Kaderanalyse 2019/20 – Herthas Innenverteidigung

Kaderanalyse 2019/20 – Herthas Innenverteidigung

Eine turbulente Spielzeit hat am 27. Juni ihr Ende gefunden. Zwar hat COVID-19 alle Bundesliga-Teams gleichermaßen getroffen, vor der Pandemie hat Hertha BSC das Rennen als von Krisen gebeutelster Verein aber wohl gemacht. Selten ist es in der vergangenen Saison um Sportliches gegangen, doch genau diesem Thema wollen wir uns mit dieser Artikelserie widmen: In unserer Kaderanalyse wollen wir die einzelnen Positionen genauer unter die Lupe nehmen und die Frage beantworten, ob Hertha dort nach Verstärkungen für die kommende Saison suchen sollte.

Nachdem wir uns im ersten Teil dieser Artikelserie den Torhütern gewidmet haben, folgen nun die Innenverteidiger der „alten Dame“. Auch auf dieser Position haben die Spieler in der zurückliegenden Saison einige Höhen und Tiefen erlebt, hervorgegangen ist letztendlich aber ein festes Duo, das auch in der kommenden Spielzeit zunächst die besten Karten für einen Stammplatz haben wird.

Dedryck Boyata – Herthas Spieler der Saison?

Von null auf hundert. Im vergangenen Sommer ist Dedryck Boyata ablösefrei von Celtic Glasgow nach Berlin gewechselt – Der Belgier schien die Rolle des abgewanderten Fabian Lustenbergers übernehmen zu sollen: Der erfahrene Recke, der sich ohne Murren auf die Bank setzt und bei einem personellen Engpass bereit steht. Quasi der solide Unterbau für die Innenverteidigung, die eigentlich mit den jüngeren und bereits etablierten Torunarigha, Stark und Rekik besetzt werden sollte. Hinzu kam, dass heute 29-Jährige aus einer langen Verletzung zu Hertha kam, die ihn in Glasgow von Ende März bis Mitte Juli außer Gefecht gesetzt hatte. Dem belgischen Nationalspieler war ohnehin eine gewisse Verletzungsanfälligkeit attestiert worden, die auch sogleich nach seiner Ankunft in Berlin wieder zuschlug: Oberschenkelprobleme, die Boyata schon in der Vergangenheit immer wieder geplagt haben, ließen den Innenverteidiger beinahe die komplette Vorbereitung bei seinem neuen Verein verpassen.

Foto: IMAGO

Auch die ersten drei Spieltage der Saison 2019/20 verpasste Boyata verletzungsbedingt. Am 4. Spieltag bot Trainer Ante Covic gegen den FSV Mainz 05 einer Dreierkette in der Innenverteidigung auf, die Boyata sogleich in die Startelf spülte. Zwar gab es bei der 1:2-Niederlage nur wenig positives festzuhalten, Boyatas Leistung gehört allerdings dazu. Herthas Nummer 20 brauchte keinerlei Anlauf, um sofort Präsenz im Spiel der „alten Dame“ zu haben, sowohl mit seinem dynamischen und robusten Zweikampfverhalten als auch in der pressingresistenten Spieleröffnung zeigte er gute Ansätze. Nach diesem Spiel war Boyata nicht mehr wegzudenken – Bis auf drei Partien, in denen er gelb-gesperrt oder verletzt fehlte, stand der Belgier die gesamte Rest-Saison in der Startelf. Boyata hatte sich vom vermeintlichen Innenverteidiger Nummer vier zur größten Konstante im Herthaner Spiel entwickelt.

