Herthaner im Fokus: Hertha BSC – SC Paderborn

Herthaner im Fokus: Hertha BSC – SC Paderborn

Gewonnen und doch stellt sich nicht wirklich das Gefühl von Erleichterung ein. Der 2:1-Heimsieg über den SC Paderborn am Samstagnachmittag brachte Hertha BSC zwar die ersten drei Punkte der Saison ein, wusste spielerisch aber einmal mehr nicht zu überzeugen. Fast schon ängstlich agierten die Blau-Weißen, einzig dem unbekümmerten Javairo Dilrosun war eine gewisse Leichtigkeit zu attestieren. Er war es auch, der die Partie durch einen einen Treffer und einen Assist zu Gunsten der Berliner entschied. Die Einzelkritik zu Lichtblicken und Sorgenkindern der “Alten Dame”.

Javairo Dilrosun – eins mit Sternchen

Kommen wir ohne Verzug zum Mann, dessen Tor um die Welt ging. Sogar der US-amerikanische TV-Sender Fox schnitt sich Dilrosuns unglaublichen Treffer zum 1:0 aus und teilte diesen über Twitter – “Introducing Javairo Dilrosun”. Der Niederländer trumpfte bei seinem Startelf-Comeback ähnlich auf, wie bei seinen allerersten Auftritten im blau-weißen Trikot.

Foto: Maja Hitij/Bongarts/Getty Images

Nach seinen auffälligen Joker-Einsätzen gegen Schalke 04 und den 1. FSV Mainz 05 (gab dort den Assist zum zwischenzeitlichen 1:1) stellte Trainer Ante Covic Dilrosun einen Startelfeinsatz in den kommenden Spielen in Aussicht. Lange darauf warten musste der 21-Jährige letztendlich nicht, bereits am Samstag gehörte er zu den elf Glücklichen, die gegen Paderborn beginnen durften. Es brauchte nur zehn Minuten, um das Vertrauen von Covic zurückzahlen – und wie! Dilrosun erhielt den Ball auf der linken Seite des letzten Angriffsdrittels, fasste sich ein Herz und dribbelte sich kurzerhand an fünf (!) Gegenspielern vorbei, um dann zum Führungstor einzuschieben. Eine Weltklasse-Aktion des Flügelspielers, der genau das zu sein schien, was die Mannschaft dringend brauchte.

Mit seinem Tempo, dem Gespür für besondere Aktionen und einer großen Unbekümmertheit war Dilrosun der mit Abstand stärkste Berliner Offensivakteur an diesem Tag. Niemand im Team verbuchte mehr erfolgreiche Dribblings (fünf) als der Niederländer, niemand schlug mehr Flanken. Sobald Dilrosun an den Ball kam, herrschte Unruhe bei den Paderborner Gästen. Zurecht, denn das Offensivjuwel kann nicht nur Tore schießen, sondern auch auflegen. In der 52. Minute erhielt Dilrosun den Ball von Marko Grujic, sprintete bis an den linken Strafraumrand und hatte dann das Auge für Marius Wolf. Dieser verarbeitete die perfekte Hereingabe Dilrosuns zum zwischenzeitlichen 2:0.

Mit einem Tor und einer Vorlage avancierte Dilrosun bei seinem ersten Startelfeinsatz seit November 2018 zum absoluten Matchwinner. “Es war lange her, dass ich in der Startelf stand, deshalb war ich besonders motiviert. Auch die Ergebnisse der letzten Wochen haben dazu geführt, dass ich der Mannschaft mit Toren und Vorlagen unbedingt helfen wollte”, erklärte er nach dem Spiel. Geholfen hat er eindeutig.

Ondrej Duda – ein Schatten seiner selbst

Vom auffälligsten zum unauffälligsten Spieler des vergangenen Spiels – Ondrej Duda wird seiner Berufsbezeichnung “Spielmacher” in der laufenden Saison noch keinesfalls gerecht und konnte seiner Mannschaft auch gegen Paderborn nicht helfen.

Foto: Matthias Kern/Bongarts/Getty Images

Es ist bislang nicht die Runde von einigen Spielern im Hertha-Kader, doch sticht Duda aufgrund seiner starken Vorsaison besonders heraus. Der Slowake hatte gegen Paderborn die Chance, das Ruder für sich und die Mannschaft herumzureißen, doch warf sein Auftritt vielmehr weitere Fragen auf. Eine einfache Antwort: Duda befindet sich in einem Formloch der Marke Marianengraben. Gegen den SCP wollte dem 24-Jährigen absolut nichts gelingen. Er verlor die deutliche Mehrzahl seiner Zweikämpfe, konnte kaum konstruktives zum Berliner Angriffsspiel beitragen und legte nicht eine einzige Torchance auf – kurzum: Duda war ein kompletter Fremdkörper im Hertha-Spiel.

Das lässt sich auch an konkreten Zahlen ablesen. Während der SC Paderborn ganze 47 Pässe im letzten Angriffsdrittel (34 davon erfolgreich) zustande brachte, waren es bei Hertha lediglich 13 (acht erfolgreich). 14 Paderborner Zuspiele (acht erfolgreich) wurden in den Strafraum gespielt, dem gegenüber stehen acht Herthaner Pässe (vier erfolgreich). Auch wenn diese Statistiken auch mit der grundsätzlichen Spielausrichtung beider Teams und dem zusätzlichen derzeitigen Formtief von Mittelfeldkollege Grujic zusammenhängen, ist abzulesen, wie sehr ein gut aufgelegter Duda dem Berliner Offensivspiel fehlt. Auch 6:18 Schüsse sind ein Indiz dafür. Herthas Nummer zehn strahlt aktuell keinerlei Gefahr und Kreativität aus, vielmehr fehlenden Mut, etwas Besonderes zu kreieren. Auch wenn sich über die Einwechslung von Vladimir Darida streiten lässt, war es nur folgerichtig, den völlig neben sich stehenden Duda am Samstag nach 45 Minuten rauszunehmen.

Per Skjelbred – die nötige Seriosität

Aufgrund der Formkrisen von Duda und Grujic ist das einstige Prunkstück Herthas, die Mittelfeldzentrale, zum Sorgenkind geworden. Einzig Routinier Per Skjelbred, der sich zuletzt in die Mannschaft gespielt hat, überzeugt auf seiner Position als Balleroberer und Antreiber.

Foto: Maja Hitij/Bongarts/Getty Images

“Mir ist klar, dass ich ein defensiver Spieler bin, der Bälle abfängt und weiterleitet, kein Usain Bolt. Ich schaffe es nicht, den Ball hinten zu erobern und vorne anzugreifen”, erklärte Skjelbred seine Spielweise noch vor dem Spiel gegen Paderborn, fügte aber an: “Ich gebe in jedem Spiel alles, was ich habe. Manchmal reicht das, manchmal nicht. Aber ich werde mich immer bis zum Schluss für die Mannschaft zerreißen. Das ist meine Mentalität, ich bin ein Mannschaftsspieler.” Exakt diese Attribute waren auch am Samstag zu beobachten, aber auch ein wenig mehr.

Dass die Ostwestfalen meist über die Seite angreiften, lag mitunter auch an der äußerst engagierten Vorstellung Skjelbreds. Der Norweger fungierte als Staubsauger vor der Viererkette, um das gegnerische Offensivspiel durch die Mitte lahmzulegen. Gewohnt lauffreudig und vor keinem Zweikampf flüchtend biss sich der 32-Jährige in die Partie. So lief er die zweitgrößte Strecke aller Herthaner, zudem verbuchte niemand in blau-weiß mehr intensive Läufe als der defensive Mittelfeldspieler. Es war einmal mehr imponierend, wie mannschaftsdienlich “Schelle” auftrat, wie er sich in jedes Duell warf und dem Gegner keinen Zentimeter Raum schenkte. Ganze fünf Tackles brachte Skjelbred durch, so viel wie sonst nur Dedryck Boyata.

