Marius Wolf – Nie wieder oder auf Jahre Hertha?

Marius Wolf – Nie wieder oder auf Jahre Hertha?

Dynamik, Flexibilität und Mentalität – das waren die Stichworte, mit denen Hertha-Manager Michael Preetz im vergangenen Sommer am Deadline-Day Neuzugang Marius Wolf präsentierte. Der Neuzugang, für ein Jahr von Borussia Dortmund ausgeliehen, sollte auf der rechten Außenbahn bei Hertha anheizen und dem damaligen Trainer Covic zusätzliche taktische Möglichkeiten eröffnen.

„Hertha ist der Hauptstadtclub und hat großes Potenzial.“ Nein, dieser Satz stammt nicht etwa von Jürgen Klinsmann oder Lars Windhorst. Mit diesen Worten wurde vielmehr Marius Wolf auf der Hertha-Homepage zitiert, als er im vergangenen Spätsommer auf Leihbasis nach Berlin wechselte. 24 Pflichtspiele unter drei verschiedenen Trainern und sechs Scorerpunkte später muss Hertha sich nun entscheiden, ob man sich weiter um Dienste des gebürtigen Coburgers bemühen möchte – oder auf dem Markt nach Alternativen sucht.

Ein Transfer, der drei Trainer zurückliegt

Die finanziellen Bedingungen, unter denen Michael Preetz den polyvalenten Wolf vom BVB loseiste, sahen neben einer Leihgebühr von zwei Millionen Euro die Übernahme des Gehalts vor, sodass die Kosten für die einjährige Leihe auf insgesamt 4,5 Millionen Euro taxiert waren – ein Deal, den es vor dem Einstieg Windhorsts wohl kaum gegeben hätte.

Foto: Christian Kaspar-Bartke/Bongarts/Getty Images

Nach Saisonende hätte man Wolf für 20 Millionen Euro fest verpflichten können – ein Preis, der (unabhängig von Corona) deutlich zu hoch angesetzt ist. Seitens des BVB dürfte aber durchaus Verhandlungsbereitschaft über eine niedrigere Ablöse bestehen, Dortmund möchte den Schienenspieler von der Gehaltsliste haben.

Gleichzeitig sucht man in Berlin wohl auch noch nach Verstärkung auf der rechten Abwehrseite und auf den offensiven Flügel-Positionen. Mit seiner Polyvalenz könnte Wolf eine oder gleich beide Lücken schließen, in der abgelaufenen Spielzeit kam er sowohl als rechter Verteidiger als auch im rechten Mittelfeld bzw. als Rechtsaußen zum Zuge. Ein weiteres Argument für Wolf: Der Ex-Frankfurter kennt die Mannschaft gut und hat mehrmals öffentlich deutlich gemacht, sich in Berlin sehr wohl zu fühlen und einem festen Verbleib offen gegenüberzustehen.

Auf seiner vermeintlich besten Position – als rechter Schienenspieler in einem 3-5-2- oder 3-4-3-System – wird Wolf bei Hertha aber in der kommenden Saison wohl kaum gebraucht werden. Neu-Trainer Bruno Labbadia hat sich zwar keinesfalls auf ein Spielsystem festgelegt, bisher spielte Hertha unter ihm im 4-3-3, 4-2-3-1 oder 4-Raute-2. Viererkette statt Dreierkette, wie zuvor unter Ante Covic oder Jürgen Klinsmann – Wolfs „Lieblingsposition“ wird es unter Labbadia wohl nur selten geben. Dass der Flügelspieler noch ein Transfer vergangener Kaderpläne gewesen ist, ist nicht von der Hand zu weisen.

Wolf oder Zeefuik?

Eine andere Position, die der 25-Jährige aber auch spielen kann, ist zufälligerweise eine, auf der sich Hertha unbedingt verstärken möchte: Peter Pekarik wird nicht jünger, Lukas Klünter scheint den neuen Ansprüchen nicht zu genügen – ein neuer Rechtsverteidiger wird also dringend gesucht. In einer Viererkette hat Wolf diese Position bereits beim BVB im Saisonendspurt 2018/2019 ausgefüllt.

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Eine Zweikampfquote von gerade einmal 45% müsste der Dortmunder allerdings deutlich steigern, um zu einer echten Option auf dieser Position zu werden. Zum Vergleich: Peter Pekarik kommt in seinen Einsätzen 2019/2020 auf eine Quote von 55%, ein deutlicher Unterschied. Des Weiteren sind bei Wolfs Einsätzen als Rechtsverteidiger defensivtaktische Mängel und kleinere Patzer zu erkennen gewesen. Ob Wolf, der bei seiner ersten Profi-Station bei 1860 München auch gerne als Mittelstürmer eingesetzt wurde, wirklich die nötigen defensiven Stärken für die Außenverteidiger-Position mitbringt, darf durchaus bezweifelt werden.

Mit Deyovaisio Zeefuik wurde in den vergangenen Wochen immer wieder ein anderer Name mit Hertha in Verbindung gebracht, wenn es um die Lücke hinten rechts geht. Angeblich sei man sich mit dem Spieler einig, einzig die Ablösesumme sei der Haken. Im Gegensatz zu Wolf ist Zeefuik ein ausgebildeter Rechtsverteidiger (aus der Ajax-Akademie), knapp drei Jahre jünger – und wird wohl maximal sechs Millionen Euro kosten. Es wird allerdings nicht auszuschließen sein, dass wenn Hertha sich nicht mit dem FC Groningen bezüglich der Ablösesumme einigen kann, Wolf wieder auf den Plan tritt.

Konkurrent für Lukébakio?

Nach den Abgängen von Alexander Esswein und Salomon Kalou sowie dem wahrscheinlich bevorstehenden Abschied von Mathew Leckie wird sich Hertha im Sommer vielleicht auch um eine neue Option für den rechten offensiven Flügel bemühen – je nachdem, wo man mit Matheus Cunha plant. Als nomineller Rechtsaußen steht aktuell nur Dodi Lukébakio zur Verfügung, aber auch Cunha und Jessic Ngankam haben diese Position in der Vergangenheit bekleidet.

Foto: Maja Hitij/Bongarts/Getty Images

Erst gegen Ende der Saison hatte Labbadia in Lukébakio den nominell stärksten Rechtsaußen für dessen Defensivarbeit gerügt. Nach dem 1:4 gegen Frankfurt hatte Herthas Trainer über die Verteidigungskünste des Belgiers gesagt, „das ist halt (…) nicht seine Stärke“. Lukébakios teils mangelhafter Einsatz in der Rückwärtsbewegung könnte auch durch den fehlenden Konkurrenzkampf begründet sein – ein Problem, bei dem Wolf mit Sicherheit Abhilfe schaffen könnte.

Bereits in Frankfurt und Dortmund machte sich Wolf durch seinen Willen und seine Arbeitsbereitschaft einen Namen, nicht umsonst wurde seine Mentalität bei der Hertha-Vorstellung vor der Saison von Michael Preetz als elementare Qualität benannt. Wolf ist einer, der sich nie hängen lässt, ein Kampfschwein, das Lukébakio im Training Druck machen könnte. Der intensive und lauffreudige Spielstil Wolfs kommt den Vorstellungen Labbdias jedenfalls sehr entgegen.

Wenn man allerdings einen Blick auf das offensive Output wirft, trifft schnell eine gewisse Ernüchterung ein: Den vier Bundesliga-Scorern von Wolf stehen deren 14 für Lukébakio zu Buche. Pro 90 Minuten legt der Belgier deutlich mehr Torschüsse (1.56 zu 1.21) und auch deutlich aussichtsreichere Abschlüsse (0.23 zu 0.14 xA90) als sein Konkurrent auf. Auch die 7 Saisontore Lukébakios überragen den einzigen Treffer von Marius Wolf mit Abstand.

Frankfurter Hochform und das durchwachsene Danach

Aber was machte Marius Wolf eigentlich interessant für Borussia Dortmund? Der BVB zog im Sommer 2018 die Ausstiegsklausel des variablen Flügelspielers und löste ihn für gerade einmal fünf Millionen Euro von Eintracht Frankfurt los. Zuvor hatte Wolf mit der Eintracht den DFB-Pokal gewonnen und unter Niko Kovac eine hervorragende Saison gespielt. In wettbewerbsübergreifend 34 Spielen gelangen ihm sechs Tore und elf Vorlagen.

