Endlich wieder Samba

Endlich wieder Samba

Ich prophezeie: die vergangene Woche wird nicht wegen des unwürdigen Abgangs von Jürgen Klinsmann in Erinnerung bleiben, sondern weil am Mittwoch Matheus Cunha endlich in Berlin landete und drei Tage später sofort in die Startelf gegen den SC Paderborn rückte. Der Brasilianer belebte sofort das Spiel der Herthaner und erzwang mit einem artistischen Hackenschuss den 2:1 Siegtreffer für die Berliner. Dazwischen sprintete er den Platz auf und ab, grätsche Gegner am eigenen Strafraum ab und sorgte mit einigen härteren Fouls für Aufregung. Endlich ist wieder Samba im Berliner Spiel.

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Ich bin zu einer Zeit mit Hertha sozialisiert worden, als noch Alex Alves der Rekordtransfer für Hertha BSC war. Eine meiner frühesten bewussten Erinnerungen an ein Herthaspiel im Olympiastadion ist sein legendäres Anstoßtor gegen den 1. FC Köln im September 2000 (Oh Gott, ist das wirklich schon so lange her?). Der Brasilianer Alves war das Versprechen auf eine glorreiche Zukunft für Hertha (Geschichte wiederholt sich anscheinend doch) und er löste dieses Versprechen ein: 35 Tore und 19 Vorlagen in insgesamt 108 Spielen für die Blau-Weißen. Er sorgte dafür, dass dem Spiel von Hertha immer etwas verrücktes, etwas unberechenbares innewohnte – im guten wie im schlechten Sinne. Hertha BSC wurde wegen Alex Alves wahrgenommen. Mit ihm öffnete sich für Hertha BSC die Tür zur schillernden Fußballkultur Brasiliens.

Dann kam 2001 Marcelinho dazu. Mit ihm erhielt das Mittelfeld von Hertha einen brasilianischen Herzschlag – quasi Samba auf dem Platz. Sein Spiel war so vielseitig und kreativ wie die Farbe und Formen seiner Frisur. Man konnte bei jedem seiner Schritte, Pässe und Torschüsse seine Liebe zum Fußballspielen sehen und fühlen. Er machte Dinge mit dem Ball, die niemand anderes konnte oder sich traute. Marcelinho hob Hertha BSC auf ein höheres Niveau, mit ihm schlossen die Berliner die Spielzeiten zweimal auf Platz 4, einmal Platz 5 und einmal Platz 6 ab. Insgesamt erzielte er für Hertha BSC in 193 Spielen unglaubliche 79 Tore und 60 Torvorlagen.

Duda, Grujic und co. reichten nicht

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Der nächste prägende Brasilianer in Berlin war dann Raffael (dazwischen gab es natürlich noch Gilberto und Mineiro – auch sie waren große Spieler). Raffael war die etwas seriösere, strategischere Version eines Brasilianers – gleichzeitig hatte er aber auch das spielerisch Leichte. Auch er dominierte das Offensivspiel der Herthaner über Jahre hinweg mit seinen 39 Toren und 31 Vorlagen in insgesamt 163 Spielen. Das Raffael mittlerweile noch bessere Zahlen im Trikot der Gladbacher (198 Spiele, 71 Tor und 35 Vorlagen) auflegt, bricht mir übrigens ein wenig das Herz. Der notwendige Verkauf von Raffael im Jahr 2012 war die eigentliche Tragödie des Abstiegs in der Saison 2011/12. Hätte er bei Hertha bleiben können, er wäre heute wahrscheinlich eine Berliner Legende und die Goldelse längst durch eine Statue von ihm ersetzt worden.

Selbst Ronny, Raffaels kleinerer und kräftigerer Bruder, hat für Zauber und Magie bei Hertha gesorgt. Er war der Lichtblick in der trostlosen Zweitliga-Saison 2012/13, in der er mit 18 Toren und 14 Vorlagen (darunter fünf direkt verwandelte Freistöße) quasi im Alleingang den sofortigen Wiederaufstieg und damit das Überleben von Hertha BSC sicherte. Auch Ronny war für mich die Garantie, dass jederzeit etwas magisches auf dem Platz passieren kann. Ein Pass, den nur Brasilianer aus dem Fußgelenk zaubern können. Ein Fernschuss aus scheinbar unmöglicher Position, der dann doch seinen Weg in das Tor fand. Ein ruhender Ball, der durch Ronny auch immer eine berechtigte Hoffnung auf ein Tor bedeutete.

