Kaderanalyse 19/20 – Herthas Außenverteidigung

Kaderanalyse 19/20 – Herthas Außenverteidigung

Eine turbulente Spielzeit hat am 27. Juni ihr Ende gefunden. Zwar hat COVID-19 alle Bundesliga-Team gleichermaßen getroffen, vor der Pandemie hat Hertha BSC das Rennen als von Krisen gebeutelster Verein aber zweifellos gemacht. Selten ist es in der vergangenen Saison um Sportliches gegangen, doch genau diesem Thema wollen wir uns mit dieser Artikelserie widmen: In unserer Kaderanalyse wollen wir die einzelnen Positionen genauer unter die Lupe nehmen und die Frage beantworten, ob Hertha dort nach Verstärkungen für die kommende Saison suchen sollte.

Herthas Außenverteidiger waren in den letzten Jahren eine Schlüsselposition unter Ex-Trainer Pal Dardai. Mitchell Weiser und Valentino Lazaro agierten als verkappte Spielmacher von der Rechtsverteidigerposition und kurbelten die Offensive von hinten an. Herthas aktuelle Außenverteidiger konnten das in dieser Saison keine gleichwertige Bedeutung für das Spiel ihrer Mannschaft erlangen, doch der Reihe nach.

Lukas Klünter – Zu wenig für Herthas Ansprüche

Die Tatsache, dass Lazaro 2018 vom offensiven Flügelspieler zum Abwehrspieler umgeschult wurde, lag daran, dass Lukas Klünter den damaligen Trainer Pal Dardai in der Saison 2018/19 nicht vollends überzeugen konnte. Doch Nachfolger Ante Covic wollte auf den schnellen Mann, der 2018 aus Köln nach Berlin kam, setzen. Unter ihm und auch seinem Nachfolger Jürgen Klinsmann machte er fast jedes Spiel. Die Alternative Peter Pekarik war am Anfang der Saison mit einer Wadenverletzung außen vor und so spielte Klünter trotz wenig überzeugender Leistungen. Wenn Klinsmann oder Alexander Nouri mit einer Dreierkette spielen ließen, war Klünter allerdings kein Teil davon, weder als rechter Part des Verteidigertrios noch als Schienenspieler davor. Der Wechsel von Nouri zu Labbadia bedeutete dann das Ende der Startelfeinsätze für Klünter.

Foto: IMAGO

Laut Medienberichten hat Klünter wenig Aussicht auf Spielzeit in der kommenden Saison unter Labbadia und dürfte somit vor dem Absprung stehen. Dabei waren seine Anfänge bei Hertha recht vielversprechend. Er wurde wohl vor allem wegen seiner Schnelligkeit verpflichtet – die 100 Meter läuft er in rekordverdächtigen 10,6 Sekunden – doch spielerisch hat es nie für die Ansprüche der Blau-weißen gereicht. Das liegt zum Teil wohl daran, dass Klünter auf einem außergewöhnlichen Weg in den Profifußball fand: Er ist nämlich einer der wenigen aktiven deutschen Bundesligaspieler, die nicht durch eine der zahlreichen Jugendakademien zum Profi wurden, sondern sozusagen als Quereinsteiger zu einem späteren Zeitpunkt in den Profifußball fand. Somit hatte er trotz seiner beeindruckenden Physis nicht dieselbe fußballerische Ausbildung wie andere genossen – und das sieht man: Weder defensiv noch offensiv konnte er vollends überzeugen, was vielleicht auch an Valentino Lazaro und Mitchell Weiser lag. Die beiden Vorgänger auf seiner Position zeigten regelmäßig, wie viel Einfluss ein guter Außenverteidiger auf ein Spiel haben kann, Klünter konnte ihnen hierbei nie das Wasser reichen.

Ein ehrlicher Arbeiter, der defensiv ein paar wirklich gute Auftritte hatte, aber Konstanz vermissen ließ und wenig Entwicklungspotenzial aufweist. Eigentlich ein idealer Backup, bei dem man keine großen Bauchschmerzen hätte, wenn er die Stammwahl für diese Position für ein bis zwei Spiele vertreten müssten, aber mit 24 Jahren wird Klünter diese untergeordnete Rolle nicht zusagen. Der Rechtsverteidiger will spielen und bei Hertha wird dies höchst wahrscheinlich nicht auf regelmäßiger Basis möglich sein, sodass eine Trennung als wahrscheinlich gilt.

