Mentalitätsfragen

Mentalitätsfragen

Für den jüngsten Höhenflug von Hertha BSC (drei Spiele – drei Siege) gibt es diverse Erklärungsansätze. Trainer Ante Covic hat seine Taktik angepasst, seine Einwechslungen fruchten endlich (Köln! Ibisevic! Ein Traum!), Spiel- und Schiriglück (u.a. Skjelbreds Handspiel im Berliner Strafraum gegen Düsseldorf) und mit Javairo Dilrosun hat die Mannschaft endlich einen Unterschiedspieler, der sie auf ein anderes Niveau hebt.

Dilrosun – Garant für die jüngsten Erfolge. (Foto: Thomas F. Starke/Bongarts/Getty Images)

Doch noch eine Sache hat sich verändert. Etwas, was man nur schwer fassen und noch schwerer erklären kann. Ein Begriff, der nur allzu gerne rausgeholt wird, wenn es mal nicht so läuft. Etwas was oft nur dann thematisiert wird, wenn angeblich zu wenig davon da ist. Auch ich meide diesen Begriff eigentlich konsequent. So war – meiner Meinung nach – die schwache Rückrunde unter Pal Dardai nicht in erster Linie auf die angeblich mangelnde Mentalität der Mannschaft zurückzuführen, sondern auf ein strukturelles Problem, welches viel mit Dardai als Trainer und seiner Taktik sowie verletzten bzw. formschwachen Spielern zu tun hatte.

Jetzt ist es raus: in dieser Kolumne soll es um Mentalität gehen. Doch was soll das eigentlich sein, diese “Mentalität”?

Men­ta­li­tät, die (Substantiv, feminin)

Geistes- und Gemütsart; besondere Art des Denkens und Fühlens.

Mentalität ist eine bestimmte Geisteshaltung gegenüber den Widrigkeiten im Leben im allgemeinen und auf dem Fußballplatz im speziellen. Und hier hat sich bei Hertha in den vergangenen Wochen merklich etwas geändert.

Paderborn und Düsseldorf sind auch Siege des Willens

Das Spiel gegen Paderborn war spielerisch eine Bankrotterklärung – dass Covics Mannschaft in diesem entscheidenden Spiel jedoch nach dem Anschlusstreffer die Nerven behielt und nicht noch den Ausgleich kassierte, ist ihr hoch anzurechnen. Der Sieg in Köln bewies, dass die fußballerischen Ansätze aus der Vorbereitung auch in der Bundesliga funktionieren, dass mutiger Fußball sich lohnt. Und im Heimspiel gegen Düsseldorf ließ sich das Team nicht vom Führungstreffer der Gäste beeindrucken, sondern spielte konsequent weiter nach vorne und sicherte sich so den zweiten Heimsieg der Saison. Die Mannschaft hat gelernt, dass sie gemeinsam (mit diesem Trainer) etwas bewegen kann. Dass sie Widrigkeiten (schlechter bzw. unglücklicher Saisonstart; Gegentore etc.) überwinden und Erfolg haben kann.

Das Team hat endlich eine gefestigte Achse

In meinen Augen die Gründe für diese bemerkenswerten Leistungen in der aktuellen Zusammenstellung der Mannschaft. Covic hat endlich eine gute Mischung gefunden, in der Spieler wie Jarstein, Boyata, Skjelbred, Darida, Wolf aber auch Ibisevic und Selke im mentalen Bereich beispielhaft vorangehen. Sie stützen somit das Team und ermöglichen, dass Javairo Dilrosun mit seiner leichtfüßigen Spielweise glänzen kann. Ebenso kann Mittelfeldstratege Marko Grujic zwischen den Kämpfern und Dauerläufern Skjelbred und Darida sich darauf konzentrieren, die so wichtige Verbindung zwischen Abwehr und Angriff zu sein. Er kann die Verantwortung für das Spiel ruhigen Gewissens an seine offensiveren Mitspieler im Mittelfeld abgeben. Mit der späten Leihe von Marius Wolf konnte Manager Michael Preetz noch einen echten Mentalitätsspieler nach Berlin locken, der seit vier Spielen ein wichtiger Bestandteil des Teams ist, weil er sichtlich vorangeht.

Mentalitätsspieler Marius Wolf (Foto: Maja Hitij/Bongarts/Getty Images)

Halt für die jungen Spieler

Die jüngsten Siege und die Achse mit mental starken Spieler ermöglicht es, dass die jüngeren Spieler Sicherheit und damit an Stärke gewinnen. Bestes Beispiel ist hierfür Niklas Stark. Der Vizekapitän hat nach seinem schlechten Saisonstart (unter anderem ein Eigentor auf Schalke) neben dem erfahrenen Abwehrrecken Dedryck Boyata zu alter Stärke zurückgefunden und ist nun wieder einer der Leistungsträger im Team. Wenn die Mannschaft sich auch in Zukunft mental so gefestigt zeigt und an sich glaubt, wird es beispielsweise auch einem Ondrej Duda leichter fallen, zur Form der vergangenen Saison zurückfinden oder einem Selke dabei helfen, endlich seine Tore zu schießen.

Foto: Maja Hitij/Bongarts/Getty Images

Der verkorkste Saisonstart und die aktuellen Erfahrungen können der Grundstein dafür sein, dass Trainer und Mannschaft den Glauben an sich selbst und an ihre Fähigkeiten gefunden haben. Sie haben gelernt, dass es sich lohnt, den Widrigkeiten entgegen zu treten und damit in einer krassen Drucksituation Erfolge erzielt. “Es ist nämlich ein immer wiederkehrendes Charakteristikum dieser Mannschaft, sich großen Widerständen gegenüber zu ergeben, anstatt gegen sie anzukämpfen. Das erlebte man vor allem in der leblosen Rückrunde der vergangenen Spielzeit und auch im letzten Heimspiel gegen RB Leipzig, das mit dem Treffer zum 0:2 beendet war. Kein Aufbäumen, keine “jetzt erst recht”-Attitüde lässt sich erkennen”, schrieben wir nach dem letzten Hinrunden-Aufeinandertreffen mit Fortuna Düsseldorf (12. Spieltag), welches mit 1:4 verloren ging. Trainer Pal Dardai sagte damals: “Die Mannschaft aus diesem Loch, körperlich oder mental, herauszuführen, das ist das Wichtigste” – Nachfolger Covic scheint dieser Aufgabe bereits gerecht geworden zu sein.

Für meinen Teil kann ich mit ruhigem Gewissen sagen: Hertha BSC in der Saison 2019/20 besitzt Mentalität.

Keep calm and carry on

Keep calm and carry on

Acht Gegentore. Zwei Niederlagen gegen Gegner auf vermeintlicher Augenhöhe. Nach drei insgesamt eher enttäuschenden Spieltagen werden die ersten Hertha-Fans nervös. Erste Zweifel am neuen Trainer Ante Covic werden formuliert, die Notwendigkeit des Trainerwechsels allgemein in Frage gestellt und mit Wehmut an die vermeintlich gute Zeit mit Pal Dardai gedacht.