Darüber hinaus war der Mittelfeldwühler für das Umschaltspiel von großer Bedeutung, da er seine Balleroberungen äußerst gedankenschnell in Angriffe umwandelte. Zwar waren seine Zuspiele nicht ohne Risiko (66,7% Passquote), doch kamen sie an, waren sie mit großem Raumgewinn verbunden. Zudem zeichnete sich der Routinier durch eine extrem hohe Ballsicherheit aus – ganze 13 Bälle sicherte er. Skjelbred bewies in diesem Spiel, dass es ungenügend ist, ihn als reinen Kämpfer ohne spielerischen Mehrwert einzuordnen. Stattdessen war er der benötigte Antreiber mit viel Dynamik und Tatendrang. In dieser Form ist Skjelbred nicht aus der Anfangsformation wegzudenken.

Dedryck Boyata – wie einst Rekik

Es gibt einen neuen Chef in der Berliner Abwehr – Neuzugang Dedryck Boyata überzeugte wie schon gegen Mainz 05 auf ganzer Linie und hat seinen Startelfplatz erst einmal sicher.

Foto: Maja Hitij/Bongarts/Getty Images

Karim Rekik im größten Formloch seiner Hertha-Zeit, Jordan Torunarigha zu unbeständig in seinen Leistungen und auch (Vize-)Kapitän Niklas Stark ist aktuell eher mit sich selbst beschäftigt – da braucht es dringend zumindest einen Innenverteidiger, der die Defensive zusammenhält. Sommertransfer Boyata wird dieser Aufgabe vollends gerecht, wie schon in Mainz gehörte der Belgier am Samstag zu den Lichtblicken in einem sonst schwachen Team. Seine ersten beiden Einsätze für Hertha erinnern stark an die Anfangszeit von Karim Rekik, da er keinerlei Anlaufzeit brauchte, um direkt bei 100 Prozent zu sein und eine besondere Aura der Souveränität und Willensstärke auszustrahlen.

Während Nebenmann Stark seine Probleme mit den agilen Paderborner Angreifern hatte, wirkte Boyata durchgängig auf der Höhe des Geschehens zu sein. Der 28-Jährige verbuchte fünf Tackles, sechs abgefangene Bälle, fünf geklärte Situationen und zwei geblockte Schüsse – jeweils Mannschaftsbestwerte. Es war ein beruhigendes Gefühl, mit Boyata einen für alle Situationen gewappneten Abwehrspieler in den eigenen Reihen zu haben. Er war stets sehr nahe an seinem Gegenspieler dran, griff Mitspielern unter die Arme und verfügte darüber hinaus über ein mehr als solides Aufbauspiel. Zwar ist es recht unmöglich, durch nur einen einzigen Spieler Sicherheit in der gesamten Vierer-Abwehrkette herzustellen, doch herrschte zumindest in Boyatas Wirkungsbereich wenig Gefahr. Bereits nach zwei Spielen strahlt Boyata ein ungeheure Präsenz aus, die der Mannschaft sichtlich hilft und gegen Paderborn mit verantwortlich für den Sieg war.

Davie Selke – stets bemüht, aber …

Zum zweiten Mal infolge erhielt Davie Selke den Vorzug vor Kapitän Vedad Ibisevic im Sturmzentrum, zum zweiten Mal konnte der Angreifer seine Chance(n) nicht nutzen.

Foto: Maja Hitij/Bongarts/Getty Images

Mehrere Male setzte Selke am Samstag zum Jubeln an – einmal in der 68. Minute, als er zunächst an SCP-Keeper Huth gescheitert war, Darida den Nachschuss zum vermeintlichen 3:1 verwandelte, aber (korrekterweise) auf Abseits entschieden wurde. In der 75. Minute schob der Mittelstürmer den Ball dann selbst über die Linie, doch auch diese Szene wurde aufgrund einer Abseitsstellung abgepfiffen. Zwei Momente, die Selkes Spiel treffend zusammenfassten: er war zwar ins Spiel integriert, doch das Glück ging ihm gänzlich ab.

Steht Davie Selke auf dem Platz, merkt man das. So war er auch gegen Paderborn einer der auffälligeren Protagonisten, da er sich in viele Angriffe einschaltete und keinen Ball verloren gab. Der 24-Jährige bestach einmal mehr durch seinen hohen Aufwand, so sprintete kein Herthaner mehr als er, bei den intensiven Läufen belegte er Team-intern immerhin Platz drei. Hinzu kommen sehr viele (Luft-)Zweikämpfe, die auch er auch mehrheitlich für sich entschied. Doch ist Aufwand das eine und Ertrag das andere – bei letzterem schnitt Selke einmal mehr kläglich ab. Sobald die Nummer 27 den Ball in einer aussichtsreichen Position bekam, flatterten seine Nerven sichtlich. So versagte er beispielsweise in der 61. Minute dabei, den im Zentrum völlig freistehenden Marius Wolf zu bedienen. Auch sonst wollte ihm nichts gelingen, so blieb er viele Male im letzten Moment an Gegenspielern hängen oder machte sich gute Situationen durch Abseitsstellungen und Offfensivfouls selbst zunichte. Während man bei einem Dilrosun, wenn er an den Ball kommt, stets gefährliche Offensivaktionen erwartet, geht man bei Selke aktuell davon aus, dass es sowieso nichts wird.

Es bleibt eine äußerst glücklose Saison für Davie Selke, dem man zwar stets 100 Prozent Engagement attestieren kann, aber irgendwann wird ein Mittelstürmer eben doch an Toren gemessen. Bleiben diese weiter aus, ist er seinen Startelfplatz bald wieder los.

Leihgabe Wolf: eine gesunde Portion Wucht

Leihgabe Wolf: eine gesunde Portion Wucht

In den vergangenen Jahren war es bei Hertha BSC am “Deadline Day”, also dem letzten Tag des Sommer-Transferfensters, stets ruhig geblieben. Während der Rest Europas und der Bundesliga noch hektisch überprüfte, ob denn das Stromkabel des Fax-Gerätes auch wirklich eingesteckt ist, damit nichts mehr schiefgehen kann, war es an der Hanns-Braun-Straße ein Tag wie jeder andere.

In diesem Jahr hat aber auch die “Alte Dame” die Möglichkeit gesehen und genutzt, ihren Kader noch zu verstärken. Mit Marius Wolf haben die Berliner einen flexiblen Flügelspieler von Borussia Dortmund an die Spree gelockt. Der 24-Jährige wird ein Jahr auf Leihbasis in blau-weiß spielen, anschließend besitzt Hertha eine Kaufoption, die laut Bild bei 20 Millionen Euro liegen soll. Die Leihgebühr soll zwei Millionen Euro betragen, hinzu kommt das Übernehmen von Wolfs Gehalt, welches laut Bild bei 4,5 Millionen, doch laut kicker bei 2,5 Millionen Euro liegen soll. Kein billiger Deal also, doch das der finanziell nicht allzu schlecht aufgestellte BVB einen Spieler am letzten Tag der Transferperiode nicht verschenkt, ist auch zu erwarten.

Es stellen sich nun die Fragen zu der Qualität und den Einsatzmöglichkeiten Wolfs, wie auch, ob er potenziell 20 Millionen Euro wert sein könnte. Um diese Dinge herauszufinden, haben wir mit BeobachterInnen seiner Ex-Vereine, Eintracht Frankfurt und Borussia Dortmund, geredet.

Nachholbedarf auf rechts

“Wir haben immer betont, dass wir den Markt beobachten und noch aktiv werden, sollte sich eine gute und sinnvolle Option ergeben. Mit Marius Wolf bekommen wir einen Spieler, der mit seiner nachgewiesenen Dynamik, Flexibilität und Mentalität unsere Möglichkeiten noch erhöhen wird”, kommentierte Manager Michael Preetz den Transfer Wolfs. Medial wurde in den vergangenen Wochen immer wieder davon berichtet, dass sich Hertha nach Möglichkeit noch auf der rechten Außenbahn verstärken wollen würde.