Grund genug, Wolf zum BVB zu holen, wo dieser es allerdings schon in seiner ersten Saison nicht leicht hatte. Gerade einmal 15 Startelfeinsätze in drei Wettbewerben sammelte der 25-Jährige in Schwarz-Gelb, zumeist auf den Außenstürmer-Positionen oder als rechter Verteidiger eingesetzt. Nur ein Tor in der gesamten Saison – das ist für einen Dortmunder Offensivspieler ein schwacher Wert. Als Dortmund im letzten Sommer noch Thorgan Hazard verpflichtete, schien die Lage für Wolf zunächst aussichstlos und er wurde nach Berlin verliehen.

In diesem Sommer verlässt zwar Hakimi den BVB, dafür konnte der Verein aber Thomas Meunier als Ersatz verpflichten. Und auch Matheus Morey hat sich auf der rechten Seite zu einer echten Alternative entwickelt. Dortmund wird wohl versuchen, Wolf im Sommer loszuwerden, um dessen üppiges Gehalt von 2,5 Millionen Euro jährlich einzusparen.

Wolf droht (auch) bei Hertha die Bank

Ob Hertha Wolf fest verpflichtet, wird am Ende von vielen Dingen abhängen. Eine Rolle dürfte die Ablösesumme spielen – viel mehr als fünf Millionen Euro wird die alte Dame auf keinen Fall zahlen wollen. Dass der BVB den Bedürfnissen von abwanderungswilligen Spielern, die keinerlei Perspektive mehr in Dortmund haben, entgegenkommt, zeigt das Beispiel von André Schürrle. Der ehemalige deutsche Nationalspieler stand eigentlich noch bis Sommer 2021 bei den Schwarz-Gelben unter Vertrag, doch aufgrund seines üppigen Gehalts und den nicht vorhandenen Einsatzchancen wurde sein Vertrag nun aufgelöst. Auf selbiges wird man bei Hertha nicht hoffen können, ein deutliches Entgegenkommen in der Ablöse wäre jedoch zu erwarten.

Foto: Lars Baron/Bongarts/Getty Images

Zudem müsste Wolf vermutlich gegenüber seinem Dortmunder Vertrag deutliche Gehaltseinbußen hinnehmen. Auch die Einschätzung von Trainer Bruno Labbadia wird bei der Entscheidung über eine mögliche Verpflichtung eine Rolle spielen. Labbadia konnte den Spieler zwar nicht in einem Pflichtspiel beobachten, vor dem Derby gegen Union bezeichnete er dessen Fehlen allerdings als „sehr schade“. Aus Medienberichten ist hervorgegangen, dass Herthas neuer Trainer gerne auf Wolf gesetzt hätte, aufgrund dessen Verletzung dann aber auf Pekarik hat zurückgreifen müssen.

Grundsätzlich wird Marius Wolf den BVB aber wahrscheinlich nur verlassen, wenn ihm bei seinem neuen Verein deutlich mehr Spielzeit garantiert wird. Als Flügelspieler müsste sich der technisch teilweise limitierte Wolf wohl zunächst hinter Javairo Dilrosun, Matheus Cunha und Dodi Lukébakio einsortieren, könnte aber insbesonders gegen starke Gegner mit seiner Defensivarbeit und Akribie zu Einsätzen kommen.

Als Rechtsverteidiger wäre die Lage vermutlich umgekehrt: Als gelernter Offensivspieler könnte Wolf besonders gegen tiefstehende Gegner offensive Akzente setzen. In jedem Fall ist aber äußerst fraglich, ob Wolf sich für die Rolle als Kaderspieler in Berlin begeistern kann. Gerade in einer ähnlichen Form wie in der Saison 2017/2018 wäre er für Hertha aber zweifelsohne eine Bereicherung.

Gábor Király – Der verrückte Ungar und seine graue Schlabberhose

Gábor Király – Der verrückte Ungar und seine graue Schlabberhose

Gabor Kiraly war von 1997 bis 2006 Teil von Hertha BSC, 108-facher ungarischer Nationalspieler, hat knapp 700 Profi-Spiele absolviert und gab erst mit 43 Jahren sein Karriereende bekannt. Kurzum: Der ehemalige Torhüter ist eine echte Legende des Fußballs. Unser Text zum Mann mit der Schlabberhause.

Was war ich traurig, als er uns damals nach England verließ. Ich hatte all die Jahre gehofft, wenigstens einmal seinen selbst ersehnten Abwurf gegen die eigene Latte zu sehen. Er wollte den Ball so hart und platziert gegen die eigene Torlatte schleudern, dass es wie ein „normaler“ Abwurf gewesen wäre. Von 100 Versuchen im Training gelang ihm dies 99 Mal. Das Restrisiko schien trotzdem zu hoch. 

Wegen solcher Geschichten musste man ihn einfach lieben. Der Abwurf blieb auf das Training beschränkt. Er wurde vehement daran gehindert, in einem Spiel den Ball so ins Feld zu bringen. Wahrscheinlich wurde er auch privat von Jürgen Röber oder Falko Götz bedroht, sollte er das Kunststück einmal in einem Punktspiel vollführen.

Als Unbekannter gekommen, doch schnell eine Ikone

Der ungarische Rekordnationaltorhüter spielte von 1997 bis 2004 in Berlin. Er kam mit 21 als unbekannter Spieler zur Hertha. Den Zweikampf im Tor mit dem ziemlich genau ein Jahr älteren Christian Fiedler entschied er schnell für sich. Er wurde direkt in seiner ersten Saison 1998/1999 zum besten Keeper der Bundesliga gewählt.

Foto: Elisenda Roig/Bongarts/Getty Images

Gabor Király ist kein neumodischer Torhüter, der technisch beschlagen ist und mitspielt. Man hatte dennoch nie das Gefühl der Unsicherheit, wenn der letzte Mann am Ball war. Er strahlte große Ruhe am Ball aus und das schon in jungen Jahren. Hinzu kamen seine Verletzungen – er hatte keine. Während seiner gesamten Karriere fiel er ein Spiel aus. Wegen einer Wadenverhärtung. Mit 35 Jahren.   

National in den Fokus rückte er nicht durch seine überdurchschnittlichen Leistungen, sondern durch ein spezielles Kleidungsstück: Er trug bei Wind und Wetter, Sommer und Winter immer eine Graue Baumwolljogginghose. Egal, ob sie von Wasser, Schnee oder Matsch vollgesogen war, oder ob die Außentemperatur bei 36 Grad lag. Man sah Gabor Király immer mit der grauen Baumwoll-Jogginghose durch den Strafraum hechten.

Die Jogginghose

Die Jogginghose wurde schnell zur Kulthose. Eigenen Angaben zufolge trug er die Hose erstmals 1994 in Szombathely. Der Zeugwart hatte die schwarzen Hosen vergessen und nur noch graue lange Hosen für den Keeper. Mit den Hosen im Kasten startete der Verein eine Siegesserie von 9 Spielen in Folge. Seitdem trennte Király sich nicht mehr von Schlabberhosen. Mythen besagen, er transportierte die Jogginghose in einem eigenen Koffer. Oder er trug die Hose nur, weil man ihn schlechter tunneln konnte. So oder so. Diese Hose ist auf ewig mit dem Torhüter und dem Namen Gábor Király verbunden.

Foto: Sandra Behne/Bongarts/Getty Images

Doch was machte die Hose und ihre Ausstrahlung so besonders? Wahrscheinlich, weil die Fans einen „normalen“ Menschen in Gábor sahen. Einen von ihnen. Einen, der kurz vor dem Spiel mit seiner Jogginghose von der Couch aufgestanden, aufs Klo und dann auf den Platz gegangen ist. Im Geschäft Fußball war und ist das nicht selbstverständlich.

Hertha-Ausstatter Nike jedenfalls erkannte das Potenzial um die graue Schlabberhose und nahm sie für jedermann käuflich in die Hertha-Kollektion auf. Király und seine Jogginghose waren auch über Berlin und Hertha hinaus Kult.

2004 zog der Publikumsliebling seine Trainingshose das letzte Mal für Hertha an. Unter Tränen verließ er den Verein Richtung England. Von all seinen Stationen als Torhüter war Hertha mit Abstand seine längste. Warum er Berlin damals verließ, hatte verschiedene Gründe. Seine Leistungen wurden durchwachsen. Er verlor zeitweise seinen Stammplatz und schien nicht mehr ganz frei im Kopf zu sein. Er litt an Depressionen wie es damals hinter vorgehaltener Hand hieß.

