Kaderanalyse 19/20 – Herthas Außenverteidigung

Kaderanalyse 19/20 – Herthas Außenverteidigung

Eine turbulente Spielzeit hat am 27. Juni ihr Ende gefunden. Zwar hat COVID-19 alle Bundesliga-Team gleichermaßen getroffen, vor der Pandemie hat Hertha BSC das Rennen als von Krisen gebeutelster Verein aber zweifellos gemacht. Selten ist es in der vergangenen Saison um Sportliches gegangen, doch genau diesem Thema wollen wir uns mit dieser Artikelserie widmen: In unserer Kaderanalyse wollen wir die einzelnen Positionen genauer unter die Lupe nehmen und die Frage beantworten, ob Hertha dort nach Verstärkungen für die kommende Saison suchen sollte.

Herthas Außenverteidiger waren in den letzten Jahren eine Schlüsselposition unter Ex-Trainer Pal Dardai. Mitchell Weiser und Valentino Lazaro agierten als verkappte Spielmacher von der Rechtsverteidigerposition und kurbelten die Offensive von hinten an. Herthas aktuelle Außenverteidiger konnten das in dieser Saison keine gleichwertige Bedeutung für das Spiel ihrer Mannschaft erlangen, doch der Reihe nach.

Lukas Klünter – Zu wenig für Herthas Ansprüche

Die Tatsache, dass Lazaro 2018 vom offensiven Flügelspieler zum Abwehrspieler umgeschult wurde, lag daran, dass Lukas Klünter den damaligen Trainer Pal Dardai in der Saison 2018/19 nicht vollends überzeugen konnte. Doch Nachfolger Ante Covic wollte auf den schnellen Mann, der 2018 aus Köln nach Berlin kam, setzen. Unter ihm und auch seinem Nachfolger Jürgen Klinsmann machte er fast jedes Spiel. Die Alternative Peter Pekarik war am Anfang der Saison mit einer Wadenverletzung außen vor und so spielte Klünter trotz wenig überzeugender Leistungen. Wenn Klinsmann oder Alexander Nouri mit einer Dreierkette spielen ließen, war Klünter allerdings kein Teil davon, weder als rechter Part des Verteidigertrios noch als Schienenspieler davor. Der Wechsel von Nouri zu Labbadia bedeutete dann das Ende der Startelfeinsätze für Klünter.

Foto: IMAGO

Laut Medienberichten hat Klünter wenig Aussicht auf Spielzeit in der kommenden Saison unter Labbadia und dürfte somit vor dem Absprung stehen. Dabei waren seine Anfänge bei Hertha recht vielversprechend. Er wurde wohl vor allem wegen seiner Schnelligkeit verpflichtet – die 100 Meter läuft er in rekordverdächtigen 10,6 Sekunden – doch spielerisch hat es nie für die Ansprüche der Blau-weißen gereicht. Das liegt zum Teil wohl daran, dass Klünter auf einem außergewöhnlichen Weg in den Profifußball fand: Er ist nämlich einer der wenigen aktiven deutschen Bundesligaspieler, die nicht durch eine der zahlreichen Jugendakademien zum Profi wurden, sondern sozusagen als Quereinsteiger zu einem späteren Zeitpunkt in den Profifußball fand. Somit hatte er trotz seiner beeindruckenden Physis nicht dieselbe fußballerische Ausbildung wie andere genossen – und das sieht man: Weder defensiv noch offensiv konnte er vollends überzeugen, was vielleicht auch an Valentino Lazaro und Mitchell Weiser lag. Die beiden Vorgänger auf seiner Position zeigten regelmäßig, wie viel Einfluss ein guter Außenverteidiger auf ein Spiel haben kann, Klünter konnte ihnen hierbei nie das Wasser reichen.

Ein ehrlicher Arbeiter, der defensiv ein paar wirklich gute Auftritte hatte, aber Konstanz vermissen ließ und wenig Entwicklungspotenzial aufweist. Eigentlich ein idealer Backup, bei dem man keine großen Bauchschmerzen hätte, wenn er die Stammwahl für diese Position für ein bis zwei Spiele vertreten müssten, aber mit 24 Jahren wird Klünter diese untergeordnete Rolle nicht zusagen. Der Rechtsverteidiger will spielen und bei Hertha wird dies höchst wahrscheinlich nicht auf regelmäßiger Basis möglich sein, sodass eine Trennung als wahrscheinlich gilt.