Geduld und Ruhe sind jedoch die Tugenden der Stunde! Ja, es war nicht alles Gold in den vergangenen beiden Spielen, sondern eher (besonders in der Defensive) billiges Blech. Trotzdem sollte nicht zu früh der Stab über Ante Covic gebrochen werden. Dafür sprechen meiner Meinung nach mehrere Gründe.

Der Misserfolg hat viele (unglückliche) Gründe

Die sportliche Misere ist nicht allein auf strukturelle beziehungsweise taktische Gründe zurückzuführen, sondern beruht auch auf einer ganzen Menge individuelles Pech oder Unvermögen (je nachdem wie man es sehen möchte). Ohne die beiden unnötigen Eigentore von Karim Rekik und Niklas Stark hätte Schalke 04 wohl kein Tor in diesem Spiel geschossen. Auch das unsinnige Foul von Marko Grujic an Robert Lewandowski und der anschließende Elfmeter im Spiel gegen die Bayern wird in dieser Form wohl nie wieder passieren. Gegen Wolfsburg gerät Hertha dumm (Rekiks “Sprungtackle” führt zum Elfmeter) in Rückstand, drückt anschließend auf den Ausgleich und läuft schlussendlich in die Konter. That’s football.

Covic ist flexibel und lernfähig

Foto: Christian Kaspar-Bartke/Bongarts/Getty Images

Ante Covic ist lernfähig und bereit, seinen und den Weg der Mannschaft an die aktuellen Probleme und Herausforderungen anzupassen. Als Zwischenbilanz nach den ersten drei Spielen erkannte und kommunizierte er die noch vorhandenen Unzulänglichkeit der Mannschaft: „Nach acht Gegentoren wäre es naiv, nicht an der Balance zu arbeiten – wir müssen als Verbund besser stehen.” Fehler zu erkennen und sie dann abzustellen sollte eigentlich eine selbstverständliche Grundtugend sein. Doch es gibt auch die krassen Gegenbeispiele wie beispielsweise im Jahr 2015, als VfB-Trainer Alexander Zorniger seinen Kamikaze-Spielstil bis zum bitteren Ende (seiner Entlassung) voll durchzog und trotz sportlichen Misserfolgen von seiner Philosophie nicht abrückte.

Für solch ein Verhalten gibt es aber auch in der jüngsten Hertha-Vergangenheit ein Beispiel: Pal Dardai. Nach den desolaten Spielen gegen Leipzig und Düsseldorf zeigte sich der Ungarn trotzig und realitätsfern. So sagte er beispielsweise nach der Heimpleite gegen Düsseldorf: „Es gibt keine Krise, das ist Hertha BSC … Wenn ich schaue auf gelaufene Kilometer, den Ballbesitz, gewonnene Zweikämpfe, Torschüsse, war das für Hertha-Verhältnisse ein sehr gutes Spiel. Dieses mal haben wir verloren.“ Solche Töne hat man von Ante Covic bislang noch nicht vernommen.

Covic hat noch genügend Patronen im Gürtel

Ante Covic ist zwar ein Neuling im Profitrainerbereich, hat aber als Jugendtrainer und Profispieler das Geschäft zu genüge kennengelernt. Ihm stehen noch ausreichend taktische, personelle und psychologische Kniffe zur Verfügung, mit denen er das Ruder rumreißen kann. Der Mannschaft fehlt es sichtbar an Mentalität? Dauerkämpfer- und renner Per Skjelbred sowie der wuchtige Marius Wolf sind jederzeit bereit. Niklas Stark und Karim Rekik stehen auf dem Platz weiter neben sich? Jordan Torunarigha und der wiedergenesene Dedryck Boyata sind bereit und heiß. Wenn Arne Maier zurückkehrt, hat Covic noch eine weitere wichtige Option, um das derzeit wackelige Mittelfeld zu stabilisieren. Covic will gegenüber dem Team ein Zeichen setzen? Ein neuen Kapitän zu benennen kann manchmal Wunder bewirken. Vedad Ibisevic weiß das am Besten. Der neue offensivere Ansatz funktioniert (noch) nicht? Die Rückkehr zum altbewährten 4-2-3-1 oder zur Fünferkette aus der vergangenen Saison sollten der Mannschaft nicht schwer fallen. Covic ist derzeit noch nett und stellt sich vor die Mannschaft, aber er wird auch sicherlich andere Saiten aufziehen können.

Dardai ist keine Alternative

Foto: Matthias Hangst/Bongarts/Getty Images

Ja, Pal Dardai hatte einen erholsamen Urlaub und möchte wieder – nicht morgen aber irgendwann – als Trainer arbeiten. Da liegt bei einigen der Gedanke nah, bei weiteren Misserfolgen Covic durch Dardai zu ersetzen. Quasi einmal “Zurück auf Los”. Doch das wird nicht passieren. Michael Preetz wird Covic nicht durch Dardai ersetzen – zu offensichtlich wäre damit das Eingeständnis eines Fehlers. Des Weiteren wäre Pal Dardai in der Saison 2019/20 nicht der Dardai, den wir alle kennen und schätzen gelernt haben. Rainer Widmayer, taktisches Pendant und Co-Trainer von Dardai, arbeitet mittlerweile in Stuttgart. Man wüsste also nicht, ob man “nur” den Motivations- und Mentalitäts-Pal zurückbekäme oder auch einen Trainer, der die Mannschaft mit taktischen Kniffen zu Siegen führt.

Auch wüsste man nicht, ob Dardai mit den Neuverpflichtungen wie Lukebakio, Löwen, Redan, Wolf und Boyata etwas anzufangen wüsste. Der Sinn dieser teilweise sehr teuren Investitionen stünde in Frage, denn jeder Hertha-Fan weiß zu genüge, was mit Spielern passiert, mit denen Dardai nichts anfangen kann. An dieser Stelle gehen Grüße raus Valentin Stocker in Basel und Sandro Wagner in Tianjin. Nicht zuletzt die Worte von Dardai selbst schließen eine Rückkehr als Hertha-Chefcoach aus. “Das war eine schöne Zeit bei Hertha, aber sicherlich war ich zum Schluss auch ein bisschen müde“, sagte der Ungar dem Tagesspiegel.

Keep calm and carry on

Es war klar, dass nach über vier Jahren Dardai-Ära der Umbruch nicht von heute auf morgen passieren würde. Deswegen plädiere ich dafür, Covic auch entsprechend Zeit einzuräumen, damit er mit der Mannschaft und dem Verein den erwünschten nächsten Schritt schaffen kann. Noch ist Hertha nicht verloren. Ante Covic ist ein junger Trainer mit großen Ideen und er verdient Unterstützung, aber vor allem Vertrauen – auch bei einer erneuten Niederlage, einem wackeligen Remis oder einem erstolperten Sieg gegen Mainz. Danach kommen weitere Spiele gegen schlagbare Gegner. Das Leben und der Spielplan gehen weiter und die Saison ist lang. Also ich bleibe ganz ruhig und entspannt.