Marius Wolf – Bleibt er?

Ein weiterer Kandidat für die Position rechts hinten ist der vom BVB ausgeliehene Marius Wolf. Dem Vernehmen nach will Hertha den Frankfurter Pokalsieger von 2018 für ca. 5 Millionen Euro verpflichten, während die Dortmunder eher eine zweistellige Summe wollen. Das Tauziehen könnte also noch ein wenig dauern. Doch ist Wolf überhaupt der Rechtsverteidiger, den Hertha sich wünscht? Was Labbadia von Wolf hält, ist schwer zu sagen, da der 25-Jährige seit dem Antritt des neuen Cheftrainers verletzt gewesen ist und noch keine Minute unter ihm gespielt hat. Marius Wolf kann auf der rechten Seite im Mittelfeld oder in der Verteidigung spielen. Er besticht durch Vorwärtsdrang und dynamisches wie laufintensives Spiel, doch hat er ähnlich wie Klünter immer wieder Schwächen in der Verteidigung offenbart. Allerdings unterlief auch den hochgelobten Weiser und Lazaro mal ein defensiver Lapsus, auch sie entwickelten eher in der Offensive ihre Stärken.

Eine fester Wechsel Wolfs dürfte trotzdem keine Verpflichtung eines weiteren Rechtsverteidigers verhindern, da Wolf wohl nicht exklusiv für die Abwehr eingeplant wäre. Die Frage bleibt, was genau Labbadia sich von seinem Außenverteidiger erwartet. Will er mehr Offensivdrang oder vertraut er lieber auf einen defensiv verlässlichen Verteidiger wie Pekarik? Da heißt es abwarten und schauen, wen Michael Preetz als neuen Rechtsverteidiger aus dem Hut zaubern wird, denn Labbadia hat da mit Sicherheit ein Wörtchen mitzureden.

Peter Pekarik – Mr. Zuverlässig

Unter Bruno Labbadia war Wolf verletzt und Lukas Klünter hat in neun Spielen zusammengerechnet nicht einmal über 90 Minuten auf dem Platz gestanden. Stattdessen spielte Routinier Peter Pekarik überraschenderweise wieder eine tragende Rolle. Dessen Vertrag wurde nun um ein Jahr verlängert, was ein weiteres negatives Signal an Klünter sein dürfte. Vor Labbadias Übernahme stand Pekarik in nur einem von 25 Spielen auf dem Platz (beim 2:1-Sieg in Paderborn) und war oftmals nicht einmal Teil des Kaders. Der vierte Trainer der Saison setzte aber dann auf Erfahrung und davon hat Pekarik schließlich reichlich: Der 33-jährige Slowake steht seit 2012 bei Hertha unter Vertrag, ist jetzt durch Thomas Krafts Abgang der dienstälteste Herthaner und hat immerhin 188 Bundesligaspiele und 91 Länderspiele absolviert.

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Im 11-Freunde-Magazin wurde Pekarik kürzlich noch als einer der „Verlässlichen“ genannt, also einer der Spieler, auf die man immer setzen kann. Der Routinier mag tatsächlich nicht der Schnellste oder ein Dribbelkönig sein, doch Labbadia setzte auf ihn, weil er weiß, was er an ihm hat: Man kann nicht von ihm erwarten, dass er den Gegner in Grund und Boden läuft wie Darida oder hinten alles wegverteidigt wie sein Nebenmann Boyata, doch wird er stets eine anständige Leistung bringen – Aussetzer, die Punkte kosten, kennt man von „Peka“ quasi nicht. In seinen neun Bundesligaspielen diese Saison hat Pekarik das gezeigt und noch mehr: Er hat nämlich außerordentlichen Offensivdrang gezeigt und noch zwei Torvorlagen gegeben. Unvergessen war sein (missglückter) Schluss beim ersten Spiel nach dem Restart in Hoffenheim, der von Gegenspieler Bebou abgefälscht im Hoffenheimer Tor landete und somit den 3:0-Sieg einleitete.