Marius Wolf – Bleibt er?

Ein weiterer Kandidat für die Position rechts hinten ist der vom BVB ausgeliehene Marius Wolf. Dem Vernehmen nach will Hertha den Frankfurter Pokalsieger von 2018 für ca. 5 Millionen Euro verpflichten, während die Dortmunder eher eine zweistellige Summe wollen. Das Tauziehen könnte also noch ein wenig dauern. Doch ist Wolf überhaupt der Rechtsverteidiger, den Hertha sich wünscht? Was Labbadia von Wolf hält, ist schwer zu sagen, da der 25-Jährige seit dem Antritt des neuen Cheftrainers verletzt gewesen ist und noch keine Minute unter ihm gespielt hat. Marius Wolf kann auf der rechten Seite im Mittelfeld oder in der Verteidigung spielen. Er besticht durch Vorwärtsdrang und dynamisches wie laufintensives Spiel, doch hat er ähnlich wie Klünter immer wieder Schwächen in der Verteidigung offenbart. Allerdings unterlief auch den hochgelobten Weiser und Lazaro mal ein defensiver Lapsus, auch sie entwickelten eher in der Offensive ihre Stärken.

Eine fester Wechsel Wolfs dürfte trotzdem keine Verpflichtung eines weiteren Rechtsverteidigers verhindern, da Wolf wohl nicht exklusiv für die Abwehr eingeplant wäre. Die Frage bleibt, was genau Labbadia sich von seinem Außenverteidiger erwartet. Will er mehr Offensivdrang oder vertraut er lieber auf einen defensiv verlässlichen Verteidiger wie Pekarik? Da heißt es abwarten und schauen, wen Michael Preetz als neuen Rechtsverteidiger aus dem Hut zaubern wird, denn Labbadia hat da mit Sicherheit ein Wörtchen mitzureden.

Peter Pekarik – Mr. Zuverlässig

Unter Bruno Labbadia war Wolf verletzt und Lukas Klünter hat in neun Spielen zusammengerechnet nicht einmal über 90 Minuten auf dem Platz gestanden. Stattdessen spielte Routinier Peter Pekarik überraschenderweise wieder eine tragende Rolle. Dessen Vertrag wurde nun um ein Jahr verlängert, was ein weiteres negatives Signal an Klünter sein dürfte. Vor Labbadias Übernahme stand Pekarik in nur einem von 25 Spielen auf dem Platz (beim 2:1-Sieg in Paderborn) und war oftmals nicht einmal Teil des Kaders. Der vierte Trainer der Saison setzte aber dann auf Erfahrung und davon hat Pekarik schließlich reichlich: Der 33-jährige Slowake steht seit 2012 bei Hertha unter Vertrag, ist jetzt durch Thomas Krafts Abgang der dienstälteste Herthaner und hat immerhin 188 Bundesligaspiele und 91 Länderspiele absolviert.

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Im 11-Freunde-Magazin wurde Pekarik kürzlich noch als einer der „Verlässlichen“ genannt, also einer der Spieler, auf die man immer setzen kann. Der Routinier mag tatsächlich nicht der Schnellste oder ein Dribbelkönig sein, doch Labbadia setzte auf ihn, weil er weiß, was er an ihm hat: Man kann nicht von ihm erwarten, dass er den Gegner in Grund und Boden läuft wie Darida oder hinten alles wegverteidigt wie sein Nebenmann Boyata, doch wird er stets eine anständige Leistung bringen – Aussetzer, die Punkte kosten, kennt man von „Peka“ quasi nicht. In seinen neun Bundesligaspielen diese Saison hat Pekarik das gezeigt und noch mehr: Er hat nämlich außerordentlichen Offensivdrang gezeigt und noch zwei Torvorlagen gegeben. Unvergessen war sein (missglückter) Schluss beim ersten Spiel nach dem Restart in Hoffenheim, der von Gegenspieler Bebou abgefälscht im Hoffenheimer Tor landete und somit den 3:0-Sieg einleitete.

