Weeste noch? Europapokal-Sieg gegen Brøndby – Höhenflug vor dem Absturz

Weeste noch? Europapokal-Sieg gegen Brøndby – Höhenflug vor dem Absturz

Wichtiger Sieg in einem K.O.-Spiel, tanzende Spieler vor dem Fanblock, totale Ekstase bei allen Hertha-Fans vor dem Fernseher und im Stadion. Oft erleben wir Herthaner*innen so etwas nicht. Der 27. August 2009 war aber so ein Tag. Durch einen spektakulären Last-Minute-Sieg gegen Brøndby IF aus Kopenhagen sicherte sich Hertha die Teilnahme an der Europa League Gruppenphase. Weil sich eine gut eingespielte Mannschaft aber schon zu diesem Zeitpunkt in Auflösung befand, sollte dieser begeisternde Sieg aber für eine sehr lange Zeit der letzte schöne Moment für Hertha BSC bleiben.

Um zu verstehen, warum ein Einzug in die Europa-League-Gruppenphase eine solche Freude erzeugen kann, muss man einige Monate zurückblicken, nämlich auf die letzten Spieltage der Saison 2008/2009. Hertha spielte mit seinem Trainer Lucien Favre gerade im Frühjahr 2009 eine wahnsinnig gute Saison. Marko Pantelic und Andrij Voronin waren ein extrem effektives Sturmduo, an Arne Friedrich und Joe Simunic in der Innenverteidigung war nur schwer vorbeizukommen und Pal Dardai und Cicero waren das spielmacherische Gehirn einer Mannschaft, die von Favre wie ein Schweizer Uhrwerk zusammengebaut wurde. Am 22. Spieltag, also Ende Februar, rückte Hertha an die Tabellenspitze der Bundesliga vor, wo das Team drei Wochen lang verweilte.

Ein enttäuschendes Ende einer überragenden Saison

Doch dann kam das Saisonende 2008/2009. Hertha verlor ein Spiel nach dem anderen. Am letzten Spieltag hatte Hertha die Chance, mit nur einem Punkt (!) gegen schon abgestiegene Karlsruher die Teilnahme an der Champions League noch festzuhalten. Man verlor mit 0:4. In den folgenden Wochen wurde es dann eigentlich noch schlimmer. Denn diese toll eingespielte Mannschaft brach komplett auseinander: Mit Pantelic und Voronin verlor der Verein mit einem Schlag ein gefürchtetes Sturmduo. Artur Wichniarek sollte die beiden in seiner zweiten Hertha-Amtszeit ersetzen, was kläglich scheiterte. In der Abwehr verlor Hertha mit Simunic viel Stabilität, der Schweizer Steve van Bergen konnte diese nie wieder herstellen.

Foto: Matthias Kern/Bongarts/Getty Images

Und so musste man sich im Spätsommer 2009 mit der Europa-League-Qualifikation zufriedengeben. Das erste Spiel im Kopenhagener Stadtteil Brøndby bestätigte dann auch leider das Gefühl, mit dem man im Frühling aus der Vorsaison gegangen waren. Hertha spielte schlecht und verlor 1:2 gegen ein dänisches Team, das nicht einmal viel unternahm, um das Spiel zu gewinnen. Am 27. August 2009 sprach also schon im Vorfeld leider wieder sehr viel gegen einen Hertha-Sieg. Hinzu kam, dass das Spiel im Jahn Sportpark im Prenzlauer Berg stattfand – ein Stadion, das nicht bei vielen Hertha-Fans Heimatgefühle auslöst.

Es brauchte ein Wunder

Doch das Spiel begann besser als erwartet. Hertha hatte schon in der ersten Halbzeit einige Chancen. Insbesondere der junge Serbe Gojko Kacar machte eine unglaublich gutes Spiel und war gefühlt an jedem Kopfball-Zweikampf im gegnerischen Strafraum beteiligt. Der größte Ärger zum Halbzeitpfiff bestand eigentlich darin, dass Hertha noch kein Tor geschossen hatte – schließlich brauchten die Berliner derer mindestens zwei. Jegliche Hoffnung wurde kurz nach Wiederanpfiff dann aber im Keim erstickt. Nach einer unglücklich geklärten Ecke blieb der Ball im Hertha-Strafraum, wo er vor die Füße von Morten Rasmussen fiel, der ohne Gegenwehr einnetzte. 39 Minuten auf der Uhr, drei Tore benötigt.