Mit seinen Leistungen ließ Pekarik Labbadia auch gar keine andere Wahl als ihn weiter aufzustellen. Nun gehen der Slowake und Hertha etwas unverhofft gemeinsam auch in die kommende Saison. Pekarik wird auch 20/21 die Rolle des verlässlichen Backups ohne große Ansprüche einnehmen, der genau dann da ist, wenn man ihn braucht – und solche Spieler benötigt jede Mannschaft. Zudem wird Pekarik eine noch größere Vorbildsfunktion zuteil, da mit Thomas Kraft, Per Skjelbred, Salomon Kalou und Vedad Ibisevic zahlreiche andere Routiniers den Verein verlassen haben.

Zeefuik für rechts?

Pekarik bleibt also bei Hertha in der kommenden Saison, doch wird er wohl wieder als verlässlicher Backup dienen, auf den man zu jeder Zeit sorglos zurückgreifen kann. Stammspieler auf der rechten Abwehrseite soll ein neuer Mann werden. Michael Preetz ist momentan auf der Suche nach einem neuen und wohl jüngeren Rechtsverteidiger. Ein Name schwirrt seit über einem Monat umher: Deyovaisio Zeefuik vom FC Groningen (wohin Herthas Nachwuchstalent Daishawn Redan die letzten sechs Monate ausgeliehen war) könnte bei Hertha die vakante Stelle übernehmen. Der 22-jährige Niederländer mit surinamischen Wurzeln (übrigens genau wie Javairo Dilrosun) will unbedingt zu Hertha, doch der Wechsel scheint noch zu stagnieren. Zeefuiks eigener Wunsch dürfte Hertha bei den Verhandlungen in die Karten spielen, obwohl Southampton mit Trainer Ralph Hasenhüttl auch Interesse zu haben scheint. Auf jeden Fall werden es noch ein paar zähe Wochen werden bevor Labbadia sich selbst ein Bild von den Fähigkeiten des holländischen U21-Nationalspielers machen kann. Wie man in Video-Zusammenschnitten erkennen kann, wirkt der junge Niederländer in jedem Fall resolut in den Zweikämpfen – seine teils riskanten Tacklings erinnern an Torunarighas – aber auch von vielen temporeichen Flankenläufen und einer gewissen Übersicht lässt sich berichten.

Marvin Plattenhardt – Vorzug vor Mittelstädt?

Auf der linken Seite sieht die Situation ein wenig anders aus. Anders als auf rechts hat Hertha hier keinen Pekarik als Backup. Vielmehr hat Hertha hier zwei Konkurrenten, die beide schon lange in Berlin spielen und den Anspruch haben auf dem Platz zu stehen. Allerdings haben auch beide dieses Jahr auch nicht vollends überzeugt (aber welcher Herthaner hat das schon?).

Foto: IMAGO

Marvin Plattenhardt ist seit mittlerweile sechs Jahren Herthaner und darf sich seit 2017 auch Nationalspieler nennen. Seine Nominierung durch Joachim Löw und seine mittlerweile sieben Länderspiele verdiente er sich durch solide defensive Arbeit aber auch seine gefürchteten Freistöße und Flanken. Seit der WM 2018 allerdings, bei der er nur beim schwachen Auftritt der DFB-Elf gegen Mexiko ran durfte und seitdem kein Spiel mehr für Deutschland bestritt, hat er auch bei Hertha nicht mehr zu alter Stärke finden können. Oft wirken seine Offensivbemühungen zu einbeinig und nicht variabel genug. Er traute sich nur noch selten, sich überhaupt in die Offensive einzubringen. Dem Linksverteidiger fehlte es offensichtlich an Selbstvertrauen. Er konnte nur noch selten überzeugen, weder unter Dardai, noch unter seinen Nachfolgern Covic, Klinsmann und Nouri.