Mit seinen Leistungen ließ Pekarik Labbadia auch gar keine andere Wahl als ihn weiter aufzustellen. Nun gehen der Slowake und Hertha etwas unverhofft gemeinsam auch in die kommende Saison. Pekarik wird auch 20/21 die Rolle des verlässlichen Backups ohne große Ansprüche einnehmen, der genau dann da ist, wenn man ihn braucht – und solche Spieler benötigt jede Mannschaft. Zudem wird Pekarik eine noch größere Vorbildsfunktion zuteil, da mit Thomas Kraft, Per Skjelbred, Salomon Kalou und Vedad Ibisevic zahlreiche andere Routiniers den Verein verlassen haben.

Zeefuik für rechts?

Pekarik bleibt also bei Hertha in der kommenden Saison, doch wird er wohl wieder als verlässlicher Backup dienen, auf den man zu jeder Zeit sorglos zurückgreifen kann. Stammspieler auf der rechten Abwehrseite soll ein neuer Mann werden. Michael Preetz ist momentan auf der Suche nach einem neuen und wohl jüngeren Rechtsverteidiger. Ein Name schwirrt seit über einem Monat umher: Deyovaisio Zeefuik vom FC Groningen (wohin Herthas Nachwuchstalent Daishawn Redan die letzten sechs Monate ausgeliehen war) könnte bei Hertha die vakante Stelle übernehmen. Der 22-jährige Niederländer mit surinamischen Wurzeln (übrigens genau wie Javairo Dilrosun) will unbedingt zu Hertha, doch der Wechsel scheint noch zu stagnieren. Zeefuiks eigener Wunsch dürfte Hertha bei den Verhandlungen in die Karten spielen, obwohl Southampton mit Trainer Ralph Hasenhüttl auch Interesse zu haben scheint. Auf jeden Fall werden es noch ein paar zähe Wochen werden bevor Labbadia sich selbst ein Bild von den Fähigkeiten des holländischen U21-Nationalspielers machen kann. Wie man in Video-Zusammenschnitten erkennen kann, wirkt der junge Niederländer in jedem Fall resolut in den Zweikämpfen – seine teils riskanten Tacklings erinnern an Torunarighas – aber auch von vielen temporeichen Flankenläufen und einer gewissen Übersicht lässt sich berichten.

Marvin Plattenhardt – Vorzug vor Mittelstädt?

Auf der linken Seite sieht die Situation ein wenig anders aus. Anders als auf rechts hat Hertha hier keinen Pekarik als Backup. Vielmehr hat Hertha hier zwei Konkurrenten, die beide schon lange in Berlin spielen und den Anspruch haben auf dem Platz zu stehen. Allerdings haben auch beide dieses Jahr auch nicht vollends überzeugt (aber welcher Herthaner hat das schon?).

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Marvin Plattenhardt ist seit mittlerweile sechs Jahren Herthaner und darf sich seit 2017 auch Nationalspieler nennen. Seine Nominierung durch Joachim Löw und seine mittlerweile sieben Länderspiele verdiente er sich durch solide defensive Arbeit aber auch seine gefürchteten Freistöße und Flanken. Seit der WM 2018 allerdings, bei der er nur beim schwachen Auftritt der DFB-Elf gegen Mexiko ran durfte und seitdem kein Spiel mehr für Deutschland bestritt, hat er auch bei Hertha nicht mehr zu alter Stärke finden können. Oft wirken seine Offensivbemühungen zu einbeinig und nicht variabel genug. Er traute sich nur noch selten, sich überhaupt in die Offensive einzubringen. Dem Linksverteidiger fehlte es offensichtlich an Selbstvertrauen. Er konnte nur noch selten überzeugen, weder unter Dardai, noch unter seinen Nachfolgern Covic, Klinsmann und Nouri.