Wie der Körper die Karriere entscheidet – Hertha und die Fitness

Wie der Körper die Karriere entscheidet – Hertha und die Fitness

Die Saisonvorbereitung neigt sich ihrem Ende zu und langsam zeichnet sich ab, mit welchen Spielern Hertha BSC in die Saison starten wird. Doch nicht nur die Transferperiode verändert sich die Kadersituation – auch Fitness und Verletzungen haben einen großen Einfluss darauf, wer am Ende auf dem Platz steht. Wir haben uns angeschaut, wie es um die Fitness-Situation im Berliner Kader aktuell bestellt ist.

Wer musste letzte Saison mit dem eigenen Körper kämpfen? Wer war immer fit? Wie verletzungsanfällig sind unsere Neuzugänge? Wie sehr entscheidet der Körper über die Karriere eines Profis?

Der Körper als Karriere-Kompass

Verletzungen sind Teil des Fußballs: jeder Verein rechnet hinsichtlich seiner Kaderplanung mit Ausfallzeiten seiner Profis. Im Laufe der Saison beschweren sich jedoch immer wieder Vereine, wie viele verletzte Spieler sie doch im Kader hätten und wie sehr es die sportlichen Leistungen negativ beeinflusse. Für den einzelnen Profi ist die körperliche Fitness mit das wichtigste und kann darüber entscheiden, welche Sphären ein Spieler in seiner Karriere erreicht. Umso wichtiger ist es also bereits zu Beginn der Profi-Laufbahn die Grundbausteine für eine guten körperlichen Zustand zu legen.

Foto: Christof Koepsel/Bongarts/Getty Images

Bei jungen Spielern ist die Gefahr nämlich groß, dass diese aus Übereifer und fehlender Erfahrung den eigenen Körper zu früh wieder voller Belastung aussetzen und ihre Verletzungen dadurch nicht komplett auskurieren. Bestes Beispiel dafür, wie man sich durch dieses Verhalten eine Saison kaputt machen kann, ist der Fall von Eigengewächs Jordan Torunarigha.

Der gebürtige Chemnitzer verpasste aufgrund mehrerer Verletzungen in der vergangenen Saison einige Spiele, kam am Ende auf nur 16 Pflichtspieleinsätze. Auch weil er nach seiner Achillessehnenverletzung zu früh wieder einstieg und sich erneut verletzte, konnte er nicht die Saison spielen, die er sich gewünscht hätte. Ex-Trainer Pal Dardai fand für seinen Schützling im Frühjahr 2019 harte Worte: „Er muss sich auch etwas umstellen. Ein Sportler braucht auch einen Körper.“

Ob Champions League oder zweite Liga, da entscheidet am Ende der Körper mit. „Nur wer fit ist, spielt auch“, weiß jeder Fußball-Fan. Torunarigha selbst zeigte sich dazu im Morgenpost-Interview einsichtig: „Ich muss lernen, besser auf meinen Körper zu hören. Auch wenn sich ein Problem nur leicht anfühlt, dem Trainer sagen: Ich mache lieber noch eine Woche länger Pause, anstatt­ dann für ein oder zwei Monate auszufallen.“ Damit das klappt, hat der 21-Jährige im Sommer mit anderen Hertha-Profis einen privaten Fitness Trainer eingestellt, um in der Vorbereitung bereits mit einer guter Basis zu starten. Eine wichtige Erkenntnis also für den jungen Berliner Profi, denn letztlich wird seine Fitness und sein Umgang mit dem eigenen Körper entscheidend dafür sein, wo seine Karriere hingeht.

Erfahrung hilft bei der Vermeidung von Verletzungen

Pal Dardai sagte im Frühjahr bereits in Bezug auf Torunarighas Verletzungsanfälligkeit: „Wenn seine Zweikampfführung erfahrener wird, dann wird er auch besser und geht nicht mehr in unnötige Zweikämpfe rein.“ Dass Erfahrung dazu beiträgt, unnötige Verletzungen zu vermeiden, zeigt sich unter anderem auch bei den erfahrenen Spielern in der Hauptstadt: Salomon Kalou und Vedad Ibisevic. Betrachtet man die letzten drei Spielzeiten, konnten beide Spieler schwere Verletzungen gänzlich vermeiden und mussten nur wenige Spiele durch kleinere Unfälle wie z.B. Nasenbeinbruch (Ibisevic) oder Reisswunden (Kalou) aussetzen. Dadurch konnte der Trainer stets mit diesen Spielern planen, sodass beide das Spiel der „alten Dame“ langfristig prägten.

Verletzungen, fehlende Fitness, Trainingsunfälle – damit hat jeder Spieler zu kämpfen. Das Glückselement ist auch mit einzuberechnen, sowie auch die genetische Vorbestimmung. Jeder Körper ist in Bezug auf die Verletzungsanfälligkeit anders. Trotzdem hilft die Erfahrung und der richtige Umgang mit dem eigenen Körper, um zumindest alle Chancen auf seiner Seite zu haben.

Leckie und die Fitness, Pekarik mit Seuchensaison

Foto: Francois Nel/Getty Images

Alle Chancen auf seiner Seite hatte Mathew Leckie in den letzten Spielzeiten eher nicht. Der Australier fehlten durch die langen Flüge zur australischen Nationalmannschaft öfter die Frische, sodass er immer wieder von muskulären Problemen ausgebremst wurde.

Der 28-Jährige konnte bislang keine Saison komplett durchspielen, absolvierte immer nur etwa die Hälfte der Pflichtspiele (in der Saison 2018/19: 18 Bundesliga-Spiele). So kommt eine Karriere natürlich nur schwer in Schwung. Unter Ante Covic soll Leckie jetzt als Backup von Lukas Klünter in der rechten Verteidigung spielen. Ob er diese Rolle zuverlässig übernehmen kann, ist zweifelhaft, auch aufgrund seiner Fitness. Es ist wieder zu erwarten, dass Leckie einige Spiele verpassen wird.

Eine weitere Option für die rechte Verteidiger-Position ist Peter Pekarik. Dieser scheint momentan jedoch noch weit weg von einer Rückkehr zu sein. Der Slowake wurde 2017/18 noch 17 Mal in der Bundesliga eingesetzt, vergangene Saison stand er allerdings nur drei Mal auf dem Platz. Auch ihn warfen langwierige Verletzungen zurück. In dieser Vorbereitung hätte Pekarik nach dem Abgang von Valentino Lazaro und unter neuen Bedingungen mit Cheftrainer Ante Covic wieder angreifen können. Erneut stand ihm aber der eigene Körper im Weg. Aktuell laboriert der 32-Jährige noch an Muskelproblemen in der Wade und verpasste dadurch die wichtige Vorbereitungszeit im Trainingslager in Österreich. Wann der ehemalige deutsche Meister wieder fit ist und ob er diese Saison eine wichtige Rolle spielen kann, ist unklar. Wie wichtig eine sorgenfreie Vorbereitung dafür sein kann, hat sich jedoch oft genug schon gezeigt.

