Ein Abend, der bleibt

Ein Abend, der bleibt

Das emotionale Weiterkommen im DFB-Pokal gegen Dynamo Dresden kann dem Verein einen unschätzbaren Auftrieb geben. Und auch wenn nicht, wird dieser intensive Abend in den Gedächtnissen bleiben. Ein Kommentar.

Wenn wir uns auf diesem Blog nach Spielen melden, dann meist mit einer Einzelkritik. Dazu werden Statistiken gebolzt, individuelle und mannschaftstaktische Aspekte analysiert und versucht, in den Kontext des Spiels einzubinden. Doch nicht nach diesem Mittwochabend, nicht nach solch einem unfassbaren Stück Fußball.

Foto: Maja Hitij/Bongarts/Getty Images

So könnte man sicherlich kritisch hinterfragen, warum es Hertha mit 63% Ballbesitz, 55% gewonnen Zweikämpfen und 28 zu 13 Schüssen (zwölf zu drei aufs Tor) nicht geschafft hat, den Tabellenvorletzten der zweiten Liga zu Hause souverän zu schlagen und wieso es stattdessen drei Gegentore, zwei Rückstände, 120 Minuten und ein Elfmeterschießen gebraucht hat, um die Sachsen niederzuringen. Auch könnten Einzelaktionen wie Starks Einsteigen vor dem Elfmeter zum 2:2 oder Krafts misslungenem Abwehrversuch des Tores zum 2:3 nun zerpflückt werden. Dass Hertha am Mittwochabend nicht alles richtig gemacht und es einmal mehr an der miesen Chancenverwertung und mangelhaften Abwehrarbeit gekrankt hat, ist wohl unstrittig.

So hat sich die Partie im ersten Durchgang wie eine Kopie des letzten Ligaspiels gegen Hoffenheim angefühlt, in welchem sich Hertha ebenfalls nicht für eine starke Anfangsphase mit Toren belohnt und anschließend den Faden verloren hatte. Ruhephasen wären grundsätzlich in Ordnung, würden sie, wie aktuell bei den Blau-Weißen, nicht mit Sicherheit in Gegentoren münden. So auch gegen Dresden geschehen.

Ein neues Selbstbewusstsein

Doch ein Fußballspiel ist manchmal auch einfach nur das, was man daraus nach dem Schlusspfiff macht. Und so dient dieser Kommentar nicht dazu, einmal mehr auf den offensichtlichen Defiziten der Mannschaft herumzuhacken, sondern dazu, die positiven Eigenschaften von Spielern und Trainer ins Flutlicht zu rücken. Oder um es ruppig zu formulieren: nach so einem Fußballfest ist es doch scheißegal, was genau weshalb nicht gepasst hat. Dinge können auch tot-analysiert werden, doch auch für einen Taktikliebhaber wie mir, der oft zur nüchternden Bewertung greift und Sachverhalte faktisch aufarbeiten will, fühlt sich das in dem Kontext dieser Pokalnacht unangebracht an.

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Nein, lasst uns das Positive herausarbeiten, und das ist mit dem Wort “Mut” wohl durchaus passend getroffen. Das hatte bereits mit der Aufstellung begonnen, mit der Ante Covic eine klare Richtung vorgegeben hatte. Mit Dilrosun, Lukebakio, Kalou, Duda, Darida und Wolf hatte Herthas Trainer nahezu alles aufs Feld gestellt, das als “technisch beschlagen” eingestuft werden kann. Covic wollte gegen Dresden Fußball spielen lassen, die individuelle Überlegenheit seiner Mannschaft selbstbewusst präsentieren. Während ein Pal Dardai vor solch einem Spiel noch einen Abnutzungskampf ausgerufen und dem Gegner dann dadurch den Zahn gezogen hätte, dass man eben noch mehr kratzt und beißt, will Nachfolger Covic ganz bewusst das Spielerische in den Fokus rücken und einen individuell schwächeren Gegner lieber dominieren, als sich auf sein Niveau “herunterzulassen”.

Das ist eine erkennbare Entwicklung in der Haltung des Vereins. In den letzten Jahren ein Verfechter des Understatements, präsentiert sich Hertha nun mit breiter Brust. Wenn man Waffen wie Duda und co. hat, wieso diese dann nicht auch benutzen? Hört sich selbstverständlich an, wurde in den vergangenen Jahren jedoch deutlich konservativer gehandhabt.

Blau-weißes Herz

Diese neue Mentalität, die wir bereits Mitte Oktober unter die Lupe genommen haben, hatte sich auch im Spiel gezeigt. “Das war ein unglaubliches Spiel. Ich denke, dass wir die Fans nicht nur verwöhnt haben, aber am Ende sind wir weitergekommen – das zählt. Wir haben nach den Rückschlägen weiter an uns geglaubt und uns immer wieder Torchancen erspielt”, sagte Marko Grujic nach dem Spiel. Und tatsächlich war es beeindruckend zu sehen, wie die Mannschaft trotz des so bescheidenen Spielverlaufs immer wieder zurückkam und sich nicht von der Hoffnung verabschiedete, den Platz noch als Sieger zu verlassen.

Foto: Maja Hitij/Bongarts/Getty Images

“Wir wissen, was wir nach Rückstand tun müssen, um ein Spiel noch umzubiegen. Auch nach dem 2:3 haben wir den Glauben nicht verloren. Ich bin unheimlich stolz auf die Truppe, auch wenn die Art und Weise des Weiterkommens nicht gut für die Nerven war”, erklärte Covic. Acht Rückstände in elf Pflichtspielen sind zwar eine miserable Bilanz, sorgen in solchen Momenten wohl allerdings für eine gewisse Ruhe. Und so spielte Hertha trotz fortlaufender Rückschläge weiter Fußball, lief unermüdlich an, ließ nie den Kopf hängen – es sollte sich lohnen.

Es war schlichtweg imponierend, welch großes blau-weißes Herz die Mannschaft am Mittwochabend zeigte, mit welch unbedingtem Kampfes- und Siegeswillen sie die widrigen Umstände der Partie einfach nicht akzeptieren wollte. Sinnbildlich dafür stand Jordan Torunarigha, der nach einem Zweikampf aufgrund von Schmerzen zwischendurch kaum noch laufen konnte, jedoch auf dem Platz blieb und den Ball in der 120. Minute zum 3:3 in die Maschen drosch. Es hätte an diesem Abend genügend Gelegenheiten gegeben, den Kopf in den Sand zu stecken, doch anders als in den vergangenen Jahren kapitulierte man nicht. “Es ist nämlich ein immer wiederkehrendes Charakteristikum dieser Mannschaft, sich großen Widerständen gegenüber zu ergeben, anstatt gegen sie anzukämpfen”, schrieb ich im noch im November 2018 – davon war am Mittwoch nichts mehr zu sehen. Stattdessen hat man eine Mannschaft gesehen, die alles für den Sieg geopfert, nie den Glauben verloren und es einfach erzwungen hat.

Ein Sieg, sie alle zu tragen

Und so steht Hertha BSC im Achtelfinale des DFB-Pokals, nachdem man sich gegen einen Zweitligisten durchgesetzt hat. Ganz nüchtern betrachtet klingt dies nach keinem Grund, frenetisch zu jubeln, doch ist dieses Weiterkommen potenziell so viel mehr wert.

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Zum einen, weil Hertha es endlich einmal geschafft hat, den großen Rahmen eines Spiels mit fußballerischem Leben zu füllen und der allgemeinen Wahrnehmung als “graue Maus” nun wirklich nicht gerecht zu werden. Olympiastadion, 70.000 Zuschauer (darunter 35.000 Dresdner, die der Partie eine noch dichtere Atmosphäre schenkten), Flutlicht, K.O.-Spiel – alles stand für einen großen Abend bereit. Und Hertha wusste diese Rahmenbedingungen zu nutzen, indem es einen der spektakulärsten Pokalspiel der letzten Jahre ablieferte. “Die Kulisse war der Wahnsinn – ich glaube, ich habe noch nie vor so vielen Fans gespielt. Das gibt einem unglaublich viel Motivation”, zeigte sich Dodi Lukebakio begeistert.