Erst in den letzten Wochen unter Bruno Labbadia kam „Platte“ wieder auf Touren und brachte es am Ende der Saison immerhin auf fünf Vorlagen in 17 Bundesligaspielen (drei der Vorlagen in sieben Spielen unter Labbadia). Nur eine Gehirnerschütterung, erlitten im Spiel gegen Leipzig, nach welcher er doch noch vor seiner Auswechslung ein Tor per Ecke vorbereitete, hielten ihn davon ab, jedes Spiel unter dem momentanen Trainer zu absolvieren. Es scheint also, als setze Labbadia auf den mittlerweile 28-Jährigen und man hört auch nicht, dass Hertha sich nach einem weiteren Linksverteidiger umsieht. Das liegt wohl auch an der Alternative zu „Platte“: Maximilian Mittelstädt.

Maximilian Mittelstädt – Wieder nur erster Herausforderer?

Der Berliner Mittelstädt steht seit 2012 bei Hertha BSC unter Vertrag und hat in dieser Saison vier Vorlagen und ein Tor bei 26 Bundesligaspielen gesammelt. „Maxi“ spielt auch öfter als linker Schienenspieler oder im linken Mittelfeld und kann vor allem durch seine Dynamik und teils sehr clevere Zweikampfführung glänzen. Im Vergleich zu seinem Konkurrenten hat er trotzdem eine Vorlage weniger bei neun Spielen mehr aufzuzeigen, doch er hat immerhin ein Tor in dieser Saison erzielt: Beim 2:4 in der Hinrunde gegen RB Leipzig umdribbelte Mittelstädt einen Gegenspieler, um dann aus 21 Metern einen satten Schuss (101 km/h) im linken Toreck unterzubringen. Seinen Offensivdrang zeigte er auch in weiteren Spielen, zum Beispiel gegen Bremen: Im Hinspiel (1:1) bereitete er zum Beispiel ein Tor Lukebakios vor und traf selbst mit einem Weitschuss die Oberkante der Latte. Im Rückspiel (2:2) bereitete er mit einem satten abgewehrten Schuss das Tor zum 2:2 von Matheus Cunha vor.

Das Eigengewächs sucht öfter den Weg nach vorne, um Flanken zu schlagen oder selbst abzuziehen. Doch auch Mittelstädt konnte in dieser Saison nicht restlos überzeugen und zeigte nur selten sein wahres Potenzial. Zu oft tauchte er offensiv ab oder sah defensiv nicht immer glücklich aus. Mit seinen 23 Jahren gilt er Mittelstädt noch als Talent, sodass ihm seine Leistungsschwankungen eher verziehen werden, als bei Konkurrent Plattenhardt. Vor allem am Anfang der Saison war er nach der U21-EM noch nicht ganz fit, doch am Ende der Ära Covic fand Mittelstädt zu immer besserer Form. In der Saison 2019/20 brachte der ehemalige U21-Nationalspieler zwei Drittel seiner Dribblings erfolgreich durch (18 von 27), während sein Konkurrent Plattenhardt sich nur selten in Dribblings traute (taucht nicht in der Statistik auf) und eher den einfachen Pass suchte – oftmals nach hinten.

Über die gesamte Saison gesehen saß Mittelstädt, der übrigens im Alter von 15 Jahren von einem gewissen Ante Covic zu einem Wechsel zu Hertha überzeugt wurde, nur dreimal 90 Minuten auf der Bank, während Nationalspieler Plattenhardt dieses Schicksal zwölfmal traf. Unter dem aktuellen Trainer sind beide Spieler zum Einsatz gekommen, doch wenn beide fit waren – am Anfang des Re-Starts gegen Hoffenheim, Union und Leipzig – gab der Berliner Cheftrainer dem ehemaligen Nürnberger Plattenhardt den Vortritt. Ein Grund dafür kann sein, dass Labbadia in der schwierigen Phase nach dem Restart vor allem auf Erfahrung und Stabilität setzte (siehe Ibisevic, Pekarik) und man wird sehen müssen wie dieser Zweikampf nach einer kompletten Vorbereitung weitergeht.

Dem Vernehmen nach sucht Hertha auf jeden Fall nicht aktiv nach einem weiteren Linksverteidiger. Der Trainer und Manager vertrauen also auf die beiden vorhandenen Spieler, wohl auch im Wissen, dass mit dem 17-jährigen Luca Netz auch noch ein Riesentalent heranwächst. Ob dieser in der nächsten Saison bereits Minuten in der ersten Mannschaft sammeln kann, darf man bezweifeln, doch es scheint, als plane Hertha mittel- bis langfristig mit ihm.