Mit einer überragenden Konstanz und allen nötigen Werkzeugen eines Innenverteidigers hat Boyata sich seinen Stammplatz in der Innenverteidigung redlich verdient. In einer mehr als turbulenten Saison mit teils vogelwilden Auftritten und sich immer wieder verändernden Aufstellungen war auf den 29-Jährigen stets Verlass. Egal, welche Statistik man heranzieht – Boyata gehörte in der vergangenen Saison zu den besten Innenverteidigern der Liga, was bei Herthas phasenweise katastrophaler Saison noch um ein vielfaches höher zu bewerten ist. Zweikampfranking: Platz elf; Luftzweikampf: Platz zehn; Tacklingquote: Platz zwei; Geklärte Situationen: Platz drei; Abgefangene Bälle: Platz 14; Geblockte Bälle: Platz zehn. Gleichzeitig ist Boyata bei den begangenen Fouls pro Spiel gerade einmal Platz 190 von 258 und bei den Fehlern vor einem Gegentor auf Rang 62 von 70. Hinzu kommt eine durchschnittliche Passquote von 89,4% – Platz 14 im ligaweiten Vergleich. Kurzum: Boyata hat eine atemberaubend starke Saison gespielt, Hertha durch seine Defensivleistungen und immerhin vier Saisontore zahlreiche Punkte gerettet und sich für das interne Rennen um die Auszeichnung als „Spieler der Saison“ weit nach vorne geschoben. Der Abwehrmann verfügt über keinen spektakulären Spielstil, welcher allerdings auch gar nicht nötig ist. Mit Jordan Torunarigha, mit der seit dem Re-Start der Liga ein herausragendes Duo bildete, hat Boyata jemanden an seiner Seite, der für die spielerischen Elemente sorgt. In der Form 19/20 ist Boyata keinesfalls mehr aus der Hertha-Stammelf wegzudenken – Ein Stabilisator, ein Anker, jemand, an dem sich die Mitspieler orientieren und aufrichten können. In nur einer Saison hat sich Boyata zu einer absoluten Stütze der Mannschaft entwickelt.

Jordan Torunarigha – Endlich etabliert?

Bei Jordan Torunarigha hat es nie Zweifel an dessen Talent gegeben, nur ob es den Zeitpunkt für den endgültigen Durchbruch bei Hertha geben wird. In der Saison 18/19 kam das Berliner Eigengewächs auf nur 14 Einsätze, gemessen an seinem Potenzial eine mehr als dürftige Bilanz. Und auch in der vergangenen Spielzeit sollte sich der 22-Jährige zunächst einmal hinten anstellen müssen, da sich Covic auf Rekik und Stark als primäre Varianten für die Innenverteidigung festlegte. Nachdem Torunarigha einen enttäuschenden Auftritt als Linksverteidiger in der 1. DFB-Pokalrunde hinlegte, war die Startelf erst einmal kein Thema mehr.

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In der Hinrunde der zurückliegenden Saison ist Torunarigha nur zweimal zum Einsatz gekommen: Im bereits erwähnten Spiel in Mainz gehörte der Innenverteidiger zur Startelf, am 8. Spieltag stand er gegen Werder Bremen nur eine einzige Minute auf dem Feld. In 13 von 17 Hinrundenspielen saß er auf der Reservebank, zweimal stand er gar nicht im Kader. Am 15. Spieltag fehlte Torunarigha, weil er für die zweite Mannschaft auflief, um zumindest irgendeine Form der Spielpraxis zu erlangen. Ein großes Highlight sollte er im Jahr 2019 allerdings noch verbuchen können, als er im DFB-Pokal gegen Dynamo Dresden den so wichtigen 3:3-Ausgleichstreffer in der allerletzten Sekunde der Verlängerung erzielte und damit das so dramatische Weiterkommen ermöglichte.

Für Torunarigha sollte sich das Blatt in der Rückrunde wenden – durch Verletzungen seiner Konkurrenten in die Startelf gespült setzte er sich in eben jener fest. Ab dem 18. Spieltag war das Eigengewächs nur zweimal kein Teil der ersten Elf, endlich scheint er sich zum Stammspieler gemausert zu haben. Mit seinem Kopfballtreffer am 19. Spieltag sicherte er wichtige drei Punkte gegen den VfL Wolfsburg (2:1), ansonsten sorgte er gemeinsam mit Boyata dafür, dass Hertha möglichst wenig Treffer kassierte. Sein Leistungsniveau sollte nach dem Re-Start und mit dem Trainerwechsel von Alexander Nouri zu Bruno Labbadia aber noch einmal einen gewaltigen Sprung machen: Ab dem 26. Spieltag war die Berliner Innenverteidigung ein absolutes Bollwerk – ob am Boden oder in der Luft – Torunarigha und Boyata waren kaum zu überwinden. Dabei stehen die Statistiken der Nummer 25 im Vergleich zu Boyatas Zahlen in kaum etwas nach bzw. in manchen Disziplinen steht er sogar noch besser da: Zweikampfranking: ligaweit Platz 15; Luftzweikampf: Platz sechs; Tacklingquote: Platz 17; Geklärte Situationen: Platz 16; Abgefangene Bälle: Platz 40; Geblockte Bälle: Platz sieben.