Es gibt so Spiele, die bleiben einfach in Erinnerung. Diese “Weißt du noch damals, als …?”-Spiele. Hertha produzierte in den vergangenen Jahren nicht allzu viele von diesen Erinnerungen, zumindest nicht in positiver Hinsicht. Doch Partien wie die am Mittwochabend bleiben. Sie werden zu Geschichten, zu Legenden, zu Gründen, die man aufzählt, warum man Anhänger dieses Vereins ist. Fußball ist Theater, Fußball ist Storytelling, und Hertha hat mit dem 8:7 n.E. gegen Dynamo Dresden ein dramaturgisches Meisterwerk auf die Bühne gebracht. Das soll keine unkritische Schönmalerei sein, Hertha hätte das Spiel auch souveräner hinter sich bringen oder sogar verlieren können, doch ein Fußballspiel ist manchmal eben auch einfach nur das, was man nach dem Schlusspfiff daraus macht. Und in Jahren wird man sich nicht an die zahlreichen liegengelassenen Torchancen oder Krafts Patzer erinnern, sondern an Torunarighas Last-Minute-Tor, den Elfmeterkiller und wie laut das Olympiastadion denn tatsächlich werden konnte. Diese Erinnerungen bleiben, alles andere verblasst.

Erfolgreiche Generalprobe fürs Derby

Ein anderer Aspekt ist das bevorstehende Spiel für die “alte Dame”. Das lang ersehnte und medial bereits aufgebauschte Stadtderby mit Union Berlin wirft bereits seit einigen Tagen seinen Schatten voraus und drohte den Fokus aufs Pokalspiel sogar leicht zu verrücken. Doch anstatt sich von der Partie in Köpenick verrückt machen zu lassen, nutzte Hertha die Begegnung mit Dresden dazu, sich für eben jenes Derby einzustimmen.

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Denn das Pokalspiel konnte durchaus als Generalprobe für den kommenden Samstag angesehen werden: ein individuell schwächerer Gegner, der vor allem über die Leidenschaft ins Spiel findet und von seinen lautstarken Fans angepeitscht wird – das trifft sowohl auf Dresden, als auch auf die “Eisernen” zu. Ich will ganz ehrlich sein, ich hatte meine Zweifel, ob Hertha im Derby an das vermeintliche Feuer der Unioner herankommen wird. Rennen sich ein Dilrosun oder Duda genauso die Seele aus dem Leib wie ein Parensen oder Polter? Gibt Hertha ebenso 110%? Ich bin mir nicht sicher gewesen und da das Derby vermutlich durch Attribute wie Kampf, Wille und Hingabe entschieden wird, sehe ich diese Fragen als entscheidend an.

Am Mittwoch hat mir das Team allerdings eindrucksvoll bewiesen, dass sie diese Attribute auch am Samstag auf den Platz bringen und Union keinen Meter schenken wird. “Das gibt uns so viel, vor allem im Hinblick auf das Derby. Wir haben das Spiel gewonnen, sind im Pokal weiter dabei und freuen uns jetzt auf Union. Das wird ein geiles Spiel, in dem wir Derby-Mentalität zeigen müssen”, sagte Davie Selke nach dem Pokal-Weiterkommen. Diese “Derby-Mentalität” haben die Jungs in blau-weiß auf ganzer Linie bewiesen und somit äußerst gute Voraussetzungen für das Spiel in der Alten Försterei geschaffen. “In zwei Tagen werden wir wieder so fit sein, dass wir bei Union alles geben können, so ein Sieg kann auch beflügeln. Auf das Derby ist jeder heiß. Solche Spiele kitzeln aus einem nochmal ein paar Prozente raus”, so Marius Wolf. Ich habe ebenfalls nicht die Sorge, dass Hertha aufgrund der 120 Minuten in den Beinen zwangsläufig einen spürbaren Nachteil haben muss – stattdessen hoffe ich, dass der Eintracht-Frankfurt-Effekt einsetzt. Bei den Hessen sind seit längerer Zeit trotz immens vieler Spiele kaum Ermüdungserscheinungen zu erkennen, da die Europa-Nächte sie eher beflügeln als belasten. Diesen Antrieb erhoffe ich mir von dem Sieg über Dresden, sodass auch der Abend gegen Union einer ist, der bleibt.

Herthaner im Fokus: Hertha BSC – TSG 1899 Hoffenheim

Herthaner im Fokus: Hertha BSC – TSG 1899 Hoffenheim

Es war eine sehr unglückliche Niederlage von Hertha BSC gegen die TSG Hoffenheim, und doch kann man die verlorenen Punkte nicht einfach mit Pech erklären. Aluminumtreffer und ungünstige Schiedsrichter-Entscheidungen sind nur ein Aspekt des 2:3. Auch die defensiven Fehler und phasenweise schwache Einzelleistungen sorgten dafür, dass man sich nicht belohnen konnte. Und das obwohl es phasenweise ein gutes Fußballspiel der Blau-weißen war und Ante Covic wieder ein gutes Händchen bewies.

In unserer Einzelkritik zum spektakulären Heimspiel haben wir uns wieder Spieler genauer angeschaut, die uns sowohl negativ als auch positiv besonders aufgefallen sind.

Marko Grujic – noch ein langer Weg bis nach Liverpool

Hoch waren die Erwartungen an Marko Grujic, als er im Sommer noch einmal vom FC Liverpool ausgeliehen wurde. Bisher tut sich der Serbe allerdings schwer, diese Vorschusslorbeeren gerecht zu werden. Auch allein im Mittelfeld konnten Vladimir Darida oder Per Skjelbred bis heute mehr auf sich aufmerksam machen. Dabei konnte er in den ersten Spieltagen bereits zwei Mal treffen. Dass der 23-Jährige große Fähigkeiten hat, weiß in Berlin jeder. Am Samstag gegen TSG Hoffenheim allerdings zeigte er seine bisher wohl schwächste Leistung in dieser Spielzeit.

Foto: Matthias Kern/Bongarts/Getty Images

Und das obwohl er noch vor zwei Wochen den Wunsch äußerte, endlich beim FC Liverpool spielen zu dürfen. Viele Vorstellungen wie am Samstag sollte es dafür nicht geben, denn was in der Bundesliga nicht ausreicht, wird erst recht nicht in der Mannschaft von Jürgen Klopp zu Einsatzzeiten führen. Inbesondere bei seinen Defensivaufgaben war Grujic erneut nicht auf der Höhe.

Die zugegeben sehr starke zentrale der Gäste konnte im Olympiastadion zu oft ungestört agieren und Konter durch das Zentrum konnten frei ausgespielt werden. Grujic ließ seine Gegenspieler mehrmals sträflich frei im Mittelfeld größere Distanzen laufen. Diese konnten dann vor dem Berliner Strafraum angespielt werden und abschließen. So entstanden größere Chancen (z.B. 29. und 30. Minute) und auch das erste Gegentor zum 0:1. Gefühlt den halben Platz konnte Florian Grillitsch ungestört entlangsprinten, um dann auf Jürgen Locadia zu spielen, der die Führung erzielte – Grujic fungierte hier nur als Begleitschutz.

In dieser sowie in einigen anderen Aktionen stand Grujic zu weit weg vom Gegenspieler, was sich auf einem so hohen Niveau wie in der Bundesliga rächt. Da wo ein anderer Spieler sicherlich ein taktisches Foul gezogen oder im Vollsprint die Anspielstation behindert hätte, lief die Leihgabe teilweise nur hinterher. Dabei hätte er seine schwache Leistung kurz vor der Halbzeit noch retten können. Sein Schuss nach guter Vorarbeit von Dodi Lukebakio landete jedoch nur an den Pfosten.

Die Körpersprache, die Präzision und das Stellungsspiel – all diese Aspekte stimmten bei Grujic in der gestrigen Partie überhaupt nicht. Das spiegelt auch seine Zweikampfquote wieder (nur 33% gewonnene Zweikämpfe). Cheftrainer Covic reagierte beim 0:2-Rückstand in der Pause und wechselte Ondrej Duda ein. Angesichts der Leistung des Liverpool-Leihspielers ist es kein Wunder, dass Grujic weichen musste. Zu der Auswechslung sagte Ante Covic: “Ich war der Meinung, dass wir auf der Position etwas ändern mussten. Wir haben zur Pause auch im Grundsatz das System verändert, weil wir im letzten Drittel mehr Zugriff benötigt haben.”

Aktuell scheint beim Serben die Luft ein wenig raus zu sein. Es bleibt zu hoffen, dass der so oft gelobte Mittelfeldspieler schon nächste Woche gegen Union Berlin ein anderes Gesicht zeigt. Dann muss nämlich der Ausfall von Vladimir Darida (gelb-rot Sperre) spielerisch wie läuferisch kompensiert werden.