Positives Beispiel Duda, Darida meldet sich zurück

Foto: Matthias Kern/Bongarts/Getty Images

Das beste Beispiel dafür, wie man aus einer solchen Situation herauskommen kann, zeigte vergangene Saison Ondrej Duda. Der Slowake blieb, anders als in seinen ersten zwei Jahren in Berlin, gesund und konnte in Phasen, in denen er körperlich besonders fit war, zeigen, welches Potenzial wirklich in ihm steckt. Eine komplette Vorbereitung und eine große Disziplin im Laufe der Saison, in Bezug auf sein Körper und seine mentale Stärke, bewirkte einiges. Eine ähnliche Entwicklung könnte ein anderer Hertha-Spieler einnehmen, der in den letzten Jahren komplett abgetaucht ist.

Vladimir Darida musste eine absolute Seuchensaison 2018/19 durchstehen. Aufgrund mehrerer Verletzungen konnte er nie wirklich seine Chance ergreifen, wurde nur in elf Pflichtspielen eingesetzt, davon nur zwei über 90 Minuten. In der laufenden Vorbereitung meldete er sich allerdings beeindruckend zurück und scheint wider Erwarten die Startelf-Positionen angreifen zu können. Auch bei dem 28-Jährigen ist bekannt, welch große Rolle die Physis im Laufe einer Saison spielt. Der, der früher „Die Lunge der Liga“ genannt wurde, hat wohl die geringsten Probleme damit, lange und viel zu laufen. Doch gerade für den Tschechen ist es auch wichtig, die nötige Frische zu besitzen, um gerade solche Laufleistungen abrufen zu können.

Das Fehlen von Vladimir Darida war vergangene Spielzeit auch in der Statistik spürbar: die Berliner waren eine der laufschwächsten Mannschaften der Bundesliga. Auch das soll sich unter Neu-Coach Ante Covic ändern. Doch gerade im zentralen Mittelfeld ist für Darida die Konkurrenzsituation mit Ondrej Duda, Arne Maier, Marko Grujic, Per Skjelbred, Sidney Friede und Neuzugang Eduard Löwen geradezu gnadenlos. Wohl gerade deshalb hat Darida die Vorbereitung mit aller Kraft angenommen und für sich genutzt. Auch er trainierte noch vor Beginn der Vorbereitung individuell. Cheftrainer Ante Covic sagt in Bezug auf die Motivation von Darida: „Vladi ist voller Freude dabei, er hat permanent ein Lächeln auf dem Gesicht und möchte dem Trainer schlaflose Nächte bereiten.“ Für uns Fans und Beobachter des Vereins wird es hochspannend sein zu sehen, wer bei Saisonstart im Mittelfeld die Nase vorn hat.

Lukebakio mit kurzer Verletzungshistorie, Boyata mit Fragezeichen

Foto: Matthias Kern/Bongarts/Getty Images

Auch im Hinblick auf Neuverpflichtungen lohnt sich ein Blick auf die Verletzungshistorie. Der neue Rekordneuzugang von Hertha, Dodi Lukebakio, hat die letzte Saison in Düsseldorf verletzungsfrei überstanden und startet somit top-fit. Die Saison seines neuen Mitspielers Eduard Löwen verlief nicht komplett sorglos. Der Ex-Nürnberger konnte beim Club „nur“ 23 Pflichtspiele in der Saison 2018/19 absolvieren. Er verpasste Ende 2018 aufgrund einer Muskelverletzung einen Großteil der Hinrunde. In der Saison 2017/18 blieb der zentrale Mittelfeldspieler jedoch so gut wie verletzungsfrei. Eine besondere Verletzungsanfälligkeit ist also auch bei Löwen nicht zu erkennen.

Ganz anders ist es leider bei Dedryck Boyata. Der Belgier, der im Sommer von Celtic Glasgow nach Berlin kam, verpasste in den letzten drei Jahren einige Spiele aufgrund von Verletzungen. Inbesondere Oberschenkel- und Knie-Probleme warfen ihn immer wieder zurück. Vergangene Saison blieb der Innenverteidiger auch nicht verletzungsfrei, verpasste laut Transfermarkt.de etwa 20 Pflichtspiele. Bei seiner Ankunft an der Spree war er noch angeschlagen, trainierte anfangs nur individuell.

Im Trainingslager in Österreich meldeten sich seine Oberschenkel-Probleme einmal mehr. Zuletzt musste er erneut individuell trainieren. Ein Einsatz im DFB-Pokal am 11. August wird wohl zu früh kommen, ob es dann zum Bundesliga-Start reicht, ist auch unklar. „Wir müssen von Tag zu Tag schauen. Boyata kommt aus einer langen Verletzung. Wir brauchen Geduld.“, sagte Ante Covic. Boyata bleibt also zunächst einmal ein Fragezeichen, es wird sich zeigen, ob er im Laufe des Jahres noch zu 100-Prozentiger Fitness findet. Der Neuzugang ist ein stellvertretendes Beispiel dafür, wie wichtig die körperliche Verfassung für das Aufnehmen des internen Konkurrenzkampfes ist. Da Boyata momentan nicht Angreifen kann, wird sich Covic zunächst eine Innenverteidigung aus Karim Rekik. Niklas Stark und Jordan Torunarigha formen, sodass er sich von vornherein hinten anstellen muss.

Hiermit wurden zahlreiche Beispiele genannt, die aufzeigen, welch große Rolle die Fitness bei einem Fußballer neben Kriterien wie Talent spielt. Sie ist mit entscheidend für den individuellen Erfolg eines Spielers wie für den einer gesamten Mannschaft. Es bleibt zu hoffen, dass Hertha BSC in der kommenden Spielzeit nicht so häufig vom Verletzungspech verfolgt wird, wie es in der vergangenen Saison der Fall war. Damals hat neben anderen Faktoren auch der ständige Ausfall von Leistungsträgern zu einer erneut trostlosen Rückrunde geführt.

(T)ante Covic und die alte Dame

(T)ante Covic und die alte Dame

Ich hätte nicht in seiner Haut stecken wollen. Michael Preetz musste ja etwas schaffen, was völlig unmöglich war. Er sollten einen Lucien Klopp mit Berliner Schnauze finden. Einen Trainer, der nicht nur taktisch europäische Spitzenklasse ist, sondern auch ein Menschenfänger wie der Coach des FC Liverpool und dann eben auch einen, der beim Kieztraining nicht erstmal nachfragen muss, was gemeint ist, wenn die Frage kommt: “Kann ick mal n Foto schießen?!”

Alle suchten “The Next Nagelsmann”

Nein, Preetz war um seine Aufgabe nicht zu beneiden, zumal ja gefühlt die halbe Bundesliga “The Next Nagelsmann” suchte. Dass sich der Lange selbst in diese Situation hineinmanövriert hatte, geschenkt. Ich hatte nicht das Gefühl, dass ein echter Aufschrei durch die Fanbase ging, als das Ende der Trainer-Ära von Pal Dardai verkündet wurde. Ein bisschen Traurigkeit, ja. Aber nur, weil Dardai dieser manchmal sehr eigentümliche Kauz mit dem ungarischen Herzen auf der Zunge ist. Und nicht, weil er mit seinem begeisternden Fußball alle überzeugt hatte.