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Und dann kam eine lange Durststrecke. Dem Berliner Spiel fehlte über Jahre hinweg dieses gewisse “Etwas”, das spielerisch Besondere. Niemand außer uns Herthafans schaute gerne unsere Spiele. Zu grau, zu unkreativ, zu langweilig, zu eintönig im Offensivspiel. Am ehesten hatte man zuletzt dieses Besondere von Duda erwartet (der Name klang schonmal etwas brasilianisch). Doch Duda konnte diese Hoffnungen nicht erfüllen, weil er zu oft an sich und/oder dem Trainer Pal Dardai und dessen Spielidee scheiterte. Auch Grujic war auch so ein Versprechen. Der Serbe konnte lediglich eine dreviertel Saison lang beweisen, dass er potentiell “der beste Mittelfeldspieler” seit Marcelinho sein könnte.

Cunhas spektakuläres Debüt in Paderborn

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Jetzt aber Cunha – der bereits 16. Brasilianer in Blau-Weiß. Er war in seinem ersten Spiel für Hertha an fast allen gefährlichen Szenen gegen Paderborn beteiligt, überzeugte durch Technik und Spielwitz. Ich hatte sofort das Gefühl, dass das Spiel der Hertha wieder das besondere “Etwas” hatte. Sowohl im positiven als auch im negativen Sinne. Ganz vielleicht hat sich Hertha BSC im Winter 2020 ein kongeniales Stürmerduo zusammengekauft. Hier der seriöse Torjäger Krzysztof Piatek (dessen Vorbild Robert Lewandowski ist) und da der dynamische, verspielte Cunha, der Leidenschaft und etwas Verrücktes reinbringt. Wir erinnern uns daran, dass er in einer Szene lieber den lässigen Lupfer als den trockenen Torschuss versucht. Nur ein Brasilianer ist wohl physisch in der Lage mit der Hacke so einen Torschuss zu platzierten, der dann die 2:1 Führung für die Berliner bedeutete.

Ich bin jedenfalls begeistert. Cunha lässt mich an Alves, Marcelinho und Raffael zurückdenken und gibt mir Hoffnung für zukünftig mehr Kreativität im Berliner Offensivspiel. Endlich wieder Samba auf dem Feld. Das ist doch, in den aktuell so turbulenten Zeiten für Hertha, schonmal ein Anfang. Zwar gab es in Herthas Vergangenheit auch weniger erfolgreiche Transfers aus Brasilien wie etwa einen Andre Lima oder Kaka, aber Cunha hat bereits in 90 Minuten bewiesen, dass er wohl endlich wieder ein Positivbeispiel sein kann.

Mentalitätsfragen

Mentalitätsfragen

Für den jüngsten Höhenflug von Hertha BSC (drei Spiele – drei Siege) gibt es diverse Erklärungsansätze. Trainer Ante Covic hat seine Taktik angepasst, seine Einwechslungen fruchten endlich (Köln! Ibisevic! Ein Traum!), Spiel- und Schiriglück (u.a. Skjelbreds Handspiel im Berliner Strafraum gegen Düsseldorf) und mit Javairo Dilrosun hat die Mannschaft endlich einen Unterschiedspieler, der sie auf ein anderes Niveau hebt.

Dilrosun – Garant für die jüngsten Erfolge. (Foto: Thomas F. Starke/Bongarts/Getty Images)

Doch noch eine Sache hat sich verändert. Etwas, was man nur schwer fassen und noch schwerer erklären kann. Ein Begriff, der nur allzu gerne rausgeholt wird, wenn es mal nicht so läuft. Etwas was oft nur dann thematisiert wird, wenn angeblich zu wenig davon da ist. Auch ich meide diesen Begriff eigentlich konsequent. So war – meiner Meinung nach – die schwache Rückrunde unter Pal Dardai nicht in erster Linie auf die angeblich mangelnde Mentalität der Mannschaft zurückzuführen, sondern auf ein strukturelles Problem, welches viel mit Dardai als Trainer und seiner Taktik sowie verletzten bzw. formschwachen Spielern zu tun hatte.

Jetzt ist es raus: in dieser Kolumne soll es um Mentalität gehen. Doch was soll das eigentlich sein, diese “Mentalität”?

Men­ta­li­tät, die (Substantiv, feminin)

Geistes- und Gemütsart; besondere Art des Denkens und Fühlens.

Mentalität ist eine bestimmte Geisteshaltung gegenüber den Widrigkeiten im Leben im allgemeinen und auf dem Fußballplatz im speziellen. Und hier hat sich bei Hertha in den vergangenen Wochen merklich etwas geändert.