Fazit

Herthas Außenverteidigung ist bisher zwar nicht unbedingt das Prunkstück der Mannschaft, doch auf links sieht es aus, als gehe Hertha mit den beiden bisherigen Spielern (Mittelstädt und Plattenhardt) in die neue Saison. Hier wird es zu einem offenen Zweikampf kommen, während es auf rechts eher nach Veränderung aussieht: Pekarik hat verlängert und wird sich als routinierter Backup auf die Bank setzen, während Klünter den Verein aufgrund mangelnder Perspektive womöglich verlässt. Wolf könnte bei einem passenden Angebot Herthas bleiben, doch es wird definitiv noch ein Rechtsverteidiger verpflichtet werden. Das wird auch dringend nötig sein, um die neuen Ansprüche zu untermauern.

[Titelbild: IMAGO]

Herthaner im Fokus: SC Paderborn – Hertha BSC

Herthaner im Fokus: SC Paderborn – Hertha BSC

Nein, schön war der Auswärtssieg beim SC Paderborn nicht. Dass das 2:1 und die damit verbundenen drei Punkte nach dieser so turbulenten Woche zumindest etwas Balsam für die Berliner Seele sein werden, ist aber unbestritten. Hertha BSC trennen nun immerhin neun Punkte von Tabellenplatz 16, aus dem Gröbsten könnten die Blau-Weißen also bereits raus sein. Da ist der Pragmatismus von Interimstrainer Alexander Nouri schon deutlich leichter zu ertragen, denn auch wenn die Spiele Herthas seit längerem kaum zu unterhalten wissen, bringen sie Punkte ein und besonders im Abstiegskampf zählt nur diese Kennziffer.

Doch auch wenn die Begegnung mit dem SC Paderborn nur streckenweise ordentlichen Fußball zeigte, haben gewisse Hertha-Spieler positiv wie negativ auf sich aufmerksam gemacht. In diesem Format beleuchten wir diese.

Rune Jarstein – ungewohnt unsicher

Dass Rune Jarstein seit Jahren ein exzellenter Schlussmann ist und Hertha bereits sehr viele Punkte festgehalten hat, steht außer Frage. Doch nachdem der Norweger bereits im Pokalspiel gegen den FC Schalke 04 unglücklich aussah, machte er auch am Samstagnachmittag keine gute Figur.

(Foto: Stuart Franklin/Bongarts/Getty Images

Dabei gaben ihm die Paderborner gar nicht allzu viele Chancen, ins Spiel einzugreifen. Zwar gaben die Hausherren insgesamt 21 Schüsse ab, aber nur vier davon kamen auch wirklich auf das Tor. Große Gelegenheiten, sich auszuzeichnen, waren also Mangelware. In der 51. Minute aber griff der 35-Jährige ordentlich daneben. Paderborns Stürmer Srbeny gab quasi von der Grundlinie einen Schuss ab, der rein physikalisch schon gar nicht ins Tor gehen konnte, doch bugsierte sich Jarstein den Ball bei seinem Rettungsversuch selber über die Linie. Ein Fehler, der solch einem gestandenen Torhüter natürlich nicht unterlaufen darf, auch wenn Jarstein ebenfalls nur ein Mensch ist und Fehler nun einmal passieren – sieht bei Torhütern erfahrungsgemäß nur blöder aus.

Seinen Patzer zum 1:1 machte Herthas Torhüter allerdings in der 82. Minute wieder wett, indem er einen strammen Distanzschuss Prögers noch mit einem starken Reflex, nachdem er bereits in eine andere Richtung unterwegs war, parieren konnte. Wirklich bestärken wollte ihn diese Szene aber nicht. Immer wieder flog Jarstein unter Hereingaben hindurch und in einer Szene ließ er einen bereits sicher geglaubten Ball wieder fallen, konnte die Aktion aber gerade noch selbst bereinigen. So oft Jarstein bereits der Held des Spiels war, so war er gegen Paderborn eher ein Sicherheitsrisiko. Bis auf seine gute Szene in der 82. Minute strahlte der Keeper keine Sicherheit aus, sodass er froh gewesen sein wird, als der Schlusspfiff ertönte. Man kann nur hoffen, dass sich Jarstein aus diesem kleinen Formtief schnellstens wieder befreit.