Dardais Aufgabe war ja von Beginn klar definiert: Hertha stabilisieren. Dafür bekommt er auf seinem Abschlusszeugnis eine 1+ mit Sternchen. Mehr Stabilität geht nicht, als die, die Dardai diesem Klub in seinen viereinhalb Jahren eingeimpft hat. Es hätte schon einen feuerspeienden Drachen gebraucht, um Dardais Team von seinem sicheren Bergfried zu stoßen. Seine Punkte hat er immer frühzeitig gesammelt und dass sich die Fans (mich eingeschlossen) über schwache Rückrunden echauffierten, liegt natürlich allein daran, dass Fußballfans nach wie vor schnell vergessen. So eine Rückrunde wie Dardais erste, als Hertha erst am letzten Spieltag mit einer Niederlage in Hoffenheim und nur aufgrund eines (!) mehr erzielten Tores in der Liga blieb, will sicherlich niemand eintauschen gegen das, was Dardai danach ohne die großen finanziellen Mittel aufs Parkett zauberte.

Champions-League-Trainer ohne Champions-League-Mannschaft

Jetzt darf der nächste ran. Und, das muss man Preetz lassen, er hat mit der Hochstufung des ehemaligen U15-, U19- und U23-Trainers Ante Covic, mehrere Baustellen auf einmal geschlossen, dass man schon unken könnte, dass er bald in Schönefeld vorstellig wird.

Da ist zum einen die in der aktuellen Saison stark gestiegene Erwartungshaltung, die mit der Verpflichtung eines Trainers wie André Villas-Boas in Sphären gestiegen wäre, die die der Fans von Game of Thrones bezüglich der letzten Staffel noch übertrifft. Der Portugiese wäre zudem vor allem eine Verpflichtung für die Außendarstellung des Klubs gewesen: Seht her, wir haben einen Champions-League-Trainer geholt. Hertha hätte in den Schlagzeilen gestanden, wäre mal wieder international beachtet und vielleicht auch mal kurz wieder bewundert worden. Doch da Champions-League-Trainer Villas-Boas keine Champions-League-Mannschaft vorgefunden hätte, war es schon gut so, dass er am Ende wohl zu teuer war. Ante Covic dagegen ist im Vergleich dazu eine Lösung, die im Rest der Welt nur eine Randnotiz unten links auf der Zeitungsseite war. Ante wer? Ach, ein zweiter Dardai. Alles klar. Hertha bleibt sich treu. Und an dieser Stelle sollten alle Hertha-Fans mal kurz darüber nachdenken, ob das nicht das Beste an der ganzen Nummer ist.

Foto: Holde Schneider/Bongarts/Getty Images

David Wagner wäre nämlich auch so einer gewesen, dem man schon qua seiner Vita keine Fehler verziehen hätte. Der war doch mal bei Schalke. Und der mit dem Wunder von Huddersfield im Gepäck – also der Geschichte, dass er mit einer völlig unterdurchschnittlichen Mannschaft in die Premier League aufgestiegen ist und sich dort sensationell gehalten hat – gestartet wäre. Das hätte ebenfalls für eine Erwartungshaltung gesorgt, die er einfach nicht hätte erfüllen können. Ante Covic dagegen ist erstmal ein unbeschriebenes Blatt. So leer wie das Olympiastadion ab 2025 – also bestimmt. Erwartungen an ihn? Die werden sich erst im Laufe der Saison entwickeln. Er hat schließlich noch keine Wunder vollbracht, soll mit der U23 lediglich guten Fußball gespielt haben. Er findet allerdings womöglich eine Profi-Mannschaft vor, die von Wundern so weit entfernt ist, wie Hertha von einer Einigung mit der Baugenossenschaft.

Investitionen müssen sitzen

Denn das ist ja die dritte Wahrheit der Verpflichtung von Ante Covic: Hertha ist nach wie vor – und erst recht nach dem Rückkauf der Anteile von KKR – kein Klub, der mit Geld um sich werfen kann, sondern einer, dessen Investitionen weiterhin sitzen müssen, um Erfolg zu haben. Und wenn Michael Preetz von einer Investition nicht überzeugt ist, dann lässt er sie lieber liegen und gibt einem eine Chance, der bislang noch keine hatte. Das kann man öde finden oder bodenständig. In jedem Fall ist es angesichts der Finanzsituation richtig.

Hinzukommt, dass Covic eine echte Verbesserung zu allem ist, was Preetz vorher so geholt hat. Oder will ernsthaft jemand nochmal einen Typ Markus Babbel? Michael Skibbe? Friedhelm Funkel? Otto Rehhagel?

Foto: Matthias Kern/Bongarts/Getty Images

Ich habe jetzt ein paar Tage Zeit gehabt, um über den Trainer Ante Covic nachzudenken. Ich habe alle Texte gelesen, mir alte und neue Videos angeschaut. Ich habe versucht, mich in die Mannschaft hineinzuversetzen: Wie nimmt sie seine Verpflichtung auf? Kann er, der doch eigentlich noch nichts erreicht hat, mit diesen zum Teil sehr abgezockten Jungs umgehen (ich schaue da vor allem dich an, Vedad Ibisevic!)? Wird er Erfolg haben, obwohl er möglicherweise einen schwächeren Kader vorfindet, als Dardai momentan? Und was wäre dann ein Erfolg? Nochmal Platz 10? Europa? Oder einfach eine attraktivere Spielweise?

Kommunikation ist alles

Vieles wird wegen dieser vielen Unwägbarkeiten darauf ankommen, wie er kommuniziert. Intern wie extern. Ersteres kann ich nicht beurteilen, letzteres Dank der vielen Videos im Netz schon. Und da scheint Covic durchaus zu wissen, welche Knöpfe er drücken muss, um beim Publikum anzukommen. Seine Pressekonferenzen nach den Spielen der U23 sind durchaus witzig, er findet oft die richtigen Worte, spricht aber auch klar an, wenn ihm etwas nicht gepasst hat. Allerdings ist die Fallhöhe auf diesem Niveau natürlich deutlich geringer. Wenn er in der Bundesliga einen Schiedsrichter so angehen würde, wie hier nach dem 1:3 gegen Chemnitz, wäre er sicher schnell ein Wochengehalt los.

Eine Unbekannte ist für mich noch der neue Co-Trainer Mirko Dickhaut. Diese Position war unter Dardai ja eine sehr wichtige, Rainer Widmayer hat – so kam es jedenfalls stets rüber – einen sehr besonderen Zugang zur Mannschaft gehabt, gefühlt durchaus auch als Gegenpol zum manchmal knurrigen Chef. Von Dickhaut, der mit Covic zusammen die Trainerlizenz gemacht hat, habe ich bis auf ein Video wenig Aktuelles gefunden, was ja erstmal normal ist, wenn man 2017 zuletzt in Führt aktiv an der Linie stand. Sich daraus ein Urteil zu bilden, ist allerdings schwierig. Außerdem sucht Hertha ja noch nach einem weiteren Zuarbeiter für Covic.