Bei der Statistik bzgl. der Fehler vor einem Gegentor taucht Torunarigha gar nicht erst auf, bei der Passquote belegt er immerhin noch Rang 45, welcher auch deshalb merklich schlechter als der von Boyata ist, weil der 22-Jährige sich deutlich mehr lange und riskante Bälle im Spielaufbau zutraut, die von Natur aus seltener ankommen. Torunarigha pflegt einen eher aufsehenerregenden Spielstil, indem er den Ball auch gerne einmal weit in die gegnerische Hälfte trägt, viele Seitenverlagerungen spielt und den Ball im allerletzten Moment noch klärt. All diese Eigenschaften lassen den Linksfuß vollkommen zurecht in Herthas Stammelf stehen, denn niemand anderes im Team verfügt über das spielerische Talent Torunarighas. Des Weiteren hat sich der noch junge Abwehrspieler in seinen Leistungen deutlich stabilisiert, Ausreißer nach unten gibt es kaum noch. In dieser Form gibt es kein Vorbeikommen an ihm, auch wenn er sein Formhoch in der kommenden Saison erst einmal wieder bestätigen muss, um sich endgültig festzuspielen.

Niklas Stark – Erst einmal hinten anstellen

Es wäre legitim, Niklas Stark als Gesicht der vergangenen Saison heranzuziehen: Mit ordentlich Potenzial unter der Haube hoffnungsvoll in die Spielzeit gestartet, brutal aufs Gesicht gefallen, Verletzungsprobleme, mehr Enttäuschungen als alles andere, letztendlich aber ein versöhnliches Ende, das Hoffnung für die kommende Saison macht. Stark, im Sommer mit 24 Jahren an einem entscheidenden Punkt seiner Karriere angekommen, ging als neuer Vizekapitän in die Saison 19/20 – eine Funktion mit viel Verantwortung, da bereits klar war, dass Kapitän Vedad Ibisevic längst nicht alle Spiele von Anfang an machen würde, sodass seine Vertretung oftmals als Spielführer in die Partie gehen wird.

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Es war die Saison, in der sich Stark „endgültig“ in seiner Güteklasse einfinden sollte – ein Spieler der gehobenen Bundesliga-Mittelklasse oder doch ein Mann für größere Aufgaben? Nachdem Nationaltrainer Joachim Löw mit Jerome Boateng und Mats Hummels zwei verdiente Innenverteidiger in den Ruhestand geschickt hatte, war auch Stark einer der Namen, die für die Anwärter dieser Position gehandelt wurden – sicherlich nicht so hoch wie ein Niklas Süle, Antonio Rüdiger oder Matthias Ginter, aber für einen Platz auf der Bank schien es bei ansprechenden Leistungen reichen zu können. Stark startete allerdings wie die gesamte Hertha-Mannschaft möglichst unglücklich in die Saison: Nach dem 2:2-Auswärtserfolg beim FC Bayern München folgten drei Niederlagen, besonders beim 0:3 auf Schalke sah Herthas Defensive amateurhaft aus – ein Tag, an dem es eigentlich nicht einmal einen Gegner gebraucht hat, um zu verlieren, schließlich erzielte Stark das 0:1 selbst, das 0:2 steuerte Nebenmann Rekik bei. Ein katastrophaler Saisonstart, der die Blau-Weißen sofort unter Druck setzte und Stark in ein tiefes Leistungsloch fallen ließ. Zwar stand der 25-Jährige in den meisten Hinrundenpartien als Startelfspieler auf dem Platz, zufriedenstellende Darbietungen zeigte der Innenverteidiger allerdings seltenst. „Stark nicht nahe genug bei seinem Gegenspieler“, „Stark kommt nicht in den Zweikampf“, „Da lässt sich Stark zu leicht austanzen“ – Diese Sätze fielen in der Hinrunde in beinahe jedem Spiel, Stark wurde immer mehr zu einem Schatten seiner selbst.

Dazu passte auch seine Odyssee beim DFB-Team: 2019 war Stark für jedes Länderspiel der Deutschen nominiert – insgesamt acht Mal – sein Debüt gab er allerdings erst Ende November gegen Nordirland, wo er für die letzten 25 Minuten eingewechselt worden war. Zuvor hatte ihn Löw sechs Mal nicht eingesetzt, doch danach angekündigt, Stark endlich sein Debüt schenken zu wollen – Dann spielte aber Starks Körper in fast schon komödiantischer Weise nicht mit. Gegen Argentinien im Oktober sollte Stark von Anfang an spielen, er fehlte jedoch aufgrund einer Schleimhautentzündung. Dann sollte der Abwehrmann wenige Tage später gegen Estland starten, doch Stark war in der Nacht zuvor im Dunkeln gegen eine Tischkante gelaufen, wobei er sich das Schienbein aufschnitt – erneut kein Debüt. Für die Länderspiele gegen Weißrussland und Nordirland wurde Stark erneut nominiert, das erste Spiel musste er allerdings auch absagen, weil er sich zuvor im Spiel gegen RB Leipzig das Nasenbein gebrochen hatte. Gegen Nordirland war es dann endlich so weit – auch wenn Stark mit einer Gesichtsmaske auflaufen musste.

