Hertha BSC 2019: Erwarte das Unerwartbare – aber nie zuviel

Hertha BSC 2019: Erwarte das Unerwartbare – aber nie zuviel

Es war so ein typischer Move von Pal Dardai. Der ungarische Trainer von Hertha BSC, der “Männerfußball” dem normalen vorzieht und zu Hause gerne mal ein ganzes Schwein isst, verbot seinem Team nach 120 Minuten Leidensfußball im DFB-Pokal gegen die Bayern einfach mal das Jammern.

Der Jammer-Impuls war groß

Zum Mäuse melken: Rune Jarstein nach dem 2:3 gegen die Bayern. (TOBIAS SCHWARZ/AFP/Getty Images)

Vielleicht hatte er seinen mittlerweile nur noch selten genutzten Twitter-Account (letzter Tweet am Tag nach Heiligabend) am Abend vor dem Einschlafen dafür verwendet, mal in die blau-weiße Fanseele reinzuhören. Denn auch wenn es die Presseabteilung von Hertha BSC nach dem 2:3 gegen den Rekordmeister versucht hatte, anders darzustellen: Das Pokal-Aus wirkte aufgrund der Art und Weise, dass Hertha 117 Minuten nur hinterhergelaufen war, wie eine vertane Chance. Verbunden mit dem 0:1 gegen Wolfsburg ein paar Tage zuvor, war der Impuls zu Jammern, zumindest bei mir, wieder mal sehr groß.

Und während ich mir noch vorstellte, wie Valentino Lazaro sich nach gefühlten 400 Hüftwacklern und danach gelungenen Flanken von Kingsley Coman und später Franck Ribery in die Fötusstellung begibt und von Dardai einen Tag später unsanft in den Schnee geschmissen wird, da schwang sich die Mannschaft – ohne den gesperrten Lazaro, dafür mit einem aus dem Hut gezauberten Lukas Klünter – zu einem Auftritt auf, den ich ihr nicht mal in einer perfekten Parallelwelt zugetraut hatte. 3:0 in Gladbach?! Keinen Cent, nicht mal einen am Straßenrand liegenden Kiefernzapfen hätte ich darauf gesetzt. Ich hatte nach dem anstrengenden Pokalabend vielmehr das genaue Gegenteil erwartet.

Meilenweit drunter her

Aber ich schrieb es ja am Anfang der Saison: Die Sache mit den Erwartungen ist bei Hertha so eine Sache. Dieser Verein hat in den letzten zehn Jahren eine Kunst daraus entwickelt, Erwartungen, sobald sie auch nur über ein „Dit wird eh nix“ hinausgehen, meilenweit zu unterlaufen. Immer wenn man glaubt, jetzt sind sie stabil und sollten am Wochenende eigentlich gewinnen, verlieren sie 1:2 in Stuttgart oder 1:4 in Düsseldorf. Entspannt zurücklehnen? Das geht für Hertha-Fans nur noch außerhalb der Saison.

Aber dann gibt es auch wieder solche wie Spiele wie am Wochenende in Gladbach oder wie vor ein paar Monaten zu Hause gegen die Bayern. Spiele, vor denen du nicht mal Gegenwehr erwartest, weil Hertha nüchtern betrachtet gegen solche Gegner – entweder wegen ihrer individuellen Qualität oder wegen ihres Laufs – eigentlich keine Chance hat. Spiele, vor denen du dir genau überlegst, ob du sie dir überhaupt anschaust, weil Quälen lassen kannst du dich ja auch beim Zahnarzt.