Peter Pekarik – Herthas Tiefkühlpizza

“Pekarik ist die Tiefkühlpizza bei Hertha. Holst ihn/sie raus, wenn du nichts anderes mehr da hast, weißt genau was du bekommst und bist am Ende auch satt, fühlst dich aber auch irgendwie schlecht, weil du weißt, was für geile frische Sachen es sonst so gibt”, schrieb ich nach dem Spiel in Paderborn auf Twitter. Viele verstanden die Intention und den Witz dahinter, manch anderer unterstellte mir hingegen, die Leistung des Slowaken, der zum ersten Mal seit 307 Tagen für Herthas Profis auf dem Platz stand, nicht zu würdigen.

Foto: Christof Koepsel/Bongarts/Getty Images

Dabei verfolgte der Vergleich nur gute Absichten. Nachdem Lukas Klünter zuletzt eine kleine Formdelle hatte und Marius Wolf nach seiner gelb-roten Karte gegen Mainz 05 gesperrt fehlte, setzte Trainer Alexander Nouri dennoch leicht überraschend auf den 33-jährigen Rechtsverteidiger. Bis dahin hatte Pekarik in der laufenden Spielzeit absolut keine Rolle gespielt, er lag so im Gefrierfach herum. Aber wenn Not in der Startelf/Küche herrscht, holt man die Reserven raus. Herthas Interimstrainer wusste halt, woran er bei dem routinierten Außenverteidiger ist. Pekarik, etwas ungewohnt nicht als reiner Rechtsverteidiger sondern als Schienenspieler eingesetzt, machte einmal mehr ein solides Spiel. Aufgrund seiner offensiveren Rolle stand der slowakische Nationalspieler in seinem 158. Pflichtspiel für Hertha oftmals auffallend hoch und kam zu vielen Flanken – insgesamt sechs schlug er, von denen zwei ankamen und eine zur Torschussvorlage wurde. Pekarik versuchte, seiner ungewohnten Funktion gerecht zu werden und viel Aufwand zu betreiben, so lief er mit 11,25 Kilometern die viertgrößte Strecke aller Herthaner. Es war durchaus imponierend, wie viel Betrieb Pekarik im Angriffsspiel machte, immerhin sammelte er die zweitmeisten Ballkontakte aller Berliner, dennoch fehlte es seinen Aktionen an Effektivität. All diese Aktivität hatte aufgrund der fehlenden Matchpraxis auch ihren Preis, denn in der Schlussphase plagte er sich mit Krämpfen herum.

Das wird auch daran gelegen haben, dass Pekarik mit Antwi-Adjei und Collins zwei äußerst dynamische Gegenspieler zu verteidigen hatte und dadurch viele Sprints wie intensive Läufe anzog. Defensiv lieferte er aber bis auf ein paar unglückliche Szenen eine zufriedenstellende Vorstellung ab. Er ließ einigermaßen wenig zu und klärte insgesamt vier Aktionen. Teilweise kam der alternde Außenverteidiger nicht ganz hinterher, aber große Gefahr entstand daraus nicht. “Ich freue mich, dass ich meinen Teil zum Sieg beitragen konnte. Ich kenne die Jungs schon lange und wir spielen jeden Tag im Training zusammen – jeder weiß, dass ich daher immer bereit bin, wenn ich gebraucht werde”, erklärte Pekarik nach dem Spiel. Mit ihm war es gelungen, die Defensive in einer Fünferkette wieder zu stabilisieren, hinzu kam der gewohnte Kampf und Aufwand, den Pekarik aufs Parquett bringt. Trainer Nouri hatte mit der Entscheidung, ihn aus der Versenkung zurückzuholen, durchaus Mut bewiesen, doch “Mr. Zuverlässig” wurde seiner Aufgabe gerecht. Natürlich ist der 33-Jährige, dessen Vertrag im Sommer ausläuft, nie ein verkappter Spielmacher der Marke Weiser oder Lazaro gewesen, aber in der passenden Situation kann er ebenso wichtig sein. Jeder gut gefüllte Kühlschrank sollte eben eine Tiefkühlpizza enthalten.