Paderborn und Düsseldorf sind auch Siege des Willens

Das Spiel gegen Paderborn war spielerisch eine Bankrotterklärung – dass Covics Mannschaft in diesem entscheidenden Spiel jedoch nach dem Anschlusstreffer die Nerven behielt und nicht noch den Ausgleich kassierte, ist ihr hoch anzurechnen. Der Sieg in Köln bewies, dass die fußballerischen Ansätze aus der Vorbereitung auch in der Bundesliga funktionieren, dass mutiger Fußball sich lohnt. Und im Heimspiel gegen Düsseldorf ließ sich das Team nicht vom Führungstreffer der Gäste beeindrucken, sondern spielte konsequent weiter nach vorne und sicherte sich so den zweiten Heimsieg der Saison. Die Mannschaft hat gelernt, dass sie gemeinsam (mit diesem Trainer) etwas bewegen kann. Dass sie Widrigkeiten (schlechter bzw. unglücklicher Saisonstart; Gegentore etc.) überwinden und Erfolg haben kann.

Das Team hat endlich eine gefestigte Achse

In meinen Augen die Gründe für diese bemerkenswerten Leistungen in der aktuellen Zusammenstellung der Mannschaft. Covic hat endlich eine gute Mischung gefunden, in der Spieler wie Jarstein, Boyata, Skjelbred, Darida, Wolf aber auch Ibisevic und Selke im mentalen Bereich beispielhaft vorangehen. Sie stützen somit das Team und ermöglichen, dass Javairo Dilrosun mit seiner leichtfüßigen Spielweise glänzen kann. Ebenso kann Mittelfeldstratege Marko Grujic zwischen den Kämpfern und Dauerläufern Skjelbred und Darida sich darauf konzentrieren, die so wichtige Verbindung zwischen Abwehr und Angriff zu sein. Er kann die Verantwortung für das Spiel ruhigen Gewissens an seine offensiveren Mitspieler im Mittelfeld abgeben. Mit der späten Leihe von Marius Wolf konnte Manager Michael Preetz noch einen echten Mentalitätsspieler nach Berlin locken, der seit vier Spielen ein wichtiger Bestandteil des Teams ist, weil er sichtlich vorangeht.

Mentalitätsspieler Marius Wolf (Foto: Maja Hitij/Bongarts/Getty Images)

Halt für die jungen Spieler

Die jüngsten Siege und die Achse mit mental starken Spieler ermöglicht es, dass die jüngeren Spieler Sicherheit und damit an Stärke gewinnen. Bestes Beispiel ist hierfür Niklas Stark. Der Vizekapitän hat nach seinem schlechten Saisonstart (unter anderem ein Eigentor auf Schalke) neben dem erfahrenen Abwehrrecken Dedryck Boyata zu alter Stärke zurückgefunden und ist nun wieder einer der Leistungsträger im Team. Wenn die Mannschaft sich auch in Zukunft mental so gefestigt zeigt und an sich glaubt, wird es beispielsweise auch einem Ondrej Duda leichter fallen, zur Form der vergangenen Saison zurückfinden oder einem Selke dabei helfen, endlich seine Tore zu schießen.

Foto: Maja Hitij/Bongarts/Getty Images

Der verkorkste Saisonstart und die aktuellen Erfahrungen können der Grundstein dafür sein, dass Trainer und Mannschaft den Glauben an sich selbst und an ihre Fähigkeiten gefunden haben. Sie haben gelernt, dass es sich lohnt, den Widrigkeiten entgegen zu treten und damit in einer krassen Drucksituation Erfolge erzielt. “Es ist nämlich ein immer wiederkehrendes Charakteristikum dieser Mannschaft, sich großen Widerständen gegenüber zu ergeben, anstatt gegen sie anzukämpfen. Das erlebte man vor allem in der leblosen Rückrunde der vergangenen Spielzeit und auch im letzten Heimspiel gegen RB Leipzig, das mit dem Treffer zum 0:2 beendet war. Kein Aufbäumen, keine “jetzt erst recht”-Attitüde lässt sich erkennen”, schrieben wir nach dem letzten Hinrunden-Aufeinandertreffen mit Fortuna Düsseldorf (12. Spieltag), welches mit 1:4 verloren ging. Trainer Pal Dardai sagte damals: “Die Mannschaft aus diesem Loch, körperlich oder mental, herauszuführen, das ist das Wichtigste” – Nachfolger Covic scheint dieser Aufgabe bereits gerecht geworden zu sein.

Für meinen Teil kann ich mit ruhigem Gewissen sagen: Hertha BSC in der Saison 2019/20 besitzt Mentalität.

Keep calm and carry on

Keep calm and carry on

Acht Gegentore. Zwei Niederlagen gegen Gegner auf vermeintlicher Augenhöhe. Nach drei insgesamt eher enttäuschenden Spieltagen werden die ersten Hertha-Fans nervös. Erste Zweifel am neuen Trainer Ante Covic werden formuliert, die Notwendigkeit des Trainerwechsels allgemein in Frage gestellt und mit Wehmut an die vermeintlich gute Zeit mit Pal Dardai gedacht.