Dedryck Boyata – Die tragische Figur

Wenn wir bei den schwächeren Einzelleistungen des Spieles sind, müssen wir zum ersten Mal die Leistung von Dedryck Boyata ansprechen. Der Sommer-Neuzugang brachte zuletzt viel Stabilität in die Berliner Defensive und wurde auch von uns viel gelobt. Leider war er eine der “tragischen” Figuren im Spiel gegen die TSG aus Hoffenheim und verletzte sich zudem in der zweiten Halbzeit.

Foto: Matthias Kern/Bongarts/Getty Images

Doch gerade inm ersten Durchgang konnte er in der starken Phase der Hoffenheimer nicht die gewohnte Sicherheit ausstrahlen. In der 30. Minute hätte er durch einen voreiligen und dadurch zu kurz greifenden Klärungsversuch im Strafraum bereits ein Gegentreffer verursachen können. Beim 0:1 durch Jürgen Locadia stand er ein paar Schritte zu weit weg vom Gegenspieler und wurde bei dessen Schuss unglücklich getunnelt, sodass Rune Jarstein im Kasten keine Abwehrchance hatte. Auch seine Zweikampfwerte blieben unterdurchschnittlich, der Belgier gewann nur die Hälfte seiner Duelle (im Vergleich gewann Karim Rekik 73 % seiner Zweikämpfe).

Obwohl es nicht sein Tag war: ein Mentalitätsproblem hat Boyata sicher nicht. Dies zeigte sich ganz besonders kurz nach Wiederanpfiff zur zweiten Halbzeit, als er den Ball in gefährlicher Position verlor und einen sehr gefährlichen Angriff für den Gegner zuließ. Mit aller Kraft lief er hinterher und konnte den Schuss von Skov abblocken. Trotzdem zeigte auch diese Szene, dass der 28-jährige Innenverteidiger nicht wirklich auf der Höhe des Geschehens war.

Es passiert jedem Spieler gelegentlich eine schwache Partie zu spielen und für Dedryck Boyata ist es wohl die erste schwächere Leistung, seitdem er im Hertha-Trikot Pflichtspiele absolviert. Es bleibt zu hoffen, dass dieses Spiel aus Gesundheitsgründen nicht zu teuer für ihn wird. Wie die Berliner Morgenpost berichtet, hat er Beschwerden in der Leistengegend, eine MRT-Untersuchung soll am Montag folgen. Da Boyata allerdings in den letzten Jahren immer wieder für längere Zeit aufgrund von Muskelproblemen ausfallen musste, ist auch an dieser Stelle eine längere Pause nicht auszuschließen.

Lukebakio – Per Traumtor zum Stammspieler?

Bereits gegen Werder Bremen war Dodi Lukebakio nach seiner Einwechslung einer der auffälligsten Spieler und konnte durch eine starke individuelle Szene einen Punkt an der Weser retten. Gegen Hoffenheim stand der Rekordtransfer von Hertha von Beginn an in der Startelf und wusste in den ersten gut 20 Minuten der Hauptstädter zu überzeugen. Dribbelstark und gefährlich, mit guten Sprints in die Spitze (wie zum Beispiel in der 16. Minute) und intelligenten Läufen – Lukebakio war in der Berliner Offensive omnipräsent und bildete mit Marius Wolf auf der anderen Seite eine sehr ansehnliche Flügeloffensive.

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Sein Fallrückzieher zum zwischenzeitlichen 1-2 war nicht nur ein wunderbarer Treffer, sondern auch ein Hoffnungsschimmer, welcher der gesamten Mannschaft und den Fans neuen Schwung gab. Ein Tor, das gute Technik und einen stark ausgeprägten Torriecher verkörpert. Auch wenn bei ihm nicht immer alles funktionierte, war er hochmotiviert und mit guter Mentalität unterwegs.

Eine Szene, die gerade diesen unbedingten Willen zeigt, konnte man in der 60. Minute sehen. Ein guter Angriff von Hertha wurde eingeleitet und der Ball kam zum Flügelstürmer, der in aussichtsreicher Position einige Möglichkeiten zur Weiterverarbeitung hatte. Sein Pass in die Spitze misslang jedoch völlig, was ihn aber selber am meisten ärgerte. Lukebakio warf sich kurz hin und schlug vor Ärger auf dem Boden, bevor er aber gleich wieder aufstand und weiter lief. Dieser kurze Frust-Moment, obwohl er wenige Minuten zuvor ein Traumtor erzielen konnte, ist auch ein Anzeichen dafür, dass der junge Belgier hohe Ansprüche an sich und sein Team hat.

Besonders viel lief der Belgier mit 9,98 Kilometer nicht. Allerdings nutzte er die ihm gebotenen Räume sinnvoll, konnte 69 intensive Läufe und 23 Sprints aufweisen. Marius Wolf, der ebenfalls ein gutes Spiel zeigte, lief ganze 11,69 Kilometer und wies sogar 80 intensive Läufe auf. Mit vier Torschüssen, einer Torschussvorlage und einer beachtlichen 87-prozentigen Passquote kann sich die Statistik von Dodi Lukebakio sehen lassen.

Der Wille, die Körpersprache und die einzigartigen Momente wie beim 1:2 – es passt momentan beim Stürmer, der langsam seine Ablösesumme vergessen lässt. Das, was ihm auch gegen Hoffenheim fehlte, ist die Präzision. Insbesondere seine Flanken sind ausbaufähig, gleiches gilt für flache Hereingaben in den Strafraum. Wenn auch diese besser ankommen, könnte er den Hertha Fans noch viel Freude bereiten. Über ein paar weitere Fallrückzieher-Tore im Olympiastadion wird sich wohl auch keiner beschweren. Sein Cheftrainer bringt es ganz gut auf dem Punkt: “Er ist ein Spieler, der für die Überraschungsmomente sorgt – aber manchmal auch für zwei graue Haare.”

Duda und Kalou – Wechsel kann Covic

Wer die gute Leistung der beiden Joker Ondrej Duda und Salomon Kalou am Samstagnachmittag lobt, muss auch A wie Ante Covic sagen. Jokertore entwickeln sich fast schon zu einer Art Leitmotiv bei Hertha BSC in dieser Hinrunde. Dieses Mal war es Salomon Kalou, der seinen Treffer nach Einwechslung erzielen konnte. In der 64. Minute kam er für den verletzten Boyata ins Spiel und brauchte für sein erstes Saisontreffer nur etwa fünf Minuten.

Foto: Matthias Kern/Bongarts/Getty Images

Bei der Hereingabe von Vladimir Darida fackelte er nicht lange und bezwang aus kurzer Distanz den Hoffenheim Schlussmann Oliver Baumann. Damit baut der 34-Jähriger seine Torbilanz im Hertha-Trikot aus (53 Tore). Noch drei Treffer und er würde Marko Pantelic einholen. Dieser steht aktuell mit 56 Toren auf Patz neun der ewigen Hertha-Torschützenliste. Kalou war nach seiner Einwechslung ein Aktivposten. Er konnte in seiner relativ kurzen Einsatzzeit drei Torschüsse abgeben und einen vorbereiten und zeigte sich in guter Verfassung.

Das Tor durch den Ivorer wurde sehenswert von Ondrej Duda eingeleitet, der zur Halbzeit für Marko Grujic eingewechselt wurde. Durch ein sehr intelligentes und gut getimtes Abspiel in den Lauf von Vladimir Darida zeigte der Slowake endlich wieder, was ihn letzte Saison so wertvoll für die „alte Dame“ gemacht hatte. In Ansätzen war in der zweiten Halbzeit viel Gutes vom 24-Jährigen zu sehen, der sehr präsent war und viele interessante Pässe spielte. Seine Passquote blieb dabei mit 84 % sehr gut und er war deutlich öfter am Ball (31 Mal) als Marko Grujic in der ersten Halbzeit (17 Mal).

Trotz der Niederlage wird die positiv verlaufene Einwechslung beiden Spielern mit großer Wahrscheinlichkeit gut tun. Die bereits angesprochene Sperre von Vladimir Darida könnte Ondrej Duda im Derby gegen Union Berlin eine Einsatzgarantie geben. Sollte „Number 10“ dort ein starkes Spiel machen, könnte er das Ruder wieder umdrehen. Offensive Optionen auf der Bank wird Ante Covic auch in den nächsten Spielen genug haben. Wir können hoffen, dass dabei die Jokertore auch wieder zum Sieg für Hertha führen.