Kindheitstraum England

Király selbst klärte in einem Pressegespräch auf: „Wir hatten mit Hertha eine schlechte Hinrunde gespielt. Am Morgen nach dem letzten Spiel gegen Köln, es war der 19. Dezember, wollte ich nicht mehr aufstehen. Ich hatte Angst. Ich wollte die Leute nicht enttäuschen. Von einer Depression sollte man nicht sprechen, es war eine sportliche Krise. Ich war nie bei einem Arzt, ich habe auch nie eine Tablette genommen.“ 

Zur Überwindung der Krise sagte er: „Ganz entscheidend war meine Frau. Sie hat mir damals gesagt, ich solle doch zum jährlichen Weihnachts-Treffen der ehemaligen Nationalspieler nach Budapest fahren. Das war am 21. Dezember. Dort habe ich zum richtigen Zeitpunkt die richtigen Leute getroffen, mich lange mit Sandor Grosics (Ungarns WM-Torwart von 1954) und Peter Disztl (Nationaltorwart 1986) unterhalten. Das hat mir sehr geholfen.“

Dann bekam Király ein Angebot von Crystal Palace aus der englischen Premier League. Ein Kindheitstraum! Also zog er mit 28 nach London. Sein sympathisches und offenes Wesen kam hervorragend bei den Briten an und so avancierte er auch in England innerhalb kürzester Zeit zum Publikumsliebling. Bereits nach einer Saison galt er als einer der besten Torhüter der Liga. Leider konnte er den Abstieg des Londoner Clubs nicht verhindern.

Ihm gefiel es in der Premier League so gut, dass er sich 2006 zu West Ham United verleihen ließ, 2007 dann zu Aston Villa und 2009 wurde er vom FC Burnley dann fest verpflichtet.

Die Rückkehr nach Deutschland

2012, im Alter von 32 Jahren kehrte er das Kind der Bundesliga zurück nach Deutschland. Genauer genommen verpflichtete ihn Bayer Leverkusen als Ersatztorwart für René Adler. Die Rückkehr von Király wurde zunächst belächelt. In der Folgesaison schwang er sich jedoch in Liga zwei bei 1860 München zum unumstrittenen Stammspieler auf. Bis 2014 sollte er noch das Tor der Löwen hüten, bevor er 2015 bei seinem Heimatverein Haladás Szombathely anheuerte und sich ein Kreis schloss.  

Foto: JEAN-PHILIPPE KSIAZEK/AFP via Getty Images

Seine internationale Karriere hat Király mit 40 Jahren und nach 108 Länderspielen für Ungarn beendet. Bei der EM 2016 in Frankreich avancierte er zum ältesten Teilnehmer einer Europameisterschaft und löste Lothar Matthäus ab.

Schon vor Karriereende war Király Besitzer und Betreiber eines großen Sportzentrums. Es umfasst Hallen, Plätze, eine kleines Rehazentrum und natürlich eine Torwartschule. Insgesamt beschäftigt er 20 Trainer. Außerdem besitzt er einen eigenen Verein, den Kiraly Szabadidösport Egyesület, welcher in der 4. Liga spielt, der Regionalliga Ungarns.

Mittlerweile vermarktet der tüchtige Ungar auch seine Merchandising-Artikel selbst. Von T-Shirts über Pullover und Trikots gibt es natürlich auch Torwartzubehör wie Handschuhe, Trikots und – natürlich – seine graue Schabberhose. Das Label heißt „K1raly“ mit einer 1 als i.

Einer von uns

Kontakt nach Berlin hat Gábor Király auch noch. Er telefoniert oft mit Landsmann Pál Dárdai und Torwarttrainer Zsolt Petry. Auch mit Nello di Martino und seinem alten Torwarttrainer Enver Maric hält er Kontakt. Gabor selbst sagte über seine Zeit bei Hertha: „Ich bin mit 21 Jahren nach Berlin gekommen und mit 28 gegangen. Das war meine erste Station im Ausland, die ich nie vergessen werde. Ich habe viel gelernt bei Hertha und mit tollen Profis gespielt. Hertha war ganz wichtig für mich.“ Das ist Musik in den Ohren aller Berliner Fans.

Als Herthaner blickt man immernoch wehmütig auf unsere ehemalige Nummer 1 zurück. Nicht nur wegen seiner glanzvollen Leistungen. Er war eine Attraktion. Er war immer ehrlich. Auf und neben dem Feld. Er war einer von uns.

Zurück zum Glück? – Herthas Talente unter Labbadia

Zurück zum Glück? – Herthas Talente unter Labbadia

Zwei Spieltage vor dem Ende der Bundesliga-Saison ist Hertha BSC wieder angekommen an einem Punkt, den man so gerne verlassen würde: Das tabellarische Nirvana, irgendwo zwischen Europa-Cup-Plätzen und Abstiegskampf. Am Ende einer turbulenten Saison dürfte man in Berlin trotzdem froh sein, dass Hertha sich bereits deutlich vor Saisonende aus dem Abstiegskamp verabschiedet hat. Die letzten beiden Spieltage bieten für Coach Labbadia nun auch die Möglichkeit, ein wenig zu experimentieren – und so vielleicht dem einen oder anderen Talent das Bundesliga-Debüt bzw. weitere Spielpraxis in Herthas Profi-Team zu ermöglichen.

Der Kinderriegel, „Jugend forscht“, „Aus Berlin – für Berlin“: Mittlerweile scheint eine kleine Ewigkeit vergangen zu sein, seit solche Begriffe zuletzt mit Hertha BSC in Verbindung gebracht wurden. Aus einem finanziell chronisch klammen Bundesligisten ist ein Investorenverein geworden, der in seiner ersten Saison als neureicher Club keinen Skandal ausließ. Mit Bruno Labbadia hat man jetzt – nach drei vergeblichen Anläufen – wohl erstmal den richtigen Trainer für die neuen Ambitionen gefunden. Und gleichzeitig kehrt mit dem Ex-Stürmer auch ein Stück Prä-Windhorst-Hertha zurück, plötzlich erhalten blau-weiße Eigengewächse wieder die Chance, sich zu beweisen. Wurde der Kader unter Jürgen Klinsmann im Zweifelsfall mit Kaderspielern wie Alexander Esswein oder Pascal Köpke aufgefüllt, standen unter Labbadia im Spiel gegen den SC Freiburg gleich acht Eigengewächse im Kader, darunter die 18-Jährigen Marton Dárdai und Omar Rekik.

Die Zukunft gehört Berlin

Vor Windhorsts Einstieg und insbesondere dem Klinsmann-Chaos hatte man es sich bei Hertha zur Aufgabe gemacht, eine hohe Durchlässigkeit für eigene Talente zu schaffen. Die graue Maus der Liga wollte sich über die Nachwuchsforderung einen Namen machen, Trainer Pal Dárdai war gewissermaßen die Galionsfigur dieses Weges. Die Hertha-Ikone sah Hertha durch die „sehr gute Akademie“ als eine „Art Mini-Ajax“ an. Zahlreiche Talente feierten unter dem Ungarn ihre Bundesliga-Debüts für Hertha, drei von ihnen gehören mittlerweile zum erweiterten Stammpersonal (Mittelstädt, Torunarigha, Maier). Dass Bruno Labbadia diesen in den vergangenen Monaten verloren gegangenen Faden nun wieder aufgreift, ist aber keinesfalls verwunderlich. Bereits vor dem Re-Start äußerte Labbadia sich zum Thema Eigengewächse: „Wir wollen sie fordern und fördern, […] und jeder, der den Weg mitgehen möchte, ist herzlich Willkommen.“ Hertha ist durchaus für eine gute Jugendarbeit bekannt, vor zwei Jahren wurde man sogar zum ersten Mal deutscher Meister bei den A-Junioren. Und auch in den aktuellen Jugendjahrgängen findet sich das eine oder andere große Talent.

Bruno Labbadia – (auch) als Jugendförderer bekannt

Und auch für den neuen Coach selbst ist der Ansatz, auf vereinseigene Talente zu setzen, keinesfalls neu. Die beiden deutschen Nationalspieler Antonio Rüdiger und Timo Werner verdanken ihm ihre Bundesliga-Debüts, letzteren hätte der Trainer gerne schon mit 16 Jahren in der Bundesliga eingesetzt – wenn es die Regularien erlaubt hätten. Beim Hamburger SV debütierte Gideon Jung unter Labbadia, bei seiner letzten Station, dem VfL Wolfsburg, spielte sich der Deutsch-Kosovare Elvis Rexhbecaj in der Bundesliga fest. Bei Hertha verspricht Labbadia den Akademie-Talenten, „jeden [zu] fördern, der einfach auch Bereitschaft mitbringt“. Die Tür ist offen – nur durchgehen müssen die Hertha-Jugendspieler selbst, mit Fleiß, Ehrgeiz und harter Arbeit.