Herrlich – und deprimierend

Gemeinsam erfolgreich: Hertha nach dem 3:0 in Gladbach(Maja Hitij/Bongarts/Getty Images)

Und dann gewinnen sie nicht nur, nein, sie sind taktisch besser, sie lassen defensiv bis auf eine Aktion gar nichts zu, sie schenken einem Gegner drei Tore ein, der in diesem Jahr noch gar keins kassiert hat und holen drei Punkte aus einem Stadion, in das man zehn Jahre lang eigentlich nur gefahren ist, weil es halt auf dem Spielplan stand. Sie schießen Tore, die jedes für sich wunderschön sind, eine traumhafte Einzelleistung, ein Konter, bei dem Davie Selke mal zeigen konnte, was er eigentlich alles kann und endlich auch mal wieder ein Standard, der das Spiel zumachte. Herrlich! 

Und gleichzeitig auch deprimierend. Denn solche Leistungen sind es, die dich drei Wochen später bei 5 Grad im Olympiastadion wieder verzweifeln lassen, wenn gegen Mainz gar nichts mehr funktioniert. Wenn sie wieder so spielen, als hätten sie sich monatelang nicht gesehen. Stockfehler hier, Verstolperer da. Na gut, dann verlieren wir halt …

Wie eine Affäre

Man muss diesen Verein schon sehr ins Herz geschlossen haben, um nicht an den Erwartungen zu zerbrechen. Hertha gibt sich wie diese eine Affäre, die dir an einem Abend Hoffnungen macht, dass sie wirklich eines Tages mit dir durchbrennen wird und dir an einem anderen Tag zwanzig Minuten vor dem gemeinsamen Karibik-Urlaub absagt, weil sie halt doch keine Lust hat. Völlig unzuverlässig. Eigentlich unliebbar. Und doch irgendwie geil.

Denn wenn man so will, ist Hertha auf sehr bescheidenem Niveau das, was im Fußball seit einigen Jahren alle suchen. Eine Mannschaft, bei der alles passieren kann, bei der auch manchmal alles passiert, aber sehr oft eben auch nichts. Ein sehr großer Haufen Unberechenbarkeit. Mehr kann man heutzutage nicht erwarten.

[Eine Kolumne von Daniel Otto]

Ein bisschen mehr Selke darf es sein

Ein bisschen mehr Selke darf es sein

Die deutliche 1:4-Niederlage gegen Fortuna Düsseldorf erinnerte an die schwachen Zeiten der vergangenen Rückrunde und lässt die Mentalitätsfrage an die Mannschaft von Hertha BSC zu. 

Normalerweise würde an dieser Stelle die allwöchentliche Einzelkritik stehen, doch nicht nach dem 12. Spieltag, nicht nach solch einem Offenbarungseid. Ja, das Wort “Offenbarungseid” ist ein großes, doch beschreibt es die letzten Wochen recht treffend, ohne eine massive Krise ausrufen zu wollen. Es wäre nicht zielführend und schon gar nicht unterhaltend, wenn nun die Einzelkritik zu einer erschreckenden Mannschaftsleistung in Düsseldorf folgen würde. Bei den Offensivspielern gäbe es nichts zu holen und bei den Abwehrleuten zu viel. Das Schöne an so einem Blog ist, dass man sich eben nicht an feste Formate zwingend halten muss und in besonderen Situationen einfach mal drauf los schreiben kann. Und ja, nach einem 1:4 gegen (das damalige) Tabellenschlusslicht Fortuna Düsseldorf ist einem danach.

45 ordentliche Minuten

(Foto: Maja Hitij/Bongarts/Getty Images)

Im ersten Durchgang war die Partie gegen Fortuna Düsseldorf noch eine sehr offene. Es war durchaus zu erkennen, welchen Plan Trainer Pal Dardai und seine Mannschaft verfolgten. Hertha wollte den Ball lange im Zentrum halten, um dann die Außenbahnen mit jeweils zwei Spielern zu überladen. So entstand auch die größte Chance der ersten 45 Minuten – die Gelegenheit für Ondrej Duda, der den Ball aber nicht an Fortuna-Keeper Michael Rensing vorbeigeschoben bekam. Insgesamt fehlte es den Blau-Weißen jedoch an Genauigkeit in seinen Offensivaktionen, sodass zwar ein konstruktives Spiel zu erkennen war, aber der “vorletzte Pass”, wie Vladimir Darida nach der Begegnung analysierte, nicht sauber genug gespielt wurde. Defensiv ließ sich nichts beanstanden, die Berliner Abwehr stand gut. Ehrlicherweise muss aber auch gesagt werden, dass der Gastgeber bis dahin auch keine Herausforderung darstellte.