Herthaner im Fokus: SV Werder Bremen – Hertha BSC

Herthaner im Fokus: SV Werder Bremen – Hertha BSC

Mit einem 1:1-Unentschieden hat sich Hertha BSC aus Bremen verabschiedet – ein Auswärtspunkt, mit dem die Berliner aufgrund des Spielverlaufs wohl zufrieden sein können. Zwar zeigten die Blau-Weißen phasenweise wieder guten Fußball, den man bereits gegen Fortuna Düsseldorf gesehen hatte, doch waren es die Werderaner Gastgeber, die über 90 Minuten gesehen mehr vom Spiel und die besseren Torgelegenheiten hatten. Die Einzelkritik zu einem Ergebnis und einer Leistung, die jeweils in Ordnung gehen.

Rune Jarstein – den Punkt festgehalten

“Einen Ball habe ich gut gehalten, das war natürlich schön. Ich fühle mich fit und gut, habe auch durch die Nationalmannschaft zuletzt viele Spiele gemacht”, so die Worte von Rune Jarstein am Morgen nach dem 1:1 im Weserstadion. Der Berliner Torhüter bewahrte seine Mannschaft wie bereits gegen den 1. FC Köln vor einer Niederlage, indem er den ein oder anderen gefährlichen Schuss noch parierte.

Foto: Cathrin Mueller/Bongarts/Getty Images

Beim Bremer Führungstreffer durch Sargent war der norwegische Schlussmann allerdings noch machtlos, der Schuss des US-Amerikaners wurde unhaltbar von Vordermann Dedryck Boyata abgefälscht, sodass er sich über Jarstein hinweg ins Tor senkte. Daraufhin war jedoch keinerlei Vorbeikommen mehr, Herthas Keeper brachte die Gastgeber teilweise zur Verzweiflung.

Seine wohl auffälligste Szene verbuchte der 35-Jährige in der 64. Minute, als er beim Abschluss von Rashica blitzschnell ins rechte Toreck hechtet und diesen noch abwehrt, um anschließend noch einmal nach vorne zu springen und so den Nachschuss bzw. die Ecke zu verhindern. Nur zwei Minuten zuvor war Jarstein bereits auf dem Posten, auch in dieser Szene verhinderte er das Tor von Rashica. Insgesamt vier Paraden zeigte Herthas Nummer 22 am Samstagnachmittag und sicherte seinem Team somit einen Punkt.

Eine einmal mehr hervorhebenswerte Darbietung des Berliner Schlussmanns, der sich in einer guten Form befindet.

Maxi Mittelstädt – Stammplatz verteidigt

Zwar zeigte Hertha im Weserstadion sicherlich keine schlechte Leistung, doch wirklich viele Feldspieler ließen sich individuell nicht positiv herausheben – einer der wenigen war Maxi Mittelstädt, der gegen Bremen seine wohl beste Saisonleistung präsentierte und sowohl defensiv als auch offensiv einer der prägenden Spieler war.

Foto: Christian Kaspar-Bartke/Bongarts/Getty Images

Vor der Partie bestand noch die Frage, welchen Linksverteidiger Trainer Ante Covic aufs Feld stellen würde: den wiedergenesen Marvin Plattenhardt oder Mittelstädt, der die vergangenen drei Partien bestritt? Herthas Chefcoach entschied sich für Mittelstädt und sollte damit eine vorzügliche Wahl getroffen haben, denn das Berliner Eigengewächs unterstrich in Bremen seine Ambition, in der laufenden Spielzeit endgültig zum Stammspieler zu reifen. Diesen Anspruch untermauerte er zunächst einmal mit den Grundtugenden eines Abwehrspielers: dem Verteidigen. Der 22-Jährige wirkte über 90 Minuten hoch fokussiert und war jederzeit sehr nahe an seinem Gegenspieler zu finden, dem er den Schneid abkaufte und für immer in einer robusten Truhe verstaute. Zehn seiner elf Zweikämpfe gewann Mittelstädt, dazu alle fünf seiner Kopfballduelle. Zusätzlich sicherte er zwölf Bälle ab, klärte fünf Aktionen und fing vier Bälle ab – allesamt überdurchschnittliche Werte, die seine glänzend aufgelegte Form an diesem Tag nur unterstreichen. Mittelstädt bestach durch äußerst abgeklärtes Zweikampfverhalten und intelligentes Positionsspiel.

Aber auch im Spiel mit dem Ball wusste Herthas Nummer 17 zu überzeugen. Mit 94 Ballkontakten verbuchte Mittelstädt mit großem Abstand (Darida hatte 75) die meisten aller Herthaner, doch ist reiner Ballbesitz noch kein Argument für eine gute Vorstellung, man muss auch etwas mit diesem anzufangen wissen – und das tat Mittelstädt. Es ging stets konstruktiv nach vorne, hatte der ehemalige Juniorennationalspieler den Ball, mit einer 76%igen Passquote waren die meisten seiner Zuspiele hinzukommend auch präzise. Insgesamt drei Torschüsse bereitete der Herthaner am Samstag vor, auch der Assist für das Tor von Lukebakio ging auf sein Konto. In der 16. Minute hätte Mittelstädt sogar beinahe sein erstes Saisontor erzielt, doch sein beherzter Distanzschuss nach einer Ecke touchierte nur die Latte.

Es war ein insgesamt sehr intelligenter und fehlerfreier Auftritt von Mittelstädt, der im Defensivverhalten keine seiner durchaus bekannten kopflosen Aktionen produzierte und im Spiel nach vorne eine prägende Figur abgab. Er war stets Herr der Lage und ein absoluter Aktivposten seiner Mannschaft. In dieser Form ist Mittelstädt nicht aus der Startelf wegzudenken.

Vedad Ibisevic – glücklos

“Die Situation mit Pavlenka war für mich ein klarer Elfmeter. Es ist schade, dass der Schiedsrichter das nicht gepfiffen hat. Wenn es kein Elfmeter war, hätte er mir die Gelbe Karte für eine Schwalbe geben müssen”, zeigte sich Vedad Ibisevic nach dem Schlusspfiff sichtlich erzürnt über den nicht-gegebenen Elfmeter. Der Berliner Kapitän sähe sich in einer Schublade und aufgrund dessen würden viele Entscheidungen im Zweifel gegen ihn gepfiffen werden.

Foto: Cathrin Mueller/Bongarts/Getty Images

Gemeint ist die Szene aus der 12. Minute, in der Ibisevic perfekt bedient von Marius Wolf auf Bremens Tor zulief und in letzter Sekunde von SVW-Keeper Pavlenka von den Beinen geholt wurde. Schiedsrichter Dr. Felix Brych entschied, dass Bremens Schlussmann den Ball gespielt habe und es somit kein Strafstoß war – eine eindeutig diskutable Entscheidung, die vor allem dadurch an Brisanz gewann, dass der Videobeweis nicht eingriff und zumindest Herrn Brych zum Monitor am Spielfeldrand bemühte, um sich diese Szene noch einmal anzuschauen. Anzumerken ist auch, dass daraufhin nicht einmal einen Eckball für Hertha gab – kurios, da Pavlenka ja den Ball gespielt haben soll, der daraufhin ins Torlinienaus rollte. Ohne weiter ausholen zu wollen: über einen Elfmeter hätten sich die Bremer wohl nicht beschweren dürfen.

Zum einen wurde hiermit Hertha die Chance auf einen sehr frühen Ausgleichstreffer genommen, zum anderen Ibisevic die Möglichkeit, sich auf dem Spielzettel zu verewigen – sei es durch den herausgeholten Elfmeter an sich oder durch ein Tor, wäre er der Schütze gewesen (nicht unwahrscheinlich). Von der Szene abgesehen zeigte Herthas Kapitän eine durchaus zufriedenstellende Leistung. Zwar kam er selbst in keine Abschlusspositionen, doch arbeitete der 35-Jährige viel für seine Mannschaft. Regelmäßig ließ sich der Bosnier in die eigene Hälfte fallen, um als Anspielstation zu dienen und Bälle festzumachen – das klappte mal mehr und mal weniger gut. Es gab allerdings einige gute Dribblings und Seitenverlagerungen des “Vedators” zu sehen, der sichtlich bemüht war, das Spiel seiner Mannschaft anzukurbeln. Mit der Zeit verflachte dieser Aufwand jedoch, sodass Trainer Covic sich dazu entschied, Ibisevic nach 77 Minuten für den frischen Davie Selke auszuwechseln.