Geduld und Ruhe sind jedoch die Tugenden der Stunde! Ja, es war nicht alles Gold in den vergangenen beiden Spielen, sondern eher (besonders in der Defensive) billiges Blech. Trotzdem sollte nicht zu früh der Stab über Ante Covic gebrochen werden. Dafür sprechen meiner Meinung nach mehrere Gründe.

Der Misserfolg hat viele (unglückliche) Gründe

Die sportliche Misere ist nicht allein auf strukturelle beziehungsweise taktische Gründe zurückzuführen, sondern beruht auch auf einer ganzen Menge individuelles Pech oder Unvermögen (je nachdem wie man es sehen möchte). Ohne die beiden unnötigen Eigentore von Karim Rekik und Niklas Stark hätte Schalke 04 wohl kein Tor in diesem Spiel geschossen. Auch das unsinnige Foul von Marko Grujic an Robert Lewandowski und der anschließende Elfmeter im Spiel gegen die Bayern wird in dieser Form wohl nie wieder passieren. Gegen Wolfsburg gerät Hertha dumm (Rekiks “Sprungtackle” führt zum Elfmeter) in Rückstand, drückt anschließend auf den Ausgleich und läuft schlussendlich in die Konter. That’s football.

Covic ist flexibel und lernfähig

Foto: Christian Kaspar-Bartke/Bongarts/Getty Images

Ante Covic ist lernfähig und bereit, seinen und den Weg der Mannschaft an die aktuellen Probleme und Herausforderungen anzupassen. Als Zwischenbilanz nach den ersten drei Spielen erkannte und kommunizierte er die noch vorhandenen Unzulänglichkeit der Mannschaft: „Nach acht Gegentoren wäre es naiv, nicht an der Balance zu arbeiten – wir müssen als Verbund besser stehen.” Fehler zu erkennen und sie dann abzustellen sollte eigentlich eine selbstverständliche Grundtugend sein. Doch es gibt auch die krassen Gegenbeispiele wie beispielsweise im Jahr 2015, als VfB-Trainer Alexander Zorniger seinen Kamikaze-Spielstil bis zum bitteren Ende (seiner Entlassung) voll durchzog und trotz sportlichen Misserfolgen von seiner Philosophie nicht abrückte.

Für solch ein Verhalten gibt es aber auch in der jüngsten Hertha-Vergangenheit ein Beispiel: Pal Dardai. Nach den desolaten Spielen gegen Leipzig und Düsseldorf zeigte sich der Ungarn trotzig und realitätsfern. So sagte er beispielsweise nach der Heimpleite gegen Düsseldorf: „Es gibt keine Krise, das ist Hertha BSC … Wenn ich schaue auf gelaufene Kilometer, den Ballbesitz, gewonnene Zweikämpfe, Torschüsse, war das für Hertha-Verhältnisse ein sehr gutes Spiel. Dieses mal haben wir verloren.“ Solche Töne hat man von Ante Covic bislang noch nicht vernommen.

Covic hat noch genügend Patronen im Gürtel

Ante Covic ist zwar ein Neuling im Profitrainerbereich, hat aber als Jugendtrainer und Profispieler das Geschäft zu genüge kennengelernt. Ihm stehen noch ausreichend taktische, personelle und psychologische Kniffe zur Verfügung, mit denen er das Ruder rumreißen kann. Der Mannschaft fehlt es sichtbar an Mentalität? Dauerkämpfer- und renner Per Skjelbred sowie der wuchtige Marius Wolf sind jederzeit bereit. Niklas Stark und Karim Rekik stehen auf dem Platz weiter neben sich? Jordan Torunarigha und der wiedergenesene Dedryck Boyata sind bereit und heiß. Wenn Arne Maier zurückkehrt, hat Covic noch eine weitere wichtige Option, um das derzeit wackelige Mittelfeld zu stabilisieren. Covic will gegenüber dem Team ein Zeichen setzen? Ein neuen Kapitän zu benennen kann manchmal Wunder bewirken. Vedad Ibisevic weiß das am Besten. Der neue offensivere Ansatz funktioniert (noch) nicht? Die Rückkehr zum altbewährten 4-2-3-1 oder zur Fünferkette aus der vergangenen Saison sollten der Mannschaft nicht schwer fallen. Covic ist derzeit noch nett und stellt sich vor die Mannschaft, aber er wird auch sicherlich andere Saiten aufziehen können.

Dardai ist keine Alternative

Foto: Matthias Hangst/Bongarts/Getty Images

Ja, Pal Dardai hatte einen erholsamen Urlaub und möchte wieder – nicht morgen aber irgendwann – als Trainer arbeiten. Da liegt bei einigen der Gedanke nah, bei weiteren Misserfolgen Covic durch Dardai zu ersetzen. Quasi einmal “Zurück auf Los”. Doch das wird nicht passieren. Michael Preetz wird Covic nicht durch Dardai ersetzen – zu offensichtlich wäre damit das Eingeständnis eines Fehlers. Des Weiteren wäre Pal Dardai in der Saison 2019/20 nicht der Dardai, den wir alle kennen und schätzen gelernt haben. Rainer Widmayer, taktisches Pendant und Co-Trainer von Dardai, arbeitet mittlerweile in Stuttgart. Man wüsste also nicht, ob man “nur” den Motivations- und Mentalitäts-Pal zurückbekäme oder auch einen Trainer, der die Mannschaft mit taktischen Kniffen zu Siegen führt.