Im Verein lief es für Stark ähnlich durchwachsen. Zwar begann der Vizekapitän die Rückrunde als Stammspieler, Verletzungen und eine Gelbsperre ließen ihn aber zahlreiche Spiele verpassen. Auch seine Leistungen waren erneut ein Spiegelbild der Teamverfassung. Es war die chaotische Phase, in der Jürgen Klinsmann urplötzlich hinschmiss und Nouri eine zutiefst verunsicherte Mannschaft übernahm, welche er nicht stabilisiert bekam – Hertha verlor 1:3 gegen Mainz, gewann holprig 2:1 gegen Paderborn und ging mit 0:5 gegen Köln unter – Stark dabei stets im Epizentrum: der höchst wackeligen Abwehr, der er keinerlei Stabilität verleihen konnte. Zumindest beim 2:2 gegen Werder Bremen am 25. Spieltag konnte der Innenverteidiger mit seinem einzigen Treffer der Saison zu einem Punktgewinn beitragen. Auch beim Re-Start war Stark einer der unglücklichen Protagonisten: Neben Marius Wolf war er der einzige aus dem Kader, der sich zweimal in einer 14-tägige Quarantäne begeben musste, sodass es ihm gar nicht möglich war, sich für Labbadia zu empfehlen. Die Spiele gegen Union Berlin, Leipzig und den FC Augsburg verpasste Stark aufgrund einer Adduktorenverletzung, in der Phase hatten sich Torunarigha und Boyata als Stamm-Duo in der Innenverteidigung bereits festgespielt. Doch hier folgt der versöhnliche Teil der so unglücklichen Saison Starks. Gegen Eintracht Frankfurt (31. Spieltag, 1:4) sah Boyata die rote Karte, sodass Stark aufs Feld gebracht wurde. Zwar konnte er nichts mehr an der deutlichen Niederlage ändern, aber im darauffolgenden Spiel in Freiburg stand er erste Mal seit dem 25. Spieltag wieder in der Startelf und Stark machte seine Sache sehr ordentlich. Auch in den letzten beiden Spielen der vergangenen Saison durfte Stark beginnen, aufgrund der Personallage allerdings im defensiven Mittelfeld. Auch auf dieser Position machte Herthas Nummer fünf einen guten Eindruck.

Zum Ende hin hat sich Stark bei Trainer Labbadia also noch einmal empfohlen – eventuell sogar für eine Position, für die er grundsätzlich gar nicht vorgesehen war. Es war eine mehr als nur durchwachsene Saison für Stark, der maximal unglücklich in diese gestartet ist, große Probleme unter Klinsmann hatte, zwischenzeitlich in den Medien mit einem Vereinswechsel kokettierte und nach der langen Zeit abseits des Mannschaftstraining kein Vorbeikommen an Torunarigha und Boyata sah. Nun werden die Karten jedoch neu gemischt und jeder Spieler hat in der Vorbereitung die Chance, sich aufzudrängen. Stark hat sich sehr lobend über die Art und Arbeit von Labbadia geäußert, nach einem Form -und Stimmungstief scheint er wieder angreifen zu wollen. So ist Stark zwei Wochen früher als seine Mannschaftskollegen in die Sommervorbereitung gestartet – der Konkurrenzkampf ist eröffnet.

Karim Rekik – Ein verlorenes Jahr

Zugegeben, die Reihenfolge, in der die Saison des jeweiligen Innenverteidigers besprochen wird, ist nicht zufällig gewählt. Karim Rekik ist zwar zusammen mit Niklas Stark als Stamminnenverteidigung in die Saison 19/20 gegangen, am Ende dieser aber auf Platz vier im internen Ranking durchgereicht worden. Der Niederländer, bereits in der Saison zuvor mit einer durchwachsenen Leistung, hat solch ein gebrauchtes Jahr hinter sich, dass im Sommer sogar der Abschied nach drei gemeinsamen Jahren erfolgen könnte.