Erst in den letzten Wochen unter Bruno Labbadia kam „Platte“ wieder auf Touren und brachte es am Ende der Saison immerhin auf fünf Vorlagen in 17 Bundesligaspielen (drei der Vorlagen in sieben Spielen unter Labbadia). Nur eine Gehirnerschütterung, erlitten im Spiel gegen Leipzig, nach welcher er doch noch vor seiner Auswechslung ein Tor per Ecke vorbereitete, hielten ihn davon ab, jedes Spiel unter dem momentanen Trainer zu absolvieren. Es scheint also, als setze Labbadia auf den mittlerweile 28-Jährigen und man hört auch nicht, dass Hertha sich nach einem weiteren Linksverteidiger umsieht. Das liegt wohl auch an der Alternative zu „Platte“: Maximilian Mittelstädt.

Maximilian Mittelstädt – Wieder nur erster Herausforderer?

Der Berliner Mittelstädt steht seit 2012 bei Hertha BSC unter Vertrag und hat in dieser Saison vier Vorlagen und ein Tor bei 26 Bundesligaspielen gesammelt. „Maxi“ spielt auch öfter als linker Schienenspieler oder im linken Mittelfeld und kann vor allem durch seine Dynamik und teils sehr clevere Zweikampfführung glänzen. Im Vergleich zu seinem Konkurrenten hat er trotzdem eine Vorlage weniger bei neun Spielen mehr aufzuzeigen, doch er hat immerhin ein Tor in dieser Saison erzielt: Beim 2:4 in der Hinrunde gegen RB Leipzig umdribbelte Mittelstädt einen Gegenspieler, um dann aus 21 Metern einen satten Schuss (101 km/h) im linken Toreck unterzubringen. Seinen Offensivdrang zeigte er auch in weiteren Spielen, zum Beispiel gegen Bremen: Im Hinspiel (1:1) bereitete er zum Beispiel ein Tor Lukebakios vor und traf selbst mit einem Weitschuss die Oberkante der Latte. Im Rückspiel (2:2) bereitete er mit einem satten abgewehrten Schuss das Tor zum 2:2 von Matheus Cunha vor.

Das Eigengewächs sucht öfter den Weg nach vorne, um Flanken zu schlagen oder selbst abzuziehen. Doch auch Mittelstädt konnte in dieser Saison nicht restlos überzeugen und zeigte nur selten sein wahres Potenzial. Zu oft tauchte er offensiv ab oder sah defensiv nicht immer glücklich aus. Mit seinen 23 Jahren gilt er Mittelstädt noch als Talent, sodass ihm seine Leistungsschwankungen eher verziehen werden, als bei Konkurrent Plattenhardt. Vor allem am Anfang der Saison war er nach der U21-EM noch nicht ganz fit, doch am Ende der Ära Covic fand Mittelstädt zu immer besserer Form. In der Saison 2019/20 brachte der ehemalige U21-Nationalspieler zwei Drittel seiner Dribblings erfolgreich durch (18 von 27), während sein Konkurrent Plattenhardt sich nur selten in Dribblings traute (taucht nicht in der Statistik auf) und eher den einfachen Pass suchte – oftmals nach hinten.

Über die gesamte Saison gesehen saß Mittelstädt, der übrigens im Alter von 15 Jahren von einem gewissen Ante Covic zu einem Wechsel zu Hertha überzeugt wurde, nur dreimal 90 Minuten auf der Bank, während Nationalspieler Plattenhardt dieses Schicksal zwölfmal traf. Unter dem aktuellen Trainer sind beide Spieler zum Einsatz gekommen, doch wenn beide fit waren – am Anfang des Re-Starts gegen Hoffenheim, Union und Leipzig – gab der Berliner Cheftrainer dem ehemaligen Nürnberger Plattenhardt den Vortritt. Ein Grund dafür kann sein, dass Labbadia in der schwierigen Phase nach dem Restart vor allem auf Erfahrung und Stabilität setzte (siehe Ibisevic, Pekarik) und man wird sehen müssen wie dieser Zweikampf nach einer kompletten Vorbereitung weitergeht.

Dem Vernehmen nach sucht Hertha auf jeden Fall nicht aktiv nach einem weiteren Linksverteidiger. Der Trainer und Manager vertrauen also auf die beiden vorhandenen Spieler, wohl auch im Wissen, dass mit dem 17-jährigen Luca Netz auch noch ein Riesentalent heranwächst. Ob dieser in der nächsten Saison bereits Minuten in der ersten Mannschaft sammeln kann, darf man bezweifeln, doch es scheint, als plane Hertha mittel- bis langfristig mit ihm.