Foto: Matthias Kern/Bongarts/Getty Images

Der Verlust von Valentino Lazaro wiegt schwer und wurde bislang nur offensiv durch die Verpflichtung von Dodi Lukebakio kompensiert. Defensiv haben Michael Preetz und Trainer Ante Covic dem letztjährigen Lazaro-Backup Lukas Klünter das Vertrauen geschenkt, doch sowohl für den 23-Jährigen als auch Lukebakio fehlte es noch an Alternativen bzw. einem gesunden Konkurrenzkampf. Rechts offensiv ist der Hauptstadtverein mit Mathew Leckie, der auch als Verteidiger aushelfen sollte, und Alexander Esswein als Reserve zu dünn besetzt gewesen. Palko Dardai und Maurice Covic scheinen fürs erste auch keine ernstzunehmenden Alternativen zu sein. Der verletzungsanfällige und in die Jahre gekommene Peter Pekarik stellt ebenfalls keine allzu große Konkurrenz für Klünter dar.

Es herrschte somit noch Bedarf, der nun mit Wolf gedeckt wurde. Für den beim 1. FC Nürnberg und 1860 München ausgebildeten Flügelspieler spricht u.a. seine große Polyvalenz. In seiner Zeit bei Eintracht Frankfurt und Borussia Dortmund wurde Wolf als Rechtsverteidiger, Rechtsaußen und Schienenspieler einer Dreier/Fünferkette eingesetzt. “Ich würde ihm taktisch auf jeden Fall Freiheiten nach vorne lassen. Gerne auch mit einem Rechtsverteidiger im Rücken, sprich Viererkette und ihn dann als Rechtsaußen davor einsetzen. Er kann gute Impulse setzen und ist mir persönlich eher als Offensivkraft im Kopf geblieben (was ja auch seine Hauptposition ist), als als defensiver Fixpunkt. Praktisch ist aber natürlich, dass er auch als Verteidiger eingesetzt werden kann, da es auch taktisch gewisse Freiheiten lässt”, erklärte uns Frankfurt-Bloggerin Patricia. 2017 wechselte der gebürtige Coburger ebenfalls leihweise von Hannover 96 zu den Hessen, ehe die Eintracht ihn 2018 für die irrwitzige Summe von 500.000 Euro fest verpflichtete. In 38 Partien für die SGE gelangen Wolf sechs Tore und elf Vorlagen.

Athletisch, aber technisch limitiert

Nur wenige Tage nach dem festen Wechsel zur Eintracht zog es Wolf sofort weiter zu Borussia Dortmund – Ablösesumme: fünf Millionen Euro. Dort wurde der 1,87m große Außenbahnspieler jedoch nicht glücklich – nur 23 Einsätze, 15 von Anfang verbuchte der Franke. “Ich denke, dass man einfach eine günstige Gelegenheit sah, einen deutschen Kaderspieler zu holen, dessen Talent man vielleicht etwas falsch (zu hoch) eingeschätzt hat. Schließlich war er in der Anschaffung sehr günstig. Man musste früh einsehen, dass er als Winger nicht geeignet ist, weil die technischen Fähigkeiten zu sehr fehlen, um bei einem Team wie Dortmund zu spielen. Als sehr athletischer Flügelverteidiger hätte er sicher Platz gefunden, wenn man da nicht mit Piszczek, Hakimi und Morey sehr gut besetzt wäre”, resümierte Journalist und Dortmund-Experte Lars Pollmann die Zeit von Wolf beim BVB. “Seine Schwächen sind ganz klar die technischen Fähigkeiten in allen Bereichen: Ballan- und -mitnahme, Pass-Repertoire. Ich weiß auch nicht, ob er sonderlich spielintelligent ist. Wenn er bei Hertha einen recht simplen Auftrag bekommt, über die rechte Seite Alarm zu machen, wird er das sicher gut hinbekommen”, erklärte uns Pollmann.

Foto: Joe Robbins/Getty Images

“Er ist ein sehr agiler, schneller Spieler, der perfekt für die Außenbahn ist. Bringt Frische ins Spiel und war bei uns vor allem offensiv wichtig. Er dribbelt sich da gerne seinen Weg durch. Sein Kumpel Prince (Boateng) erzählte auch, dass er sich vor Spielen gerne Videos von seinem Idol Cristiano Ronaldo anschaut. Ich finde, das merkt man seinem Spielstil an, wenn auch selbstverständlich auf deutlich niedrigerem Niveau”, bescheinigt ihm auch Patricia athletische Stärken, jedoch auch eine nicht allzu ausgeprägte Technik, “Aber dass er sich in Sachen Dribblings und Zug nach vorne gerne was von ihm abschaut, merkt man. Dass das dann nicht immer so gut klappt, da er technisch auch limitiert ist, ist die Kehrseite. Trotzdem ist er immer wieder für die ein oder andere Torvorlage gut.” Für sie stehen die Schnelligkeit, Beweglichkeit und der Zug zum Tor bei Wolf im Vordergrund. “Als Schwäche sehe ich seinen Körper, denn er ist nicht so robust und keiner, an dem die Gegenspieler jetzt unbedingt abprallen. Wolf ist groß, aber eben auch relativ schmal gebaut. Zudem leider auch anfällig für muskuläre Probleme.”

Der benötigte “Drecksack”?

“Die Kombination aus seinen sportlichen Fähigkeiten und seiner hervorragenden Mentalität macht ihn zu einem perfekten Spieler für Borussia Dortmund“, sagte BVB-Sportdirektor Michael Zorc bei Wolfs Vorstellung vor etwas mehr als einem Jahr. Immer wird von mehreren Stellen betont, welch zielstrebiger und kampflustiger Spieler Wolf sei. “Ich bin ein hungriger Spieler, der sich immer voll in den Dienst der Mannschaft stellt und in jeder Situation 100 Prozent gibt”, stimmte Wolf in seine Charakterisierung mit ein.

Foto: TOBIAS SCHWARZ/AFP/Getty Images

So sehen auch nicht alle Seiten den Abgang des 24-Jährigen aus Dortmunder Sicht für positiv an, da mit diesem ein dringend benötigter Kämpfer den Verein verlassen würde. So heißt es in einem Artikel von 90.min.de: “Wenn du nur Starköche in der Küche rumstehen hast, aber keinen, der die Kartoffeln schält oder das Huhn rupft, kann aus dem geplanten Sterne-Menü nichts werden – Wolf wäre eben einer aus der Kartoffelschäler-Kategorie. Da müssen sich auch die Bosse um Watzke, Zorc und Co. hinterfragen.” Auch Frankfurt-Experte Christopher Michel attestiert Wolf “Mentalität und Fleiß”.

Hertha scheint also einen eher geradlinigen Spieler zu bekommen, der sich durch seine Athletik, Vielseitigkeit und Mentalität auszeichnet, jedoch technische Mängel aufweist – also ein ähnliches Profil wie Lukas Klünter hat, jedoch offensiver und spielerisch etwas stärker. Taktisch schafft Wolf durch die vielen Positionen, die er bekleiden kann, neue Möglichkeiten für Trainer Ante Covic, der nun beispielsweise Dodi Lukebakio auf die linke Außenbahn oder ins Sturmzentrum stellen kann. Auch eine Dreierkette mit Klünter, der diese Rolle in München bravourös ausfüllte, in der Innenverteidigung ist nun eine Option, da Neuzugang Wolf als rechter Außenspieler fungieren könnte.