Dies sollte sich mit dem Platzverweis für Maxi Mittelstädt ändern. Die gelb-rote Karte nach 40 Minuten für Herthas Linksverteidiger war sicherlich eine harte, aber dennoch regelkonforme Entscheidung von Schiedsrichter Robert Hartmann. Sie sollte allerdings die gesamte Statik des Spiels maßgeblich verändern.

Die Sache mit dem Momentum

Für die zweite Halbzeit stellte Dardai seine Elf um, brachte Jordan Torunarigha für Vedad Ibisevic in die Partie, um Stabilität auf der linken Abwehrseite herzustellen. Dies scheiterte jedoch auf ganzer Linie, Hertha ging nach dem Pausentee vollständig unter. “Wir hatten in der ersten Halbzeit genug Möglichkeiten, in Führung zu gehen. Dann stellen wir uns naiv mit der Gelb-Roten Karte an. Nach den Umstellungen hat die linke Seite in der zweiten Halbzeit versagt. Das war aber auch insgesamt viel zu dünn. Wir haben immer die spielerische Lösung gesucht. Dabei sollten wir beißen, dem Gegner weh tun”, erklärte Pal Dardai nach dem Spiel.

(Foto: Maja Hitij/Bongarts/Getty Images)

Dem Ungar und wohl auch jedem Berliner Zuschauer fehlte die vollständige Aufopferung der Mannschaft. “Hertha hatte in Düsseldorf gestern also zwei Herausforderungen – 40 Minuten lang hatte sie Zeit, sich eines Spiels zu bemächtigen, das weiter offen nicht sein konnte. Danach musste sie 45 Minuten lang in Unterzahl versuchen, sich gegen Widrigkeiten zu behaupten und vielleicht Andeutungen des Charakters einer Spitzenmannschaft zu machen. Ich weiß nicht, welches der beiden Versäumnisse gravierender ist, vermutlich aber doch zuerst einmal das erste”, schrieb Hertha-Blogger Marxelinho sehr passend zu dem Verlauf der Partie. Und nein, Charakter bewies die Truppe am Samstagnachmittag nicht.

Das Spiel gegen die Fortuna erzählte viele Geschichten, die allesamt nicht die Berliner Mannschaft als Helden vorsahen. Bereits mit der erneuten Verletzung von Abwehrchef Niklas Stark schien die Begegnung nicht zu Gunsten der “alten Dame” zu verlaufen, der spätere Platzverweis Mittelstädts und damit zwei sehr frühe notwendige Wechsel von Dardai erzählten die tragische Komödie weiter. Auch Schiedsrichter Robert Hartmann war mit seiner äußert fragwürdigen Leitung des Spiels zweifellos ein Faktor. “Der Schiedsrichter kann das von mir aus als Foul werten, wenn er dafür aber Gelb gibt, muss er in dem Spiel 25 Gelbe Karten und fünf Rote Karten verteilen”, sagte Mittelstädt wohl gezielt übertreibend nach dem Spiel und tatsächlich war keine klare Linie des Spielleiters zu erkennen. Es hätte eigentlich zig gelbe Karten für die Düsseldorfer geben müssen und auch dadurch wird ein Spiel in andere Bahnen gelenkt.