Ein ordentlicher Auftritt von Ibisevic, der zunächst an der Elfmeter-Szene zu knabbern hatte, sich jedoch aufraffte und daraufhin ein wichtiger Bestandteil des Berliner Aufbauspiels wurde.

Dodi Lukebakio – Edeljoker

So langsam wird es zur Gewohnheit: wechselt Trainer Covic seinen Flügelspieler Dodi Lukebakio ein, kann sich der Gegner auf eine Torbeteiligung seinerseits einstellen. Bereits im dritten Spiel infolge ist Herthas Rekordneuzugang nun als Einwechselspieler an einem Treffer beteiligt gewesen, dieses Mal traf der Edeljoker selbst.

Foto: Cathrin Mueller/Bongarts/Getty Images

“Der Trainer hat mir vor der Einwechslung gesagt, dass ich alles geben soll, was ich drauf habe. Das hat gut geklappt und der Punkt ist nicht unbedeutend für uns”, zeigte sich Lukebakio nach seinem erneut mehr als gelungenen Joker-Einsatz zufrieden. Der Belgier wurde in 56. Minute für den wirkungslos gebliebenen Javairo Dilrosun eingewechselt und sollte dessen Position auf dem linken Flügel übernehmen. Dort hielt es ihn die ersten Minuten jedoch nicht, immer wieder zog der 22-Jährige in den “Achterraum”, um dort die Anspiele zu fordern. Eine Maßnahme, die zwar Lukebakios Motivation unterstrich, allerdings nicht dem Plan von Covic folgte. Herthas Trainer beorderte Lukebakio daraufhin wieder auf die linke Außenbahn, dort sollte Herthas Nummer 28 die Breite halten, Bremen auseinanderziehen und durch sein Tempo und seine Dribbelstärke in direkte Duelle verwickeln.

In der 57. Minute legte Lukebakio sogleich eine Chance auf, nachdem er auf dem linken Flügel durchgebrochen war und Ibisevic bedienen wollte. Dieser konnte sich allerdings nicht im Strafraum durchsetzen, wodurch die Chance verpuffte. In der 70. Minute fasste sich der belgische U21-Nationalspieler dann selbst ein Herz, ließ drei Bremer durch zwei Haken stehen und schloss seine großartige Einzelaktion mit einem wuchtigen wie präzisen Schuss ins rechte Toreck zum 1:1-Ausgleich ab. Der Plan Covics, Lukebakio in Eins-gegen-Eins-Duelle zu schicken, ging damit hervorragend auf, der Joker zeigte in dieser Szene all seine Fähigkeiten: Tempo, Dribbelkünste, der Riecher für die besondere Aktion und der starke Abschluss.

Mit seinem zweiten Saisontor und dritten Scorerpunkt in Serie sicherte Lukebakio Hertha den Auswärtspunkt und etabliert sich allmählich zum absoluten Edeljoker. “Die Aktion zum 1:1 war eine geile Aktion von Dodi Lukébakio. Er hat schon gegen Düsseldorf einen starken Assist gehabt, jetzt war es für ihn wichtig, dass er trifft”, lobte ihn Mannschaftskollege Per Skjelbred nach dem Spiel. Nun steht Trainer Covic vor der wenig beneidenswerten Aufgabe, sich in der kommenden Woche für Dilrosun oder Lukebakio zu entscheiden, wenn es um die Startelf gegen die TSG Hoffenheim geht.

Herthaner im Fokus: Hertha BSC – Fortuna Düsseldorf

Herthaner im Fokus: Hertha BSC – Fortuna Düsseldorf

Drei Siege infolge – das gab es für Hertha BSC zuletzt zwischen dem ersten und dritten Spieltag der Saison 2016/17. Und was das für ein Sieg am Freitagabend gegen Fortuna Düsseldorf war: die Berliner Fans sahen im Olympiastadion das bislang beste Saisonspiel ihrer Mannschaft, die zwar drei Tore schoss, mit insgesamt 17 Schüssen jedoch Chancen für ein weitaus höheres Ergebnis hatte. Dies resultierte aus einem attraktiven Ballbesitzspiel, sauberer Defensivarbeit und auffällig großem Aufwand seitens der Blau-Weißen. Nach langer Zeit ist der Herthaner wieder voll des Lobes – so fällt auch diese Ausgabe der Einzelkritik aus.

Per Skjelbred – Mister Stabilität

“Ich soll Balance in unser Spiel bringen, zwischen Offensive und Defensive. Meine Hauptaufgaben sind mehr Kontrolle und die Defensivarbeit”, beschrieb Per Skjelbred seine aktuelle Rolle in der Mannschaft. Diese Funktion macht den Norweger seit nun ein paar Spielen unentbehrlich für die Mannschaft und Trainer Ante Covic – gegen Düsseldorf gelang “Schelle” sein wohl bester Auftritt seit langer Zeit.


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Foto: Thomas F. Starke/Bongarts/Getty Images

“Der Ansatz war, einen Spieler mehr im Aufbauspiel zu haben, damit wir flach rauskommen, ohne permanent den Torwart einbeziehen zu müssen“, erklärte Covic nach der Partie dem Tagesspiegel. „Wir hatten viele gute Passagen aus dem hinteren Bereich, ohne lange Bälle spielen zu müssen.“ Der Berliner Coach ließ Skjelbred eine besondere Rolle im Ballbesitzspiel zukommen. Der 32-Jährige agierte als Libero, schob sich im Spielaufbau stets zwischen die beiden Innenverteidiger, Niklas Stark und Dedryck Boyata, um so mehr Anspielstationen zu schaffen und das Spiel zu verbreitern. War Skjelbred am Ball, konnten die Innenverteidiger weiter rausrücken, sodass Herthas Flügelspieler noch weiter noch vorne stießen – dadurch ergab sich eine sehr dynamische Spieleröffnung, die durch Skjelbreds Ruhe am Ball und Passsicherheit getragen wurde. Niemand auf dem Feld war öfter am Ball als Herthas Nummer drei (76 Mal), niemand spielte mehr Pässe (63) – allein diese Werte zeigen, welch große Bedeutung Skjelbred für das Spiel hatte. Dass der defensive Mittelfeldspieler dann auch noch eine 97%ige Passquote und zwölf Ballsicherungen verbucht, ist pure Klasse.

Hinzu kommt die gewohnt starke Arbeit gegen den Ball. Skjelbred spulte nach Vladimir Darida mal wieder die besten Laufwerte aller Herthaner ab, lief knapp zwölf Kilometer und zog 84 intensive Läufe an. Dieses Pensum erlaubte Skjelbred eine ungeheure Dominanz im Mittelfeld, das er zusammen mit Marko Grujic beherrschte. Nahezu kein Umschaltmoment seitens der Düsseldorfer konnte erfolgreich durch die Mitte ausgespielt werden, da Skjelbred und Grujic diesen durch intelligentes Positionsspiel und Zweikampfverhalten im Keim erstickten. Skjelbred war über 90 Minuten hellwach, gewann Zweikampf um Zweikampf und verarbeitete den Ballgewinn sauber in den eigenen Reihen. Aufgrund seiner Leistung war Hertha am Freitagabend so erdrückend dominierend, sowohl mit als auch gegen den Ball. Seine vielleicht auffälligste Szene hatte Skjelbred vor dem 1:1-Ausgleichstreffer in der 36. Minute: er eroberte einen Düsseldorfer Fehlpass, rannte mitsamt Ball weit in die gegnerische Hälfte, um so Fortuna-Spieler an sich zu binden und dann den freistehenden Marius Wolf anzuspielen, der Ibisevic zum Tor bediente.

Es ist beeindruckend, wie Skjelbred innerhalb von ein paar Wochen vom Bankdrücker zum Leistungsträger geworden ist. Er bringt große Stabilität in das Spiel seiner Mannschaft, ist eine echte Stütze und in dieser Form nicht aus der Mannschaft herauszudenken.

Marko Grujic – mehr Regisseur als Hauptrolle

Gegen Düsseldorf glänzten Spieler wie Wolf, Dilrosun, Darida oder Ibisevic. Einer, der sich hingegen im Hintergrund aufhielt, war Marko Grujic. Der 23-Jährige gehörte in den vergangenen Wochen zu den Spielern, die sich im Formtief befinden. Indem er sein Spiel umstellte, zeigte der Serbe gegen Düsseldorf jedoch still und leise seine bislang beste Saisonleistung.