Es ist aber vor allem die Art Wolfs, die Hertha gut tun könnte. Zwar bekommt der Hauptstadtverein keinen so technisch beschlagenen Spieler wie es Lazaro ist, jedoch einen mit echtem Kämpferherz. Wolf zerreißt sich auf dem Feld, gibt sich nicht zufrieden und will auch mal mit dem Kopf durch die Wand, ähnlich wie ein Davie Selke. Diese Mentalität hat in den vergangenen zwei Liga-Partien bei Hertha gefehlt, als sich die Mannschaft nach Rückständen aufzugeben schien und nicht mehr den unbedingten Willen zeigte, den Spielverlauf zu ihren Gunsten zu drehen. “Den kriegst du nicht tot”, sagte Frankfurts Vorstandschef Fredi Bobic einst über Wolf, der für seine Attribute als ständiger Antreiber und großer Teamplayer geschätzt wird. Einen gesenkten Kopf wird man bei der neuen Nummer 30 nicht so schnell erleben. “Ich denke, er kommt überall dort gut zurecht, wo er seine “Buddies” hat. Bei uns war das z.B. vor allem Kevin Prince Boateng. Die beiden haben sich hervorragend verstanden”, beschreibt Patricia die damalige Integration Wolfs in Frankfurt, “Er hängt sich gern an die “coolen Kids”. Alles in allem hat er sich aber schnell gut eingefunden, Kontakte geknüpft und als Teamplayer auch mit allen anderen an einem Strang gezogen.” Bereits in seinem ersten Interview für Hertha ließ der DFB-Pokalsieger von 2018 seine Einstellung durchklingen: “Ich möchte der Mannschaft so schnell wie möglich helfen – auf welcher Position, entscheidet der Trainer. Nach Mainz werden wir fahren, um dort zu kämpfen und unser Ding durchzuziehen. Unabhängig von der Tabellensituation: Als Fußballer willst du ohnehin jedes Spiel gewinnen!”

Wie bei jedem Transfer muss auch bei Wolf abgewartet werden, wie schnell er sich integrieren kann, doch aufgrund seiner starken Vorbereitung beim BVB, seiner Vertrautheit mit der Bundesliga und bereits bekannten Gesichtern wie Kumpel Pascal Köpke und Niklas Stark sollte die Eingewöhnung recht fix gehen. Aufgrund seiner Athletik und Mentalität könnte der Flügelspieler ein wichtiges Puzzleteil für die laufende Spielzeit sein. Kein Schönspieler, aber jemand mit einer gesunden Portion Wucht, um das eigene Spiel durchzudrücken. “Hertha bekommt einen deutschen potenziellen Stammspieler, der ja bei Eintracht gezeigt hat, dass er bei einer Mannschaft, die aus dem Mittelfeld den Schritt nach vorn machen will, funktionieren kann. Dortmund spart sich eine Menge Gehalt und erzielt womöglich ein saftiges Transferplus 2020”, skizziert Pollmann einen möglichen positiven Verlauf dieses Leihgeschäfts.

Herthaner im Fokus: Hertha BSC – VfL Wolfsburg

Herthaner im Fokus: Hertha BSC – VfL Wolfsburg

Es stand anders im Drehbuch: eigentlich hätte das erste Heimspiel der Saison und damit das Olympiastadion-Debüt von Ante Covic als Hertha-Cheftrainer dazu dienen sollen, den Punktgewinn in München zu veredeln. Nach den 90 Minuten hatte aber ein äußerst ernüchterndes 0:3 auf der Anzeigetafel gestanden, das den Spielverlauf allerdings nicht treffend wiedergegeben hatte. Nach ereignisreichen zehn Minuten hatte Hertha durch einen Elfmeter 0:1 zurückgelegen, sich danach aber im ersten Durchgang formidabel präsentiert. Genützt hatte es nicht – die Tore waren ausgeblieben – und so mussten sich die Berliner nach einer dürftigen zweiten Halbzeit und zwei Wolfsburger Kontern mit 0:3 geschlagen geben.

Auch in dieser Saison wollen wir euch eine Einzelkritik zu den Spielen der “Alten Dame” bieten können, doch gehen wir dieses Format nun erstmals anders an: anstatt wie bisher jeden einzelnen eingesetzten Spieler zu bewerten, wollen wir uns auf wenige ausgewählte Akteure der Partien beschränken – auch von den Benotungen wollen wir uns trennen. Dadurch wollen wir gewisse Einzelleistungen noch genauer unter die Lupe nehmen oder aus einem anderen Blickwinkel beleuchten können, sodass die Einzelkritiken nicht zu lang/eintönig und nur die wirklich prägnanten Leistungen aufgezeigt werden. Wir hoffen, ihr versteht diese Änderungen. In der vergangenen Saison musste die Einzelkritik streckenweise aus Zeitgründen ausfallen – durch diese Anpassungen wollen wir sicherstellen, dass dies deutlich seltener passiert.

Ungewohnt fahrlässig: Vedad Ibisevic

Wie bereits gegen den VfB Eichstätt und Bayern München hatte Ibisevic am Sonntagabend den Vorzug vor Konkurrent Davie Selke erhalten. Das große Argument des 35-Jährigen: er macht die Tore, ist eiskalt in seiner Entscheidungsfindung. Diese Attribute hatte man gegen Wolfsburg allerdings nicht gesehen – im Gegenteil.

Foto: Matthias Kern/Bongarts/Getty Images

Zugegeben – die Partie gegen Wolfsburg war keine gewesen, in der es für einen Mittelstürmer einfach gewesen wäre, zu glänzen. Der Gegner stand äußerst tief in der eigenen Hälfte und hatte somit wenig aussichtsreiches in der direkten Gefahrenzone, dem Strafraum, zugelassen. Umso wichtiger wäre es gewesen, seine wenigen Möglichkeiten zu nutzen – ein Job wie gemalt für einen eiskalten Torjäger wie Ibisevic, doch Herthas Kapitän war an dem Tag nicht gut aufgelegt. In einigen Szenen hatte der Bosnier nicht wach gewirkt, so hatte er hin und wieder aussichtsreiche Flanken in den Strafraum schlichtweg verpasst. Normalerweise gehört es zu einer seiner stärksten Eigenschaften, Zuspiele zu riechen und vor dem gegnerischen Verteidiger am Ball zu sein. Am Sonntag ging im dieses Gespür ab, sodass er etwas hilflos zwischen der Wolfsburger Dreierkette wirkte.

Die Szene, die Ibisevics mangelnde Kaltschnäuzigkeit an jenem Tage am plakativsten beschreibt, hatte sich in der 54. Minute ereignet. Der Routinier hatte einen starken Steckpass von Marko Grujic erhalten, nur noch John Anthony Brooks vor sich und auf der rechten Seite Dodi Lukebakio als Anspielstation. Anstatt den Ball rüber zu seinem Sturmkollegen zu spielen, hatte sich Ibisevic für das Dribbling gegen Brooks entschieden und dieses verloren, sodass die sehr gute Torchance verpufft war. Am Ende hatte der Mittelstürmer nur einen geblockten Schuss und keinen einzigen gewonnen Zweikampf verzeichnet.

(Fast schon) gewohnt fahrlässig: Karim Rekik

Ja, die Teilüberschrift ist provokant gewählt, doch dass Karim Rekik seit seinem Wechsel zu Hertha bereits fünf Elfmeter verursacht hat, ist keine allzu überzeugende Statistik für ihn. Ebenso wenig überzeugend hatte sich der niederländische Innenverteidiger gegen den FC Bayern und nun auch gegen Wolfsburg präsentiert. Es besteht die Sorge, dass Rekik eher an seine durchwachsene vergangene Spielzeit als an seine starke Debütsaison für Hertha anknüpft.