Neben einer fußballerischen Idee, die der Trainer über die Jahre für seine Teams entwickelt hat, gehört also auch eine Förderung der jeweiligen Vereinsjugend zum Profil des Ex-Stürmers. Und somit scheint nach Monaten des Chaos neben dem sportlichen Erfolg auch ein kleines bisschen der Hertha-Identität nach Berlin zurückzukehren.

Jessic Ngankam – treffsicher und begehrt

Gleich im ersten Spiel wurde Labbadia seinem Ruf als Förderer der Jugend gerecht: Jessic Ngankam, der zuvor noch nie im Hertha-Kader gestanden hatte, kam direkt im ersten Spiel unter Leitung des neuen Coaches zum Bundesliga-Debüt. Kurz zuvor war der 19-Jährige mit einem Wechsel zum FC Bayern oder Borussia Mönchengladbach in Verbindung gebracht worden – mit der TSG Hoffenheim soll er sich im Winter sogar bereits einig gewesen sein, bis sein Vater den Wechsel unterband – mit elf Toren und elf Vorlagen in 22 Regionalliga-Spielen hat sich das Hertha-Talent für höhere Aufgaben empfohlen.

Foto: Oliver Hardt/Bongarts/Getty Images

Sein Stellenwert scheint unter dem neuem Trainer aber höher als zuletzt, auch im Auswärtsspiel in Leipzig wurde er in der Schlussphase eingewechselt. Gegen Borussia Dortmund kam Ngankam schon zur Halbzeitpause für Dodi Lukébakio in die Partie, er bekam so die Chance, erstmals so richtig in einem Bundesligaspiel anzukommen. Das Trainerteam begründete diesen Wechsel nicht etwa mit einer Verletzung Lukébakios – man hätte eher den Eindruck gehabt, dass Ngankam in der zweiten Halbzeit mehr Einfluss auf das Spiel nehmen könnte. Und auch wenn dem Youngster nicht alles gelang, gaben einige Dinge Grund zur Freude: So scheint Ngankam nur wenige Anpassungsprobleme an das physische Niveau der Bundesliga zu haben. Ein Punkt, an dem zuletzt unter anderem Julius Kade oder Pálko Dárdai scheiterten.

Ngankam wird meistens als Mittelstürmer eingesetzt, kam in der vierten Liga aber auch schon auf beiden Flügeln zum Einsatz, ihm wird eine gute Einstellung nachgesagt. Die meisten seiner Tore erzielt er mit dem stärkeren rechten Fuß, gerne auch mal von außerhalb des Sechzehnmeterraums. „Wenn er weiter kommen will“, so Bruno Labbadia, „gibt es keinen Grund, Hertha BSC zu verlassen.“ Mit ausführlichen Gesprächen und (bisher) drei Joker-Einsätzen in der Bundesliga gelang es somit, den gebürtigen Berliner zu einer Vertragsverlängerung zu bewegen. Hinter Krzysztof Piatek, möglicherweise auch Matheus Cunha oder Lukébakio wird Ngankam sich zunächst wohl meist mit Joker-Einsätzen begnügen müssen. Hierbei muss auch die Rückkehr von Daishawn Redan miteinberechnet werden, welcher die gleichen Positionen wie Ngankam spielt.

Lazar Samardžić – Herthas „Next Big Thing“?

Auch Lazar Samardžić durfte (beim Derbysieg gegen Union) erstmalig Bundesliga-Luft schnuppern, nachdem er auch schon unter Ex-Coach Alexander Nouri den Sprung in Herthas Spieltagskader geschafft hatte. „Laki“ gilt als das aktuell größte Talent aus Herthas Jugendakademie, gewann im vergangenen Jahr die bronzene Fritz-Walter-Medaille. Der 18-Jährige ist meistens als Zehner oder Achter unterwegs und zeichnet sich besonders durch seine brillante Ballführung und Schusstechnik aus, erzielte in 56 Spielen in der A- und B-Jugend-Bundesliga starke 54 Tore – einige davon auch von außerhalb des Sechzehners. Außerdem stehen in den beiden Junioren-Ligen auch 23 Assists für den Deutsch-Serben zu Buche, Samardžić verfügt über eine gute Entscheidungsfindung, kann kreative Akzente setzen und mit seinem Spielwitz den Gegner vor große Probleme stellen. „Er ist ein total spannender Spieler, der sehr viel Fantasie in uns weckt“, sagte Nouri über das Eigengewächs. „Ein toller Service-Spieler, der mich mit seiner guten räumlichen Wahrnehmung, seinem peripheren Sehen – also seinen Pässen in gewisse Räume für die Mitspieler – ein Stück an Max Kruse erinnert.“

Foto: Charles McQuillan/Getty Images for DFB

Seine Qualitäten haben aber auch außerhalb Berlins Begehrlichkeiten geweckt, unter anderem wird Juventus Turin, dem FC Barcelona und Atlético Madrid Interesse an einer Verpflichtung nachgesagt. Mit Ondrej Duda verfügt Hertha zwar bereits über einen ähnlichen Spielertypen, trotzdem ist zu erwarten, dass Samardžić sich langfristig in Herthas erster Elf fest spielen dürfte. Labbadia scheint derweil die Erwartungen noch ein wenig bremsen zu wollen: „Auf alle Fälle hat er eine Anlage, keine Frage […]. Jetzt ist es die Frage, arbeitet er mit dem Talent, bleibt er dran, entwickelt er sich weiter?“

Auch beim Auswärtsspiel in Dortmund kam Samardžić in der Schlussphase zu einem weiteren Bundesliga-Kurzeinsatz. Gegen Frankfurt brachte Labbadia ihn schon nach 34 Minuten für den verletzten Skjelbred, musste ihn nach Boyatas roter Karte aber kurz nach der Pause wieder auswechseln – zu Herthas extrem defensiver Ausrichtung in der zweiten Halbzeit passte „Laki“ mit seinen herausragenden, aber eher offensiven Anlagen weniger gut. Wenig verwunderlich sorgte die Wieder-Auswechslung für Frustration bei Samardžić, der via Instagram aber Zuspruch von u. a. Matheus Cunha und Krzysztof Piątek bekam, gewissermaßen den „Stars der Mannschaft“. Das Talent ist vorhanden, Geduld und Unnachgiebigkeit werden sich nun entwickeln müssen.

Ein neuer „Kinderriegel“?

Drei der nächsten Kandidaten für ein baldiges Bundesliga-Debüt haben es unter Labbadia (auch verletzungsbedingt) zumindest schon mal in den 20-Mann-Kader geschafft: Luca Netz und Marton Dárdai standen beide bereits gegen den FC Augsburg bzw. gegen Hoffenheim im Kader, eingewechselt wurden sie aber nicht. Mit Omar Rekik kommt noch ein dritter Kandidat dazu (erstmals im Kader gegen Freiburg) – allesamt sind sie Abwehrspieler.

Foto: Andreas Schlichter/Getty Images for DFB

Doch die Konkurrenz ist groß: Der gerade 17 gewordene Netz sieht sich auf der Linksverteidigerposition einem Konkurrenzkampf mit Marvin Plattenhardt und Maximilian Mittelstädt ausgesetzt, kam allerdings in diversen Juniorenteams auch schon als linker Mittelfeldspieler zum Einsatz. Zudem ist die Saison für Netz nach einem Fußbruch bereits beendet. Marton Dárdai muss sich aktuell unter den linksfüßigen Innenverteidigern bei Hertha nur hinter Jordan Torunarigha einsortieren – allerdings wird auch Karim Rekik zurückkehren und einen Platz für sich beanspruchen. Der 18-Jährige war Kapitän der deutschen U17-Nationalmannschaft, überzeugt besonders durch seine starke Spieleröffnung und seine mentale Stärke. Beim Spiel gegen RB Leipzig wäre Dardai aufgrund des personellen Engpasses beinahe eingewechselt worden, Labbadia wäre hierbei nicht bange geworden: „Gestern hätten wir sicher Márton reingebracht. Das Potenzial sehen wir bei ihm, deswegen trainiert er mit. Wenn es die Situation erfordert hätte, hätten wir ihn auch als Linksverteidiger eingesetzt. Wir hätten ihn definitiv reingeworfen.“

Omar Rekik, rechtsfüßiger Innenverteidiger, muss sich mit Dedryck Boyata und Niklas Stark im Kampf um den anderen Platz in Herthas Innenverteidigung auseinandersetzen. Keine einfache Aufgabe für den jüngeren Rekik-Bruder, der allerdings als äußerst talentiert galt und erst im Winter wohl Angebote vom FC Barcelona, Real und Atlético Madrid vorliegen hatte. Ähnlich wie Netz könnte auch er von seiner Polyvalenz profitieren, der Niederländer kann auch als Sechser eingesetzt werden. Für alle drei Talente dürfte es aufgrund der Konkurrenzsituation zunächst schwierig werden, Spielzeit in Herthas Bundesligateam auf ihren Paradepositionen zu bekommen. Gerade für die Innenverteidiger-Position hat Labbadia bereits durchblicken lassen, dass er – anders als seine Vorgänger – auf mehr Konstanz und weniger Personalrochaden setzen möchte.