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Das hatte vor allem mit seinem Aufgabenbereich am Freitagabend zu tun. Grujic, normalerweise ein Box-to-Box-Player, also jemand, der das gesamte Feld beackert und sowohl offensiv als auch defensiv die besonderen Momente sucht, agierte gegen die Fortuna als absoluter Fixpunkt im zentralen Mittelfeld. Nach Skjelbred war die Liverpooler Leihgabe am öftesten am Ball (73 Mal) und spielte die drittmeisten Pässe (50). Bei nahezu jedem Angriff diente Grujic als Übergangsstation zwischen eigener Hälfte und letztem Angriffsdrittel. Sei es durch sehenswerte Dribblings (fünf erfolgreiche – Bestwert zusammen mit Wolf), mit denen er tief in Düsseldorfer Hälfte vorstieß oder präzise gespielte Pässe in Lücken oder als Seitenverlagerungen. Insgesamt 90% der Zuspiel von Berlins Nummer 15 kamen, 83% fanden in der gegnerischen Hälfte ihr Ziel – jeweils sehr starke Zahlen. Da sich Skjelbred bei eigenem Ballbesitz sehr tief fallen ließ und Darida weit nach vorne drückte, war Grujic oftmals alleine im zentralen Mittelfeld, doch aufgrund seiner enormen Ballsicherheit und gutem Passspiel war das gar kein Problem. Vielmehr war es so, dass der großgewachsene Zentrumsspieler selbst gegen mehrere Gegenspieler seelenruhig das Spiel aufzog (sechs Ballsicherungen) und so eine sichtbare Tiefe wie Breite kreierte. Grujic konzentriert sich also eher auf die unspektakuläreren aber mindestens ebenso wichtigen Aufgaben eines zentralen Mittelfeldspielers und ließ dadurch andere im Rampenlicht stehen. Es gab kaum Läufe in den Strafraum oder Abschlüsse, die man Grujic gewohnt ist, dafür aber ein wirklich intelligentes Aufbau- und Positionsspiel.

Letzteres bewies Grujic auch gegen den Ball. Wie bereits erwähnt, fungierten er und Skjelbred bei Düsseldorfer Konterversuchen als Berliner Türsteher und jeder, der in der Hauptstadt schon einmal feiern war, weiß, wie hart es sein kann, an solchen vorbeizukommen. So war Grujic kaum zu überwinden, gewann zehn seiner 16 Zweikämpfe und klärte vier Situationen. Hinzu kommen clever eingestreute Fouls, die Düsseldorf den Spielfluss nahmen. Dafür nahm Grujic ein beachtliches Laufpensum auf sich und riss 11,6 Kilometer ab. Zwar verzeichnete er am Freitag nicht eine Glanzszene nach der anderen, jedoch war er eminent wichtig für das die Mannschaft und ließ andere Spieler im Rampenlicht stehen.

Dodi Lukebakio – angekommen

Die Düsseldorfer Gegenspieler werden ernüchtert durchgeschnauft haben, als sie 30 Minuten vor Spielende an den Spielfeldrand blickten und sahen, dass Ex-Mannschaftskamerad Dodi Lukebakio aufs Feld gesprintet kam. Zum einen, weil sie seine Qualitäten bestens kennen, zum anderen, weil Hertha-Coach Covic ihnen gerade einen nach einstrengenden 60 Minuten und einem 1:2-Rückstand den Prototypen eines Konterspielers vor die Nase stellte.

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Und Covic sollte einmal mehr ein goldenes Händchen bei einer seiner Einwechslungen beweisen. Bereits mit seinen ersten Ballkontakten zeigte Lukebakio seine Spielfreude und Dynamik. Sobald der Belgier an den Ball kam, ging es schnurstracks nach vorne und das in einem atemberaubenden Tempo. Nur 90 Sekunden nach seiner Einwechslung sollte Lukebakio bereits seinen großen Auftritt haben: zunächst gewann er ein Kopfballduell, sodass der Ball nach einem Düsseldorfer Angriff sofort zur Umschaltaktion führen konnte. Darauf folgend sprintete der 21-Jährige mit irrem Tempo in die gegnerische Spielhälfte, wurde von Ibisevic perfekt bedient, heizte unaufhaltsam bis zum gegnerischen Strafraum, um dann den Ball perfekt zwischen zwei Gegenspieler hindurch auf Darida zu spielen, der den 3:1-Schlusstreffer markierte.

Eine unwiderstehliche Szene von Lukebakio, der alle seine Fähigkeiten, für die man im Sommer 20 Millionen bezahlte, auf einmal aufblitzen ließ: Schnelligkeit, Dribbelstärke, das Gespür für die besondere Aktion. “Ich wollte meinem Team helfen, das hat ganz gut geklappt und fühlt sich gut an. Ante Covic hilft mir, mich hier Schritt für Schritt zu verbessern”, sagte der Neuzugang, nachdem er ja bereits in Köln als Einwechselspieler einen Treffer aufgelegt hatte. Nachdem durch das 3:1 alles entschieden war und er seinen Beitrag geleistet hatte, spielte Lukebakio befreit auf, unterhielt das Stadion sogar mit dem einen oder anderen Kabinettsstückchen. Drei Torschussvorlagen, darunter der Assist für Darida, sind für 30 Minuten Spielzeit ein herausragender Wert und werden Herthas Nummer 28 eine breite Brust für die kommenden Wochen bescheren.

Vladimir Darida – 10/10 auf der 10

Es hatte sich bereits in der Vorbereitung angedeutet und im Auswärtserfolg gegen den 1.FC Köln bestätigt. Jetzt gegen Fortuna Düsseldorf war es nicht mehr zu übersehen: Vladimir Darida ist zurück zu alter Stärke. Dass der Tscheche der Mann des Spiels war, ist unumstritten. Ein Treffer, eine Vorlage, dazu acht Torschussbeteiligungen und eine 90%ige Passquote sprechen eine klare Sprache. Er war auf dem Platz am Freitagabend omnipräsent und überzeugte erneut auf der „Zehner“-Position.

Dabei war er nicht einmal der Spieler mit den meisten Ballbesitzphasen. Wenn er den Ball hatte, wusste er so gut wie immer wohin er diesen spielen sollte, doch sein Spiel in Düsseldorf ist ein Musterbeispiel dafür, wie man als Spieler ohne Ball arbeiten muss. Durch intelligente und taktisch sinnvolle Läufe war er oft in guten Aktionen anspielbar, konnte Räume für seine Mitspieler frei machen und war auch ein wichtiger Faktor in den Defensivphasen der „alten Dame“.

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Auch wenn der 29-Jährige dafür bekannt ist viel zu laufen, sind seine Laufwerte gefühlt nicht mehr von dieser Welt: 13,6 Kilometer ist Darida gelaufen, fast zwei Kilometer mehr als der zweitbeste Läufer, Per Skjelbred (11,95 Kilometer). Dazu weist er die meisten Sprints (38) sowie die meisten intensiven Läufe (113) auf. Eine solche Laufleistung ist vor allem deshalb so wertvoll, weil diese Läufe wie angesprochen auch sehr effektiv waren. Immer wieder war Herthas Nummer sechs in den Zwischenräumen und auf den Außen zu finden, sodass er eklatant wichtig für das Kombinationsspiel und die Durchsetzungskraft der Berliner war. So verwundert es auch nicht, dass er beim Treffer zum 2:1 plötzlich an der Grundlinie den Ball bekam und perfekt in den Rückraum für Dilrosun auflegte. Dass er derjenige ist, der beim 3:1 nach der schönen Vorbereitung von Dodi Lukebakio zum einnetzen bereit steht, ist die Krönung seiner hervorragenden Leistung.

Darida bestätigt seine Hochform auch gegen Düsseldorf und ist in einer solchen Verfassung gar nicht mehr von der Startelf von Ante Covic wegzudenken. Kein Wunder also, dass es auch Lob vom Cheftrainer gab. So kann er die momentane Formschwäche eines Ondrej Dudas ausnutzen. Es bleibt abzuwarten, wie sich Vladimir Darida nach der Länderspielpause macht, wenn es gegen, auf dem Papier zumindest, qualitativ stärkere Gegner geht.