Fazit

Herthas Außenverteidigung ist bisher zwar nicht unbedingt das Prunkstück der Mannschaft, doch auf links sieht es aus, als gehe Hertha mit den beiden bisherigen Spielern (Mittelstädt und Plattenhardt) in die neue Saison. Hier wird es zu einem offenen Zweikampf kommen, während es auf rechts eher nach Veränderung aussieht: Pekarik hat verlängert und wird sich als routinierter Backup auf die Bank setzen, während Klünter den Verein aufgrund mangelnder Perspektive womöglich verlässt. Wolf könnte bei einem passenden Angebot Herthas bleiben, doch es wird definitiv noch ein Rechtsverteidiger verpflichtet werden. Das wird auch dringend nötig sein, um die neuen Ansprüche zu untermauern.

[Titelbild: IMAGO]

Herthaner im Fokus: Hertha BSC – Schalke 04

Herthaner im Fokus: Hertha BSC – Schalke 04

Nein, so wirklich Spaß wollen die Spiele von Hertha BSC im Moment nicht machen. Aber was will man beanstanden, wenn die Mannschaft unter Trainer Jürgen Klinsmann in acht Spielen ganze zwölf Zähler sammelt und sich somit Stück für Stück aus dem Abstiegskampf befreit? Auch gegen den FC Schalke 04 lieferten die Berliner kein spielerisches Glanzstück ab, arbeiteten dafür aber umso disziplinierter gegen den Ball und rangen dem Tabellensechsten somit ein 0:0 ab. Punktgewinn, mal wieder zu null gespielt, abgehakt und weiter geht’s. Diesen Pragmatismus muss man nicht abfeiern, aber es ist anzuerkennen, welch für den Gegner eklig zu bespielende Truppe das Trainerteam geformt hat.

Auch wenn die Begegnung am Freitagabend gegen die “Königsblauen” ohne viele Highlights auskommen musste, haben sich ein paar Herthaner hervorgetan – positiv wie negativ. Diese wollen wir nun genauer unter die Lupe nehmen.

Boyata & Torunarigha – die neue Stamm-Innenverteidigung?

Dass Hertha auch am 20. Spieltag so schwer zu bespielen war, lag zu großen Teilen an der neuen Innenverteidigung. Dedyrick Boyata kehrte nach seiner abgesessenen Gelbsperre zurück in die Startelf der Hausherren, neben ihm lief Jordan Torunarigha auf, der sich durch die sehr guten Leistungen in den vorangegangenen zwei Partien empfohlen hatte. Das Duo, dass gegen den FC Bayern München erstmals gemeinsam auflief, ließ gegen Schalke keinen Zweifel daran, wer in Zukunft die Stamm-Innenverteidigung bei Hertha bilden sollte.

Foto: Maja Hitij/Bongarts/Getty Images

Denn eines ist nach dem Spiel klar: versucht der Gegner (heißt dieser nicht FC Bayern) mit einfachen Mitteln wie Flanken oder dem Distanzschuss Tore zu erzielen, wird er mit Boyata und Torunarigha auf dem Platz keinen Erfolg damit haben. Beide Innenverteidiger Herthas wirkten gegen Schalke über die gesamte Spieldauer hoch konzentriert und souverän. Einzig der in der 57. Minute zu kurz geratene Rückpass Boyatas auf Rune Jarstein, den Benito Raman abfing und zur Torchance umwandelte, war als klarer Fehler abzubuchen. Darüber hinaus gab es noch den sehr gefährlichen Kopfball Michael Gregoritschs in der 85. Minute, der knapp am rechten Pfosten vorbeiging und bei dem Torunarigha etwas zu spät kam, doch ist es auf diesem Niveau nahezu unmöglich, alle Chancen des Gegners abzufangen.