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Wie auch bei Mannschaftskollege Stark begann die Saison insofern positiv, als dass sich Trainer Covic für die linke Innenverteidiger-Position auf Rekik festgelegt hatte und diesen die ersten drei Bundesliga-Partien über 90 Minuten spielen ließ. In diesen Begegnungen sah der 25-Jährige aber genauso wie Stark sehr unglücklich aus, sodass Herthas damaliger Trainer sich gezwungen sah, etwas zu verändern und Rekik von Spieltag vier bis einschließlich sieben auf die Bank zu setzen. Genau in diesen Spielen hatte Hertha seine beste Phase unter Covic (eine Niederlage, drei Siege) und kassierte auch nur drei Gegentreffer. Die guten Leistungen Boyatas schienen einer Wachablösung in der Innenverteidigung gleichzukommen, denn der Belgier zeigte all die Eigenschaften, die vor zwei Jahren noch so sehr an Rekik geschätzt wurden: Resolutes Zweikampfverhalten, perfekt getimte Grätschen, sauberes Passspiel, kaum bis gar keine Fehler. In den beiden darauffolgenden Partien fand Rekik aufgrund der Verletzung von Stark wieder zurück in die Startelf, ohne aber wirklich zu überzeugen, sodass zunächst ein reger Wechsel zwischen Bank -und Startelfplatz stattfand.

Mit dem Wechsel von Covic zu Jürgen Klinsmann veränderte sich auch Rekiks sportliche Lage für eine gewisse Dauer. Klinsmann ließ den Niederländer in seinen ersten fünf Partien als Hertha-Coach von Anfang auflaufen, was Rekik mit zumindest soliden Leistungen in einem extrem defensiven, damit aber auch kompakten Gebilde und dem Siegtreffer gegen Bayer Leverkusen (1:0, 16. Spieltag) dankte. Zum Rückrundenbeginn musste Rekik allerdings wieder mit der Bank vorlieb nehmen, Torunarigha hatte sich zum Stammspieler entwickelt und dies mit starken Vorstellungen untermauert. So mutete es auch eigenartig an, als Interimstrainer Alexander Nouri in drei seiner vier Partien wieder auf Rekik setzte – auch weil dieser bei den Spielen gegen Paderborn (2:1), Köln (0:5) und Düsseldorf (3:3) kein gutes Bild abgab. Wie auch Stark musste Rekik beim dritten Trainerwechsel der Saison verletzt zusehen, wie sich Torunarigha und Boyata zum neuen Stammduo in der Innenverteidigung mauserten. Eine Innenbanddehnung im Knie setzte den Niederländer die ersten vier Spiele unter Labbadia außer Gefecht, doch auch nach seiner Genesung fand Rekik nicht ein einziges Mal mehr in den Kader. Am Ende der Saison verbuchte er damit lediglich 14 Spiele, zuletzt gab Labbadia sogar den Talenten Marton Dardai und Omar Rekik (Karims kleiner Bruder) den Vorzug.

Nach dieser enttäuschenden Saison soll sich Rekik ernsthaft mit einem Abschied auseinandersetzen. Demnach soll er von seinem Berater in England, Spanien und Deutschland angeboten worden sein, berichtet Bild. Der 25-jährige Niederländer hat zwar noch ein Jahr Vertrag in Berlin, im Endspurt der vergangenen Saison hat sich Rekik allerdings zu Innenverteidiger Nummer vier in der internen Hierarchie entwickelt. „Mit mir hat noch niemand gesprochen. Ich fühle mich in Berlin total wohl. Auch mit dem Trainer-Team komme ich super klar“, sagte er, aber solche Statements und ihr Wahrheitsgehalt kennt der geneigte Fußballfan zu genüge. Die Perspektive für Rekik sieht in der kommenden Saison alles andere als gut aus und so scheint es nicht unwahrscheinlich, dass er sich sportlich verändern will und Hertha in Hinsicht auf seinen auslaufenden Vertrag noch eine Ablöse einstreichen will, zumal mit Dardai und Bruder Omar Rekik zwei vielversprechende Innenverteidiger-Talente in den Startlöchern stehen. Es könnte also zum Abschied nach drei gemeinsamen Jahren kommen.

Fazit

Auch wenn zwei der vier Profi-Innenverteidiger bei Hertha eine Saison zum Vergessen hinter sich haben, ist hier keine Baustelle aufzumachen. Mit Jordan Torunarigha und Dedryck Boyata hat sich möglicherweise eins der besten Innenverteidigerduos der Liga gefunden, zudem wird Niklas Stark höchst motiviert sein, seinen Platz zurückzugewinnen, sodass ein lebendiger Konkurrenzkampf zu erwarten ist. Selbst wenn Karim Rekik den Verein im Sommer verlassen sollte, ist nicht mit einer Neuverpflichtung für diese Position zu rechnen, da Labbadia mit einer Viererkette, als nur zwei Innenverteidigern spielen lässt und mit Marton Dardai (18, vergangene Saison sechs Mal im Profikader dabei gewesen) wie auch Omar Rekik (18, dreimal dabei gewesen) zwei verheißungsvolle Talente in die erste Mannschaft drängen. Hertha ist in der Innenverteidigung für die kommende Saison als gut aufgestellt, die Baustellen des Kaders liegen woanders.