Foto: Matthias Kern/Bongarts/Getty Images

Elfmeter Nummer fünf seiner Hertha-Laufbahn hatte Rekik in der 8. Spielminute verursacht. Vorausgehend hatte der 24-Jährige den Zweikampf mit Felix Klaus verschlafen, sodass er nur noch hinterhersprinten konnte und dann viel zu ruppig in den Zweikampf innerhalb des Strafraums ging – Konsequenz: Elfmeter. Auch sonst hatte Rekik am Sonntagabend nicht sattelfest gewirkt, so hatte er vor allem bei Wolfsburgers Umschaltaktionen immer wieder Probleme damit, VfL-Stürmer Wout Weghorst effektiv auszubremsen. Rekiks Zweikampfstatistik war dementsprechend ausbaufähig gewesen und auch in Kriterien wie angefangene Bälle, geklärte Aktionen oder Tackles hatte er im Vergleich mit Innenverteidiger-Kollege Niklas Stark hinterhergehinkt.

Im Aufbauspiel hatte sich der vierfache niederländische Nationalspieler hingegen ordentlich präsentiert. Sein Passspiel war sowohl sicher, als auch effizient gewesen. Zusammen mit Stark hatte sich Rekik im eigenen Ballbesitz sehr hoch positioniert, um die Wolfsburger einzuschnüren. Seine Seitenverlagerungen und Pässe in den Fuß der linken Außenspieler haben sich sehen lassen können, auch wenn Nebenmann Stark noch etwas dominierender aufgetreten ist. Alles in allem war es aber einmal mehr eine kritikwürdige Leistung Rekiks gewesen, der sich noch steigern muss. “Wir werden unsere Fehler analysieren und mit dem Ziel nach Gelsenkirchen fahren, drei Punkte nach Hause zu bringen”, so der Abwehrspieler selbst.

Schon mehr als Ansätze: Dodi Lukebakio

“Ich muss zugeben, dass ich gerade am Anfang überwältigt war von den Fans. Das hat mir einen richtigen Antrieb gegeben. In diesem Stadion zu spielen macht unglaublich Spaß”, hatte sich Lukebakio gegenüber der B.Z. zu seinem ersten Spiel im Olympiastadion geäußert. Den angesprochenen Spielspaß hat man dem Belgier deutlich angemerkt, auch wenn es ihm noch an der Effizienz gefehlt hatte.

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Wie bereits in der Einleitung angesprochen, hatte Hertha im ersten Durchgang ohne jeden Zweifel das Zepter in der Hand. Die Blau-Weißen hatten große Spielfreude versprüht, indem sie ihren Ballbesitz mit hohem Tempo und großer Breite wie Tiefe aufgezogen hatten. Mittendrin: Neuzugang Lukebakio. Der 21-Jährige war der wohl auffälligste Herthaner im ersten Durchgang gewesen, da er an nahezu allen Offensivaktionen beteiligt gewesen war. Besonders markant waren Lukebakios Dribblings, die nicht nur schön ausgesehen, sondern auch effektiven Raumgewinn zur Folge hatten. Auch das Zusammenspiel mit Hintermann Lukas Klünter hatte bereits sehr gut funktioniert, sodass sie sich immer wieder gegenseitig in Szene setzen, teilweise mit ansprechenden Hackentricks.

Doch leider hatte sich Lukebakios Aufwand der ersten Halbzeit nicht in Tore umgemünzt und nach dem Pausentee hatte ihm nicht mehr allzu viel gelingen wollen. Die Verbindung zu Klünter war immer mehr abgerissen, sodass der Flügelstürmer oft auf sich allein gestellt war. Hatte die Nummer 28 den Ball bekommen und dann die Chance, mit Tempo auf Wolfsburgs Abwehr zuzulaufen, mangelte es ihm an guter Entscheidungsfindung. So hatte er es immer wieder versucht, anstatt den Ball auf seinen starken linken Fuß zu legen und nach innen zu ziehen, mit rechts vorbeizuziehen und die Flanke zu schlagen – doch mit seinem schwächeren Fuß waren seine Zuspiele unerreichbar gewesen. So verblasste Lukebakios Vorstellung immer mehr, seine Durchschlagskraft war immer weiter geschrumpft. Dennoch war zu sehen gewesen, welch prägendes Element der Neuzugang in Herthas Spiel sein kann.

Stetiger Lerneffekt: Ante Covic

Wer sagt denn, dass in der Einzelkritik nicht auch die Arbeit vom Cheftrainer unter die Lupe genommen werden kann? Ante Covic hatte gegen die Niedersachsen erstmals die Chance, seine Idee von Ballbesitzspiel gegen einen mindestens gleichwertigen Gegner umzusetzen und kann sowohl positives als auch Lehren aus der Partie vom Sonntagabend ziehen.

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“In der ersten Halbzeit ging es in die richtige Richtung, da haben wir uns viele Chancen aus dem Spiel heraus kreiert und gegen einen gut organisierten Gegner Gefahr mit dem Ball ausgestrahlt”, hatte Covic dem kicker seine Eindrücke geschildert. Er hatte gegen Wolfsburg im 4-3-3 aufgestellt, nachdem es in München anfangs noch ein 3-5-2 gewesen war, und wollte einen sauberen und stets nach vorne ausgerichteten Ballbesitzfußball seiner Mannschaft sehen. Denkbar ungünstig war der frühe Rückstand aufgrund eines Foulelfmeter gewesen, der ein Team schon aus dem Konzept bringen kann. Die Jungs von Covic waren aber unbeirrt geblieben und hatten die Ideen ihres Trainer umgesetzt. Covic hatte seine Mannschaft äußerst hoch aufgestellt, Herthas Innenverteidiger waren kurz hinter der Mittellinie positioniert, und dennoch vermochte sie es, viel Tempo in ihre Aktionen zu bekommen. Auffällig waren die fein abgestimmten Kombinationen im Dreieck gewesen, wie auch die vielen intelligenten Seitenverlagerungen. So hatte es Hertha geschafft, das Spielfeld in seiner Breite und Tiefe auszunutzen in Wolfsburg trotz einer Dreier- bis Fünferkette vor Probleme zu stellen.

Knackpunkt war nur gewesen, dass die Hauptstädter sich für diesen Aufwand nicht mit einem einem Treffer, der noch mehr Sicherheit und eine zweite Luft beschert hätte, belohnt hatten. Salomon Kalou und zweimal Marko Grujic hatten die Chance auf den verdienten Ausgleichstreffer gehabt, doch so war Hertha mit einem Rückstand in die Kabine gegangen. “In der zweiten Halbzeit wollten wir zu viel. Da hatten wir zu viele Spieler vorn auf einer Höhe. Nach der Umstellung auf 4-4-2 waren die beiden zentralen Angreifer und die beiden seitlichen Spieler auf einer Höhe, so dass der Gegner das relativ simpel verteidigen konnte” – auch das hatte Covic nach dem Spiel richtig analysiert, ohne sich selbst wirklich aus der Kritik auszunehmen. Das wäre auch angemessen, denn schließlich hat sich der 43-Jährige durch seine sehr offensiven Einwechslungen keinen Gefallen getan. “Die Halbfelder und Zwischenräume, wo wir immer wieder Gefahr hätten ausstrahlen können”, wurden durch dessen personelle Veränderungen und Verschiebungen kaum noch genutzt. Herthas Formation war vom 4-3-3, zum 4-4-2, zum 4-2-4, zum 3-2-5 gewandert, sodass sich die Offensivspieler immer mehr auf den Füßen gestanden waren. Eine weitere Konsequenz war die fehlende defensive Absicherung, sodass Hertha zum 0:2 und 0:3 ausgekontert wurde. “Wenn du einem Rückstand hinterherrennst, darfst du nicht kopflos wirken – das waren wir phasenweise”, sagte Covic. Das gilt sowohl für die Spieler, als auch den Trainer. Dass Covic die Probleme der letzten Partie so genau erkannt hat, macht allerdings Mut, dass er und die Mannschaft daraus lernen werden.