Arne Maier – ab wann ist Kritik erlaubt?

Die Bewertung von Spielern, die aus einer langen Verletzung kommen, ist immer so eine Sache. Wie viel Zeit muss vergehen, wie viele Spiele müssen sie gemacht haben, bis Kritik erlaubt ist? Arne Maier ist aktuell so ein Fall. Gegen Paderborn hat der 21-Jährige das dritte Mal infolge in der Startelf gestanden, so langsam könnte also wieder eine gewisse Routine in sein Spiel kommen. Bislang ist das Berliner Eigengewächs seinem Status als großes Talent und kommender Nationalspieler jedoch nicht gerecht geworden.

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Mit Ascacibar und Skjelbred im Rücken agierte Maier gegen Paderborn einmal mehr als offensivster Part der Mittelfeldzentrale – klare Aufgabe: er soll das Spiel lenken und die Offensivspieler in Szene setzen. Und “Offensivspieler” meinte gegen den Aufsteiger die beiden Stürmer Cunha und Piatek, da sonst keine Spieler auf dem Feld standen, die nur nach vorne denken sollten. Diese Rolle scheint Maier jedoch nicht zu liegen, bzw. fehlt ihm (noch) der Mut, sie auszufüllen. Als wichtigster Drahtzieher, ohne einen Duda oder Grujic an seiner Seite, fehlt dem jungen Mittelfeldmann die Präsenz und das Gespür für raumöffnende Pässe. Blickt man auf das Pass-Übersicht Maiers, fällt auf, wie wenige in gefährliche Zonen gespielt wurden (nicht ob sie angekommen sind, sondern dass er sich diese gar nicht getraut hat) und wie viele Zuspiele er nach hinten verbuchte. Mit 79% angekommenen Pässen hat seine Genauigkeit ebenso Luft nach oben.

Es ist nicht so, als würde Maier sonderlich schwache Spiele abliefern, doch gemessen an seinem Talent und seinen Ambitionen ist es aktuell zu wenig. Natürlich müssen sein Alter und die lange Ausfallzeit miteinbezogen werden, dennoch ist es erstaunlich, wie wenig “besonderes” er auf dem Feld produziert. Es ist momentan wenig von seiner großen Ballsicherheit und seinem strategischen Denken zu sehen, stattdessen beobachtet man leichtere Ballverluste, Pässe ohne großen Raumgewinn und äußerst zaghafte Vorstöße. Sicherlich ist Maier (50 Pflichtspiele für Hertha, kein Tor, eine Vorlage) eben kein Duda, der besonders im letzten Angriffsdrittel aufblüht, sondern eher jemand, der Toni-Kroos-artig das Spiel aufziehen will, aber ist es schwer zu vermitteln, dass ein Per Skjelbred im Offensivspiel aufbrausender und dynamischer wirkte. Es ist vollkommen klar, dass man Maier weiter die Zeit geben muss, sich nach der langen Verletzungspause wieder zu finden, aber momentan gibt er der Mannschaft nur wenig. Man könnte auch angesichts seiner deutlichen Worte in der Winterpause und dem formulierten Wechselwillen sagen: wer sich so groß macht, muss dann auch liefern. In der aktuellen Form wird zumindest kein internationaler Topverein anklopfen. In den nächsten Wochen ist Maier dazu angehalten, mehr aus seinem Potenzial herauszuholen.

Matheus Cunha – genau das, was man gebraucht hat?

Zusammen mit der Hereinnahme Pekariks war es wohl die größte Überraschung bei Hertha, dass Neuzugang Matheus Cunha nach nur zwei Tagen in Berlin gegen den SC Paderborn sogleich in der Startelf stand. Die Entscheidung des Trainerteams sollte sich, auch wenn der junge Brasilianer teils negativ auf sich aufmerksam machte, auszahlen.