Vorfreude steigt

Aber je mehr ich mir von Ante Covic und über Ante Covic anschaute, desto mehr stieg die Vorfreude auf ein erstes Trainerjahr mit diesem Typen, der wirklich Herthaner ist, der nicht auf die Idee kommen wird, beim ersten echten Gegenwind sofort hinzuschmeißen (ich schaue dich an, Lucien F.!) oder bei dem man das Gefühl hat, dass er eigentlich gar nicht da sein möchte (stimmt, Markus B.?).

Vielmehr ist da eine gewisse Hoffnung, dass es vielleicht wieder klappen könnte mit einem Eigengewächs. Dass das das neue Ding von Hertha werden könnte und wir hinterher alle drüber lachen können, dass wir ernsthaft daran gezweifelt haben, ob (T)ante Covic unsere Alte Dame gut behandeln würde.

Foto: Martin Rose/Bongarts/Getty Images

[Eine Kolumne von Daniel Otto]

Es ist soweit

Es ist soweit

Noch nie geriet die Herthaner Gefühlswelt in der Amtszeit von Pal Dardai so ins Wanken wie in den vergangenen Wochen. Noch nie waren die Zweifel an dem Ungar so groß, die Fragen so zahlreich, die Tristesse so bleiern – es folgt die Kolumne eines Redakteurs, der an einem für ihn neuen Punkt der “Ära Dardai” steht.

Für mich ist es zur Routine geworden, am Tag nach einem Hertha-Spiel auf den Blog von Marxelinho, einer Galionsfigur seines Faches, zu wandern und mir seine klugen und wohl formulierten Gedanken zu dem beobachteten Spiel durchzulesen. Nach dem vergangenen gegen Fortuna Düsseldorf konnte ich das nicht. Der Link zur PK nach dem Spiel und die Worte “Pal Dardai kann der Mannschaft keinen Vorwurf machen. Dann bleibt eigentlich nur der, dass er sie betreut. Michael Hartmann sollte für die letzten sechs Spiele in dieser Saison diese Aufgabe übernehmen” waren sein ganzer Blog-Eintrag zu dem enttäuschenden 1:2. Ernüchterung, Frustration, Leere und weitere Adjektive beschreiben seine Gefühlswelt und die vieler weiterer Herthaner Anhänger.

Auch wenn ich es nicht so drastisch wie mein geschätzter Kollege formulieren würde, macht sich auch in mir eine Lustlosigkeit breit, die ich in dieser Form seit wohl fünf Jahren nicht mehr gespürt habe. Bereits nach der herben 0:5-Klatsche gegen RB Leipzig umgab mich eine massive Ratlosigkeit, die dazu führte, dass ich nicht wie gewohnt eine Einzelkritik zu diesem Spiel schrieb. Dieses Format betreibe ich nun schon seit vielen Jahren, fasziniert davon, in wie vielen Blickwinkeln man auf ein Spiel schauen kann und welche Nuancen bei jedem Akteur auf dem Feld zu erkennen sind, die den Unterschied machen können. Seit einigen Wochen geht es bei Hertha aber nicht mehr um Nuancen, sondern um grundsätzliche Aspekte. Einen Artikel zu schreiben, der mich einen halben halben Tag kosten und letztendlich keinem Leser Spaß bereiten würde, erschien mir sinnlos. Da hat niemand etwas von und glücklicherweise handelt es sich bei Hertha BASE weiterhin um einen Blog, auf dem nur Dinge passieren, wozu die Redaktion Lust hat.

Ich wollte diesen Text bereits am Sonntag anfangen zu schreiben, verbrachte den Tag aber lieber spontan mit Freunden im Treptower Park. Ein herrlicher Frühlingstag, der die ganze Schönheit Berlins offenbart und zur Aktivität eingeladen hat. Vier oder fünf Stunden verbrachte ich mit meinen Freunden – essend, spielend, lachend und nicht an Hertha denkend. Es tat gut, sich nicht mit seinem Verein zu befassen, regelrecht gedrückt habe ich mich davor und das kann sowohl als Fan als auch als Blogger kein gutes Zeichen sein.

Nein, Hertha nervt aktuell. Mehr als sonst.

Blau-weiße Tristesse

Bereits vor dem Spiel gegen Düsseldorf herrschte bei mir und meinem Umfeld große Ernüchterung. Das 0:5 in Leipzig stand wie ein großes hässliches Symbol stellvertretend für Herthas anhaltenden „Rückrunden-Fluch“, für das Gemüt erschwerend kam der geplatzte Stadionplan der Vereinsführung für das Olympiagelände hinzu. Auf einmal war Hertha nicht mehr der aufstrebende Verein, dem die Zukunft gehört, sondern dem zunächst einmal die Gegenwart gehörig um die Ohren fliegt.

Foto: Martin Rose/Bongarts/Getty Images

Einmal mehr schafft es die Mannschaft nicht, eine Saison konstant gestalten. Einmal mehr bricht Hertha in der Rückrunde auseinander und lässt die Spielzeit mit einem mehr als faden Beigeschmack ausfasern. Hierbei geht es keinesfalls im Partien wie gegen Werder Bremen (1:1) oder Bayern München (0:1), die unglücklich ausgingen, in denen aber der Wille zu spüren war. Nein, erschreckend waren die Partien gegen den SC Freiburg (1:2), RB Leipzig (0:5) und Fortuna Düsseldorf (1:2). Auch der Sieg gegen Mainz 05 (2:1) fußte keinesfalls auf einer starken Vorstellung des Teams, sondern wurde von seinem Ausgang beschönigt.

Und so wabert die “alte Dame” einmal mehr irritierend motivationslos durch die Rückserie einer eigentlich vielversprechenden Spielzeit. Kein Feuer, kein Wille, kein Kampf, kein Aufbäumen, kein Stemmen gegen Hindernisse – das Ergebnis ist aktuell Platz elf, jenseits von gut und böse, das Niemandsland der Tabelle. Platz neun, also das formulierte Minimalziel (“einstelliger Tabellenplatz” beinhaltet nun einmal noch acht weitere Plätze) des Vereins ist mit sieben Punkten Abstand nicht mehr zu erreichen, Platz 14 mit neun Punkten Differenz ebenso wenig in Reichweite.

Dardais Krisenmanagement in der Krise

Ebenso irritierend wie die jüngsten Vorstellungen der Mannschaft ist das aktuelle öffentliche Auftreten von Pal Dardai. Der Berliner Trainer wirkt angeknockt, verrennt sich in Kleinkriege mit Medien oder Spielern und scheint die Wahrheit beinahe zu leugnen.

“Wenn ich die Statistik sehe, kann ich meiner Mannschaft keinen Vorwurf machen. Zweikampfwerte, Ballbesitz, Torschüsse – das ist Hertha BSC”, sagte Dardai auf der Pressekonferenz nach dem Spiel. Zuvor beantwortete der Ungar im sky-Interview die Frage nach den Gründen für diese erneut miese Rückrunde mit “Das muss man den lieben Gott fragen”. Wer nach solch einem enttäuschenden Auftritt wie dem gegen Düsseldorf wirklich sagen kann, er habe ein gutes Spiel seiner Mannschaft gesehen und dass es keine objektiven Gründe für das erneute Einbrechen der Mannschaft gibt, dem muss man eine gewisse Ratlosigkeit attestieren. Nein, Pal, das war kein gutes Spiel, nicht einmal ein mittelmäßiges. Und nein, Pal, da geht die Frage nicht an Gott, sondern an den Trainer selbst.