Pascal Grimm zu seiner Stadion-Petition: Anstoß für konstruktivere Gespräche

Pascal Grimm zu seiner Stadion-Petition: Anstoß für konstruktivere Gespräche

Vor über einem Jahr hat Hertha BSC seine konkreten Pläne für einen Stadionneubau veröffentlich – effektiv bewegt hat sich seitdem nichts. Die Verantwortlichen und der Berliner Senat finden einfach nicht zusammen, sodass aktuell Stillstand herrscht. Das angepeilte Datum der Stadioneröffnung am 25. Juli 2025 scheint sich momentan eher als weiteres Symbol für das Berliner Fingerspitzengefühl bei Großbauprojekten einzureihen, als dass es tatsächlich realisiert werden könnte. Eine Situation, die den Verein, die Politik, aber auch das Umfeld frustriert.

So sehr, dass nun gehandelt wird – und zwar in Person von Pascal Grimm. Der Hertha-Fan hat sich die Stadion-Thematik, wie viele andere, nicht mehr tatenlos mit ansehen können und startete daher am 15. August die Petition “Schluss mit der Hinhhaltetaktik – Neues Stadion für Hertha BSC!”, in der konkrete Forderungen an den Berliner Senat stellt, sich konstruktiv mit den Plänen der “Alten Dame” auseinanderzusetzen. Wir haben mit Pascal gesprochen, um uns erklären zu lassen, was die Intention seines Eingreifens ist, welche Vorwürfe er Senat wie Hertha selbst macht und ab wann er die Petition als Erfolg ansehen würde.

Herthas Plan für den Stadionneubau auf dem Olympiagelände (Foto: Hertha BSC / AS+P)

Hallo Pascal. Bevor wir uns mit deiner Petition auseinandersetzen – stell doch bitte dich und deine Beziehung zu Hertha BSC kurz vor.

Ich bin in Minden (Nordrhein-Westfalen) geboren, also nicht gerade im klassischen Hertha-Gebiet. Mit acht Jahren bin ich nach Berlin gekommen – das war 1999, eine für Hertha sehr erfolgreiche Zeit (Teilnahme an der Champions League). Ich bin damals das erste Mal ins Stadion mitgenommen worden, meine Großeltern hatten mir ein Hertha-Trikot geschenkt und damit war es dann entschieden. Ich habe selten wirklich in Berlin gewohnt, das tue ich jetzt das erste Mal so richtig. Seitdem versuche ich, so oft wie möglich im Stadion zu sein. Zudem bin ich sehr Foren-aktiv, vor allem auf transfermarkt.de. Ich bin aber an keinen Fanclub gebunden.

In deiner Petition erklärst du, welche Grundproblematiken es mit dem Olympiastadion als Spielstätte gibt. Warum siehst du einen Auszug Herthas als unvermeidlich an?

Da gibt es zwei Arten der Begründung. Das eine, das die Fans direkter anspricht, ist die Atmosphäre im Olympiastadion. Dazu gehört Dinge wie die große Entfernung der Zuschauerränge zum Spielfeld, aber auch die Witterungsbedingungen im Winter – also all das, was das Olympiastadion zu keiner modernen Fußballarena macht. Jeder, der mal eine Auswärtsfahrt in ein anderes Bundesliga-Stadion gemacht hat, wird diesen Unterschied gemerkt haben. Auch die Ostkurve würde in einem modernen Stadion noch imposanter zur Geltung kommen, da sich die Stimmung, die sie macht, nicht in der schlechten Stadion-Akustik verlieren würde. Es wird seitens des Vereins mit “Steil, nah, laut” geworben – darauf habe ich große Lust!

Die andere Begründung ist finanzieller Natur. Man ist als Verein langfristig besser aufgestellt, wenn man ein eigenes Stadion besitzt. Wie ich in der Petition angerissen hatte, würden bei einer eigenen Arena die Mietkosten, die aktuell beim Olympiastadion zu bezahlen sind, entfallen. Natürlich hat man bei einem Stadionbau Kredite abzuzahlen usw., aber man kann auch Nebeneinkünfte generieren, wie durch das Verkaufen der Namensrechte, dem Veranstalten von Konzerten und anderen Möglichkeiten. Wenn man im modernen Fußball mithalten will, muss man da einfach mitspielen.

Du sprichst zudem die Versäumnisse der Berliner Politik im Rahmen der Verhandlungen mit Hertha an, nennst hier beispielsweise den Vorschlag von Sport- und Innensenator Andreas Geisel (SPD), Flughafen Tegel als Standort zu nehmen. Welche konkreten Vorwürfe machst du dem Senat?

Ich habe den Eindruck, dass der Berliner Senat überhaupt kein Interesse daran hat, dieses Stadionthema voranzubringen. Es ist teilweise nachvollziehbar, warum die Politik Hertha nicht aus dem Olympiastadion ziehen lassen will, gleichzeitig muss der Senat aber einsehen, dass dieses Thema für den größten Sportverein der Stadt ein sehr bedeutsames ist. Man hat das Gefühl, der Senat wolle die Stadionfrage so lange hinauszögern, bis Hertha gezwungen wäre, einen neuen Mietvertrag für das Olympiastadion zu unterzeichnen, sodass sich das Thema zunächst einmal wieder erledigt hätte. Ohne Politik-Bashing betreiben zu wollen: in dieser Thematik frustriert mich der Senat schon sehr! Ganz unabhängig von der Frage, ob Hertha in seiner Kommunikation alles richtig machen würde. Bei dem kleinsten Hindernis knickt der Senat ein und spricht davon, dass das Ganze wohl nicht mehr machbar sei. Ich vermisse daher eine konstruktive Herangehensweise, eine gemeinsame Lösung zu finden.

“Herthas Taktik war zu offensiv”

Auch die Herthaner Verantwortlichen haben sich in der Vergangenheit nicht unbedingt mit Ruhm bekleckert. Ist auch Schuld beim Verein zu suchen? Was hätte in der Kommunikation besser laufen müssen?

Meiner Meinung nach war die Taktik Herthas ein wenig zu offensiv. Man hat den Senat bei der Veröffentlichung der Pläne ein Stück weit vor vollendete Tatsachen gestellt und behaart nun auf dieser Extremposition. Ich würde mir auch eine Lösung auf dem Olympiagelände wünschen, weil sie in meinen Augen die beste wäre. Wie Hertha nach außen kommuniziert, ist aber nicht ideal und lädt den Senat zu seiner Trotzreaktion ein. So wird der “schwarze Peter” gerne zurück zu Hertha geschoben, obwohl ich den Senat in der Pflicht sehe, da auf Hertha zuzukommen. Die Parteien haben sich nun in eine gewisse Pattsituation hineinmanövriert und ich hoffe, dass die Petition ein Anstoß sein kann, um aus dieser wieder herauszukommen

Foto: Matthias Kern/Bongarts/Getty Images

Am 16. August hatte sich Herthas Vereinspräsident Werner Gegenbauer mit einem Brief an die Mitglieder gewendet, in dem er u.a. scharfe Kritik am Berliner Senat geäußert hatte. Einmal mehr nutzte man den Weg der Öffentlichkeit, um seinen Standpunkt klarzumachen. Welche Form des Dialogs würdest du dir von beiden Parteien wünschen?

Ich finde, auch das man sich das, was Präsident Gegenbauer öffentlich an Senat gerichtet hat, sparen kann. Man muss wieder mit- und weniger übereinander reden. Es könnte natürlich sein, dass im Hintergrund viel gesprochen wird, doch der Eindruck wird nicht gerade vermittelt, wenn Herr Geisel in Medien Interviews gibt und die Hertha-Verantwortlichen auf selbigem Wege darauf antworten. Ich würde mir daher von beiden Seiten einen konstruktiveren Umgang miteinander wünschen, aber auch vom Senat die Einsicht, dass eine Lösung her muss und man nicht auf Zeit spielen sollte.

“Sollte dies im Olympiapark nicht möglich sein, dann soll endlich aktiv und mit ernsthaftem Interesse eine realistische Alternative innerhalb der Stadtgrenzen gesucht und gefunden werden”, schreibst du in deiner Petition. Warum kann Brandenburg keine Option sein?