Darüber hinaus ließen die zentralen Abwehrmänner in blau-weiß nichts gefährliches zu. Durch exzellentes Stellungsspiel und Zweikampfverhalten waren beide kaum zu überwinden. Torunarigha gewann einmal mehr alle seine Kopfballduelle, sicherte neun Bälle und klärte vier Aktionen. Hinzu kommen zwei Blocks und zwei abgefangene Bälle. Das Berliner Eigengewächs macht den Eindruck, als sei sein Spiel deutlich erwachsener geworden. Zwei zeigt er wohl weniger spektakuläre Szene als in der Vergangenheit, jedoch unterlaufen ihm zeitgleich deutlich weniger Fehler und Unaufmerksamkeiten. Der 22-Jährige wird erwachsen und das tut seinem Spiel gut – die gelegentlichen Dribblings bis in die gegnerische Hälfte lässt er sich aber dennoch nicht nehmen und das ist auch richtig so, da diese Unordnung beim Gegner und Raumgewinn schaffen. Ansonsten gilt in den letzten Spielen: auf Torunarigha ist Verlass. So ist die Nummer 25 nicht wegzudenken.

Dasselbe gilt bereits seit Saisonbeginn für Boyata. Der Belgier bewies gegen die Gelsenkirchener einmal mehr, warum er der konkurrenzlose Abwehrchef der “alten Dame” ist. Als wäre er nie weg gewesen, führte der 29-Jährige die Hertha-Abwehr an, kommunizierte und richtete aus. Für seine Mannschaftskameraden ist klar: wenn ich nicht weiter weiß, schaue ich zu “Dedo” oder gebe ihm den Ball. Während einige Herthaner große Probleme mit dem Schalker Pressing hatten, blieb Boyata ruhig und spielte den gepflegten kurzen Ball. Auch im Abwehrverhalten strahlte der Nationalspieler große Sicherheit aus: elf Ballsicherungen, acht geklärte Aktionen, ein abgefangener und geblockter Ball unterstreichen seine starke Vorstellung. Seine wohl auffälligste Szene hatte Boyata in der 49. Minute, als Schalkes Raman nur noch ihn zu überwinden hatte, um alleine auf das Tor ziehen zu können. Der Innenverteidiger drehte sich allerdings sehr handlungsschnell und fing seinen flinken Landsmann mit beeindruckender Dynamik ein. Eine Szene, die stellvertretend für das Gefühl steht, dass er bei Hertha-Anhängern auslöst: Boyata ist immer zur Stelle.

In dieser Form besteht kein Zweifel daran, dass Boyata und Torunarigha das gesetzte Innenverteidigerduo sein müssen. Beide lassen kaum etwas zu und können zudem mit dem Ball umgehen. Ob Boden oder Luft, sie sind kaum zu besiegen. Während Herthas Innenverteidigung in weiten Teilen der Hinrunde eine riesige Baustelle gewesen ist, strahlt die Konstellation vom Freitagabend große Sicherheit aus. So haben es Niklas Stark und Karim Rekik schwer, wieder in die Startelf zu drängen.

Santiago Ascacibar – sein bislang bester Auftritt?

Es ist bereits beeindruckend gewesen, wie selbstverständlich sich Neuzugang Ascacibar nach nur wenigen Wochen mit der Mannschaft in die Stammelf gespielt hat. Der argentinische Mittelfeldkämpfer stand in jedem der drei gespielten Rückrundenpartien in der Anfangsformation, doch gelang im gegen Schalke sein bisher stärkster Auftritt im blau-weißen Trikot.

Foto: Maja Hitij/Bongarts/Getty Images

Etwas für die Statistik-Freunde: in jedem seiner drei Partien für den Hauptstadtklub war Ascacibar der läufstärkste Spieler auf dem Feld. Das muss für sich genommen noch nichts heißen, doch verbindet der defensive Mittelfeldspieler große Raumbeherrschung und intelligente Laufwege damit. Im Spiel gegen die “Königsblauen” war Ascacibar als Manndecker auf Spielmacher Amine Harit angesetzt und dieser Aufgabe widmete sich Herthas Nummer 18 mit großer Passion. Man sah förmlich, wie der giftige Argentinier seinem Gegenspieler, der für sein Spiel Freiräume und den gewissen “Flow” braucht, Minute um Minute mehr Lust an diesem Spiel nahm. Durch seine Arbeit raubte Ascacibar den Schalkern eine große Menge Kreativität und Unberechenbarkeit. Sobald Harit etwas “starten” wollte, stand ihm Ascacibar bereits auf den Füßen. Es war kein dankbarer Job für den 22-Jährigen, da ihn nicht viele für diesen nach dem Spiel loben werden – das Arbeiten gegen Ball und Gegner ist nicht so ruhmreich wie schöne Pässe zu spielen oder Dribblings anzusetzen. Und doch wussten die Fans seine aufopferungsvolle auf Social Media zu würdigen: “Santi war überall”, “Guter Einkauf mit einem starken Spiel”.