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Doch wie wir es in der Schule gelernt haben – zunächst das Positive. Denn das Matheus Cunha das gewünschte “belebende” Element für Hertha war, ist nicht abzustreiten. Passierte etwas nennenswertes auf dem Feld, hatte der 20-Jährige sehr oft seine Füße im Spiel. Cunha arbeitete sehr gut mit Sturmpartner Piatek zusammen, indem der Pole mit seiner Ballsicherheit und Übersicht für die nötige Ruhe im Angriffsspiel sorgte und Cunha als freischwebender Komet um ihn herumwirbelte. Schnell wurde klar, dass der Winterneuzugang technisch mehr drauf hat, als viele seiner Kollegen auf dem Feld. Mit großem Spielwitz und dem stets nach vorne gerichteten Blick sorgte Cunha immer mal wieder für interessante und gewinnbringende Momente. Zwar war der brasilianische U-Nationalspieler nur 31 Mal am Ball, dennoch schien er das Spiel seiner Mannschaft wirklich zu prägen und überall zu sein. Oftmals fand man Cunha in der eigenen Hälfte, wie er Bällen hinterherjagte. Es war offensichtlich, dass dem Angreifer im Vorfeld wenige taktische Vorgaben gemacht wurden – er sollte einfach kicken und das Spiel seiner Mannschaft beleben. Das gelang Cunha auch, niemand gab so viele Schüsse wie er (fünf) ab, hinzu kommt eine Torschussvorlage, vier herausgeholte Freistöße und eine positive Zweikampfbilanz (für Stürmer sehr ungewöhnlich). Cunha war kaum einzufangen und belohnte sich in der 67. Minute mit seinem Debütreffer zum 2:1. Sehenswert verwandelte der Torjäger die Kugel mit der Hacke, nachdem zuvor noch Darida und Piatek gescheitert war. So lässt sich ein Einstand feiern.

Doch war nicht alles glanzvoll, was Cunha bei seinem ersten Spiel für die “alte Dame” zeigte. Nein, Hertha hat sich da durchaus ein Enfant terrible verpflichtet. So belebend der junge Stürmer auch war, teilweise übersteuerte er und ließ sich zu fragwürdigen Aktionen hinziehen. Bestes Beispiel war die Torchance aus der 61. Minute, bei der Cunha alleine auf Paderborns Keeper zulief, ewig den Ball hielt und sich letztendlich dazu entschloss, es aus zu kurzer Distanz mit dem Lupfer zu probieren. Hier greift der Klassiker “Er wollte es zu schön machen”. Nachdem es anschließend keinen Elfmeter gab (Zingerle hatte Cunha zu Fall gebracht, dieser ihn aber vorher am Hals gehalten), ließ sich Cunha zu einer abwertenden Geste gegenüber Schiedsrichterin Steinhaus hinreißen und hatte großes Glück, dafür nicht gelb gesehen zu haben. Die Verwarnung holte er sich dann acht Minuten später aber, nachdem er einen Paderborner völlig unnötig und überhart auf die Bretter schickte. Seine letzten Minuten waren davon geprägt, sich mit muskulären Problem zunächst noch über den Platz zu schleppen um dann in der 83. Minute ausgewechselt zu werden.

Ja, Cunha sorgte für ordentlich Aufsehen. Dazu gibt es zwei Lesarten: positiv lässt sich sagen, dass der junge Brasilianer ein deutlich belebendes Element für seine Mannschaft ist, merklich unbeschwert wie selbstbewusst auftritt und somit spielerisch viel auffängt. Auch seine akribische Arbeit gegen den Ball war lobenswert. Auf der anderen Seite der Medaille steht, dass Cunha in manchen Szenen den Ernst der Lage seines Vereins nicht ganz verstanden zu haben schien und oftmals unnötig Risiko einging. Er überdrehte oft, hatte einen Hang zur Theatralik und war stark gelb-rot-gefährdet. Wohlwollend muss aber festgehalten werden, dass Cunha gerade einmal 20 Jahre alt und somit noch leicht unbeherrscht ist, zumal er bei seinem Debüt sicherlich besonders viel zeigen wollte und daher überhitzte. Grundsätzlich ist es toll, solch einen Instinktfußballer in seinen Reihen zu haben, der an die vielen Brasilianer aus den Herthaner 2000er Jahren erinnert. Cunha wird seinem Team und den Fans wohl noch viele graue Haare wie Glücksmomente schenken und solche Spieler bleiben schließlich in Erinnerung.