Meine absolute Wunschlösung liegt in Berlin, ich bin aber niemand, der das dogmatisch einfordern und damit Brandenburg grundsätzlich ausschließen würde. Ich könnte es mir unter gegebenen Umständen als Notlösung vorstellen, wenngleich ich es sehr schade fände, denn allein die Wege nach Brandenburg wären sehr weit, weshalb viele Hertha-Fans über eine Stunde zum Stadion bräuchten. Brandenburg würde auch nicht in Bezug auf die Identifikation mit Hertha als Berliner Verein helfen.

Hertha hat deinen Tweet zur Petition geteilt – wie fällt die Resonanz auf deine Petition bislang aus?

Es ist eben nicht nur der Verein selbst, der ein eigenes Stadion haben will. Auch die Fans setzen sich dafür ein und sind von dem derzeitigen Status frustriert, weshalb sie nicht länger zusehen wollen. Ich hatte die Petition zunächst im Hertha-Forum von transfermarkt.de und bei immerhertha.de gepostet, zusätzlich auf Twitter geteilt. Von dort aus ging es sehr schnell los, sich zu verbreiten und auch die ersten Einladungen zu ähnlichen geplanten Fan-Initiativen kamen rein. Aktuell ist ein Drittel des Quorums erreicht, was für die erste Woche echt ordentlich ist. Auch aus dem Umland gibt es viele UnterstützerInnen, knapp 1.000 Menschen aus Brandenburg haben unterschrieben. Die Petition ist noch über zweite Monate offen, sodass ich zuversichtlich bin, dass das Quorum erreicht wird – auch wenn das nicht das primäre Ziel ist. Es geht vielmehr um das Zeichen, das die Hertha-Fans sich nun auch engagieren und nicht nur an der Seitenlinie stehen.

Die sprichst die Zielsetzung deiner Petition an. Was kann mit den Unterschriften erreicht werden und ab wann gilt die Petition für dich selbst als erfolgreich?

Es ist wie folgt: bei 11.000 UnterzeichnerInnen aus Berlin würde die Petition in das Abgeordnetenhaus eingehen, welches sich dann mit dieser befassen müsste. Wie diese Prüfung der Thematik abläuft, kann ich auch nicht sagen, der Prozess ist nicht wirklich klar. Der viel größere Effekt ist die Aufmerksamkeit, die das Thema dadurch wieder bekommt. Daher freue ich mich auch über jede/n UnterstützerInnen, der/die nicht aus Berlin kommt, aber mit der Intention übereinstimmt. Der leichte öffentliche Druck, den die Petition auf den Senat ausüben könnte, hätte wohl den größeren Effekt als der rein bürokratische Prozess.

Danke für deine Zeit und viel Erfolg für deine Petition, Pascal!

Herthaner im Fokus: FC Bayern München – Hertha BSC

Herthaner im Fokus: FC Bayern München – Hertha BSC

Mit einem 2:2 beim FC Bayern München ist Hertha BSC in die Bundesliga-Saison 2019/20 gestartet. Kein allzu schlechter Start für die Berliner, will man meinen, war der Gegner kein geringerer als der amtierende Meister. Im ersten Bundesliga-Spiel unter Neu-Coach Ante Covic haben sich fußballerisch ansehnliche Phasen mit welchen, in denen die Blau-Weißen großem Druck ausgesetzt waren, abgewechselt. Unterm Strich steht eine gute Leistung da, die bereits Spannung für die kommenden Wochen erzeugt. 

Auch in dieser Saison wollen wir euch eine Einzelkritik zu den Spielen der “Alten Dame” bieten können, doch gehen wir dieses Format nun erstmals anders an: anstatt wie bisher jeden einzelnen eingesetzten Spieler zu bewerten, wollen wir uns auf wenige ausgewählte Akteure der Partien beschränken – auch von den Benotungen wollen wir uns trennen. Dadurch wollen wir gewisse Einzelleistungen noch genauer unter die Lupe nehmen oder aus einem anderen Blickwinkel beleuchten können, sodass die Einzelkritiken nicht zu lang/eintönig und nur die wirklich prägnanten Leistungen aufgezeigt werden. Wir hoffen, ihr versteht diese Änderungen. In der vergangenen Saison musste die Einzelkritik streckenweise aus Zeitgründen ausfallen – durch diese Anpassungen wollen wir sicherstellen, dass dies deutlich seltener passiert.

Herthas Bester: Lukas Klünter

“Ich denke, mit meiner Schnelligkeit konnte ich ganz gut dagegenhalten. Im Großen und Ganzen bin ich zufrieden”, (SPOX) gab sich Lukas Klünter nach dem Spiel gegen den FC Bayern recht bescheiden. Sein Mannschaftskollege Maxi Mittelstädt äußerte sich dann schon deutlich euphorisierter: “Für mich war er der beste Mann auf dem Platz. Er ist unglaublich viel gelaufen und hat Coman zur Weißglut getrieben.” Damit traf Mittelstädt den Nagel schon viel mehr auf dem Kopf, denn ohne Zweifel ist Klünter am Freitagabend der beste Herthaner auf dem Platz gewesen.

Foto: Lars Baron/Bongarts/Getty Images

Zunächst als rechter Innenverteidiger der Berliner Dreierkette gestartet, hatte Klünter vor allem damit zu tun, die Unsicherheiten im Defensivverhalten Mathew Leckies auszugleichen. Der 23-Jährige ist regelmäßig angehalten gewesen, mit auf den rechten Flügel zu rücken, um das Alaba-Coman-Gespann möglichst selten in die Gefahrenzonen vordringen zu lassen. Bis dahin hatte Klünter souverän, aber noch nicht allzu auffällig agiert. Seine stärkste Szene hatte er gegen Bayerns Robert Lewandowski gezeigt, als er dessen Schussversuch noch im allerletzten Moment verhindert hatte (siehe Foto). Nach dem 0:1-Rückstand hatte sich Trainer Ante Covic zu einer Systemumstellung vom 3-5-2 aufs 4-3-3 entschieden, sodass Klünter von da an als klassischer Rechtsverteidiger spielte.

Nun, im Gespann mit Leckie, hatte Herthas rechte Seite deutlich mehr Zugriff auf Alaba und vor allem Coman gewonnen, sodass von diesem Flügel kaum noch Gefahr ausging. “Kingsley Coman hat alles versucht, hat aber auch mit Klünter einen Verteidiger gegen sich gehabt, der genauso schnell ist und griffig war”, hatte FCB-Trainer Niko Kovac Herthas Abwehrspieler nach der Partie gelobt – zurecht, denn Klünter hatte sieben seiner acht Tacklings gewonnen, sieben Aktionen geklärt und zwei Bälle abgefangen. Kurzum: Klünter war stets Herr der Lage gewesen und das gegen einen der besten Flügelspieler der Bundesliga. Über die gesamte Spieldauer hatte er volle Konzentration gezeigt und so immer ein Bein in den Aktionen des Gegners. Als hätte Klünter beweisen wollen, dass es die richtige Entscheidung von den Vereinsverantwortlichen gewesen ist, keinen Ersatz für Valentino Lazaro verpflicht zu haben. “Er war immer der Letzte in der Kette, der seinen Fuß noch dazwischen hatte, er hat sich reingeschmissen, Bälle abgeblockt­, aufgrund seiner Geschwindigkeit war er auch in der Lage, viele Lücken zu schließen, hat Spaß gemacht, ihm zu­zugucken”, so das Fazit von Trainer Covic (Berliner Morgenpost).