Ascacibars Aufgabenbereich beschränkte sich aber natürlich nicht nur auf das Herausnehmen Harits, generell sollte der Sechser das gegnerische Ballbesitzspiel (zer)stören. Mit fünf Tacklings (zusammen mit Mittelstädt Bestwert), den nach Marko Grujic zweitmeisten gewonnenen Zweikämpfe und zwei abgefangenen Bällen gilt der Auftrag als erfüllt. Ascacibar war ein ständiges Störelement für Schalke, da er große Räume abdeckte und Angriffe bereits im Keim erstickte. Eine rundum starke Vorstellung des Neuzugangs, der mit jedem Spiel selbstbewusster und somit wichtiger für Hertha wird. Einer muss die Drecksarbeit eben machen.

Lukas Klünter – Herthas Schwachpunkt?

Gut, die Eingangsfrage ist wohl sehr provokant formuliert, schließlich gehört Lukas Klünter zu den konstantesten Spielern der laufenden Spielzeit. Besonders im Verhalten gegen den Ball ist dem Rechtsverteidiger nur seltenst ein Vorwurf zu machen, doch kristallisierte sich vor allem im Spiel gegen Schalke ein großes Problem auf: Klünter ist vom Gegner als Pressingopfer ausgemacht worden und das zurecht.

Foto: Maja Hitij/Bongarts/getty Images

Es ergab sich am Freitgabend immer wieder dasselbe Bild: Schalke presste äußerst aggressiv und lief bis zur Viererkette an. Dabei lenkten sie Herthas Abwehrspieler so, dass Boyata den Ball letztendlich auf Rechtsverteidiger Lukas Klünter spielte. Hier schnappte die Falle der Schalker zu, denn sobald Herthas Nummer 13 am Ball war, wurde er von zwei Gegenspielern attackiert. Hier kamen die technischen Mängel Klünters zum Vorschein: da er sich nicht durch ein Dribbling o.ä. im engen Raum lösen konnte, wählte er stets den Befreiungsschlag, woraus in nahezu allen Fällen ein Ballgewinn der Schalker resultierte. Indem S04 dem Außenverteidiger möglichst wenig Platz ließ, musste er auf den langen Ball zurückgreifen, um keinen Ballverlust am eigenen Strafraum zu riskieren. Dass mit Marius Wolf ebenfalls kein Edeltechniker auf seiner Seite spielte, um ihn aus solch brenzlichen Situationen herauszuholen, trug auch dazu bei, dass man sich kaum aus der Pressingfalle befreien konnte. Eine nahezu sichere Ballgewinn-Strategie der “Königsblauen”, die Herthas Aufbauspiel massiv behinderte.

Gerade einmal 56% von Klünters Zuspielen kamen beim Mitspieler an – eine grausige Quote. Auch sonst wollte dem so schnellen Außenverteidiger, der gegen Wolfsburg noch das so wichtige 2:1-Siegtor vorbereitet hatte, nicht viel gelingen. Im Gegensatz zu Mittelstädt schaltete sich der 23-Jährige kaum mit nach vorne ein. Das lag zum Teil sicherlich daran, dass Hertha im Defensivverbund oftmals in einer Fünferkette auftrat, in der Klünter den rechten Innenverteidiger gab und Wolf den Außenverteidiger, aber dennoch hätte es Gelegenheiten für Offensivausflüge gegeben. Auch ließ Klünter mehr gefährliche Flanken als sein Pendant auf der linken defensiven Außenbahn zu. Insgesamt also kein allzu guter Tag für ihn.