Foto: Matthias Kern/Bongarts/Getty Images

Die Gefühlslage nach diesem Tor war klar: Für eine in weiten Teilen neu zusammengestellte Mannschaft, die übrigens von den ersten drei Bundesligaspielen auch schon zwei verloren hatte, konnte man eine Rückkehr nicht mehr erwarten. Doch das Gegenteil sollte passieren. Hertha spielte sich in einen Rausch, angeführt von einem genialen Gojko Kacar. Nach einer Ecke in der 74. Spielminute ging dann endlich mal einer der zig Trilliarden Kacar-Kopfbälle rein. Nur fünf Minuten später bekam Dardai etwa 20 Meter vor dem Tor den Ball, legte ihn sich kurz zurecht und schmetterte ihn dann zum 2:1 ins Tornetz. Kein langer Jubel, es ging sofort weiter, denn es brauchte noch ein Tor und auf der Uhr waren nur noch zehn Minuten. Es sollte erneut Kacar sein, der Hertha in der 87. Minute erlöste. Nemanja Pejcinovic schlug eine hohe Flanke von links hinein, der Serbe sprang auf den ersten Blick einen halben Meter höher als sein Gegenspieler, ein Kopfball wie ein Schuss, Tor. 3:1. Innerhalb von zwölf Minuten hatte Hertha das Spiel gedreht.

Wie schon beschrieben, folgte dann die totale Ekstase. Die Spieler rannten nach Abpfiff Richtung Fanblock, wo schon hunderte Hertha-Fans – wegen der Hitze in vielen Fällen nur noch spärlich bekleidet – die Spieler jubelnd empfingen. Ein gewisser Patrick Ebert kletterte am Zaun hoch und sang gemeinsam mit den angereisten Anhänger*innen, der Rest des Teams tanzte davor. Es war so schön.

Der tiefe Fall

Leider allerdings war es zu schön, um wahr zu sein. In der Europa League überstand Hertha zwar die Gruppenphase, um dann im ersten K.O.-Spiel auszuscheiden. In der Bundesliga folgte auf das Brøndby-Spiel aber eine beispiellose Negativserie. Nach der Hinrunde stand Hertha mit sagenhaften sechs Punkten da, Favre wurde noch während der Hinrunde gefeuert, Friedhelm Funkel übernahm. Aber auch in der Rückrunde konnte Hertha das Ruder nicht mehr herumreißen, Hertha stieg mit 24 Punkten sang- und klanglos aus der Bundesliga ab.

Foto: Alex Grimm/Bongarts/Getty Images

Falls ihr dennoch einmal in die Emotionen des 27. August 2009 im Jahnsportpark eintauchen wollt, gibt es eine kurze Zusammenfassung des Spiels auf Youtube.

Der Intensivpatient Bundesliga – Wie könnte es weitergehen?

Der Intensivpatient Bundesliga – Wie könnte es weitergehen?

Seit fast einem Monat ruht inzwischen der Ball. Das Coronavirus hat sich in den vergangenen Monaten rasant in Deutschland verbreitet. Allerdings: Aufgrund der Einschränkung des sozialen Lebens sind die Infektionszahlen zuletzt aber langsamer gestiegen. Und so stellt sich für uns Fußballfans automatisch die Frage: Wann und vor allem wie geht die Bundesliga wieder los? Experten haben sich zu diesem Thema bereits geäußert. Fazit: Unter bestimmten Voraussetzungen wäre eine Wiederaufnahme des Spielbetriebs machbar. Welche das sein könnten und warum dahinter eine viel größere, moralische Frage steht, lest ihr hier.

Hinweis: Unser Autor Benjamin Rohrer ist weder Virologe noch Epidemiologe, sondern hauptberuflich Journalist, der sich hauptsächlich mit gesundheitspolitischen Themen befasst. Der folgende Artikel ist daher keine Fachexpertise mit wissenschaftlichem Anspruch, sondern vielmehr eine journalistische Analyse zu den bislang zu diesem Thema diskutierten Denkmodellen.