Herthaner im Fokus: Hertha BSC – SV Werder Bremen

Herthaner im Fokus: Hertha BSC – SV Werder Bremen

Ein Spiel in der Bundesliga beginnt beim Stand von 0:0 und dauert 90 Minuten. Bei Hertha BSC ist es etwas anders. Ein Spiel beginnt in der Regel beim Stand von 0:2. Die katastrophalen ersten Spielminuten der Blau-weißen werden in dieser Rückrunde zur Gewohnheit. Zugegeben: die „alte Dame“ konnte gegen Werder Bremen erneut den frühen Rückstand am Ende ausgleichen und punkten. Trotzdem wird deutlich, dass es so unheimlich schwierig wird, Siege zu holen. Wären da nicht diese „Drecksminuten zu Spielbeginn…

Weil diese Wochen für Hertha-Fans schwierig zu verdauen sind, waren wir dieses Mal in unserer Bewertung vor allem auf der Suche nach positiven Aspekten. Diese fanden wir unter anderem auch Niklas Stark, Maximilian Mittelstädt und Matheus Cunha.

Thomas Kraft – Kein Spiel zum glänzen

Aufmerksame Leserinnen und Leser werden festgestellt haben: der neue Stammkeeper wurde in unserer Einleitung nicht erwähnt. Das liegt daran, dass er als einziger, der heute im Fokus stehenden Spieler nicht wegen seiner sportlichen Leistung ins Auge getreten ist. Ihn jedoch kurz anzusprechen lohnt sich, da eine Änderung auf der Torhüterposition im Laufe der Saison eher unüblich ist. Zudem wurde im Anschluss auf das Düsseldorf-Spiel sehr viel über Thomas Kraft diskutiert. Weniger aufgrund seiner sportlichen Leistung, sondern eher wegen seiner Ansprache in der Kabine. Er sei besonders wichtig für die Mannschaft, solle nervenstärker sein als sein Konkurrent Rune Jarstein und deshalb auch in dieser Situation die beste Wahl sein.

Kraft hatte gegen Bremen wenig zu tun. (Foto: Maja Hitij/Bongarts/Getty Images)

Umso bitterer also, dass das Spiel gegen Werder Bremen ihm nicht wirklich die Möglichkeit gab, den Fokus auf seine sportliche Rolle zu legen. Schon nach sechs Minuten lag Hertha mit 0:2 zurück, und das Lächeln im Gesicht von Thomas Kraft war von jeglicher Freude oder Heiterkeit befreit. Auch er wird, wie alle Herthafans und -akteure geglaubt haben, im falschen Film zu sein. Beim ersten Gegentreffer konnte Kraft noch nicht viel machen, beim zweiten hingegen wirkte der Spieler mit der Nummer Eins im Rücken äußerst unglücklich. Seine Positionierung beim Kopfball von Davy Klaassen sah alles andere als Souverän aus. Trotzdem muss zu seiner Verteidigung angeführt werden, dass die gesamte Hintermannschaft ihren Keeper völlig im Stich ließen. Lukas Klünter ließ erst Milot Rashica viel Zeit und Raum zum Flanken, dann schlief die Innenverteidigung und Klaassen bedankte sich.

Nach diesen zwei Treffern bekam Thomas Kraft so gut wie gar nichts mehr auf sein Tor. Eine gute Nachricht eigentlich, allerdings konnte sich der 31-Jährige dann auch nicht mehr durch Paraden auszeichnen. Zumindest konnte er durch einzelne schnelle Abwürfe Angriffe seiner Mannschaft einleiten. Am Samstag konnte Kraft also keine Glanztaten zeigen, trotzdem ist zu hoffen, dass bis zum Ende der Saison die Torhüter-Position kein Thema mehr wird. Angesichts dieser Spielzeit ist allerdings noch alles vorstellbar.

Niklas Stark – Nach Gelbsperre zurück ins Rampenlicht

Niklas Stark gehört sicherlich zu den Spielern, die diese Saison weit unter ihren Möglichkeiten gespielt haben. Nach seiner Gelbsperre kehrte er am Samstag zurück in die Startelf und ersetzte dort Dedryck Boyata, der aufgrund von Muskelproblemen ausfiel. Direkt war Stark im Mittelpunkt des Geschehens, und war auch mitverantwortlich für den erneuten Katastrophenstart von Hertha.