Auch wüsste man nicht, ob Dardai mit den Neuverpflichtungen wie Lukebakio, Löwen, Redan, Wolf und Boyata etwas anzufangen wüsste. Der Sinn dieser teilweise sehr teuren Investitionen stünde in Frage, denn jeder Hertha-Fan weiß zu genüge, was mit Spielern passiert, mit denen Dardai nichts anfangen kann. An dieser Stelle gehen Grüße raus Valentin Stocker in Basel und Sandro Wagner in Tianjin. Nicht zuletzt die Worte von Dardai selbst schließen eine Rückkehr als Hertha-Chefcoach aus. “Das war eine schöne Zeit bei Hertha, aber sicherlich war ich zum Schluss auch ein bisschen müde“, sagte der Ungar dem Tagesspiegel.

Keep calm and carry on

Es war klar, dass nach über vier Jahren Dardai-Ära der Umbruch nicht von heute auf morgen passieren würde. Deswegen plädiere ich dafür, Covic auch entsprechend Zeit einzuräumen, damit er mit der Mannschaft und dem Verein den erwünschten nächsten Schritt schaffen kann. Noch ist Hertha nicht verloren. Ante Covic ist ein junger Trainer mit großen Ideen und er verdient Unterstützung, aber vor allem Vertrauen – auch bei einer erneuten Niederlage, einem wackeligen Remis oder einem erstolperten Sieg gegen Mainz. Danach kommen weitere Spiele gegen schlagbare Gegner. Das Leben und der Spielplan gehen weiter und die Saison ist lang. Also ich bleibe ganz ruhig und entspannt.

Kann Michael Preetz (Co-)Trainer auswählen?

Kann Michael Preetz (Co-)Trainer auswählen?

Hertha BSC erlebt derzeit turbulente Zeiten – nicht nur wegen den Querelen, ob und wo das neue Stadion hinkommen soll. Auch bei der sportlichen Leitung stehen Umbrüche an, denn Co-Trainer Widmayer wird gehen. Auch diese Herausforderung muss Michael Preetz bewältigen.

Bereits länger offiziell: Co-Trainer Rainer Widmayer wird Hertha BSC zum Saisonende verlassen und zu seinem Heimatverein VfB Stuttgart wechseln. Sicherlich ist der Abgang von Widmayer mit seinen Fähigkeiten im taktischen Bereich ein Verlust. Er kann jedoch auch eine Chance für die Berliner sein. Hier muss Manager Michael Preetz einen geeigneten Nachfolger finden, der dem Trainerteam und damit der Mannschaft neue Impulse gibt und so die Entwicklung vorantreibt. Doch kann Michael Preetz Co-Trainer aussuchen?

Die derzeitige sportliche Situation ist enttäuschend

Nach der 5:0 Klatsche gegen Leipzig herrscht bei Hertha BSC große Ernüchterung. Das (heimliche) Ziel Europa ist in fast unerreichbare Weite gerückt und auch der aktuelle Trend (nur ein Sieg aus den letzten fünf Spielen) enttäuscht. Das Saisonziel “einstelliger Tabellenplatz” ist nur noch mit viel Mühe und Anstrengung zu erreichen. Die Wahrscheinlichkeit, dass die Berliner einstellig abschließen, liegt zusammengerechnet bei 13%.

Tabelle von Goalimpact

In Reaktion auf die desaströse Niederlage gegen Leipzig hat Manager Michael Preetz an der Mannschaft Kritik geübt, aber auch gegenüber Pal Dardai die Zügel angezogen. Gegenüber dem Kicker sagte er:

Den vom Coach gern geäußerten Verweis auf die Zukunft (“Wenn die Mannschaft zusammenbleibt, kann etwas entstehen.”) kontert Preetz: “Im Moment ist die Mannschaft zusammen. Da darf gern jetzt mehr kommen.” 