Schauen wir uns zunächst die Lage an: In Deutschland gibt es derzeit (Stand: 8. April) etwa 110.000 amtlich registrierte Coronafälle. Die Sterblichkeit liegt hierzulande derzeit (!) bei knapp unter zwei Prozent. Das größte Problem bei der Bekämpfung des Virus ist nach wie vor, dass es so neu ist: Es gibt keinen Impfstoff, keine in Studien erprobten Arzneimittel und auch über die Ausbreitungsweise weiß die Wissenschaft bislang nur in Ansätzen etwas. Deswegen ist klar: Es gibt nur zwei Auswege aus der Coronakrise. Der erste wäre ein massentauglicher Impfstoff. Die Impfstoffforschung, -zulassung und –produktion ist komplex; Wissenschaftler rechnen daher erst im Laufe des nächsten Jahres mit einem einsetzbaren Präparat. Der zweite Ausweg wäre die sogenannte Herdenimmunität, also die Infektion von etwa zwei Dritteln der Bevölkerung. Dieses Szenario sollte so lange wie nur möglich hinausgezögert werden, weil sonst unser Gesundheitswesen zusammenbrechen könnte.

Was heißt das alles für die Bundesliga? Zunächst einmal ist klar, dass das normale, gesellschaftliche Leben, wie wir es kannten, so lange nicht wiederkommt, bis eins der oben beschriebenen Szenarien eintrifft. Somit dürfte auch klar sein, dass das von uns allen geliebte Fußballerlebnis im Stadion, mit ein paar Bierchen vor der Partie, einer Anreise mit den Öffis und anschließendem Kneipengang lange nicht wiederkehren wird. Die DFL-Mitgliederversammlung hat die Zwangspause der 1. und 2. Liga vorerst verlängert bis zum 30. April. Ziel ist weiterhin, die Saison bis zum 30. Juni zu beenden. Am 17. April wollen die Club-Chefs ein weiteres Mal über die aktuelle Lage beraten.

Aber unter welchen Voraussetzungen wäre ein weiterer Ligabetrieb überhaupt denkbar? Basierend auf den Aussagen einiger Experten, müssten die folgenden Punkte beachtet werden.

1. Geisterspiele

Selbst bei einer Lockerung des Kontaktverbotes ist es sehr wahrscheinlich, dass Großveranstaltungen weiterhin untersagt bleiben. Noch haben sich weder die Bundesregierung noch die Landesregierungen dazu geäußert, wie es nach dem 20. April weitergeht. Aber der Heinsberger Karneval und die Spekulationen um das Spiel zwischen Atalanta Bergamo und dem FC Valencia zeigen, dass Großveranstaltungen ein potentieller Infektionsherd sein können. Deswegen kann davon ausgegangen werden, dass auch die Bundesliga vorerst ohne Zuschauer weitergeht.

2. Kontaktverbot für Bundesligaspieler

Während der Rest der Gesellschaft in den kommenden Monaten voraussichtlich wieder etwas mehr zusammenrücken darf, würde für die Bundesligaspieler wohl ein striktes Kontaktverbot erhalten bleiben müssen. Der Virologe Prof. Alexander Kekulé hat gesagt, es müsste eine „Blase“ um die Profifußballer herum aufgebaut werden. Oberstes Ziel muss es sein, massenweise Infektionen innerhalb der Liga zu vermeiden. Alle externen, möglichen Infektionsquellen müssten daher eliminiert werden – die Spieler, Trainer und Betreuer müssten somit jeglichen Kontakt mit der Außenwelt vermeiden. Ähnliches soll sich laut Medienberichten im australischen Rugby anbahnen, für die rund 500 Spieler auf eine einsame Insel geparkt werden sollen, um dort zu trainieren und zu spielen.

3. Tests, Tests, Tests

Im Vergleich zu anderen Ländern hat Deutschland sehr früh angefangen, massiv und in großen Zahlen auf das Coronavirus zu testen. Das hat zur Folge, dass wir ein recht aktuelles und zuverlässiges Bild über die Ausbreitung der Krankheit haben – und natürlich, dass wir weitere Infektionen vermeiden können. Denn: Die meisten COVID-19-Fälle verlaufen milde. Es ist wichtig, dass diese Menschen über ihre Infektion Bescheid wissen, sich in Quarantäne zurückziehen und niemand anstecken. Damit massenweise Infektionen in der Welt des Profifußballs vermieden werden können, müssten die Spieler also sehr, sehr oft getestet werden. Der Virologe Prof. Christian Drosten von der Berliner Charité verwendet den Begriff „freitesten“ für Ärzte und Pfleger. Das heißt: Nur bei negativen Tests darf das Gesundheitspersonal eingesetzt werden. Denkbar wäre, dass Bundesligaspieler vor jedem Spiel „freigetestet“ werden. Der Virologe Kekulé hat durchgerechnet, dass dafür bis Saisonende alleine im Profifußball etwa 20.000 Tests nötig wären. Zu stemmen wäre das. Derzeit werden in Deutschland bis zu 500.000 Tests pro Woche durchgeführt.