Die Lehren der Vergangenheit

Außerdem ist äußerst fraglich, wie viel Spielzeit die Talente in der neuen Saison wirklich bekommen, wenn auch die beiden zusätzlichen Wechseloptionen voraussichtlich wieder wegfallen. Dabei begünstigt die neue Regel den Einsatz von mehr Eigengewächsen enorm, nicht nur bei Hertha. Unabhängig davon ist es aber eine spannende Frage, wie man in Berlin mit der nächsten Generation junger Spieler umgeht. Aus dem „goldenen“ 99-er Jahrgang hat bisher nur Arne Maier den Durchbruch bei Hertha geschafft – das Modell, die Spieler über die eigene U23 langsam heranzuführen, hat in mehreren Fällen (bisher) nicht funktioniert (Friede, P. Dárdai, Jastrzembski, Baak, Kiprit). Gut denkbar, dass man Talente, die es aufgrund der aktuellen Konkurrenzsituation schwer haben dürften, dieses Mal in die dritte oder zweite Liga verleiht – für Spielpraxis auf einem etwas höheren Niveau als in der Regionalliga. Den mittlerweile im Profikader etablierten Eigengewächsen Jordan Torunarigha und Maier half bei ihrem Durchbruch übrigens die Dreifachbelastung durch die Europa League und die damit verbundene Rotation. Im Hinblick auf Herthas aktuellen Talente-Pool wäre es also tatsächlich der perfekte Moment, sich in der kommenden Saison wieder für das internationale Geschäft zu qualifizieren.

Weeste noch? Als Salomon Kalou mit einem blau-weißen Turban in Hannover dreimal traf

Weeste noch? Als Salomon Kalou mit einem blau-weißen Turban in Hannover dreimal traf

Auswärtsspiele in Hannover waren für mich drei Jahre lang keine. Das Studium brachte mich zwischenzeitlich aus Berlin-Moabit nach Hannover-List und bevor ihr mit der Hauptstadt-Arroganz, die auch mir noch beim Umzug anhaftete, in die Tasten haut: Hannover ist eine geile Stadt. Viele urige Kneipen, im Stadtteil Linden die größte Späti-Dichte Deutschlands, dazu ein ganz schickes Stadion.

Am 6. November 2015 bekam ich Besuch aus Berlin von einem meiner besten Freunde seit Kindertagen, mit dem ich, sofern nicht die Arbeit ruft, alle Heimspiele gemeinsam in der Ostkurve besuche. Ein Freitagstermin, Hertha bei 96, ach, du schöne, graue Bundesliga. Aber sei’s drum. Mit einem Auswärtssieg winkt der Sprung in die Champions-League-Ränge und das lokale Herrenhäuser Pils schmeckt eh und spült die Zweifel ob der 1:4-Heimniederlage gegen Borussia Mönchengladbach am Vorspieltag runter, super Bedingungen also.

Ziemlich Hannover gegen Hertha

Wir kommen vor den Toren des Auswärtsblocks an und die Stimmung ist typisch Freitagsspiel. Anstoßtermin 20:30, ergo: Mehr Zeit zum Vorglühen. Ergo: Alles nochmal einen Zacken kerniger. „Wir sind alle Friedenauer Jungs“, grölen sich vier Herthaner gegenseitig ins Gesicht, die vor geschätzten 40 Jahren letztmals Jungs waren aber es beim Fußball halt doch noch sind. Wenig später treffen wir zwei Endzwanziger im allerbesten Modus. Die Augen angerötet, die Stimme geölt. Sie schenken uns zwei kleine Jägermeister, wir nehmen dankend an. Spannend und fraglich zugleich, dass das Gefühl von Heimweh in solchen Moment besonders reinkickt.

Aber weiter, rein ins Stadion. Wir stehen im Oberrang recht weit unten, das Spiel geht los. Schon beim Anpfiff auffälligster Mann: Salomon Kalou, der mit einem blau-weißen Verband auf dem Kopf spielt, nachdem er sich gegen Gladbach eine dicke Platzwunde zuzog. Pal Dardai bezeichnete ihn später als „Badekappe“. Das Spiel ist zu Beginn ziemlich Hannover gegen Hertha. Es folgt Liveticker-Poesie vom Kicker aus der neunten Minute: „Bech macht Druck auf Plattenhardt, der Außenverteidiger lässt sich aber nicht verunsichern. Es folgt der ruhige Rückpass zu Torwart Jarstein.“ Der Auswärtsblock singt seine Lieder.

Drei Tore, zwei Fläschchen

Foto: Stuart Franklin/Bongarts/Getty Images

Hertha ist in der Folge nicht wirklich gut, aber besser, und dann schlägt Sala erstmals zu. Genki Haraguchi (es sei nochmal daran erinnert, dass Michael Preetz es fertiggebracht hat, diesen Mann nach vier durchwachsenen Jahren mit einem Transferplus von vier Millionen Euro an 96 zu verkaufen) bedient Kalou, der flach ins linke Eck einschiebt. Es ist ein typisches Kalou-Tor: Ansatzlos und gekonnt. Dann ist Halbzeit. Die Jägermeister-Jungs erblicken uns aus dem Unterrang und werfen uns aus Freude am Leben zwei weitere kleine Fläschchen nach oben, wir greifen sicher zu. Der Stadionverweis bleibt glücklicherweise aus.

Hannover startet besser in die zweite Halbzeit und dann kontert Hertha. Über Lustenberger, Weiser und Darida landet der Ball bei Kalou, der rennt und rennt und das Eins-gegen-Eins gegen Zieler ganz sicher für sich entscheidet.

Das Spiel ist damit eigentlich im Sack. Hiroshi Kiyotake verkürzt zwar per Elfmeter, aber kurz vor Schluss wird auch Hertha ein Strafstoß zugesprochen. Kalou tritt an und trifft wie Kalou eben oft trifft: Ansatzlos und gekonnt. Drei Schüsse, drei Tore, das siebte Saisontor nach dem 12. Spieltag. Kalou auf dem Peak.

Nach der Partie spielt sich eine dieser Szenen ab, anhand derer die Anhänger anderer, manche würden sagen „kultiger“, Vereine so oft gelobt und romantisiert werden, die bei der Betrachtung von Hertha aber nicht selten einfach hintenüberfallen. „Wir spielen im Europacup, Power von der Spree!“ singt ein euphorisierter Auswärtsblock noch 50 Minuten nach Abpfiff ins leere Stadion, bis die Mannschaft in Trainingsanzügen aus den Katakomben zurück vor den Mob schlufrt. „Olé, Salomon Kalou!“ und Sala setzt, sich vor der Szenerie selbst filmend, sein breitestes Lächeln auf.

Kalou, die Legende

Sollte es das nach dieser Saison mit Hertha BSC und Salomon Kalou gewesen sein, zählt dieses Spiel zu den besten, die der Mann in bald sechs Jahren für Blau-Weiß gemacht hat. Mit den Vereinsfarben auf dem Kopf einen Hattrick zu erzielen, immer im richtigen Moment zu treffen, das Spiel oftmals nur passiv beobachten, um sich den perfekten Moment zur bestmöglichen Interaktion mit dem Ball rauszusuchen – so oft in der Ostkurve oder in den Auswärtsblocks des Landes nach einem misslungenen Dribbling auch auf Salomon Kalou geflucht sein mochte, so genial war dieser Typ in vielen Spielen einfach auch.

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53 Tore in 173 Spielen erzielte Kalou bislang für Hertha. Wenige der Marke Traumtor, umso mehr durch die pure Erfahrung und Abgezocktheit. Von den Qualitäten, die der Mann als mannschaftsinternes Bindeglied mitgebracht hat, ganz zu schweigen. Salamon Kalou kam als Champions-League-Sieger und einstiger Stammspieler beim FC Chelsea. Er wird als Vereinsikone und treuer Herthaner gehen.