Marius Wolf – Mit großen Schritten zum Stammspieler

Hertha kann Last-Minute Neuzugänge – das wurde in den vergangenen Spielzeiten klar. Auch Marius Wolf scheint keine Ausnahme zu sein, zumindest zeigte er auch gegen Düsseldorf, warum ihn damals Borussia Dortmund verpflichtet hatte. Auf seiner rechten Seite harmonierte der 24-Jährige herausragend mit dem ebenfalls starken Lukas Klünter und war sowohl offensiv als auch defensiv wertvoll für das Berliner Spiel. Seine Gegenspieler auf der linken Abwehrseite von Fortuna Düsseldorf spielte er zeitweise schwindelig, setzte sich oft durch starke Dribblings und Beschleunigungen im eins gegen eins durch. Durch diese vielen direkten Duelle ist seine Zweikampfquote von 54% absolut ansehnlich.

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Auch in seinen ersten Einsätzen deutete er an, dass er sich in solchen Situationen gut durchsetzen kann. Oft gelang ihm jedoch der letzte Pass oder die letzte Geste nicht. Am Freitagabend aber war er deutlich erfolgreicher in diesen Anschlussaktionen. Ein gutes Beispiel ist da seine schlaue Flanke aus dem Halbfeld auf Vedad Ibisevic zum 1:1-Ausgleich für Hertha. Im ganzen Spiel schlug er drei Flanken, was zusammen mit Lukas Klünter der höchste Wert im Kader der Hauptstädter darstellt. An dem 2:1 Führungstreffer war der Leihspieler aus Dortmund erneut direkt beteiligt: mal wieder konnte er sich im direkten Duell sehenswert durchsetzen und leitete den Angriff ein, den Javairo Dilrosun dann per Volley vollendete. Seine Laufwerte können sich ebenfalls sehen lassen: Wolf lief in 80 Minuten 9,79 Kilometer und wies nach Vladimir Darida die meisten Sprints auf (31).

Es zeigt sich immer mehr, dass Marius Wolf in dieser Saison noch wichtig sein könnte. Seine Fähigkeit, durch ein Dribbling oder eine Beschleunigung die Linie des Gegners zu durchbrechen, könnten sich als sehr wertvoll erweisen. Dadurch, dass er auch zur defensiven Stabilität seines Teams beitragen kann, ist auch er unmittelbar eine große Verstärkung und eine feste Säule in der Mannschaft von Ante Covic geworden.

Herthaner im Fokus: 1. FC Köln – Hertha BSC

Herthaner im Fokus: 1. FC Köln – Hertha BSC

Was das 2:1 gegen den SC Paderborn nicht zu sein vermochte – ein Befreiungsschlag für Hertha BSC – gelang der Mannschaft am Sonntagabend in Köln. Zugast beim “effzeh” gewannen die Blau-Weißen überraschend mit 4:0 – vermutet wurde eine deutlich engere und umkämpftere Partie, doch das Überstehen der ersten Kölner Drangphase, der Platzverweis für effzeh-Verteidiger Meré (40. Minute) und ein paar personelle wie taktische Kniffe von Trainer Ante Covic führten zum zweiten Berliner Sieg infolge. Die Einzelkritik zu einer zwar nicht perfekten, aber im Vergleich zu den letzten Wochen deutlich verbesserten Vorstellung Herthas.

Rune Jarstein – der heimliche Held

Während viele Herthaner seit Saisonbeginn mit ihrer Form zu kämpfen haben/hatten, besticht Herthas Torhüter durch beständig gute Vorstellungen. Bislang gehört Jarstein zu den stabilsten Blau-Weißen der laufenden Spielzeit, doch stachen seine Leistungen (auch aufgrund der vielen Niederlagen) nicht wirklich heraus. das änderte sich am Sonntag.

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Dass Hertha die angesprochene Kölner Drangphase der ersten 15 Minuten des Spiels schad- bzw. gegentorlos überstand, hatten wesentlich mit Jarstein zu tun. Das Geburtstagskind entschärfte mehrere brandgefährliche Abschlüsse der Gastgeber und hielt Hertha somit im Spiel. In Minute sieben war er bei einem platzierten Freistoß von Kainz auf dem Posten und klärte zur Ecke. Sieben Minuten später fischte der 35-Jährige den Kopfball Cordobas, der zwar nicht sonderlich platziert war, aber aus fünf Meter Entfernung auf ihn zukam, hellwach weg.

Jarstein fiel jedoch nicht nur durch starke Paraden auf, sondern leitete in der 35. Minute geistesgegenwärtig fast das 2:0 ein. Nach einer abgefangenen Ecke Kölns erspähte Herthas Schlussmann den gestarteten Javairo Dilrosun, um diesem einen technisch überragenden Abschlag direkt in den Fuß abzuliefern. Der Niederländer konnte seinem Keeper allerdings keinen Assist schenken, sein Lupfer landete am Querbalken. Dennoch eine spektakuläre Szene, eingeleitet von Norwegens Nummer eins.

Im Laufe der Partie konnte sich Jarstein immer seltener bis gar nicht mehr auszeichnen, doch war es ihm zu verdanken, dass Hertha die Null hielt und darauf aufbauend den Sieg einfuhr. Eine starke Vorstellung der Nummer 22.

Dedryck Boyata – There’s a new Abwehrchef in Town

Sowohl auf dem Feld als auch in dieser Einzelkritik ist kein Vorbeikommen an Boyata. Der Neuzugang überzeugte gegen Köln einmal mehr auf ganzer Linie und etabliert sich als echter Anker für Herthas Defensive. “Wir können sehr zufrieden sein, jeder hat eine gute Leistung abgerufen”, sagte der Belgier nach der Begegnung – er insbesondere.

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Auch wenn sich Kapitän Niklas Stark scheinbar langsam wieder in seinen Leistungen stabilisiert, kann man seitens Hertha von Glück reden, mit Boyata einen herausragenden Interims-Abwehrchef in seinen Reihen zu haben. Gegen Köln gelang dem 28-Jährigen seine bislang stärkste Vorstellung, über 90 Minuten brachte er die Kölner Offensivakteure zum verzweifeln.

Hierzu lohnt sich bereits der klinische Blick auf die Zahlen: der Innenverteidiger gewann sechs seiner sieben Zweikämpfe, sämtliche der vier Luftduelle und verbuchte zudem ein erfolgreiches Tackling. Hinzu kommen ein Block, drei abgefangene Bälle und zehn (!) klärende Aktionen. Kurzum: die Nummer 20 erlebte einen hervorragenden Fußballabend in Köln. Boyata war stets auf der Höhe und überzeugte einmal mehr durch sein so resolutes wie dynamisches Zweikampfverhalten, das in den seltensten Fällen die Grenze zur Unfairness (nur ein Foul) überschreitet. Es war beeindruckend zu sehen, wie fokussiert Boyata agierte und wie eng er stets an seinen Gegenspielern dran war. So vereint der ehemalige Spieler Celtic Glasgows Souveränität und Leidenschaft.

Darüber hinaus ist der 16-fache belgische Nationalspieler wichtig für das Aufbauspiel der “Alten Dame”. Er verbuchte die zweitmeisten Ballkontakte und meisten Pässe seiner Mannschaft. 90,7% seiner Zuspiele kamen am Sonntagabend beim Mitspieler an – besonders angesichts des Kölschen Pressings ein sehr starker Wert. Abgerundet wurde Boyatas Auftritt durch dessen erstes Bundesligator in Minute 83, als er bei Lukebakios Ecke am höchsten sprang und wuchtig zum 4:0 einnickte. Ein rundum gelungener Abend für den Abwehrmann, der nach drei Startelfeinsätzen bereits nicht mehr aus der Mannschaft wegzudenken ist.

Maxi Mittelstädt – wenig Eigenwerbung

Kurzfristig hatte Hertha am Sonntag bekanntgegeben, dass Marvin Plattenhardt aufgrund von Sprunggelenksproblemen in Berlin bleiben musste. Sein Ersatz stand somit bereits fest: Maxi Mittelstädt übernahm und sollte das intensive Kölner Flügelspiel eindämmen. Wirklich gelingen sollte es dem Berliner Eigengewächs allerdings nicht.