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Aber laut dem Trainer gilt: “Es gibt keine Krise, das ist Hertha BSC.” Wenn vier Niederlagen infolge, elf Punkte aus den bisherigen Rückruckenspielen und damit das Verpassen des erklärten Saisonziels Hertha BSC sind, dann muss die Frage nach der Anspruchshaltung von Dardai gestellt werden. Realismus ist eine wichtige Eigenschaft im Fußballgeschäft, da er einen vor einem tiefen Fall bewahren kann, doch scheint der 43-Jährige momentan weniger realistisch, als vielmehr unverbesserlich zu sein.

Anstatt eine inhaltliche Debatte über die derzeitige sportliche Lage zu führen, reagiert Dardai bei leisester Kritik ungewöhnlich gereizt. Ohnehin sei das Umfeld daran Schuld, wenn die Mannschaft nun den Ansprüchen nicht gerecht werden würde. “Wir dürfen die Erwartungen nicht hochschrauben, das habt ihr gemacht“, sagte Dardai am Sonntag zu den Journalisten. Der europäische Wettbewerb: “Das war nie realistisch, das kommt von außen.” Wer das nicht einsehe, der lüge. “Das ist wahrscheinlich so genannter geplanter Mord”, griff Dardai sogar zu sehr martialischer Sprache, denn die Medien würden Hertha bewusst in den Himmel heben, um den Verein dann wieder grillen zu können. “Ab und zu habe ich das Gefühl, ihr lebt von der Schadenfreude. Das ist nicht gut. Wahrscheinlich war euch langweilig”, beendete Dardai seine Medienkritik – unsachlich, gereizt, fast schon verschwörerisch und dem ansonsten so konstruktiv argumentierenden Trainer überhaupt nicht ähnlich. So hat man Dardai noch nicht erlebt und das spricht zusätzlich dafür, in welch prekärer Lage er sich befindet.

Es wird nicht am gleichen Strang gezogen

Prekär deshalb, weil Dardai in seiner Argumentationslinie auch im Verein alleine zu sein scheint. Sowohl einzelne Spieler als auch Geschäftsführer Sport Michael Preetz üben deutlich mehr Kritik, sodass öffentlich keine Einheit zu erkennen ist.

“Ich habe die Schnauze voll davon. (…) Es gibt keine Ausreden. Es ist einfach irgendwas drin in der Mannschaft, dass sich Leute denken, es geht vielleicht um nichts mehr. Diese letzten paar Prozente, sich reinzubeißen, keine Ahnung, vielleicht will sich keiner verletzen. Wie gesagt, wir sind alle Angestellte des Vereins, wir sollen uns bis zur letzten Sekunde der Saison den Arsch aufreißen”, positionierte sich Valentino Lazaro im kicker deutlich und somit gänzlich anders als sein Trainer. Der Österreicher war einer der vielen Spieler, die vor und während der Saison öffentlich von ihrem Traum, mit Hertha den europäischen Wettbewerb zu erreichen, erzählten. Der Wunsch, großes in dieser Saison zu erreichen, wurde also von den Spielern in die Mannschaft hineingetragen, nicht von den Medien, wie Dardai es behauptet hatte.

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Während Dardai von einem “sehr guten” Spiel seiner Mannschaft gegen Fortuna Düsseldorf sprach, konstatierte Michael Preetz: “Wir dürfen die Augen nicht davor verschließen, dass das zu wenig ist. Da ist jeder angesprochen – in erster Linie die, die auf dem Platz stehen” – deutliche Kritik also von Preetz, der nicht auf einer Linie mit seinem Trainer zu sein scheint. “Das ist nicht einfach so hinzunehmen, dass wir immer in der Rückrunde einbrechen”, betonte der 51-Jährige. “Es gibt da auch keinen logischen Zusammenhang. Es sind jetzt noch sechs Spiele, wo es genug Punkte gibt. Da will ich jetzt eine Reaktion sehen.” Es ist nicht das erste Mal in der laufenden Saison, dass die Vorstellungen von Dardai und Preetz auseinanderdriften. Immer wieder ließ sich erkennen, dass die beiden Vereinsverantwortlichen verschiedene Anspruchshaltungen und Visionen für die Zukunft haben, wobei Dardai meist auf die Bremse tritt und Preetz hoch hinaus will. Intern soll es auch gerne zu Reibungen kommen, ein Diskurs ist immer wichtig, doch nach außen sollte der Verein als Einheit auftreten und das ist aktuell sowohl im Verhältnis von Trainer zur Mannschaft wie auch zum Manager nicht der Fall. So wirkt es, als würde Dardai langsam die Souveränität entgleiten.

Die Gretchenfrage

Doch was heißt das alles nun? Ist Pal Dardai nicht mehr der richtige Trainer für Hertha BSC und dessen Zukunft? Hat er sich aufgebraucht?

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Die klare Antwort darauf: Ich weiß es nicht. Ich muss ehrlich sagen, dass ich noch nie so große Zweifel daran hatte, wie jetzt. Schaut man stumpf auf Herthas Tabellenpositionierung der letzten Jahre (sechs, zehn, ?), wird sich der Hauptstadtverein im zweiten Jahr infolge verschlechtern. Das kann keinesfalls der Anspruch sein, nicht mit diesem ambitioniert zusammengestellten Kader. Man kann 0:5 in Leipzig verlieren, solch ein Katastrophenspiel passiert jeder Mannschaft (ich schiele leicht Richtung Dortmund), doch wichtig ist dann die Reaktion darauf und dann die Reaktion auf diese Reaktion. In beiden Fällen ist es wohl zum Wort-Case-Szenario gekommen. Die Mannschaft konnte sich gegen Düsseldorf nicht aufraffen und Dardai wütete daraufhin wie ein provozierte Bulle durch die Medien. Es könnte der Anfang vom Ende gewesen sein. Dardai wirkt ausgelaugt und es stellt sich die Frage, ob er sich aufgebracht hat, oder ob ein neuer Co-Trainer an seiner Seite und gewisse Neuverpflichtungen zum Ausgleich der personellen Unwucht (zu junger Kader, kein Mittelblau von 25-28-Jährigen, die Hertha als ihren Zenit ansehen) nicht den entscheidenden Unterschied machen können.