Niklas Stark köpft zum 1:2 Anschlusstreffer. (Foto: Maja Hitij/Bongarts/Getty Images)

Beim 0:1 machte er seinem Gegenspieler Joshua Sargent zu wenig Druck, sodass dieser ungestört abschließen konnte. Auch beim 0:2 war er schuldhaft beteiligt: der 24-Jährige verlor Davy Klaassen aus den Augen, der dann einköpfen konnte. Keine gute Rückkehr also. Sichtlich verunsichert spielte Stark auch im Anschluss zunächst sehr hektisch und unpräzise. Durch einen gefährlichen Fehlpass in der 24. Minute hätte er sogar einen weiteren Gegentreffer einleiten können.

Er selbst fand poetische Worte, um den Frust der Anfangsphase zu beschreiben: „wir beißen uns selber in den Arsch“. Doch zumindest schaffte es Niklas Stark, die passende Antwort schon in der ersten Halbzeit zu finden. Wie auch die restliche Mannschaft der „alten Dame“ wurde der junge Verteidiger im Verlauf der Partie sicherer. Dadurch, dass sich Hertha auch mehr Kontrolle sicherte, traute er sich auch mehr im Spielaufbau zu, wie zum Beispiel in der 37. Minute, als er nach einem Vorstoß Krzysztof Piątek in Szene setzte. Diese Leistungssteigerung krönte er dann selbst in der 41. Minute, als er den so wichtigen Anschlusstreffer per Kopf erzielte.

In der zweiten Halbzeit war Stark deutlich sicherer, sein Treffer gab ihm sichtlich Selbstvertrauen. Auch war spürbar, dass er hundert Prozent gab, auch wenn manchmal die Abstimmung mit seinen Mitspielern nicht perfekt funktionierte. In der 64. Minute beispielsweise ließ er noch seinen Gegenspieler frei köpfen. Zwei Minuten später warf er sich aufopferungsvoll in einer Defensivaktion rein und klärte den Ball. Der Wille war da bei Niklas Stark, das zeigt sich auch in seiner Statistik. Er klärte nicht nur 7 Bälle (der beste Wert im Hertha-Team), er konnte auch 75 Prozent seiner Zweikämpfe gewinnen und lief sogar mehr als 10 Kilometer. Es war ihm anzumerken, dass er seiner schwachen Form der letzten Wochen zum Trotz ein gutes Spiel machen wollte. Seine erste halbe Stunde warf letztlich einen Schatten auf sein ansonsten ordentliches Spiel.

Maximilian Mittelstädt – Mittendrin statt nur dabei

Ein weiterer Spieler durfte sich, nach den vielen Wechsel der letzten Wochen, wieder von Beginn an zeigen. Maximilian Mittelstädt übernahm die linke offensivere Seite bei den Blau-weißen. Er nutze die Tatsache, dass er mit Marvin Plattenhardt einen sehr defensiv aufgestellten Verteidiger hinter sich hatte, um sich in den meisten Angriffen von Hertha mit einzuschalten.

Torschütze und Vorbereiter zum 2:2 (Foto: Matthias Kern/Bongarts/Getty Images).

Der 22-Jährige war sehr präsent im Berliner Spiel und schien unermüdlich zu sein. Ganze 11,55 Kilometer lief er, der beste Laufwert hinter Vladimir Darida und Santiago Ascacibar. Dazu kommen 26 Sprints und 78 intensive Läufe: in beiden Werten ist er damit auf Platz drei bei Hertha. Sein Einsatz zeigte sich unter anderem auch in der 28. Minute, als er den weiten Weg bis in den eigenen Strafraum zurück sprintete, um einen Bremer Angriff zu vereiteln. Besonders interessant wird es, wenn man sich die sogenannten „Heatmaps“ anschaut. Während Marius Wolf vor allem auf seiner rechten Seite blieb war Maximilian Mittelstädt fast überall zu sehen, was sich in der 69 Minute zeigte, als er komplett die Seite wechselte, um einen Ball wegzugrätschen.

Auffällig war auch, dass es ihn auch immer öfter in die zentrale Position zog. Auch durch die Passivität der Bremer nach der Anfangsphase hatte er mehr Freiheiten, probierte vieles nach vorne. Dieser Offensivdrang sorgte auch für den 2:2 Ausgleichstreffer: in der 60. Minute kam Mittelstädt im Strafraum zum Abschluss. Der abgewehrte Ball wurde dann von Matheus Cunha ins Tor geschossen. Auch in der 78. Minute glänzte der gebürtige Berliner, als er einen langen Ball per Vollsprint noch erreichte und in die Mitte auf Vladimir Darida spielte. Dessen Schuss sorgte für den, später zurückgenommenen, Handelfmeter für Hertha.

