmals seit acht Jahren wieder auf europäischer Bühne spielt: Mit Pal Dardai, der beim eingangs beschriebenen 0:0 gegen Hannover noch als Spieler 90 Minuten lang auf der Bank saß und mit Michael Preetz, einem der letzten Berliner Torschützen in der Champions League, als Väter des Ganzen. Hätte ich das als 9-jähriger gewusst, wären die Tränen mit Sicherheit schneller getrocknet.