Da, wo der Verein jahrelang in ein Loch gefallen und nur mit größter Mühe wieder herausgekraxelt ist, hat Pal Dardai ein erstaunlich solides Fundament gebaut. Das wird bleiben, ob er jetzt geht oder in ein paar Jahren, es wird ihn womöglich zum Vater etwaiger kommender Erfolge machen. Doch Hertha BSC will nicht nur ein Fundament haben, sondern in die Höhe bauen, um ein Wolkenkratzer zu werden, welcher der Stadt Berlin gerecht wird. Es muss analysiert werden, ob Dardai noch der richtige Architekt für dieses Großbauprojekt ist oder nicht. Dabei darf nicht zu kurzfristig gedacht werden. “Stürzt man sich Hals über Kopf in attraktive Affären, kostet die Höhenflüge in vollen Zügen aus und nimmt nach dem anschließenden Kater wieder Abstand? Oder wünscht man sich eher eine langlebige Ehe, erträgt die unvermeidlichen Abnutzungserscheinungen und geht gemeinsam auch durch schlechte Zeiten, so wie etwa der SC Freiburg mit Trainer Christian Streich?”, formulierte es Morgenpost-Redakteur Jörn Lange sehr passend. Ich habe die Antwort auf diese Frage nicht – wie auch? Ich verlange nur, dass Dardai keine Nibelungentreue genießt und kritisch hinterfragt wird, dass die Angst vor etwas neuem und ungewissen nicht lähmt. Kommen die Verantwortlichen in ihrer Analyse zu dem Schluss, dass der ewige Herthaner Dardai auch weiterhin die Zukunft der Mannschaft gestalten soll, dann trage ich diese Entscheidung mit, denn so viel Kredit hat man sich über die letzten Jahre definitiv erarbeitet.

Wenn ich so schreiben würde, wie Hertha spielt

Wenn ich so schreiben würde, wie Hertha spielt

Seid ihr bereit für einen richtig geilen Artikel? Lest auf jeden Fall bis zum Ende! Es wird spannend Freunde! Die Vorfreude ist bei euch jetzt sicherlich mindestens so groß wie bei mir, oder? Das wird ein richtig guter Text, das habe ich im Gefühl. Meine Verfassung ist ordentlich, ich war echt lange nicht krank, mein Kreativitätslevel ist mindestens auf Grujic-Niveau, mein Potenzial zwar insgesamt nicht titelreif, aber es reicht doch, um im Blog-Business eine ordentliche Rolle zu spielen. Gut, manchmal kommt es stark auf die Tagesform an, aber bei wem ist das nicht so?

Selke doch schon wieder da?

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Fangen wir also an. Es soll hier natürlich um Hertha gehen. Klar, da könnte man mal über die nicht mehr ganz so sattelfeste Defensive schreiben oder über das manchmal eher auf Zufall ausgelegte Mittelfeldspiel. Oder über den Angriff, der nach der Verletzung von Davie Selke sehr schwer auf den Schultern von Opa Ibisevic lastet? Wobei ich neulich etwas verwirrt war, als ich las, dass Selke nach dem Dortmund-Spiel vielleicht schon wieder zurück ist. Ich dachte, der fällt viel länger aus. Ja, das sind so die Themen. Vielleicht geh ich da nochmal näher drauf ein. Wenn’s gleich passt vielleicht.

Aber erstmal interessiert mich, ob Ondrej Duda eigentlich mit der Rolex zufrieden ist, die er von Salomon Kalou geschenkt bekommen hat? Weiß man da was? Und wie lange will Kalou eigentlich noch spielen? Von mir aus lange, so ist es nicht. Schade, dass Fabian Lustenberger aufhört. Und irgendwie auch nicht. Ich kann mich noch nicht entscheiden. Ist Florian Baak dann sein Nachfolger? Das sind so die Fragen. Wobei, es gibt noch mehr, aber wir haben ja nicht ewig Zeit.

Hälfte ist schon rum

Was mich allerdings wirklich mal interessieren würde: Wann macht endlich mal einer eine Home-Story mit den Dardais? Ich will endlich Pals Ehefrau kennenlernen! “BILD sprach mit Frau Dardai!” Sorry, ich schweife ab. Wir reden hier schließlich übers Sportliche. Sollte ich zumindest. Dafür schreibe ich diese Zeilen, dafür ist die Kolumne gedacht. Aber die Hälfte des Textes ist gleich schon rum und wenn ich ganz ehrlich zu uns bin, dann ist bis hierhin noch nicht eine substanzielle Zeile erschienen. Sad!

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Aber gut, abhaken, die zweite des Hälfte des Textes wird jetzt besser, weil die erste, sind wir nochmal ehrlich, war gar nichts. Obwohl ich natürlich wusste, dass ich sie schreiben muss, hab ich sie so ein bisschen verschlafen. Egal, ich bin nun wach. Jetzt gilts. Und los:

Macht ihr euch manchmal Gedanken darüber, was passiert, wenn Vedad Ibisevic aufhört? Diese Frage treibt mich schon seit längerem um, denn obwohl Davie Selke gezeigt hat, dass er den Bosnier für ein paar Wochen oder sogar Monate ersetzen kann, hat er noch nicht beweisen können, dass er das auch mal über ein Jahr schaffen kann. Selke ist eine Maschine, wenn er fit ist. Aber wer garantiert, dass er das mal länger als sechs Monate ist? Und kann er die Torquote von Ibisevic erreichen? Ist er kaltschnäuzig genug? Und was, wenn nicht?

Angst ist historisch gewachsen

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Meine Angst, dass Hertha plötzlich ohne echten Knipser dastehen könnte, ist historisch gewachsen. Mit Michael Preetz stieg Hertha auf, danach traf jahrelang Marcelinho nach Belieben, dann Pantelic und später sogar zusätzlich Voronin, doch als diese Weltklasse-Leute nicht mehr da waren und die Last des Toreschießens auf einem gewissen Adrian Ramos lag, da ging es so unfassbar bergab, dass ich eine Korrelation erfühle, die die Wahrscheinlichkeit abzusteigen mit dem Vorhandensein eines echten Torjägers verbindet.

Hat Nürnberg dieses Jahr einen bundesligareifen Torjäger? Wie sieht es in Hannover aus? Und warum ist der 1. FC Köln vergangene Saison abgestiegen? Wieso der HSV? Die Antwort auf diese Frage ist natürlich nicht nur in einem fehlenden Knipser zu finden. Andererseits: Wirklich nicht? Ich hoffe sehr, dass Michael Preetz diese neuralgische Position in der Kaderplanung bewusst ist und bereits mögliche Alternativen parat hat, die besser sind, als die dritte Verpflichtung von Artur Wichniarek (guter Typ übrigens).

Wer wird Ibisevic-Nachfolger?

So, guter Zwischenteil. Aber jetzt wäre es Zeit für eine noch bessere Schlusspointe. Der Ibisevic-Teil hat hoffentlich zum Nachdenken angeregt. Aber die Leute sollen ja mit einem guten Gefühl aus dem Text herausgehen. Andererseits: Reicht auch, oder? Man muss ja nicht immer gleich alles rausholen. Manchmal reichen auch Ansätze. Vielleicht ist das mit diesem Text auch so. Die Leute sind sicher schon zufrieden. Da ist ja auch die Sache mit der Fallhöhe.

Oder soll ich jetzt doch noch raushauen, wer der neue Ibisevic wird? Ich habe da ein ziemlich spannendes Gerücht gehört. Die Quelle hatte bei den letzten drei Hertha-Transfers recht. Also eigentlich könnte ich das hier problemlos schreiben. Wir sind ja unter uns!

Andererseits – nee, ich lass es. Ihr kommt auch so klar. Beim nächsten Mal vielleicht. Oder eventuell auch nicht.

[Eine Kolumne von Daniel Otto]