Bereits in der Winterpause – in Reaktion auf eine desolate Leistung in Leverkusen (1:3) – hat Preetz Dardai angezählt und ein besseres Abschneiden in der Rückrunde als in den vergangenen Jahren gefordert:

Den Namen Pal Dardai nannte der Manager nicht. Aber der Trainer sollte sich ebenfalls angesprochen fühlen. Für Einstellung und Fokussierung zu sorgen, ist elementarer Teil des Trainer-Handwerks. Das Verletzungspech, das Hertha zweifellos geplagt hat, lässt Preetz nur zum Teil gelten. […] Dann nimmt Preetz sowohl den Trainer als auch die Mannschaft in die Pflicht: „Wir sollten auch mal den Beweis antreten, dass wir in der Lage sind, eine bessere Rückrunde als Hinrunde zu spielen.“ Hintergrund: Hertha hat unter Pal Dardai in allen drei ­Saisons auf eine gute Hin- eine ­schwächere Rückserie ­folgen lassen.

Nicht nur neuer Co- sonder auch neuer Cheftrainer?

Bislang konnte der Trainer und die Mannschaft in der Rückrunde nicht vollends überzeugen. Es ist auch mehr als fraglich, ob in den verbleibenden Spielen, in denen es für die Herthaner um nichts mehr geht, noch die große Trendwende geschafft wird. So ist überaus wahrscheinlich, dass Hertha BSC sportlich enttäuscht die Saison 2018/19 abschließen wird.

Der Super-GAU wäre jedoch, wenn die Mannschaft die verbleibenden sieben Spiele komplett abschenken würde. Sicherlich bieten sich die restlichen Partien dafür an, jungen Spielern Einsatzzeiten zu geben, aber darunter darf nicht der sportliche Erfolg leiden. Unter anderem geht es noch gegen Düsseldorf, Hannover, Stuttgart und Augsburg – Gegner bei denen Hertha BSC den Anspruch haben muss, zu gewinnen. Schafft es Dardai nicht, die Saison ordentlich und gesichtswahrend zu Ende zu bringen, könnte auch er – trotz Vertragsverlängerung im Dezember 2019 – in Frage gestellt werden.

In der Bundesliga kann immer alles passieren

Es gibt also die (aktuell sehr unwahrscheinliche) Möglichkeit, dass Michael Preetz am Ende der Saison nicht nur einen neuen Co-Trainer, sondern unter Umständen auch einen neuen Cheftrainer suchen muss. Das in der Bundesliga die komischsten Sachen passieren können, sieht man derzeit sehr gut bei Borussia Mönchengladbach, wo Dieter Hecking zum Saisonende gehen muss. Bevor aber voreilig ein Trainerwechsel auch bei Hertha BSC gefordert wird, sollte man sich anschauen, wie gut Michael Preetz überhaupt im Bereich “Trainerauswahl” ist.

Bislang hat Preetz neun Trainer eingestellt. Davon waren drei (Karsten Heine, Rainer Widmayer und René Tretschok) nur interimsweise eingesetzt. Sechs Cheftrainer hat Preetz bislang berufen und seine Erfolgsquote dabei kann durchaus als durchwachsen bezeichnet werden.

Funkel – unangefochten in den Abstieg

Nachdem Lucien Favre im September 2009 überraschend sich selbst entließ, holte Preetz Friedhelm Funkel, um die arg abstiegsgefährdeten Berliner zu retten. Funkel war insgesamt 270 Tage im Amt, hat die Berliner 33 Spielen (Liga und Europa League) betreut und dabei in der Bundesliga im Schnitt 0,94 Punkte pro Spiel geholt. Trotz sportlicher Talfahrt konnte Preetz sich nicht zu einem erneuten Trainerwechsel durchringen und hielt an Funkel fest. Konsequenz war dann der Abstieg als Tabellenletzter.

Funkel konnte den Abstieg nicht verhindern (Foto: Matthias Kern/Bongarts/Getty Images)

Babbel – sportlich erfolgreich, privat fraglich

Um einen Neustart in der 2. Bundesliga zu garantieren, wurde dann zur neuen Saison Markus Babbel geholt. Der damals noch junge Trainer war zuvor nur beim VfB Stuttgart als Co- und dann Cheftrainer tätig. Preetz ist mit dieser Personalie durchaus ins Risiko gegangen. Dies hatte sich jedoch gelohnt, da Babbel Aufbruchstimmung verbreitete und mit der Mannschaft den sofortigen Wiederaufstieg schaffte. Die Zusammenarbeit endete jedoch abrupt im Dezember 2011, kurz vor einer eigentlich schon sicheren Vertragsverlängerung. In Reaktion auf den Vorwurf der Lüge entließt Preetz den Trainer kurzerhand. Trotz eines wohl bewegten Privatlebens war Babbel mit den Berlinern sportlich durchaus erfolgreich. Zum Zeitpunkt seiner Entlassung stand Hertha BSC als Aufsteiger auf einem soliden 11. Tabellenplatz mit vier Punkten Vorsprung auf den Relegationsplatz. Insgesamt erzielte Babbel in seiner Amtszeit einen Punkteschnitt von 1,87.