Mal ehrlich: Nur wenige Transfers von vermeintlichen Stars, die ihren Zenit eventuell schon überschritten haben, nehmen so ein gutes Ende. Olé, Salomon Kalou![Titelbild: Stuart Franklin/Bongarts/Getty Images]

Endlich wieder Samba

Endlich wieder Samba

Ich prophezeie: die vergangene Woche wird nicht wegen des unwürdigen Abgangs von Jürgen Klinsmann in Erinnerung bleiben, sondern weil am Mittwoch Matheus Cunha endlich in Berlin landete und drei Tage später sofort in die Startelf gegen den SC Paderborn rückte. Der Brasilianer belebte sofort das Spiel der Herthaner und erzwang mit einem artistischen Hackenschuss den 2:1 Siegtreffer für die Berliner. Dazwischen sprintete er den Platz auf und ab, grätsche Gegner am eigenen Strafraum ab und sorgte mit einigen härteren Fouls für Aufregung. Endlich ist wieder Samba im Berliner Spiel.

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Ich bin zu einer Zeit mit Hertha sozialisiert worden, als noch Alex Alves der Rekordtransfer für Hertha BSC war. Eine meiner frühesten bewussten Erinnerungen an ein Herthaspiel im Olympiastadion ist sein legendäres Anstoßtor gegen den 1. FC Köln im September 2000 (Oh Gott, ist das wirklich schon so lange her?). Der Brasilianer Alves war das Versprechen auf eine glorreiche Zukunft für Hertha (Geschichte wiederholt sich anscheinend doch) und er löste dieses Versprechen ein: 35 Tore und 19 Vorlagen in insgesamt 108 Spielen für die Blau-Weißen. Er sorgte dafür, dass dem Spiel von Hertha immer etwas verrücktes, etwas unberechenbares innewohnte – im guten wie im schlechten Sinne. Hertha BSC wurde wegen Alex Alves wahrgenommen. Mit ihm öffnete sich für Hertha BSC die Tür zur schillernden Fußballkultur Brasiliens.

Dann kam 2001 Marcelinho dazu. Mit ihm erhielt das Mittelfeld von Hertha einen brasilianischen Herzschlag – quasi Samba auf dem Platz. Sein Spiel war so vielseitig und kreativ wie die Farbe und Formen seiner Frisur. Man konnte bei jedem seiner Schritte, Pässe und Torschüsse seine Liebe zum Fußballspielen sehen und fühlen. Er machte Dinge mit dem Ball, die niemand anderes konnte oder sich traute. Marcelinho hob Hertha BSC auf ein höheres Niveau, mit ihm schlossen die Berliner die Spielzeiten zweimal auf Platz 4, einmal Platz 5 und einmal Platz 6 ab. Insgesamt erzielte er für Hertha BSC in 193 Spielen unglaubliche 79 Tore und 60 Torvorlagen.

Duda, Grujic und co. reichten nicht

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Der nächste prägende Brasilianer in Berlin war dann Raffael (dazwischen gab es natürlich noch Gilberto und Mineiro – auch sie waren große Spieler). Raffael war die etwas seriösere, strategischere Version eines Brasilianers – gleichzeitig hatte er aber auch das spielerisch Leichte. Auch er dominierte das Offensivspiel der Herthaner über Jahre hinweg mit seinen 39 Toren und 31 Vorlagen in insgesamt 163 Spielen. Das Raffael mittlerweile noch bessere Zahlen im Trikot der Gladbacher (198 Spiele, 71 Tor und 35 Vorlagen) auflegt, bricht mir übrigens ein wenig das Herz. Der notwendige Verkauf von Raffael im Jahr 2012 war die eigentliche Tragödie des Abstiegs in der Saison 2011/12. Hätte er bei Hertha bleiben können, er wäre heute wahrscheinlich eine Berliner Legende und die Goldelse längst durch eine Statue von ihm ersetzt worden.

Selbst Ronny, Raffaels kleinerer und kräftigerer Bruder, hat für Zauber und Magie bei Hertha gesorgt. Er war der Lichtblick in der trostlosen Zweitliga-Saison 2012/13, in der er mit 18 Toren und 14 Vorlagen (darunter fünf direkt verwandelte Freistöße) quasi im Alleingang den sofortigen Wiederaufstieg und damit das Überleben von Hertha BSC sicherte. Auch Ronny war für mich die Garantie, dass jederzeit etwas magisches auf dem Platz passieren kann. Ein Pass, den nur Brasilianer aus dem Fußgelenk zaubern können. Ein Fernschuss aus scheinbar unmöglicher Position, der dann doch seinen Weg in das Tor fand. Ein ruhender Ball, der durch Ronny auch immer eine berechtigte Hoffnung auf ein Tor bedeutete.

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Und dann kam eine lange Durststrecke. Dem Berliner Spiel fehlte über Jahre hinweg dieses gewisse “Etwas”, das spielerisch Besondere. Niemand außer uns Herthafans schaute gerne unsere Spiele. Zu grau, zu unkreativ, zu langweilig, zu eintönig im Offensivspiel. Am ehesten hatte man zuletzt dieses Besondere von Duda erwartet (der Name klang schonmal etwas brasilianisch). Doch Duda konnte diese Hoffnungen nicht erfüllen, weil er zu oft an sich und/oder dem Trainer Pal Dardai und dessen Spielidee scheiterte. Auch Grujic war auch so ein Versprechen. Der Serbe konnte lediglich eine dreviertel Saison lang beweisen, dass er potentiell “der beste Mittelfeldspieler” seit Marcelinho sein könnte.

Cunhas spektakuläres Debüt in Paderborn

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Jetzt aber Cunha – der bereits 16. Brasilianer in Blau-Weiß. Er war in seinem ersten Spiel für Hertha an fast allen gefährlichen Szenen gegen Paderborn beteiligt, überzeugte durch Technik und Spielwitz. Ich hatte sofort das Gefühl, dass das Spiel der Hertha wieder das besondere “Etwas” hatte. Sowohl im positiven als auch im negativen Sinne. Ganz vielleicht hat sich Hertha BSC im Winter 2020 ein kongeniales Stürmerduo zusammengekauft. Hier der seriöse Torjäger Krzysztof Piatek (dessen Vorbild Robert Lewandowski ist) und da der dynamische, verspielte Cunha, der Leidenschaft und etwas Verrücktes reinbringt. Wir erinnern uns daran, dass er in einer Szene lieber den lässigen Lupfer als den trockenen Torschuss versucht. Nur ein Brasilianer ist wohl physisch in der Lage mit der Hacke so einen Torschuss zu platzierten, der dann die 2:1 Führung für die Berliner bedeutete.

Ich bin jedenfalls begeistert. Cunha lässt mich an Alves, Marcelinho und Raffael zurückdenken und gibt mir Hoffnung für zukünftig mehr Kreativität im Berliner Offensivspiel. Endlich wieder Samba auf dem Feld. Das ist doch, in den aktuell so turbulenten Zeiten für Hertha, schonmal ein Anfang. Zwar gab es in Herthas Vergangenheit auch weniger erfolgreiche Transfers aus Brasilien wie etwa einen Andre Lima oder Kaka, aber Cunha hat bereits in 90 Minuten bewiesen, dass er wohl endlich wieder ein Positivbeispiel sein kann.

Lucas Tousart – Wieso, weshalb, warum?

Lucas Tousart – Wieso, weshalb, warum?

Die Verpflichtung von Lucas Tousart bringt viele Fragen mit sich, die ohne interne Informationen nur schwer für Fans zu beantworten sind. Ist er die hohe Ablösesumme wert? Wieso kommt der Franzose erst im Sommer zu Hertha? Warum wollten ihn zahlreiche Fans in Lyon nicht mehr? Welche Rolle kann er bei Hertha einnehmen?

Wir widmen uns im nachfolgenden Text zunächst der Vorgeschichte von Lucas Tousart, bevor wir versuchen, einige dieser Fragen bestmöglich zu beantworten. Dafür haben wir uns bei “Coeur de Gone“, einem der größten Fanblogs rund um den Olympique Lyonnais, Verstärkung geholt. Idèr, der sein Club schon sehr lange intensiv verfolgt, gab uns viele nützliche Informationen rund um Lucas Tousart und dessen Laufbahn in Lyon. Seine Antworten gab er uns auf Französisch. Die Zitate sind also frei von unserem Redakteur Chris übersetzt.