Ansätze gezeigt: Lukebakio

München liegt ihm einfach: Dodi Lukebakio hatte am Freitag seinen insgesamt vierten Treffer in der Allianz Arena erzielt und somit zu einem gewissen Cristiano Ronaldo aufgeschlossen – keine große Sache also. Der Berliner Rekordeinkauf hatte, nachdem er im DFB-Pokal gegen den VfB Eichstätt noch als Joker eingesetzt wurde, erstmals von Anfang an spielen dürfen und rechtfertigte diese Entscheidung von Covic durch seinen Treffer zum 1:1.

Foto: Christian Kaspar-Bartke/Bongarts/Getty Images

Und auch wenn sein erstes Tor im Trikot des Hauptstadtklubs durch den Rücken von Kollege Vedad Ibisevic entscheidend abgefälscht wurde und somit unhaltbar neben FCB-Keeper Manuel Neuer eingeschlagen war, symbolisiert es die Spielweise des Belgiers: er ist unberechenbar. Es ist nicht zu verkennen gewesen, dass Lukebakio noch nicht zu 100 Prozent in das Spiel der Mannschaft eingebunden ist – und doch bereits besser als nach einer solch kurzen gemeinsamen Trainingszeit zu erwarten wäre. Zwar hatte der 21-Jährige lediglich 18 Ballkontakte in seinen 68 Einsatzminuten gesammelt, doch ist das als Stürmer gegen den FC Bayern nichts ungewöhnliches (Ibisevic hatte sogar weniger) und mit diesen wenigen hatte er durchaus angedeutet, was man von ihm erwarten kann.

Sein Gespür, sich zwischen den Linien des Gegners zu bewegen und diese mit Sprints oder Dribblings aufzureißen, machen ihn mit und ohne Ball zu einem ständigen Gefahrenherd. Der deutsche Rekordmeister hatte stets einen Mann für Lukebakio abstellen müssen, um diesem nicht die Möglichkeit zu geben, durch einen gezielten Sprint ungehindert in den freien Raum zu starten. Wie bereits erwähnt: sein Treffer zum 1:1 war durch das Abfälschen von Ibisevic begünstigt, doch hatte sich Lukebakio zuvor an zwei Gegenspielern vorbeigeschlängelt, um dann mutig den Abschluss zu suchen – solche Aktionen provozieren Tore. Nach rund 70 Minuten war der Arbeitstag des Neuzugangs beendet, zu mehr war er aufgrund seines Trainingsrückstandes noch nicht in der Lage. Nach diesem Auftritt lässt sich beruhigt sagen: darauf kann man aufbauen. Oder wie Kapitän Ibisevic es gegenüber der B.Z. formuliert hatte: “Der Junge hat viel Qualität. Es geht jetzt darum, dass wir uns einspielen, er das Team kennenlernt. Dann wird das noch besser.”

Licht und Schatten: Grujic

Es ist ein imposanter Anblick, den Marko Grujic aktuell abgibt. Der Zusammenstoß am Freitagabend mit Bayern-Verteidiger Benjamin Pavard hat dem Serben ein auffällig dickes blaues Auge verpasst – der Preis für seinen Treffer zum zwischenzeitlichen 1:2 und die Symbolik für sein gesamtes Spiel, bei dem er gerade so mit einem blauen Auge davon gekommen ist.

Foto: Daniel Kopatsch/Bongarts/Getty Images

Denn es war eine äußerst durchwachsene Vorstellung des zentralen Mittelfeldspielers, bei der sich Licht und Schatten regelmäßig abgewechselt hatten. Auf der einen Seite hatte Grujic als der so dringend benötigte Ruhepol im Mittelfeld agiert, der die Bälle festmachte, in den eigenen Reihen hielt und dann mit Übersicht das Spiel aufbaute. In diesen Momenten hatte er das gesamte Team, das zuvor dem Ballbesitz des Gegners hinterhergelaufen war, atmen lassen. Eine 80%ige Passquote – 76,5% in der gegnerischen Hälfte – lassen sich in München absolut sehen. Zudem hatte der 23-Jährige immer wieder strategisch kluge Fouls gezogen, um den Bayern-Angriffen das Tempo zu nehmen. So war Grujic ein äußerst wichtiger Faktor gewesen, besonders im Spiel mit dem Ball. Er hatte insbesondere am 1:1 durch Lukebakio Anteil, der er den Angriff durch einen guten Pass auf Ondrej Duda erst scharf machte. Hinzu kommt sein Treffer zum 1:2, bei dem er sich vom Zusammenstoß mit Pavard Adrenalin-geladen nicht abhalten ließ, Neuer gekonnt umkurvt und dann eingeschoben hatte.

Eine lupenreine Vorstellung, wie bislang beschrieben, war es von der Liverpool-Leihgabe aber nicht gewesen. Es hatten sich auch einige Unkonzentriertheiten eingeschlichen, die in Ballverlusten oder Lücken in der Abwehr mündeten. Einige Male hatte Grujic den Ball im Aufbauspiel ohne größere Bedrängnis zum Gegner gespielt und so Bayern zu Gegenstößen eingeladen. Auch seine Zielstrebigkeiten in der Rückwärtsbewegung hatte zu Wünschen übrig gelassen, so war er beim 1:0 der Münchener nur zurückgetrabt, anstatt Mittelstädt wirklich zu unterstützen. Solche Räume im Defensivverbund nutzt ein Gegner wie der amtierende Meister aus. Der gravierendste Fehler war Grujic aber in der 60. Minute unterlaufen, als er Gegenspieler Lewandowski absolut unnötig im eigenen Sechszehner umgerissen hatte, was zum Elfmeter und 2:2-Ausgleich geführt hatte. “Robert ist ein erfahrener Spieler und hat die Situation gut ausgenutzt. Ich bin noch sehr jung und verhalte mich da etwas naiv. So etwas wird mir in Zukunft nicht mehr passieren”, erklärte Grujic in der B.Z. – das muss man bei Hertha auch hoffen, denn solche Aussetzer kosten Punkte.

Auf den zweiten Blick wichtig: Darida

Gegen den FC Bayern München stand Vladimir Darida das erste Mal seit acht Monaten wieder in einem Bundesligaspiel in Herthas Startelf. Der 29-Jährige hatte eine sehr starke Vorbereitung und ein ebenso gutes Pokalspiel gegen Eichstätt als Argumente gesammelt, um gegen die Münchener starten zu dürfen, doch auf den ersten Blick hatte er am Freitagabend kaum weitere Pluspunkte verbuchen können.

Foto: Daniel Kopatsch/Bongarts/Getty Images

“Er ist ein Spieler, der viele Löcher stopft. Man erkennt das oft nicht, aber wenn man sich einzelne Sequenzen nochmal genauer anschaut, sieht man, wie viele Passwege des Gegners er zustellt. Das hat uns in München gutgetan”, erklärte Covic gegenüber dem kicker die Leistung Daridas gegen Bayern. Der Tscheche war tatsächlich einer der aktivsten Spieler im Spiel gegen den Ball gewesen, 13,23 Kilometer war er am Freitagabend gelaufen – so viel wie niemand anderes an diesem Spieltag und kein Herthaner in der gesamten (!) vergangenen Saison. Dadurch hatte Darida auch die meisten Bälle (drei) aller Blau-Weißen abgefangen, hinzu kamen drei klärende Aktionen und sieben Ballsicherungen.

Zwar hatte Darida als defensivster Part des Mittelfelds nur wenig spielerisch wertvolle und/oder auffällige Szenen zu verbuchen, doch hatte sich sein Spiel mit dem Ball vielmehr auf ein sauberes Herauskombinieren (Passquote: 78,9%) aus der ersten Gegenpressinglinie des FC Bayern konzentriert. Dadurch war es Hertha vor allem im ersten Durchgang möglich, Gegenstöße zu kreieren und nicht nur in der eigenen Hälfte gefangen gehalten zu werden. Zur Wahrheit gehört allerdings auch, dass Darida diese Form der Entlastung in der zweiten Halbzeit kaum noch gelungen war, doch war es ihm da nicht anders als seinen Mitspielern ergangen.