Diese ganze Aufzählung von Dingen, die gegen Hertha liefen, wie auch der Sonntagsschuss von Takashi Usami zum zeitlich denkbar ungünstigen 0:1-Rückstand, sind in jedem Fall zu nennen und dennoch dürfen sie keine Generalerklärung für das Auseinanderfallen der Hauptstädter sein.  All diese Widrigkeiten können nicht verargumentieren, warum die Spieler nicht alles aus sich herausholten und sich schlichtweg ergaben. Es ist vollkommen klar, dass das Momentum spätestens nach dem Führungstreffer Düsseldorfs auf Seiten des Aufsteigers lag. Es war förmlich zu spüren, wie das Eindringen des Balls in die Berliner Tormaschen ein Brustlöser für das gesamte Stadion war und den Aufsteiger aus einer tiefen Lethargie herauspulte. Auf einmal schien alles zu funktionieren – aber Hertha ließ es auch funktionieren.

Selke macht’s vor

Es war abenteuerlich, wie Herthas Innenverteidigung (insbesondere Luckassen und Torunarigha) Düsseldorf bei allen Toren einfach gewähren ließen. Das Berliner Mittelfeld war an diesem Tag durchlässiger als Herthas Einbindung von Eigengewächsen und so war es der besagte Offenbarungseid. Es ist nämlich ein immer wiederkehrendes Charakteristikum dieser Mannschaft, sich großen Widerständen gegenüber zu ergeben, anstatt gegen sie anzukämpfen. Das erlebte man vor allem in der leblosen Rückrunde der vergangenen Spielzeit und auch im letzten Heimspiel gegen RB Leipzig, das mit dem Treffer zum 0:2 beendet war. Kein Aufbäumen, keine “jetzt erst recht”-Attitüde lässt sich erkennen.

(Foto: Matthias Kern/Bongarts/Getty Images)

Einer der vormacht, wie es geht, ist Davie Selke. Zwar befindet sich der Mittelstürmer in keiner berauschenden Form, vieles will ihm nicht gelingen, doch eines kann man ihm nicht absprechen: er gibt sich nie zufrieden – mit keinem Zweikampf, keiner Torchance, keinem Ergebnis. Der 23-Jährige hat exakt die Einstellung, die vielen seiner Mannschaftkameraden abgeht, weil er Dinge auf dem Feld nicht einfach akzeptiert. Dadurch wirkt er oftmals unbeholfen und übermotiviert, aber eben auch gallig, erfolgsversessen und nimmersatt. Sein Treffer zum 1:3 in Düsseldorf steht beispielhaft für seinen unbedingten Willen. Er ließ sich in seinem langen Sprint zum Tor einfach nicht vom Ball trennen, biss sich leidenschaftlich in den Zweikampf und hatte den Ehrgeiz, seine Aktion mit einem Tor zu krönen. Genau diese Attitüde fehlte den meisten Herthanern an nicht nur diesem Tag. Auch in bei den beiden Unentschieden gegen Mainz 05 und den SC Freiburg war eine gewisse und grundlose Genügsamkeit zu spüren.

Auf den Hinweis von sky, dass Hertha gegen Düsseldorf sein erstes Jokertor in der laufenden Bundesliga-Saison erzielt hatte, erwiderte Selke nur: “Das ist uns heute so dermaßen egal” und genau dieser Satz porträtiert, wie die Einstellung der Mannschaft eigentlich aussehen sollte. So war es sicherlich nicht klug, als sich Valentino Lazaro in der 82. Minute beinahe zu einem Platzverweis aufregte, doch auch der Österreicher ließ erkennen, dass er brennt und sein Schicksal nicht einfach hinnimmt. Ein Zeichen, welches man sich auch von vielen anderen Spielern an diesem Tag gewünscht hätte. Stattdessen sah man zahlreiche hängende Köpfe, halbgare Zweikämpfe und viel Herumgetrabe. Es ist sehr kritisch, wenn sich seine Mannschaft, die zuvor Schalke, Mönchengladbach und Bayern München schlug, nach einem 0:1-Rückstand gegen den Tabellenletzten aufgibt.

Ist denn schon wieder Rückrunde?