Von der Reserve zum Stammspieler

Bevor wir uns den Fragen widmen, wollen wir uns die Laufbahn des neuen Rekordtransfers von Hertha BSC genauer anschauen. Wie er sehr jung zu „OL“ (Olympique Lyonnais) kam, seine Chance nutze in die Profi-Startelf zu kommen und sich zum Stammspieler etablierte. Das alles erzählt uns Idèr: „Als er 2015 bei uns angekommen ist, war er zuerst lange bei der Reserve (U23). Danach hat er in der Saison 2016/2017 angefangen stark aufzuspielen. Maxime Gonalons, damals der Stammspieler auf seiner Position, bekam eine rote Karte und vier Spiele Sperre im Spiel gegen Bordeaux. Tousart wurde daraufhin regelmäßig eingesetzt, konnte sehr gute Leistungen zeigen. Er brachte genau die Frische und Energie, die Gonalons zuletzt fehlte.”

“So stark war die Leistung von Tousart in dieser Zeit, dass ihn sein Trainer Genesio nicht mehr aus der Startelf nahm, auch nicht als Gonalons zurückkehrte. Dieser war als Kapitän nicht wegzudenken, sodass beide Spieler nunmehr als „Doppel-Sechs“ sehr erfolgreich agierten. Später wechselte Gonalons und Tousart wurde zum unumstrittenen Stammspieler. Zunächst mit viel Erfolg, dann jedoch leidete seine Entwicklung unter der fehlenden Konkurrenz.“

Tousart wurde als Kapitän von Frankreichs U19 Europameister (Foto: Daniel Roland/AFP/Getty Images)

Während er sich in der Ligue 1 hocharbeitete, glänzte Herthas Neuzugang schon im frühen Alter in der Junioren-Nationalmannschaft Frankreichs. Er gewann 2016 als Kapitän der U19 zusammen mit Spielern wie Kylian Mbappé, Markus Thuram und Amine Harit die Europameisterschaft. Er ist auch aktuell der meistberufene Spieler der U19 Frankreichs, mit 21 Spielen. Im Sommer 2019 trug er erneut die Kapitänsbinde, dieses Mal bei der U21-EM, und führte seine Mannschaft bis ins Halbfinale, wo man sich allerdings gegen Spanien geschlagen geben musste.

Schwierige Saison für OL und Tousart

Dann kam die Saison 2019/20. Eine Saison, die für Lyon alles andere als gut begann. Man verpflichtete die Clublegende Juninho als Sportdirektor und wechselte den Trainer. Bruno Génésio musste gehen und wurde von Sylvinho ersetzt.

„Der Sportdirektor Juninho erklärte zum Saisonstart, dass er auf der Position von Tousart Neuverpflichtungen holen wolle. Dieser aber zauberte im August förmlich, insbesondere gegen Monaco (0:3 Sieg der Lyonnais, wo Lucas Tousart sogar ein Tor erzielte). Letzten Endes wurde Thiago Mendes rekrutiert (für 22 Millionen Euro), der aber keine Leistung brachte. Der Stammplatz von Tousart war also weiterhin nicht in Gefahr.“

Der Saisonstart verlief noch gut für Tousart und OL. (Foto: Valery Hache/AFP/Getty Images)

So spielte Tousart also auch fast jede Partie, konnte aber nicht die Negativserie seines Vereins verhindern. Lyon spielte monatelang schwach und im Oktober war nach weniger als sechs Monaten für Neutrainer Sylvinho Schluss. Rudi Garcia übernahm die Verantwortung und setzte ebenfalls auf Tousart. Aktuell läuft es deutlich besser für Lyon, die Negativserie hat aber viel Zeit und Punkte gekostet. Ganze fünf Punkte trennen die Lyonnais noch von Platz drei in der Ligue 1.

„Warum wollen ihn so viele OL-Fans wechseln sehen?”

Wie also festgestellt, setzte sich Lucas Tousart recht zügig als Stammspieler durch, war in den Junioren-Nationalmannschaften einer der wichtigsten Spieler Frankreichs und ließ sich auch nicht im Konkurrenzkampf hängen. Warum also wird Herthas Neuzugang dann von so vielen Lyon-Anhänger verspottet und zum Teil sogar in sozialen Netzwerken als Witzfigur betrachtet? Wir haben diese Frage auch Idèr gestellt:

„ (Tousart) ist jung, aber mit einer Entwicklung, die seit etwa zwei Jahren stockt. Technisch ist er nicht sehr stark. Er hat auch Schwierigkeiten im Spiel nach vorne, sucht oft auf den Seiten und hinter ihm Anspielstationen.“

„In den Spielen, wo OL den Ball hat und das Spiel machen muss, hat er Schwierigkeiten, das Offensivspiel zu organisieren, obwohl er auf einer Position ist, in der er ein Dreh- und Angelpunkt der Mannschaft sein müsste. Man hört oft, dass seine Abwesenheit im Ligaspiel gegen Marseille (1:2 Niederlage) ein Zeichen dafür ist, dass er unumstritten sein sollte. Ich bin nicht ganz einverstanden. Außerdem: wenn er gegen Marseille gefehlt hat, dann nicht aufgrund einer Verletzung, sondern weil er wegen zu vielen gelben Karten gesperrt war: ein Sinnbild dafür, wie viele Fouls er begeht.“

Kritikpunkt: Tousart sieht viele Karten. (Foto: Anne-Christine Poujoulat/AFP/Getty Images)

Hauptkritikpunkt der Fans ist jedoch das, was im Fußball immer zuerst auffällt: technische Defizite. „Seine Schwächen im technischen Bereich hindern ihn daran, sich vom gegnerischen Pressing zu lösen und nach vorne zu gehen.“ Sein Rolle ist zwar eher in der Stabilität und Kompaktheit im zentralen Mittelfeld, doch viele Lyon-Fans waren insbesondere in den schlechten Phasen ihrer Mannschaft auf der Suche nach einem Sündenbock.

Dass Tousart in einer schlecht funktionierenden und verunsicherten Mannschaft Schwierigkeiten hatte, nach vorne zu arbeiten, ist eine Sache, die man kritisieren kann. Sich nur darauf zu fokussieren, wäre aber auch zu engstirnig. Gerade auf der defensiven Position im zentralen Mittelfeld sind die meisten Aspekte des Spiels unsichtbar. Ob das Positionsspiel, das Spiel gegen den Ball und die physische Präsenz: diese Aspekte sind schwieriger für Fans zu erkennen als eine schlechte Ballannahme oder misslungene Dribblings.

Auch Idèr gibt zu: „Alles ist nicht so schlecht, wie teilweise dargestellt. (…) Er könnte sich woanders zeigen, aber ich glaube er hat in Lyon eine Art „Plateau“ erreicht, da der theoretische Spielstil des Vereins nicht unbedingt zu seinen primären Stärken passt.“

„25 Millionen Euro? Ist er die hohe Ablöse wert?“

Wer sich über hohe Ablösesummen im aktuellen Fußball ärgert, wird viele Nerven verlieren. Tatsächlich steigen diese Summen immer weiter, und auch Hertha BSC ist da nicht isoliert zu betrachten. Betrachtet man den Marktwert von Lucas Tousart auf transfermarkt.de, kommt man auf rund 20 Millionen Euro.

Tousart beim Tor gegen den FC Barcelona (Foto: Josep Lago/AFP/Getty Images)

Für einen 22-jährigen zentralen Mittelfeldspieler, der bereits jetzt viele Jahre Profifußball-Erfahrung hat, ist dies nicht unüblich. Insgesamt weist der junge Mittelfeldspieler 108 Spiele in der Ligue 1 (drei Tore, drei Vorlagen), 16 in der Europa League (Ein Treffer, eine Vorlage) und sogar 14 in der Champions League (Ein Treffer, eine Vorlage) auf. Um einen Vergleich bei Hertha BSC zu machen: Arne Maiers Marktwert auf transfermarkt.de beträgt ebenfalls 20 Millionen Euro. Seine Bilanz beträgt 44 Bundesligaspiele (keine Tore, eine Vorlage) und drei Internationale Partien (in der Europa League). Maier ist aber mit seinen 21 Jahren noch ein dreiviertel Jahr jünger.

Der genaue Kaufpreis ist beim Transfer von Tousart zu Hertha BSC nicht bekannt. Er soll aber um die 25 Millionen Euro betragen. Dass ein junger Spieler mit viel Potenzial über Marktwert verkauft wird, ist leider insbesondere im Wintertransfermarkt üblich. Als Hertha-Fan kann man sich darüber ärgern, als Lyon-Fan darüber freuen. Doch unverhältnismäßig hoch ist die Summe nicht, man kann sie mit einem Wort beschreiben: Marktüblich.