Schaffte den direkten Wiederaufstieg: Markus Babbel (Foto: Alexander Hassenstein/Bongarts/Getty Images)

Skibbe – kurz und schmerzvoll

Als Nachfolger von Babbel holte Preetz dann in der Winterpause “im Alleingang” Michael Skibbe. Preetz zahlte für Skibbe sogar eine Ablöse in Höhe von 250 000 Euro an den türkischen Klub Eskisehirspor. Der Gelsenkirchener konnte bis dahin eine solide Trainerkarriere ohne große Erfolge (Vize-Weltmeister 2002 als Co-Trainer und Türkischer Supercupsieger 2008 mit Galatasaray Istanbul) vorweisen. Als Vereinstrainer war er unter anderem bei Bayer Leverkusen und Eintracht Frankfurt tätig, wurde dort jedoch jeweils entlassen.

Michael Skibbe war bereits nach sechs Woche nicht mehr Trainer bei Hertha BSC (Foto: Alexander Hassenstein/Bongarts/Getty Images)

Die Zeit bei Hertha BSC endete für Michael Skibbe bereits im Februar nach nur fünf Spielen. In vier Liga- und einem Pokalspiel kassierten die Berliner unter Skibbe nur Niederlagen. Preetz hatte hier aus der Abstiegssaison 2009/10 und dem zu langem Festhalten an Friedhelm Funkel gelernt und im Winter 2012 umso früher die Reißleine gezogen. Doch obwohl Preetz schnell handelte, kam damals Kritik am Manager auf. Ihm wurde vorgeworfen, dass er weder “Kenntnis der Branche noch [eine] stringente Strategie” habe.

Rehhagel – betreutes Absteigen

Um die Saison zu retten und das Minimal Klassenerhalt zu erreichen, wurde Trainer-Legende Otto Rehhagel (damals 73 Jahre alt) reaktiviert. Zu diesem Zeitpunkt war “König Otto” bereits zwei Jahre im Ruhestand und hatte seit zwölf Jahren keine Vereinsmannschaft mehr trainiert. Von 2001 bis 2010 hatte er die griechische Nationalmannschaft trainiert und dabei im Jahr 2004 wohl eines der größten Fußballwunder vollbracht: den Gewinn der Europameisterschaft mit Griechenland.

War in Berlin kein König mehr: Otto Rehagel (Foto: PATRIK STOLLARZ/AFP/GettyImages)

Mit Hertha BSC gelang Rehhagel – unterstützt vom Co-Trainergespann René Tretschok und Ante Covic – jedoch kein erneutes Fußballwunder. Die Saison endete im größten Schockerlebnis der jüngeren Hertha-Geschichte: der Abstieg in der Relegation gegen Fortuna Düsseldorf. Rehhagel holte in 14 Spielen nur drei Siege, drei Unentschieden und kassierte 8 Niederlagen (Punkteschnitt 0,86).

Luhukay – sicher und einfach

Nach dem Abstieg brauchte Hertha BSC dann wieder einen neuen Trainer. Diesen fand Preetz in Person von Jos Luhukay. Der Niederländer hatte zuvor in Augsburg seinen Vertrag gekündigt. Mit Luhukay konnte Preetz die lang ersehnte Kontinuität auf der Trainerposition herstellen – insgesamt 949 Tage war er bei Hertha BSC im Traineramt. Jos Luhukay hatte zuvor bereits mit Borussia Mönchengladbach und dem FC Augsburg den Aufstieg in Liga 1 geschafft. Dies gelang ihm auch in Berlin.

Vor Dardai war Jos Luhukay der Trainer mit der längsten Amtszeit unter Preetz (Foto: Alex Grimm/Bongarts/Getty Images)

Auch in seiner ersten Bundesligasaison konnte Luhukay überzeugen. Er führte die Berliner mit einfachen taktischen Mitteln und einem Punkteschnitt von 1,21 pro Spiel auf einen soliden 11. Tabellenplatz am Ende der Saison. In seiner dritten Saison mit Hertha ging es sportlich allerdings bergab. Luhukays erfolgreicher Ansatz war mittlerweile von den Ligakonkurrenten entschlüsselt. Er konnte der Mannschaft auch im Wintertrainingslager 2015 keine neuen Impulse mehr geben. Luhukay holte in dieser Saison nur noch 0,95 Punkte pro Spiel. Es wurde schließlich am 19. Spieltag von Preetz entlassen, als Hertha auf einen direkten Abstiegsplatz abgerutscht war und in den ersten beiden Rückrundenspielen keinerlei spielerische Entwicklung deutlich wurde.