Fünf Spiele ohne Sieg und zuletzt zwei Niederlagen mit einem Torverhältnis von insgesamt 1:7 zeichnen ein düsteres Bild von einer Mannschaft, die zuvor als einer großen Überraschungen der Saison galt und seine Fans mit attraktiven, wie erfolgreichen Fußball verwöhnte. “Fünf Spiele am Stück, und keines davon gewonnen – das ist nicht zu erklären”, ärgerte sich Karim Rekik nach der Niederlage am Niederrhein. Diese Serie lässt sich aber eben, wenn vielleicht auch nur teilweise, mit der gesamten Einstellung der Mannschaft erklären.

Seit dem ersten Spiel nach dem euphorisierenden 2:0 über den FC Bayern München fühlt sich die Saison bereits stark nach einer üblichen Rückrunde Herthas an, in der man sich alles einreißt, was man sich vorher aufgebaut hatte. Mit der Kaderqualität ist dieses Phänomen nicht zu erklären, denn bereits vergangene Saison hatte man genug davon im Kader und mittlerweile ist noch mehr hinzugekommen. Es kann auch nicht an dem Fehlen von einem einzigen Spieler, Marko Grujic, abhängig gemacht werden – diese Erklärung ist zu dünn, denn Hertha besitzt auch ohne ihn genug Akteure, die ein Spiel lenken und entscheiden können. Nein, in der Analyse bleibt man immer an dem Aspekt der Einstellung hängen. Damit soll nicht gesagt sein, Herthas Spieler hätten keinen Charakter, mitnichten. Es fehlt der Mannschaft aber schlichtweg das Gen, sich gegen Widrigkeiten zu stemmen und den Bock einfach mal umzustoßen. Zu selten nimmt man das Schicksal in die eigene Hand.

Schaffen Trainer und Mannschaft es nicht, endlich eine neue innere Kultur von stetigem Hunger auf mehr zu etablieren, wird es erneut eine trostlose Saison, die von ein paar Highlights gelebt haben wird, aber auch von sehr viel Ernüchterung und “Was wäre wenn”-Momenten. “Die Mannschaft aus diesem Loch, körperlich oder mental, herauszuführen, das ist das Wichtigste”, so Dardai. Das kommende Heimspiel gegen Hoffenheim und die darauffolgende Partie in Hannover werden zeigen, wie gut die Länderspielpause zur Aufarbeitung genutzt wurde und was für eine Saison Hertha BSC spielen will.

Nationalität ist keine Leistung

Nationalität ist keine Leistung

Normalerweise geht es in dieser Kolumne nur um Fußball. Aber Hertha BASE hat sich in der vergangenen Woche der #wirsindmehr-Bewegung angeschlossen und sich dabei klar als Fürsprecher von Vielfalt und Toleranz positioniert. Hintergrund waren die Vorkommnisse in Chemnitz, bei denen sich offensichtlich normale Bürger hinter ganz klar Rechtsradikalen versammelten und die es auch nicht störte, dass mehrfach der Hitlergruß gezeigt und anders aussehenden Menschen Angst gemacht wurde. Ich fand die Positionierung auf der Hertha-BASE-Facebookseite richtig gut. Doch was dann passierte, ist in vielerlei Hinsicht so bemerkenswert, dass ich in dieser Kolumne noch einmal darauf eingehen will.

Horizont nur bis zum nächsten Heimspiel

Es gab Hunderte Kommentare von Menschen, deren Horizont offensichtlich nur bis zum nächsten Heimspiel reicht. Die sich an Kleinigkeiten aufhängten, statt die eigentliche Message des Textes verstehen zu wollen. Die nicht die Ablehnung von jeglicher Form von Rassismus, Abgrenzung und Unterdrückung sahen, sondern eine Art der Bevormundung. Als würde das Statement einer Facebook-Page ihnen eine Meinung diktieren.