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Geplant war, dass Mittelstädt es mit Kölns Dominik Drexler aufnehmen sollte, doch der verletzte sich bereits nach zwei Minuten muskulär. Mit Kingsley Schinder kam ein deutlich athletischerer und dynamischerer Flügelstürmer in die Partie, der Herthas Linksverteidiger immer wieder vor Probleme stellte. Mit seiner Wucht und den schnellen Bewegungen schaffte es Schindler immer wieder, an Mittelstädt vorbeizuziehen und damit sofort Gefahr entstehen zu lassen.

Als Außenverteidiger direkte Duelle zu verlieren, kann schwerwiegende Folgen haben, da meist niemand mehr für einen absichert – so auch in einigen Fällen am Sonntag. Dabei gab es immer wieder Phasen, in denen Mittelstädt den Eindruck machte, sich nun auf Schindlers Spiel eingestellt zu haben. In diesen Szenen agierte der 22-Jährige deutlich kompromissloser und wacher, schaffte es einige Male, den Kölner Flügelspieler durch starke Tacklings und gutes Stellungsspiel vom Ball zu trennen – nur um wenige Minuten später wieder überlaufen zu werden. So war eine defensiv insgesamt durchwachsene Darbietung des Plattenhardt-Ersatzes, der nie über weite Strecken einen sonderlich sicheren Eindruck machte.

Hinzu kamen zahlreiche Abspielfehler in der eigenen Hälfte, die Kölns Pressing in die Karten spielten. Mittelstädt war nur selten auf ganzer Höhe, wenn auch in eben jenen Momenten mit auffällig guten Szenen. Eine Leistung, die nicht wirklich zufrieden stellen kann und Mittelstädt wohl nicht näher an die Stammelf herangebracht haben sollte.

Vladimir Darida – “Das hat gut geklappt”

Am Sonntagabend entschied sich Trainer Covic erstmals gegen Ondrej Duda in der Startelf. Stattdessen ließ der 43-Jährige Vladimir Darida als zentral-offensiven Mittelfeldspieler spielen. “Ich sollte als Zehner einen Kölner Innenverteidiger konsequent anlaufen und somit ihr Aufbauspiel stören – das hat gut geklappt. Wir haben immer wieder Lücken gefunden und den Ball in guten Positionen erobert”, erklärte der Tscheche diese personell-taktische Maßnahme nach dem Spiel.

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Und wie das gut geklappt hat. Darida war einer präsentesten Herthaner am vergangenen Sonntag. Gegen den Ball (wie oben erklärt) agierte der 29-Jährige als zweiter Stürmer neben Davie Selke, sodass Herthas Formationen zu einem 4-4-2 wurde. Dadurch übte er deutlichen Druck auf das Kölner Aufbauspiel aus, welches in Zuge dessen weniger kreativ und zielgerichtet wirkte. Wurde Köln gefährlich, dann beinahe ausschließlich durch hohe Ballgewinne und nicht aus dem eigenen Ballbesitz heraus – durchaus ein Verdienst Daridas, der einmal ein unglaubliches Pensum abspulte. 12,98 Kilometer lief der Mittelfeldspieler gegen Köln, 36 Sprints und 100 intensive Läufe zog er an – jeweils Bestwerte aller in Köln eingesetzten Spieler. Er lief nicht nur viel, sondern auch klug.

Hinzu kommt sein spielerischer Wert für das Team. Im eigenen Ballbesitz ließ sich Darida immer wieder recht tief fallen, um als Anspielstation bereitzustehen und seine Kollegen, die von den Gastgebern intensiv angelaufen wurden, zu entlasten. So verzeichnete Darida die drittmeisten Ballkontakte und (zusammen mit Boyata) die meisten Pässe aller Berliner. Er wirkte in seinen Aktionen deutlich aufgeräumter und zielorientierter als Duda in den vergangenen Spielen. Meist wusste der tschechische Nationalspieler etwas konstruktives mit dem Ball anzufangen, auch seine Passquote von 86% lässt sich absolut sehen. Über allem stehen natürlich die zwei Assists der Nummer sechs, einmal legte er für Dilrosun (1:0) und einmal für Ibisevic (3:0) auf. Dabei kann man von Glück sagen, dass Darida überhaupt noch auf dem Feld stand, denn hätte Kölns Verteidiger Meré bei seiner mit Rot geahndeten Aktion dessen Schienbein getroffen, wäre die Hinrunde für ihn wohl vorzeitig vorbei gewesen.

So aber konnte Darida durchspielen und sich am Ende von den mitgereisten Fans zurecht feiern lassen. Ob als Pressingmaschine oder als Entlastung für den eigenen Spielaufbau – Darida hatte gegen Köln zahlreiche Jobs und erledigte alle mit Bravour.

Javairo Dilrosun – der Unterschiedsspieler

So langsam gehen einem die Superlative für Dilrosuns Leistungen aus. Erneut machte der Niederländer den Unterschied zugunsten Herthas aus, erneut war er der Dosenöffner, erneut auf spektakuläre Weise.

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“Ich will meine Leistung in der gesamten Saison beibehalten und viele Tore und Assists beitragen”, definierte Dilrosun seine Ziele. Er ist auf dem besten Wege, diese zu erreichen. Gegen Paderborn waren es zehn Minuten, bis es Hertha durch seine Extraklasse in Führung brachte, gegen Köln waren es 23. Der 21-Jährige erhielt den Ball von Darida außerhalb des Strafraums, fackelte nicht lang und drosch das Leder mit einer verrückten Flugkurve ins linke Eck – 1:0. Im zweiten Spiel infolge ließ Dilrosun der gesamten Liga vor Erstaunen die Kinnlade herunterrauschen.

In der 35. Minute (siehe in der Jarstein-Kritik) hätte die Nummer 16 beinahe nachgelegt, sein unwiderstehlicher Sprint und das Durchsetzen gegen Kölns letzten Verteidiger wurde allerdings nicht belohnt – sein frecher Lupfer küsste nur die Latte. In Minute 45+3 konnte Kölns Torhüter Horn einen Schuss von Dilrosun noch gerade so zur Ecke abwehren. Im zweiten Durchgang konnte Dilrosun dem Spiel zwar nicht mehr seinen Stempel aufdrücken und wurde in der 73. Minute für Lukebakio ausgewechselt, aber dennoch lässt sich erneut von einer herausragenden Vorstellung sprechen. Dilrosun hat aktuell einen unschätzbaren Wert für die Mannschaft.

Vedad Ibisevic – Plopp!

Ewig wollte der Knoten bei Torjäger Ibisevic nicht platzen, doch gegen Köln war es endlich soweit – der erlösende Knall war bis in die Hauptstadt zu hören. Mit seinen beiden Treffern binnen weniger Minuten machte Herthas eigentlicher Kapitän alles klar am Sonntagabend.

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“Natürlich ist es nicht alltäglich, dass man direkt nach einer Einwechslung gleich direkt trifft. Ich bin aber immer heiß darauf, Tore zu schießen, mache die Wege – und manchmal hat man dann auch das Glück, dass die Bälle so gut kommen, wie es dieses Mal der Fall war”, zeigte sich der 35-Jährige nach dem Spiel deutlich erleichtert, dass seine Torlos-Serie endlich gerissen ist. Gerade einmal 43 Sekunden nach seiner Einwechslung in der 58. Minute knipste der “Vedator” das erste Mal – mit einer mustergültigen Stürmerbewegung verschaffte er sich genügend Platz, um das Zuspiel Klünters eiskalt einzuschieben. Doch der Routiniert hatte noch nicht genug, vier Minuten später schnürte er sogar den Doppelpack. Bei Daridas Hereingabe lauerte Ibisevic in bekannter Stürmermanier, hatte genau das Timing, das ihm zuletzt gefehlt hatte und netzte schlitzohrig zum 3:0 ein. Er schien Köln im Alleingang den Stecker gezogen zu haben.

Mit seinen zwei ersten Bundesliga-Toren der laufenden Spielzeit ist Ibisevic nun auf Platz 29 der Ewigen Bundesliga-Torjägerliste gezogen. Mit nun 122 Bundesliga-Toren hat er Miroslav Klose, Lothar Matthäus und Herbert Laumann überholt. “Das ist natürlich schön für mich, aber viel wichtiger für die Mannschaft. Wir haben uns in den letzten Spielen schwergetan. Eine junge Mannschaft wie unsere steckt so etwas nicht so leicht weg – das hat man gespürt. Die vergangenen Spiele haben gutgetan und können uns wieder auf den richtigen Weg bringen”, erklärte er danach in unaufgeregter Kapitänsmanier. Eins steht fest: Ibisevic ist zurück.