4. Schutz vor Risikogruppen

Schutz der Risikogruppen. Die Statistiken zeigen, dass insbesondere ältere und vorerkrankte Menschen an COVID-19 sterben. Diese Bevölkerungsgruppen müssen daher unbedingt geschützt werden. Für den Profifußball bedeutet das, dass auch ältere und/oder vorerkrankte Betreuer, Trainer und anderes Personal nicht Teil dieser „Blase“ sein kann und wohl lieber zuhause bleiben sollte.

5. Neuorganisation in den Stadien

Nicht nur auf den Tribünen, sondern auch in den Katakomben der Stadien kommen in der Regel viele Menschen in geringem Abstand zusammen. Man weiß noch nicht alles über die Ausbreitung des Coronavirus, aber die lokalen Ausbrüche in den Berliner Clubs und bei der Karnevalsparty in Heinsberg zeigen, dass in Räumen, in denen die Luft „steht“ und viele Menschen aufeinander kommen, eine Ausbreitung wahrscheinlich ist. Für die Bundesliga bedeutet das eine Neuorganisation der Abläufe vor und nach den Spielen. Man denke nur an die langen Wege, die die Spieler im Olympiastadion eng an eng bis zum Spielfeld zurücklegen müssen. Und an die teils eher kleinen Kabinen, in denen sich die Mannschaften aufhalten. All das müsste „entzerrt“ werden. Grundsätzlich sind sich die Experten inzwischen auch einig, dass das Tragen von Atemschutzmasken sinnvoll ist. Daher sollte eine Maskenpflicht rund um die Spiele im Stadion gelten. Zudem sollten auch dort die Abstandsregeln eingehalten und oft die Hände desinfiziert werden.

6. Quarantäne-Regeln

Das Robert-Koch-Institut empfiehlt für Menschen, die im Gesundheitswesen arbeiten, die also wichtig für die Aufrechterhaltung des Systems sind, besondere Quarantäneregeln. Damit Kliniken, Arztpraxen und Apotheken im Notfall weiter geöffnet bleiben können, soll das Gesundheitspersonal unter bestimmten, strengen Auflagen weiterarbeiten – selbst wenn ein Kontakt mit einer infizierten Person stattgefunden hat. Es ist klar, dass Bundesligaspieler nicht so „systemrelevant“ sind wie Pfleger oder Ärzte. Allerdings sollte die DFL darüber nachdenken, wie man mit Verdachtsfällen umgeht. Denn wenn jeder begründete Verdachtsfall im Profifußball für zwei Wochen in eine zweiwöchige Quarantäne entsendet wird, kann der Spielbetrieb nach drei Wochen wohl schon wieder gestoppt werden.

Ist das gerecht?

Bei all diesen Regeln stellt sich aber eine andere, viel größere Frage: Wie erklärt man dem Rest der Gesellschaft eine solche Sonderbehandlung der Fußballstars? Unzählige Betriebe sind durch die Coronakrise gefährdet, viele Menschen müssen jetzt schon auf Teile ihres Gehaltes verzichten. Warum sollte dann gerade für Multi-Millionäre eine aufwändige „Blase“ geschaffen werden, um deren Geschäft zu sichern? Zudem sollten sich die DFL-Funktionäre über die Konsequenzen Gedanken machen, wenn der oben genannte Plan schiefgeht. Was passiert, wenn sich doch mehrere Spieler infizieren, vielleicht sogar jemand ins Krankenhaus muss? Der Imageschaden für den Profifußball wäre groß – so oder so.

Weeste noch? 7. April 1997 – Die Geburtsstunde der „neuen“ Hertha

Weeste noch? 7. April 1997 – Die Geburtsstunde der „neuen“ Hertha

In Zeiten des Coronavirus gibt es nicht viel, über das man sich freuen kann. Eigentlich hätte unsere Hertha am vergangenen Wochenende in Leipzig spielen müssen – ob uns das dortige Ergebnis einen schöneren Wochenstart als die Corona-Mattheit beschert hätte, ist zu bezweifeln. Und so bleibt uns nichts anderes übrig, als ab und an zurückzuschauen – auf besondere Momente, Spiele und Akteure der Alten Dame. Hierfür haben wir das Rückblicksformat “Weeste noch?” ins Leben gerufen. Ein Spiel dieser Kategorie fand am 7. April 1997 im Olympiastadion statt. Mit dem damaligen 2:0 gegen ein weltmeisterlich besetztes Kaiserslautern legte Hertha nicht nur den Meilenstein für den Wiederaufstieg in die Bundesliga. Auch wir Hertha-Fans setzten mit einer Rekord-Kulisse ein dickes Ausrufezeichen.