Hertha BASE unterstützt #WirsindmehrWenn uns die Geschehnisse (nicht nur) in Chemnitz eines zeigen, dann dass…

Gepostet von Hertha BASE am Mittwoch, 5. September 2018

Etwas mehr als 70 Menschen entschlossen sich aufgrund dieses Statements, ihr Like für Hertha BASE zurückzuziehen. Ein Like für eine Fanseite eines Sportvereins, dessen bestes Fußballteam aus 35 Spielern besteht, von denen 22 mindestens einen Migrationshintergrund haben oder sogar Ausländer sind. Eines Sportvereins einer Stadt, die so multikulturell ist wie vermutlich keine andere in Deutschland und nur wenige in der Welt. Eines Sportvereins, für den es selbstverständlich ist, “sich entschlossen und geschlossen Rassismus, Fremdenfeindlichkeit und Ausgrenzung jeder Ausprägung entgegenzustellen.” Um es mit Barack Obamas Worten zu sagen: “Wie schwer kann es da sein, zu sagen, dass Nazis böse sind?”

Auf Basis des Grundgesetzes

Um das hier direkt mal festzuhalten: Ich halte jeden, der jemand anderen wegen seines Geschlechtes, seiner Abstammung, seiner Rasse, seiner Sprache, seiner Heimat und Herkunft, seines Glaubens oder seiner religiösen oder politischen Anschauungen herabwürdigt oder benachteiligt für einen schlechten Menschen. Ich halte umgekehrt auch jeden für einen schlechten Menschen, der sich wegen oben genannter Attribute für etwas Besseres hält. Es ist eine Leistung, für Hertha gegen Schalke zwei Tore zu erzielen. Aber es ist keine Leistung, eine bestimmte Nationalität zu haben. Das gleiche gilt übrigens für Religionen. Trotzdem will ich hier niemanden belehren. Natürlich gibt dieser Text meine Meinung wider, die aus meinen Erfahrungen und meiner Sozialisierung entstanden ist. Es kann jeder eine andere haben. Solange wir uns auf der Basis des Grundgesetzes bewegen, bin ich diskussionsbereit.

Schon klar, Nationalitäten helfen manchmal sehr. Ich wollte diesen Text zum Beispiel eigentlich so beginnen: “Wisst ihr noch, als uns ein Bosnier am ersten Spieltag nach Vorlage eines Österreichers mit angolanisch-griechischen Wurzeln zum Sieg geschossen hat? Und dann, eine Woche später auf Schalke! Der erste Sieg nach gefühlten 100 Jahren in Gelsenkirchen. Ein Niederländer mit Wurzeln in Surinam spielt einen Slowaken frei – Tor! Der Slowake trifft danach nochmal, weil ein Deutsch-Pole einen Freistoß in guter Position herausgeholt hatte. Was man schon nach zwei Spieltagen definitiv sagen kann: Migration hat Hertha BSC nicht geschadet. Ganz im Gegenteil.”

Nationalität sagt nichts aus

Das zeigt wunderbar die internationale Vielfalt bei Hertha, hat aber auf der anderen Seite nichts mit der Qualität der Spieler oder Menschen dahinter zu tun. Ob der Deutsch-Pole ein guter Fußballer oder Mensch ist, kann ich nicht an seiner Nationalität ablesen. Man kann sich natürlich an Erfahrungen orientieren, aber wenn es danach geht, hätte Hertha nach Artur Wichniarek eigentlich alles polnische auf den Index setzen müssen…

Was ich damit sagen will: Weil Osama bin Laden ein Terrorist war, sind nicht alle Muslime Terroristen. Weil Adolf Hitler im Namen aller Deutschen Millionen von Juden vergast hat, sind nicht alle Deutschen 80 Jahre später noch potenzielle Massenmörder. Und weil ein syrischer Flüchtling eine Frau vergewaltigt, sind nicht alle syrischen Flüchtlinge Vergewaltiger.

Wo sind wir hingekommen?