Nun will man Klünter aufgrund seiner bislang wirklich soliden Saison und vor allem wegen seiner starken Defensivleistungen nicht unverzüglich verdammen, aber es fällt durchaus auf, dass er in der bisherigen Rückrunde eher unglücklich auftritt. Was fehlt, sind Alternativen, die ihn bei einem kleinen Formtief ersetzen könnten. Auf Pekarik scheint nicht mehr gesetzt zu werden (zuletzt zwar dreimal infolge im Kader, aber ohne eine einzige Einsatzminute in dieser Saison) und Wolf hat sich, spielte er als Außenverteidiger oder alleiniger Schienenspieler, bislang äußerst unglücklich präsentiert. Es bleibt also zu hoffen, dass Klünter wieder zu seinem unaufgeregten Spiel zurückfindet und das Trainerteam eine Lösung dafür findet, ihn bei Pressingsituation nicht so alleine zu lassen. Hierzu hat am Freitag nämlich eindeutig ein Impuls von außen gefehlt. Klünter ist kein Lazaro – das wurde schon oft genug festgestellt – aber richtig eingesetzt kann er dieser Mannschaft gut tun.

Krzysztof Piatek – bereit für die Startelf?

Die mediale Aufmerksamkeit hätte kaum größer sein können, doch so etwas bringt eine Ablösesumme zwischen 22 und 27 Millionen Euro halt mit sich. Krzysztof Piatek hatte zuvor zwar keine einzige Minute mit der Mannschaft trainiert und trotzdem stand der Neuzugang vom AC Mailand sofort im Spieltagskader. Dass er Hertha helfen kann, hat der 24-jährige Mittelstürmer trotz fehlender Eingespieltheit aber bereits bewiesen.

Foto: ODD ANDERSEN/AFP via Getty Images

Rund 30 Minuten reichten als erste Visitenkarte. Unverzüglich nach seiner Einwechslung brachte Piatek ordentlich Schwung in das Spiel seiner neuen Mannschaft, sofort war seine Präsenz zu spüren. Das mag auch an den vielen Kameras gelegen haben, die auf den Polen gerichtet waren, aber waren es vor allem seine Aktionen, die dem Publikum auf Anhieb klar machten: “Oh, da steht jemand, der kicken kann.” Zwar litt auch Piatek unter dem wenig dynamischen Spiel, doch brachte er zumindest etwas Elan hinein. “Mit dem Krzysztof haben wir Komponente, die Zug und Leben reinbringt, um die sich der Gegner Gedanken machen muss”, erklärte Klinsmann nach Schlusspfiff.

Die Zahlen belegen es: zwar verzeichnete der Nationalspieler nur neun Ballaktionen, jedoch auch ganze drei Schüsse (Hertha gab insgesamt neun ab). In der 66. Minute schloss Piatek nach starker Maier-Flanke und einer schnellen Drehung sofort ab, und deutete damit schon einmal seine Handlungsschnelligkeit an. Der Schuss wurde noch abgeblockt. In der 72. Minute war der Torjäger seinem ersten Treffer für Hertha noch näher, doch sein Kopfball nach einer Ecke von Lukebakio verfehlte das Schalker Gehäuse nur knapp. Und schließlich Piateks Einzelaktion in der 80. Minute, bei der der Mittelstürmer bewies, dass er obendrein noch schnell ist. Wieder eingesetzt von Maier sprintete er die rechte Seite entlang, stoppte den Ball mit einer schnellen Bewegung, sah aber, dass kein Mitspieler wirklich mitgelaufen war und so schloss er selbst ab. Zwar verfehlte er das Tor erneut, jedoch aus schwierigem Winkel.

Bei Herthas derzeitigem Offensivspiel zu glänzen, ist als Mittelstürmer wirklich nicht leicht, doch Wintereinkauf Piatek machte das beste daraus. Er strahlte sofort Gefahr und Tatendrang aus und zeigte, weshalb man ihn holte: schnelle zackige Bewegungen, der absolute Torriecher und auch das Auge für den Mitspieler. Wie schnell Piatek zünden wird, ist natürlich schwer zu sagen, doch würde es nicht verwundern, wenn Klinsmann ihn am kommenden Dienstag im Pokal in die Startelf stellen würde. Der gute erste Eindruck wird dem Polen zumindest dabei helfen, zugleich von Beginn an zu spielen.