Die Geschichte des Spieles Hertha BSC gegen den 1. FC Kaiserslautern beginnt schon ein knappes Jahr vorher, nämlich im Juni 1996. Damals standen sich am letzten Spieltag der 2. Bundesliga in Wattenscheid vor etwa 1000 Zuschauern die SG Wattenscheid 09 und Hertha BSC gegenüber. Die Tabellensituation für Hertha war brisant: Man brauchte unbedingt einen Punkt, um den Abstieg in die Regionalliga zu vermeiden. Hertha schaffte es nicht, gegen schon abgestiegene Wattenscheider in Führung zu gehen und dann kam es, wie es kommen musste: In der letzten Spielminute tauchte der Mittelstürmer der SG alleine vor dem Hertha-Tor auf. Dieser Stürmer war Michael Preetz – und er vergab seine Chance kläglich. Das Spiel ging 0:0 aus, Hertha blieb aufgrund des besseren Torverhältnisses in der Liga. Nur wenige Wochen später wechselte Preetz nach Berlin.

Vor diesem Hintergrund ging Hertha in die besagte Zweitligasaison 1996/1997 – als krasser Außenseiter. Mit dem aktuellen Pokalsieger Kaiserslautern, Eintracht Frankfurt und dem KFC Uerdingen waren zudem Mannschaften aus der Bundesliga abgestiegen, die einen berechtigten Anspruch auf den direkten Wiederaufstieg hatten. Insbesondere der FCK stellte mit Weltmeister Andy Brehme, dem Brasilianer Ratinho, Nationalstürmer Olaf Marschall oder Miro Kadlec wohl eine der am besten besetzten Zweitliga-Mannschaften aller Zeiten. Doch Hertha startete stabil in die Saison und konnte sich immer besser behaupten. Schon nach der Hinrunde stand das Team von Jürgen Röber auf Platz 3, hinter Mainz 05 und Kaiserslautern.

Hertha musste sich seinen Fans beweisen

Trotzdem – es war keine einfache Zeit damals. Der Oberring des Olympiastadions, das damals noch 75.000 Zuschauer fasste, war grundsätzlich gesperrt. Zu den Heimspielen kamen in der Regeln zwischen 5000 und 20.000 Zuschauern. Kurzum: Das Misstrauen war nach der verkorksten Vorsaison groß. So richtig hatte fast keiner Bock auf Hertha. Doch Hertha überraschte auch seine eigenen Fans. Stürmer Axel Kruse spielte eine begeisternde Saison und traf gefühlt in jedem zweiten Spiel. Und mit spannenden Eigengewächsen wie Michael Hartmann und Ante Covic im Mittelfeld sowie einem starken Jolly Sverrisson in der Abwehr stand das Team auch hinten stabil und erreichte schon in der Hinrunde einige Achtungserfolge – wie beispielsweise ein 2:3-Auswärtssieg bei Absteiger Uerdingen.

(Foto: Gunnar Berning/Bongarts/Getty Images)

Auch die Rückrunde startete mit einigen Siegen und am 23. März 1997 übernahm Hertha die Tabellenführung nach einem 5.2-Kantersieg gegen Gütersloh, weil `Lautern in Mainz nur unentschieden spielte. Zwischen Hertha und Kaiserslautern entwickelte sich in den kommenden Wochen ein spannender Zweikampf um die Tabellenspitze, der dann am 7. April 1997 seinen Höhepunkt fand: Lautern hatte sich gerade wieder die Tabellenführung zurückerobert, Hertha mit zwei Punkten Abstand dahinter. Schon vor dem Spiel war klar: Wer gewinnt, hat gute Chancen auf den Aufstieg ins Oberhaus.