Jean-Michel Aulas, der Präsident von „OL“, ist dafür bekannt, seine jungen Spieler für sehr hohe Ablösesummen zu verkaufen. Er hat einen Ruf, besonders hartnäckig in Transferverhandlungen zu sein. Im letzten Sommer beispielsweise wechselte Tanguy Ndombélé von „OL“ zu Tottenham Hotspurs. Die Ablösesumme ging sogar bis etwa 60 Millionen Euro.

„Warum erst im Sommer? Hertha braucht ihn jetzt!“

Viele waren darüber überrascht, dass Lucas Tousart zwar bereits bei Hertha BSC unter Vertrag steht, allerdings erst im Sommer in der Hauptstadt zur Verfügung stehen wird. Für den Rest der Saison wird er weiter in Lyon als Leihspieler spielen. Dies hat zwei Gründe:

Der erste Grund ist, dass wie bereits angesprochen Jean-Michel Aulas gut verhandeln kann und Lyon Lucas Tousart für den Rest der Saison noch braucht. Seine Konkurrenz konnte bisher nicht überzeugen und auch der junge Maxence Caqueret weist mit seinen 19 Jahren noch nicht die gleiche Sicherheit auf. „OL“ wollte sich also nicht schon im Winter von Tousart trennen. Es ist also davon auszugehen, dass Hertha Tousart gar nicht erst bekommen hätte, hätte man der anschließenden Leihe für die Rückrunde nicht zugestimmt. Ein saurer Apfel, in den Preetz und co. wohl beißen mussten.

Doch auch für Hertha ergibt der Deal Sinn. Aktuell ist der Kader der Berliner sehr groß und die Unzufriedenheit mancher Spieler kommt immer mehr zum Vorschein. In dieser komplizierten Lage noch einen weiteren Spieler mit Stammelfansprüchen zu holen, würde noch mehr Unruhe schaffen. Im Sommer werden allerdings einige Spieler gehen, allen voran Marko Grujic, dessen Leihe bei Hertha BSC endet. Auch Per Skjelbred wird wohl den Haupstadtclub verlassen, sodass gleich zwei zentrale Mittelfeldspieler weniger im Kader stünden. Manager Michael Preetz sagte zum Deal: „Diese Verpflichtung ist ein Vorgriff auf den Sommer und ein Investment in die Zukunft von Hertha BSC“.

„Kommt Tousart als Ersatz für Arne Maier?“

Gerade als die Verpflichtung von Lucas Tousart offiziell wurde, äußerte sich Arne Maier in den Medien und forderte einen Wechsel. Ob es sich da tatsächlich um eine tiefe Unzufriedenheit handelt, eine Flucht vor Konkurrenzkampf oder um Gehaltsverhandlungen geht, ist den meisten Fans unklar.

Michael Preetz jedoch äußerte sich diese Woche deutlich dazu, dass die Verpflichtung von Lucas Tousart keineswegs regelmäßige Einsätze von Arne Maier gefährde. Im Gegenteil: der Franzose sei als Ersatz für den Abgang von Marko Grujic gedacht. Preetz bestätigte außerdem auch, dass Tousart und Maier unterschiedliche Spielertypen sind und nicht dieselbe Position auf dem Platz haben.

Tatsächlich hat Lucas Tousart eher eine defensive Rolle und Arne Maier eher eine strategische, offensivere Aufgabe. Der 22-Jährige Franzose kommt also gerade nicht als Ersatz für Arne Maier, sondern könnte ein gutes Pendant sein.

„Wie stark ist er überhaupt? Warum will ihn Hertha unbedingt?“

Unser Lyon-Experte Idès sagt zu den Stärken von Tousart: „Er ist ein körperlich starker Spieler, gut in den Zweikämpfen und mit einer guten Mentalität. (…) In den schwierigen Spielen, besonders auswärts, sind seine Power und seine Durchsetzungskraft unheimlich wertvoll.“

Herthas Neuzugang glänz mit Zweikampfstärke und Robustheit. (Foto: Carlos Costa/AFP/Getty Images)

Auf seiner Position im defensiven Mittelfeld bringt Tousart also genau das mit, was überaus wichtig ist. Robustheit, Handlungsschnelligkeit und Spielintelligenz zeichnen ihn aus. Er ist ein Spieler, der eine Sache wie kaum einer in Lyon beherrscht: das Kämpfen. Auch wenn es nicht seine primäre Stärke ist, weiß er auch wo das Tor steht, trifft gerne auch aus der Distanz oder gibt Vorlagen. Sogar im Camp Nou gegen den FC Barcelona gelang ihm ein Treffer.

Dazu kommt seine Erfahrung. Wie bereits festgestellt, bringt der Franzose trotz seines jungen Alters große Routine mit. Durch diese vielen absolvierten Spiele wird er im Mittelfeld von Hertha BSC in einer jungen Mannschaft die nötige Ruhe und Gelassenheit einbringen. Auch seine Erfahrung in der Junioren-Nationalmannschaft könnte sehr wertvoll werden. Das langjährige Tragen der Kapitänsbinde zeigt, dass Verantwortung übernehmen kann und ein wahrer Charakter-Spieler ist. Bei den Blau-Weißen gibt es nicht allzu viele Führungsspieler und mit Skjelbred und Ibisevic könnten weiterer dieser Sorte im Sommer gehen. Tousart könnte diese Lücke füllen.

Für Idèr glänzt der U19-Europameister vor allem dann, wenn er gefordert wird: „Ich denke vor allem, dass er ein guter Spieler ist wenn er in einer Konkurrenzsituation gestellt wird. Sobald er in seiner Komfortzone ist, wie seit etwa zwei Jahren in Lyon, steigert er sich weniger.“ Komfortzonen gibt es in neuen Klubs nicht, egal wie teuer die Ablöse war. Tousart wird sich zwischen starken zentralen Mittelfeldspielern wiederfinden und sich seinen Platz erkämpfen müssen. Die Ausgangslage erscheint also perfekt, damit sich der Franzose auch spielerisch weiterentwickelt.

Was für den 22-Jährigen auch spricht, ist, dass er bisher jeden seiner Trainer überzeugen konnte. In den letzten Jahren musste er unter drei verschiedenen Trainern agieren, dazu die Übungsleiter in den Jugend-Nationalmannschaften und bekam immer seine Einsätze. Es ist eine Sache, wenn Fans und Beobachter von außerhalb über Spieler urteilen, eine ganz Andere wenn es seine Trainer sind, die deutlich näher dran stehen und die Qualitäten am besten beurteilen können.

Insgesamt können sich Hertha-Fans über einen kampfstarken und durchsetzungsfähigen Spieler freuen, der gerade im Konkurrenzkampf aufblüht, sich nicht aufgibt und mit seinen 22 Jahren noch viel Entwicklungspotenzial hat.

Wo wird er im Spielsystem von Hertha BSC spielen?

Foto: Loic Venance/AFP/Getty Images

Mit seinen angesprochenen Schwächen und Qualitäten wird er vor allem eine Option im defensiveren Mittelfeld sein, bestenfalls als Sechser, notfalls auch als Achter. Der Franzose kann im System mit zwei Sechsern spielen, oder die Rolle als alleiniger defensiven Mittelfeldspieler übernehmen. Hertha spielte zuletzt immer wieder mit drei zentralen Spielern im Mittelfeld. Zwei mit einer eher defensiveren Rolle, einer eher offensiv. Genau dieses System kennt der U19-Europameister auswendig und würde sich da perfekt einordnen können. Als Schalter zwischen den sehr defensiven Santiago Ascacibar und einen offensiveren Arne Maier oder Vladimir Darida wäre er ähnlich wie Grujic sehr wertvoll.

Idèr sagt zum Mittelfeldmann weiter: „Er ist keineswegs ein schlechter Spieler, aber er würde sich sicherlich wohler und wichtiger in einer weniger dominanten Mannschaft fühlen. In der Liga muss „OL“ gegen 90 Prozent der Mannschaften das Spiel machen. Das ist nicht seine Stärke. Seine Power und seine Zweikampfstärke würden ihn aber in einer weniger spielerischen Mannschaft zum sehr guten Spieler machen.”

So sehr sich Hertha BSC ein attraktives Offensivspiel wünscht: um die spielerische Entwicklung voranzutreiben, braucht es die nötige Stabilität. Ansonsten ist die Gefahr groß, komplett zusammenzufallen, wie zu Beginn der Saison unter Ante Covic. Ohne das Fundament lässt sich kein Haus bauen. Genau dafür wird Lucas Tousart unglaublich wertvoll werden. Und auch darauf können sich die Hertha-Fans im Sommer bereits freuen.