Für manche ist das offenbar keine Selbstverständlichkeit mehr. Und es ist ja auch verständlich, dass man sich eine gewisse Skepsis aneignet, wenn man einmal schlechte Erfahrungen gemacht hat. Aber sich abzuschließen und das eigene Weltbild unveränderbar abzuspeichern, ohne Änderungsmöglichkeiten zuzulassen? Das sorgt für Frustration und Hass. Und es geht sehr oft nur noch um Gruppen, die in der humansten Ausprägung ausgewiesen oder, das ist dann die unterste Schublade, gleich vergast werden müssen. Wo sind wir eigentlich hingekommen, dass man so etwas nicht nur denkt, sondern auch öffentlich äußert?

Ich habe vor zwei Tagen eine Geschichte gelesen, in der ein Vater seinen Kindern beim Kriegspielen zuschaut. Er ruft sie daraufhin zu sich und sagt ihnen, dass er es nicht mag, seine Kinder beim Kriegspielen zu sehen, sie sollten doch bitte lieber Frieden spielen. Die Kinder nicken, stecken die Köpfe zusammen und sagen dann: “Papa, kannst du uns sagen, wie man Frieden spielt?”

Es sind immer 50 Shades of Grey

Das ist das Problem. Es ist einfach, jemanden zu hassen, weil er aus einem anderen Land kommt, eine (andere) Religion praktiziert oder einfach anders ist, als man selbst. Früher passierte es häufiger, dass Spieler von gegnerischen (oder sogar eigenen) Teams nach besonders guten (oder eben schlechten) Leistungen in Verbindung mit ihrer Nationalität beschimpft wurden. Obwohl die natürlich absolut gar nichts mit der Leistung auf dem Platz zu tun hatte. Aber es ist halt ungleich schwieriger, zu beschreiben, warum eine Leistung schlecht war.

Es ist auch einfacher, sich sein Weltbild selbst zu malen, wenn man beim echten nicht mehr hinterherkommt. Die ganze Welt wird immer komplexer, nur schwarz und weiß gibt es nicht mehr, es sind immer mindestens 50 Shades of Grey. #Lügenpresse, wenn es nicht mehr in den Kopf passt. Komplexität ist nichts für die Massen. Deshalb lieben ja alle Fußball: Weil er grundsätzlich so einfach ist. Aber es ist eben auch deutlich einfacher, mit gehobenem Arm “Heil Hitler” zu rufen, als sich darüber Gedanken zu machen, wie wir in dieser großen Welt in Frieden zusammenleben können.

Die Bösen wird es immer geben

Denn darum geht es. Frieden. Für uns und unsere Kinder. Natürlich kann man nicht außer Acht lassen, dass es Menschen auf diesem Planeten gibt, die Hass predigen oder ausüben. Die wird es immer geben, die hat es immer gegeben. Sie kommen mal aus Deutschland, mal aus Syrien, mal aus Russland. Aber sie sind in erster Linie Menschen, die irgendwann vom richtigen Weg abgekommen sind oder die nie den richtigen Weg gewiesen bekommen haben. Niemand kommt auf diese Welt und räumt mit vorgehaltener Waffe einen Kiosk aus. Menschen machen aus Menschen diese Monster. Und die in der Mehrzahl friedlichen Menschen müssen dafür sorgen, dass solchen Monstern Einhalt geboten wird.

Am Ende ist das Zusammenleben nämlich doch wieder wie ein Fußballspiel. Es ist wichtig, dass sich alle an die Regeln halten, und zwar selbst dann, wenn einige das nicht tun. Nur, wenn auch denen, die die Regeln missachten, vorgelebt wird, dass sich alle anderen daran halten, ergeben Regeln Sinn. Das Grundgesetz sind unsere historisch gewachsenen Regeln. Wer sich davon abwendet, hat aus der Geschichte nichts gelernt und gibt den Frieden, den er selbst erleben durfte, leichtfertig auf.

[Eine Kolumne von Daniel Otto]