Noch viel spannender als die Tabellensituation war aber das Vorverkaufsgeschehen in den Tagen vor dem Spiel. Denn Hertha war auf einmal wieder sexy: Schon vor dem Spiel waren mehrere zehntausend Plätze vergeben und an den Tageskassen wurden immer mehr Karten verkauft. Vor dem U-Bahnhof entwickelte sich ein richtiger Schwarzmarkt, die Preise der Tickets stiegen dort in die Höhe, am Ende mussten sogar ein paar hundert Fans draußen bleiben. Mit 75.000 Zuschauern war das Olympiastadion das erste Mal seit Jahrzehnten ausverkauft – und das obwohl das Spiel an einem Montagabend stattfand und live im DSF übertragen wurde.

“Nie mehr zweite Liga!”

Und nicht nur auf den Rängen sollte Blau-Weiß an diesem Abend Geschichte schreiben. Auf dem Platz kontrollierte Hertha von Anfang an das Spiel. Und dann kam die 25. Spielminute: Aus dem Mittelfeld spielte Marc Arnold einen überragenden Pass zwischen drei rot-weiße Verteidiger. Axel Kruse rannte von Links ein, umdribbelte auf Strafraumhöhe den herauseilenden Torwart Gerry Ehrmann und schoss aufs Tor. Der Ball rollte sehr, sehr langsam in Richtung Torlinie, konnte von den Pfälzern aber nicht mehr geklärt werden. 1:0. Nur ein paar Minuten später dann ein kleine Schrecksekunde für Hertha: Kruse, der eben noch das Tor gemacht hatte, humpelte über die Seitenauslinie. Neu ins Spiel kam ein junger Ungar, von dem damals so gut wie keiner etwas gehört hatte, weil er zuvor nur wenige Spiele für Hertha gemacht hatte und erst im Januar 1997 nach Berlin gekommen war: Pal Dardai.

(Foto: Frank Peters/Bongarts/Getty Images)

Dardai für Kruse – damit war klar: Röber wollte das Ergebnis verwalten und auf sicher spielen. Nach einer gespielten halben Stunde! Konnte das gut gehen? Es ging gut. Denn Lautern wurde eigentlich nie so richtig gefährlich in diesem Spiel, selbst in der zweiten Hälfte mit dem dann eingewechselten Ratinho nicht. Den Knock-out für die Pfälzer gab es dann schon nach etwa zwölf Minuten Spielzeit in der zweiten Halbzeit: Ecke für Hertha, Gerry Ehrmann fängt den Ball zunächst, lässt ihn dann aber auf den Fuß eines Mitspielers fallen, von da aus rollte der Ball zum 2:0 ins Tor.

Dabei blieb es dann auch, Hertha war Tabellenführer. Die Ostkurve bebte und sang: „Nie mehr zweite Liga!“ Der Berliner Tagesspiegel schrieb am nächsten Tag von einer neuen „Fußball-Euphorie“ in der Hauptstadt. In den Spielen darauf verlor Hertha die Tabellenführung zwar wieder an Kaiserslautern. Aber auch Wolfsburg und Mainz schwächelten, sodass dann am 22. Mai feststand: Nach sieben Jahren Trostlosigkeit in der 2. Liga ist Hertha wieder erstklassig.

(Das Kruse-Tor gegen ‘Lautern seht ihr in diesem Best-of ganz als letztes Tor):

Der Grundstein für die Folgejahre

Der Sieg am 7. April 1997 war so etwas wie der Grundstein für erfolgreiche Hertha-Jahre, die dann folgen sollten. Einerseits schaffte es Röber in dieser Saison, ein funktionierendes Team zusammenzubauen. Mit Routiniers wie Michael Preetz, Steffen Karl, Jolly Sverrisson und Axel Kruse sowie Nachwuchstalenten wie Ante Covic, Pal Dardai und Michael Hartmann hatte Röber auch in der folgenden Erstliga-Saison eine gut gemischte, schlagkräftige Truppe zusammen.

(Foto: Alexander Hassenstein/Bongarts/Getty Images)

Andererseits wurde aber auch die Fußball-Leidenschaft in vielen Berlinern wieder erweckt: Das volle Berliner Olympiastadion war ein tolles Erlebnis – schon am ersten Spieltag der neuen Bundesliga-Saison war das Stadion erneut ausverkauft. Der Gegner hieß dann Borussia Dortmund. Die Dortmunder hatten kurz zuvor gegen Juventus Turin die Champions League gewonnen. Gegen Hertha kamen sie aber über ein 1:1 nicht hinaus. Torschütze für Blau-Weiß damals: Ante Covic.