Dardai – von der Interims- zur Dauerlösung

Als kurzfristigen Ersatz nahm Michael Preetz dann den damaligen U15-Nachwuchstrainer Pal Dardai in die Pflicht. Dardai sollte die verunsicherte Mannschaft übernehmen und stabilisieren. Die Wahl von Vereinslegende und Rekordspieler Dardai war für Preetz durchaus riskant. Der junge Trainer hatte noch nicht einmal sein Trainerdiplom, weswegen ihm der erfahrene Rainer Widmayer an die Seite gestellt wurde. Ebenso war der Ungar auch noch nebenbei als Nationaltrainer seines Heimatlandes beschäftigt. Doch Dardai lieferte ab und verhinderte hauchdünn den Abstieg. Insgesamt schaffte er es, den schlingernden Verein in der Bundesliga fest zu verankern und mit geringen finanziellen Mitteln eine junge Mannschaft mit vielen Talenten und Eigengewächsen zu formen. Dardai baute kontinuierlich den Kader um, indem er Spielern, die er nicht mehr brauchte, rigoros den Abschied nahe legte. Seit Amtsantritt kommt Dardai in der Liga auf einen Schnitt von 1,39 Punkte pro Spiel. Nach Helmut Kronsbein und Jürgen Röber ist Dardai der Trainer mit der drittlängsten Amtszeit.

Seit 2015 sagt Dardai bei Hertha BSC wo es lang geht (Foto: Boris Streubel/Bongarts/Getty Images)

Dardai war für Preetz ein Glücksfall, denn der Erfolg des Duos Dardai/Widmayer war nicht vorhersehbar. Mit dem Ungarn herrscht seit vier Jahren Kontinuität auf der Trainerposition. Dabei ist der Trainer Dardai nicht mehr der gleiche wie 2015. Er hat es immer wieder durch seine Lern- und Wandlungsfähigkeit geschafft, sich weiterzuentwickeln. Dadurch konnte er auch immer wieder dem Team neue Impulse geben. So spielt Hertha BSC seit dieser Saison öfters mit Dreierkette und zeigt sich taktisch variabler, als in den vergangenen Spielzeiten. Sollte Dardai irgendwann an das Ende seiner Entwicklung als Trainer gelangen und deswegen dem Team keine neuen Impulse mehr geben können, droht der Stillstand. Und Stillstand ist im umkämpften Geschäft der Bundesliga quasi mit Rückschritt und Misserfolg gleichzusetzen.

Die Trainerbilanz von Preetz ist ausbaufähig

Sollte Preetz zu der Einschätzung kommen, dass Dardai am Ende seiner Entwicklung ist oder die aktuelle Saison in einem Desaster enden oder Dardai von selbst das Traineramt aufgeben, dann müsste ein neues Trainergespann gefunden werden. Die Suche wäre vornehmlich die Aufgabe von Preetz. Der Manager hat in solchen Situationen bislang ganz unterschiedliche Lösungen gefunden. Dabei ist seine Erfolgsbilanz eher gemischt. Zwei Mal konnte Preetz mit seinen Trainerentscheidungen nicht den Abstieg verhindern. Dafür hat er den direkten Wiederaufstieg mit zwei klugen (und teilweise mutigen) Besetzungen gesichert.

Preetz musste – oder durfte – bislang noch nie einen Trainer verpflichten, der in der ersten Liga den nächsten Entwicklungsschritt in einer weitgehend gefestigten Mannschaft vollziehen soll. Bislang hat er nur in Krisensituationen Trainer verpflichtet oder wenn es um den Neustart in der zweiten Bundesliga ging.

Kein gutes Auge für Trainer? (Foto: Matthias Kern/Bongarts/Getty Images)

Bei den Trainer-Entscheidungen gab es immer wieder Kritik, dass es Preetz an “Kenntnis der Branche [und einer] stringenten Strategie” mangelt. Inwieweit dies 2019 immer noch zutrifft, ist fraglich. Allen Trainerentscheidungen ist jedoch gemein, dass sie nicht im Lichte einer von der sportlichen Führung vorgegebenen Ausrichtung oder Spielidee getragen wurden. Alle Trainer konnte ihre eigenen Vorstellungen einbringen und bekamen auch die jeweils gewünschten Spieler. Dies wurde insbesondere unter Babbel, Luhukay und Dardai deutlich.

Vor der (Co-)Trainerfrage sollten andere Fragen beantwortet werden

Bevor also die Fragen diskutiert werden, ob Pal Dardai noch der richtige Trainer ist und wer als Nachfolger von Co-Trainer Rainer Widmayer am besten geeignet wäre, müssten zunächst auf der strategischen Ebene einige Fragen diskutiert und beantwortet werden. Welche Art von Fußball will Hertha BSC spielen? Darf es pragmatisch sein oder soll das Team offensiv-mitreißend spielen? Was ist die Anspruchshaltung des Vereins? Möchte Berlin nur Ausbildungsverein und Sprungbrett für potentielle Nationalspieler sein oder zukünftig auch mal Leistungsträger langfristig halten?