Es war nicht alles gut, was der junge Berliner am Samstag zeigte. Vor allem seine hohen Hereingaben waren oft zu ungenau, doch insgesamt weist er eine gute Passquote auf (85 Prozent, im Vergleich: Marius Wolf hatte eine Passquote von 52 Prozent). Nach Matheus Cunha (20) und Ludwig Augustinsson (19) ist Mittelstädt außerdem der Spieler, der die meisten Zweikämpfe gewann. Sein Einsatz, seine Flexibilität und seine Entschlossenheit beim 2:2 waren für das Berliner Spiel sehr wertvoll. Auch deshalb ist davon auszugehen, dass Maximilian Mittelstädt in der nächsten Partie gegen die TSG Hoffenheim erneut von Anfang spielen wird.

Matheus Cunha – Dauergast bei „Herthaner im Fokus“

Aktuell führt in unserer „Herthaner im Fokus“-Rubrik kein Weg an Matheus Cunha vorbei. Da er auch gegen Bremen der auffälligste Spieler auf dem Platz war, können wir erneut nicht auf eine Bewertung verzichten. Cunha war wie auch in der zweiten Halbzeit in Düsseldorf omnipräsent, verlor kaum Bälle, glänzte durch Dribblings und mit einer guten Übersicht. Kein Wunder also, dass er der Spieler ist, der für Hertha in der 20. Minute den ersten Ausrufezeichen setzte, indem er einen Konter im Vollsprint anführte und dann selbst kurz vor dem gegnerischen Strafraum abschloss. Der etwas zu unplatzierte Schuss war das erste Zeichen, dass sich Hertha anfing zu wehren. Dies sollte nur einer von zahlreichen Schüssen werden: Cunha gab mit neun (!) Torschüssen mit großem Abstand die meisten Schüsse von allen Spielern auf dem Platz ab.

Der Brasilianer schießt das so wichtige 2:2 (Foto: Maja Hitij/Bongarts/Getty Images).

In der 34. Minute zog der junge Stürmer erneut aus der Distanz ab und zwang Keeper Stefanos Kapino zu einer starken Parade. Kaum vier Minuten später war er wieder im Mittelpunkt, setzte sich gegen mehrere Gegenspieler im Strafraum durch und sorgte für den nächsten gefährlichen Angriff. Kurz vor Ende der ersten Halbzeit hätte er auch mit mehr Glück einen Elfmeter für Hertha rausholen können. Auch mit starken Pässen konnte er glänzen, wie zum Beispiel in der 53. Minute, als er Marvin Plattenhardt sehenswert in Szene setzte, der allerdings durch eine schwache Hereingabe den gefährlichen Angriff verschwendete.

In der 60. Minute war es dann soweit: der Brasilianer belohnte seine erneut starke Leistung und traf zum 2:2. Auch im Anschluss seines Treffers hängte er sich rein. Was auch auffiel: der 20-Jährige lief von allen Berliner Feldspieler am wenigsten, nur 9,27 Kilometer. Seine Läufe waren jedoch intelligent und effektiv. Dies zeigt sich daran, dass er trotz des geringen Laufumfangs an fast allen Berliner Kontern und Angriffen beteiligt war. Zudem gewann er auch die meisten Zweikämpfe (20) und hatte die meisten Sprints (34) und Dribblings.

Auch hier muss bei allen Lobeshymnen festgestellt werden, dass ihm in einigen Situationen die letzte Präzision und Ruhe fehlte. Bestes Beispiel dafür ist die Szene in der 70. Minute, als der junge Stürmer den wunderbar von Jordan Torunarigha eingeleiteten Konter in aussichtsreicher Position nicht gut nutzen konnte. Sein Pass auf Krzysztof Piątek war dann zu ungenau, und eine gute Chance vergeben.

Der laut Werder-Trainer Florian Kohfeldt „beste Spieler auf dem Platz“ Matheus Cunha belebt zweifellos das Berliner Offensivspiel, und sorgt für besondere Momente. In wenigen Spielen hat sich der Brasilianer eigentlich schon komplett unverzichtbar gemacht. Auf ihn wird Hertha in den nächsten Spielen ganz sicher hoffen. Bisher hat er diese Hoffnung nicht enttäuscht.